mini|Bühne der Knitting Factory im Jahr 2008 Die Knitting Factory ist ein Club in New York City, der Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre im Stadtbezirk East Village in Manhattan zum Zentrum einer alternativen und Avantgarde-Musikszene von Jazz und Rock wurde. Der Club wurde 1987 von Michael Dorf (* 1963 in Milwaukee) und Louis Spitzer im ersten Stockwerk eines ehemaligen Lagergebäudes für Avon-Produkte gegründet und zog 1994 nach Tribeca und 2009 nach Brooklyn um.
In den 1990er Jahren gründete Dorf außerdem ein übergeordnetes Unternehmen (zunächst KnitMedia, inzwischen Knitting Factory Entertainment (KFE) genannt), das Jazzfestivals veranstaltet hat und neben der Knitting Factory auch eine Konzertagentur, weitere Livemusik-Clubs sowie das Musiklabel Knitting Factory Records (ehemals Knitting Factory Works) betreibt, inklusive mehrerer Sublabel (u. a. Shimmy Disc, Instinct Records und Evolver).
Geschichte des Clubs Vorgeschichte und Gründung (1985–1987) Michael Dorf hatte 1985 als Student das Management der Band Swamp Thing aus Madison, Wisconsin, übernommen. Es handelte sich um die Band eines alten Freundes, des Gitarristen Bob Appel. In Ermangelung eines Plattenvertrages gründeten Dorf und Appel ein eigenes Plattenlabel namens Flaming Pie Records, auf dem man auch einige weitere Bands veröffentlichte. Um das kommerziell erfolglose Label zu unterstützen und sich selbst über Wasser zu halten, beschloss Dorf, der Mitte 1986 nach New York gezogen war, die Knitting Factory zu gründen. Nach monatelangen Renovierungen der ersten Etage eines etwas heruntergekommenen, ehemaligen Lagerhauses, eröffnete Dorf den Club mit seinem Geschäftspartner Louis Spitzer im Februar 1987 mit einem Konzert der Band Swamp Thing. Zu dieser Zeit waren die Clubräume mit einer Fläche von ca. 185 m² auch zugleich Dorfs Wohnung und Büro der Flaming Pie Records. Der Plan, den Club auch tagsüber als Galerie und Café zu nutzen, hatte nur wenig Erfolg, vor allem zur Enttäuschung Spitzers, der sich sehr für Kunst interessierte. Schon bald stieß Bob Appel hinzu, der zunehmend Spitzers abendliche Aufgaben am Mischpult und in der kleinen Küche des Clubs übernahm. Im August 1987 wurde Appel dann offiziell neuer Geschäftspartner von Dorf; Spitzer widmete sich fortan eigenen Kunstprojekten. Bald darauf verlegte Dorf seine Wohnung und sein Büro in das Stockwerk über dem Club, wo auch eine Bandgarderobe eingerichtet wurde.
Zentrum des Avantgarde-Jazz (1987–1993) Innerhalb weniger Monate etablierte man sich als allnächtlicher Veranstaltungsort für Rock, Jazz, Funk, Folk und improvisierte Musik, im Wechsel mit Performance-Kunst, Stand-up-Comedy sowie Tanz-, Film-, Theater- und Lyrikaufführungen. Insbesondere entwickelte sich der Club zu einem Zentrum der New Yorker Avantgarde-Jazz-Szene, die zu dieser Zeit ansonsten wenig Auftrittsmöglichkeiten fand. Als erste Jazzmusiker spielten dort 1987 das Trio von Wayne Horvitz, bald darauf Elliott Sharp, Roy Nathanson und John Zorn, der dort 1989 auch die Premiere seines Projektes Naked City feierte. Die fünf Nächte dieser Shows fanden erstmals im Erdgeschoss des Gebäudes statt, nachdem man die Räume des dort ansässigen peruanischen Restaurants ebenfalls übernommen hatte. Der Versuch, dort auch ein Restaurant zu betreiben, wurde nach wenigen Monaten abgebrochen. Stattdessen wurde die Küche in einen weiteren Veranstaltungsraum umgewandelt und das ehemalige Restaurant über eine Treppe mit dem ursprünglichen Club verbunden, so dass man nun über drei Stockwerke verfügte.
