mini|hochkant|Meister Floh mit Stiefeln, Toga und Fackel (Abbildung auf der Umschlagsrückseite der 2. Auflage von 1826) Meister Floh – Ein Märchen in sieben Abenteuern zweier Freunde ist eine Erzählung von E. T. A. Hoffmann, die von dem Frankfurter Kaufmannssohn Peregrinus Tyß handelt, der von Figuren aus einer Phantasiewelt besucht wird, die sich in sein Leben einschleichen und es in Verwirrung bringen. Obwohl als Kunstmärchen konzipiert, erschien die Erstfassung im Jahr 1822 zensiert und um zwei Kapitel gekürzt, da sie satirische Anspielungen auf einen Fall enthielt, den Hoffmann zuvor als Mitglied der „Immediat-Kommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ in Preußen zu untersuchen hatte. Erst im Jahr 1906 wurden die zensierten Kapitel entdeckt und 1908 veröffentlicht.

Inhalt mini|Peregrinus trägt die scheinbar ohnmächtige Dörtje in sein Haus. Illustration von Alexei Krawtschenko. Die Erzählung gliedert sich in sieben Kapitel, die von E. T. A. Hoffmann „Abenteuer“ genannt werden. Erstes Abenteuer Peregrinus Tyß kommt nach dreijähriger Wanderschaft nach Hause und erfährt, dass seine Eltern während seiner Abwesenheit gestorben sind. Sein Vater, ein reicher Kaufmann, hat ihm ein Haus mit einer großen Wohnung in Frankfurt am Main hinterlassen. Der schüchterne, verträumte Peregrinus lebt daraufhin ein einsames Leben. Aline, die alte Haushälterin seiner Eltern, kümmert sich um alles und ermöglicht dem 36-Jährigen, sich in seine Phantasiewelt einzuspinnen. Er liest viel und feiert das Weihnachtsfest wie in seiner Kinderzeit. So kauft er für sich Geschenke, mit denen er anschließend arme Familien beschert. Als er eines der Weihnachtsgeschenke auspackt, findet er die Schachtel leer vor. Das Paket muss verwechselt worden sein, denn er vermisst ein anderes, in dem sich Zinnfiguren befanden. Peregrinus packt, nachdem er eine Weile mit den Geschenken gespielt hat, die Spielsachen wieder ein und bringt sie in diesem Jahr den Kindern des Buchbinders Lämmerhirt.

Hier trifft er auf eine schöne, geheimnisvolle Frau, die ihm das vermisste Paket gibt. Sie nennt sich wie seine Haushälterin Aline, gibt vor, ihn schon lange zu kennen und scheint über Einzelheiten seines Lebenswandels bestens informiert zu sein. Es ist, wie man später erfährt, Dörtje Elverdink, die Nichte und Assistentin des Flohbändigers Leuwenhoek. Auf dem Rückweg spielt sie Peregrinus eine Ohnmacht vor und lässt sich von ihm in sein Haus tragen. Dort fordert sie die Herausgabe eines Gefangenen, der sich in seiner Wohnung befinden soll. Peregrinus hat aber keine Ahnung, dass sie den „Meister Floh“ sucht. Darauf läuft sie aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. mini|Peregrinus, Haushälterin und Dörtje. Illustration von Theodor Hosemann (1844/45) Zweites Abenteuer Schauplatz des zweiten Abenteuers ist das Haus des Flohbändigers Leuwenhoek. Dieser betreibt in Frankfurt einen Flohzirkus, in dem man mit einer Lupe die dressierten Flöhe, verkleidet als Soldaten, bei ihren Sprüngen betrachten kann. Die Flöhe sind jedoch soeben mit ihrem „Meister“ entflohen, und das Publikum hält den Flohbändiger nun für einen Betrüger. George Pepusch, ein Freund des Flohbändigers, erfährt, dass dessen Assistentin, die schöne Dörtje Elverdink, die Leuwenhoek wie eine Sklavin gehalten und als Attraktion für seine Schau benutzt hat, ebenfalls verschwunden ist. Pepusch stellt Leuwenhoek zur Rede, weil er in das Mädchen verliebt ist.