Bald begann man mit der Aufnahme von Konzerten auf einem 4-Spurrekorder. Diese wurden für wenige Dollar an zunächst 30 Radiostationen abgegeben. Zur ersten Reihe von „Live at the Knitting Factory“ gehörten u. a. Konzerte von John Zorn, Bill Frisell, Fred Frith, Arto Lindsay, Steve Coleman, Ikue Mori und Alva Rogers (Sänger der Band of Susans). Während man mit Flaming Pie Records weiterhin keinen Erfolg hatte, wurde diese Serie von Konzertmitschnitten äußerst erfolgreich; die Anzahl der syndizierten Sender stieg innerhalb von zwei Jahren auf ca. 200, die mit ihren Ausstrahlungen die Knitting Factory landesweit bekannt machten. Durch Hal Willner entstand ein Kontakt zum A&M Records-Label, das zu dieser Zeit seinen Katalog um experimentellere Musik erweitern wollte. Im Oktober 1988 einigte man sich und schloss einen Vertrag über vier Jahre, der es erlaubte, den Club um ein digitales Tonstudio im oberen Stockwerk zu erweitern. In der Folge, zwischen Mai 1989 und Juni 1990, wurden vier Kompilationsalben mit Livemusik aus der Knitting Factory bei A&M veröffentlicht. Da das Label zwischenzeitlich durch Polygram übernommen worden war und von dieser Seite offensichtlich wenig Interesse an der Fortführung der kommerziell eher unbedeutenden Veröffentlichungsreihe bestand, beschlossen Dorf und Appel, die Rechte an den Live-Aufnahmen zu kaufen, um diese später selbständig zu vermarkten.
Um stärkere Aufmerksamkeit zu erhalten, veranstaltete die Knitting Factory im Jahr 1988 ein erstes eigenes Jazzfestival mit dem Namen What Is Jazz?, weitere folgten in den nächsten Jahren. Der finanzielle Gewinn war gering, jedoch stieg durch Zeitungs- und Fernsehberichte die Bekanntheit der Factory, auch in Europa und Japan. Nach einer Anfrage aus den Niederlanden wurde im März 1990 ein „Knitting Factory Festival“ in Groningen veranstaltet, bei dem ca. 30 Musiker aus dem Umfeld des New Yorker Clubs auftraten. Im Jahr 1989 überzeugte man außerdem George Wein, die Knitting Factory und ihre Künstler des „neuen“ Jazz in das Programm des bekannten JVC Jazz Festivals aufzunehmen. 1989 präsentierte der Club fünf Nächte unter dem Motto „The Knitting Factory Goes Uptown“ in der Alice Tully Hall des Lincoln Centers, u. a. mit John Zorn, Charlie Haden, Cassandra Wilson und Cecil Taylor. Nach dem Festival beendete Wein diese Kooperation, verpflichtete in folgenden Jahren jedoch einige der Künstler der Knitting Factory für das JVC-Festival.books.google.de
In der Knitting Factory traten in diesen Jahren auch Lou Reed, Don Byron, Bob Mould, Vernon Reid und Alex Chilton auf, sowie Bands wie Sonic Youth, They Might Be Giants, Firehose, The Gories, The Lounge Lizards, Violent Femmes, Yo La Tengo, The Jon Spencer Blues Explosion und Soul Coughing, deren Frontmann Mike Doughty mehrere Jahre als Türsteher des Clubs arbeitete; daneben führten Autoren wie Phillip Lopate, Eric Bogosian und Mary Gaitskill regelmäßig Lesungen auf. Auch bereits etablierte Jazzmusiker wie Anthony Braxton, Don Cherry, Dewey Redman, James Blood Ulmer, David Murray, Geri Allen und Oliver Lake wurden schließlich von der sich dort entwickelnden neuen Jazz-Szene angezogen.Phoebe Hoban: knit wits – All that downtown jazz. In: New York Magazine, 31. Juli 1989, S. 46–49
Nach dem Erfolg mit dem niederländischen Festival entschlossen sich Dorf und Appel, noch im selben Jahr eine sechswöchige Europa-Tournee (unter anderem nach Schweden, Spanien und Deutschland, inklusive Ost-Berlin) zu organisieren. Man reiste mit zwei Bussen und zwei Shows (mit jeweils 3 Bands, u. a. Sonny Sharrock, Myra Melford und die Jazz Passengers) jeweils in verschiedene Städte. Während schlechte Organisation und mangelnde Einnahmen teilweise zu chaotischen Zuständen führten, berichteten die europäischen Medien überwiegend positiv. Nachdem man aus diesen Erfahrungen gelernt hatte, gestaltete sich die erste Tournee entlang der US-Westküste im Frühling 1991 deutlich erfolgreicher. Die im Vorfeld der Tour zu Promotionszwecken produzierte CD Knitting Factory Goes to the Northwest war außerdem die erste Veröffentlichung des neuen clubeigenen Plattenlabels Knitting Factory Works. Kurz darauf produzierte man, mit finanzieller Unterstützung des japanischen Major-Labels Tokuma, weitere CDs, u. a. Live-Alben der Bands Defunkt und Jazz Passengers und Studioalben von Chunk und Samm Bennett. Der erste Künstler, der für das neue Label verpflichtet wurde, war jedoch der Modern-Creative-Saxophonist Thomas Chapin, der in der Folge mehrere Platten für das Label aufnahm. Auch dem Free-Jazz-Saxophonisten Charles Gayle gelang auf diesem Label schließlich der Durchbruch mit seinem Album Repent von 1992. Trotz dieser Erfolge war diese Zeit weiterhin von zahlreichen finanziellen Engpässen geprägt, zumal Dorf hohe geschäftliche Risiken einging und häufig Unverständnis erntete. Bob Appel verließ Anfang 1992 das Unternehmen, um als unabhängiger Musikproduzent zu arbeiten.