Der Flohbändiger erzählt Pepusch, dass er der Mikroskopbauer Antoni van Leeuwenhoek sei, der 1725 in der Alten Kirche in Delft beigesetzt wurde, und zugleich ein Magier, der durch eine mikroskopische Projektion Märchenfiguren aus der Phantasie- in die reale Welt bringen und sie verwandeln könne. Dörtje Elverdink sei eigentlich die Prinzessin Gamaheh aus dem Märchenland „Famagusta“, die Tochter des Königs Sekakis und der Blumenkönigin. Die Prinzessin sei vor dem Egelprinzen, dem größten Feind der Blumenkönigin, geflohen, dieser habe sie jedoch aufgespürt und der auf einem Moosteppich im abendlich kühlen Zypressenwald Schlafenden das Blut „ausgeküsst“. Der Genius Thetel habe den Egelprinzen mit einem Wurf Kristallsalz getötet und die Ohnmächtige als Staubkorn in eine Tulpe versetzt. Dort habe der Magierkollege sie mit seiner Lupe aufgespürt. Er selbst sei zu Hilfe gerufen worden und es sei ihm gelungen, die schlafende Prinzessin zu erwecken und ihr ihre natürliche Größe zurückzugeben. Deshalb sei sie sein Eigentum und begleite ihn auf seinen Reisen. In Deutschland werde Dörtje von den Leuten Aline genannt.

Nach dieser Erzählung behauptet George Pepusch, nicht der Genius, sondern er habe die Prinzessin gerettet. Er sei nämlich die Distel Zeherit, auf welche die Prinzessin damals nach dem Saugkuss niedergesunken sei, und diese habe den Egelprinzen mit ihren Stacheln getötet. Der Erwecker sei nicht Leuwenhoek, sondern „Meister Floh“ gewesen. Nach der Vergrößerung durch die beiden Magier habe er durch einen belebenden Stich das stockende Blut der Prinzessin wieder in Wallung gebracht. Pepusch nennt den Flohbändiger einen Scharlatan und zerstört dessen mikroskopischen Apparat. Danach irrt er ziellos durch die nächtlichen Straßen Frankfurts und sieht plötzlich in einem hell erleuchteten Zimmer im Erdgeschoss des Tyß-Hauses Dörtje Elverdink. Als er über das Gitter klettern will, um sie näher zu sehen, wird er vom Nachtwächter entdeckt und als vermeintlicher Einbrecher in den Arrest gesteckt.

Drittes Abenteuer In seinem Schlafzimmer wird Peregrinus Tyß von einem seltsamen Wesen geweckt, das sich „Meister Floh“ nennt. Diese kleine, kaum eine Spanne lange Gestalt ist das Oberhaupt aller Flöhe. Meister Floh kann sprechen und ist sehr belesen. Er zeigt sich nur selten in makroskopischer Gestalt und ist meist für das Menschenauge nicht ohne Lupe wahrzunehmen.

Meister Floh erzählt Peregrinus die Vorgeschichte: Das Mädchen Aline, das er am vergangenen Tag in sein Haus gebracht hatte, auch Dörtje Elverdink genannt, sei eigentlich die Prinzessin Gamaheh. Er selbst habe sie mit einem Stich aus ihrer Ohnmacht geweckt. Beim Flug des Genius mit der Prinzessin sei er abgestürzt und durch den Verrat Dörtjes in die Hände des Flohbändigers geraten, der in seinem Zirkus sein Volk Kunststückchen vorführen ließ. Doch der freiheitsliebende Meister sei mitsamt seinen kleinen Akrobaten geflohen, zur Bude des Spielzeugkrämers gehüpft und in eine leere Spielzeugschachtel gesprungen, die Peregrinus irrtümlich anstelle einer mit Bleisoldaten und Jagdszenen nach Hause gebracht habe. Nun suche Leuwenhoek seinen Hauptartisten, den er brauche, um bei seinen Dressuren die Macht über das Volk der Flöhe ausüben zu können, sowie seine ebenfalls verschwundene Assistentin Dörtje. Das Mädchen verfolge allerdings die Spur des Flohs in eigenem Interesse, weil es wie eine Drogensüchtige die Impulsstiche des Meisters zum Leben brauche. Peregrinus verspricht Meister Floh, sich nicht von Dörtje verführen zu lassen und ihn nicht auszuliefern. Dafür bekommt er von ihm ein Gedankenmikroskop, eine kleine Linse, mit der man die wahren Gedanken der Menschen lesen kann. Diese Linse wird von Meister Floh vor seine Pupille gesetzt, sobald Peregrinus mit den Fingern schnippt.

Peregrinus erfährt am Morgen von seiner Haushälterin Aline, dass Dörtje das Haus noch nicht verlassen hat, sondern im Zimmer seines Mieters, des alten Herrn Swammerdamm, der sich der Kürze halber meist Swammer nennt, untergekommen ist. Wenig später erscheint Swammerdamm bei Peregrinus, um ihm die Anwesenheit Dörtjes mitzuteilen. Er ist ebenfalls Mikroskopist wie sein Kollege Leuwenhoek und behauptet, identisch mit dem 1680 in Holland verstorbenen Naturwissenschaftler Jan Swammerdam zu sein. Es stellt sich heraus, dass Swammerdamm jener Magier ist, der die Prinzessin Gamaheh schlafend in einer Tulpe entdeckt und Leuwenhoek zu Hilfe gerufen hat, um sie aus der Tulpe zu befreien.