Ausbau des Label- und Festivalgeschäfts (1994–2001) Von Februar 1987 bis April 1994 war der Club in der 47 East Houston Street in Manhattans East Village ansässig gewesen. Von 1994 bis zum Juli 2009 befand sich der Club dann in Tribeca in der 74 Leonard Street zwischen Church Street und Broadway, wo man über mehr Platz und ein moderner ausgestattetes Gebäude verfügte. Neben drei Veranstaltungsräumen mit unterschiedlicher Kapazität – dem „Mainspace“-Saal für die größeren Konzerte mit Platz für 400 Zuschauer, der „Tab Bar“ und der „Afterknit“-Lounge (1998 kam noch „The Old Office“ hinzu) - richtete man auch dort ein professionelles Tonstudio und Büroräume ein. Außerdem rüstete man den Club mit Videotechnik aus und leistete Mitte der 90er Jahre Pionierarbeit auf dem Gebiet des Audio-Livestreamings im Internet.
Obwohl es zwischen Dorf und einigen Vertretern des Avantgarde-Jazz wie John Zorn und John Lurie immer wieder zu geschäftlich und künstlerisch begründeten Problemen kam und der Club zwischenzeitlich von manchem Künstler boykottiert wurde, war die Factory in den neunziger Jahren weiterhin ein wichtiger Bestandteil der New Yorker Jazzszene, wobei auch zahlreiche Indie-Rock-Bands dort auftraten. Außerdem gründete Dorf das dem Club übergeordnete Unternehmen KnitMedia, unter dessen Dach man das Label- und Festivalgeschäft deutlich ausbaute. So organisierte man weiterhin alljährlich das What Is Jazz?-Festival, das im Jahr 1996 bereits auf eine Dauer von vierzehn Tagen und auf ein Programm mit über 150 teilnehmenden Bands angewachsen war. Neben der Factory wurden zahlreiche weitere Veranstaltungsorte eingebunden (bei teilweise freiem Eintritt), so z. B. Harlem, Battery und Central Park, das World Trade Center und die TriBeCa Hall. Dem traditioneller ausgerichteten JVC Jazz Festival machte man so zunehmend Konkurrenz.books.google.debooks.google.de Mit zunehmender Größe und Annäherung an den Mainstream war man für die Verpflichtung bekannter Künstler auf die Unterstützung finanzkräftigerer Sponsoren angewiesen. Nachdem man Mitte der neunziger Jahre Heineken als Unterstützer gewinnen konnte, hieß das Festival im Jahr 1998 kurzzeitig Texaco New York Jazz Festival,, PR Newswire, 1. Juni 1998 bevor es in den Jahren 1999 und 2000 zum Bell Atlantic Jazz Festival wurde, das in der Folge jedoch nicht weitergeführt wurde. Bei der Programmgestaltung beschränkte man sich nicht ausschließlich auf Avantgarde- und klassischen Jazz, sondern präsentierte auch Künstler anderer Genres wie Noise-Rock, Klassische Musik, Blues, Lateinamerikanische Musik, Big Band, Klezmer und Electronica. Mit dem Programm des Jahres 2000 verließ Michael Dorf endgültig die Nische der etwas abseitigen Musik, die er 1987 erschlossen hatte. Er präsentierte innerhalb von elf Tagen über 200 Künstler und Bands, darunter weltbekannte Musiker wie Ornette Coleman, Max Roach & Cecil Taylor, Chick Corea, Los Lobos, Dr. John, das Art Ensemble of Chicago, das Dave Douglas Sextet, Al Green, die Ben Folds Five mit Pharoah Sanders, Elvis Costello, Robert Cray, die Neville Brothers und erneut John Zorn. Dieses Festival, das teilweise per Webcast übertragen wurde, brachte man, auf vier Tage verkürzt, auch nach Washington, Philadelphia und Boston.