Nachdem sich Peregrinus von Swammerdamm verabschiedet hat, treten plötzlich Abgesandte des Rats der Stadt Frankfurt ein und teilen ihm mit, dass sie ihn verhaften und seine Papiere beschlagnahmen müssten. Ihm bleibt nichts anderes übrig, ihnen zu folgen. Meister Floh reist auf dem Halstuch des Peregrinus sitzend mit.

Viertes Abenteuer Peregrinus trifft im Gefängnis auf den noch immer arrestierten George Pepusch. Die beiden kennen sich aus Madras, wo Peregrinus auf seiner Reise längere Zeit Station gemacht hat. Es stellt sich heraus, dass der Geheime Hofrat Knarrpanti, der im Auftrag eines Fürsten nach einer entführten Prinzessin sucht, für die Verhaftung Peregrinus verantwortlich ist. Knarrpanti hörte von einem Gerücht, dass aus einer großen Gesellschaft, die ein Bankier am Weihnachtsabend gegeben hatte, eine vornehme Frau entführt worden sei. Auch wenn niemand weiß, um wen es sich dabei gehandelt haben könnte, da keine Frau der Gesellschaft vermisst wird, setzt Knarrpanti die Verhaftung des Peregrinus Tyß durch. Er behauptet, „dass, sei erst der Verbrecher ausgemittelt, sich das begangene Verbrechen von selbst finde.“ Außerdem haben zwei Zeugen beobachtet, wie Peregrinus eine junge Frau in sein Haus getragen hat. Mangels Beweisen wird er kurz danach aus dem Gefängnis entlassen und bürgt für Pepusch, damit auch dieser freikommt. mini|Teleskop-Duell der Magier. Illustration von George Cruikshank (1826). Mit Hilfe der Linse von Meister Floh kann Peregrinus die wahren Gedanken der Menschen erkunden. Beispielsweise hört er gleichzeitig zu Swammerdamms und Leuwenhoeks Schmeicheleien oder zu Dörtjes Koketterie bzw. Umgarnung ihre Motive, an seinen Talisman, den mächtigen Floh, heranzukommen, und reagiert zu ihrer Überraschung darauf anders als erhofft. Bei der Rückkehr in sein Haus trifft er vor dem Zimmer Swammerdamms auf den Flohbändiger Leuwenhoek. Kurze Zeit später treffen auch Pepusch und Swammerdamm ein. Leuwenhoek und Swammerdamm zücken sofort ihre Ferngläser und beginnen sich mit diesen Instrumenten im Flur des Hauses zu duellieren.

Pepusch verlässt das Haus, nachdem er Dörtje nicht mehr im Zimmer Swammerdamms angetroffen hat. Peregrinus aber geht nach oben in seine Wohnung, wo Dörtje ihn erwartet. Die Prinzessin gesteht Peregrinus ihre Liebe, möchte jedoch die Auslieferung des Meisters Floh erreichen. Bevor es dazu kommt, stürmt plötzlich Pepusch ins Zimmer. Als die Prinzessin in Ohnmacht fällt, trägt Pepusch sie davon.

Fünftes Abenteuer Peregrinus wird erneut von Hofrat Knarrpanti verhört, der versucht, in den beschlagnahmten Briefen und Tagebuchaufzeichnungen Beweise zu finden. Insbesondere will er wissen, was sich Peregrinus denn dabei gedacht habe, als er immer wieder über Entführungen schrieb, etwa Die Entführung aus dem Serail von Mozart oder Jüngers Entführung. Peregrinus kommt auf die Idee, das Gedankenmikroskop gerade bei jenem Geheimen Hofrat einzusetzen, der seinerseits gerne die Gedanken anderer Menschen erforscht, weil er das Denken an sich schon als gefährlich einstuft. Meister Floh setzt ihm das Glas vor seine Pupille, und Peregrinus sieht, dass Knarrpanti ihn gar nicht für schuldig hält, sondern ihm mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten aus seinen Briefen und Tagebüchern eine erfundene Prinzessin-Entführung und Ermordung nachzuweisen versucht, um sich bei seinem Fürsten zu profilieren. Auf diese Idee ist er durch Tratschereien gekommen, dass Peregrinus am Weihnachtsabend ein Mädchen, es war die Bewusstlosigkeit simulierende Dörtje, in sein Haus getragen habe. Mit seinem Geheimwissen kann Peregrinus Knarrpantis Strategie durchkreuzen und kommt frei.