mini|hochkant|Platon (römische Kopie des griechischen Platonporträts des Silanion, Glyptothek München) Der Menon ( Ménōn) ist ein in Dialogform verfasstes Werk des griechischen Philosophen Platon. Den Inhalt bildet ein fiktives, literarisch gestaltetes Gespräch. Platons Lehrer Sokrates diskutiert mit dem vornehmen Thessalier Menon von Pharsalos, der sich vorübergehend in Athen aufhält, und mit dessen Gastgeber, dem Politiker Anytos. Außerdem nimmt zeitweilig ein Sklave Menons an dem Gespräch teil. Das Thema ist Menons Frage, ob Tugend erlernt oder eingeübt werden kann oder angeboren ist. Der gewöhnlich mit „Tugend“ übersetzte griechische Begriff aretḗ bezeichnet nicht nur eine moralisch wünschenswerte Haltung, sondern Tüchtigkeit und Vortrefflichkeit in einem weiten Sinn.

Zunächst müsste geklärt werden, was Tugend eigentlich ist, doch gelingt dies nicht; verschiedene Definitionsvorschläge werden untersucht und erweisen sich als untauglich. Sokrates glaubt jedoch, dass es ein angeborenes, aber verschüttetes Wissen gibt, zu dem auch die Kenntnis der Tugend gehört, und dass dieses Wissen durch Erinnerung aktiviert werden kann. Damit wendet sich die Debatte dem Prozess der Erkenntnisgewinnung zu. Sokrates versucht mit einem didaktischen Experiment, bei dem ein Sklave Menons als Versuchsperson dient, seine Hypothese zu untermauern, der zufolge Lernvorgänge als Erinnerung an ein bereits vorhandenes Wissen zu erklären sind („Anamnesis-Hypothese“). Ob jedoch die Tugend zum lehrbaren Wissen zählt, scheint fraglich, da es an Tugendlehrern fehlt. Es gibt fähige Persönlichkeiten, die Tugend zwar besitzen, aber nicht anderen vermitteln können. Die Diskussion führt in eine Aporie (Ratlosigkeit), denn die Frage, worin Tugend besteht, bleibt offen.

Platons erstmals im Menon thematisiertes Anamnesis-Konzept wurde in der abendländischen Philosophie zum Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit dem Problem apriorischen – von Erfahrung unabhängigen – Wissens.

Ort, Zeit und Teilnehmer mini|hochkant|Sokrates (römische Büste, 1. Jahrhundert, Louvre, Paris) Die Debatte spielt sich in Athen ab. Der Ort ist im Dialog nicht angegeben; vermutlich ist an ein Gymnasion zu denken, doch kommt auch das Haus des Anytos in Betracht.Michael Erler: Platon. Basel 2007, S. 167; William K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy, Bd. 4, Cambridge 1975, S. 236 f. Die Zeit der fiktiven Handlung ergibt sich aus der Datierung von Menons Aufenthalt in Athen, der 403/402 v. Chr. anzusetzen ist.William K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy, Bd. 4, Cambridge 1975, S. 236; John S. Morrison: Meno of Pharsalus, Polycrates, and Ismenias. In: The Classical Quarterly 36, 1942, S. 57–78, hier: 57 f., 76; Debra Nails: The People of Plato. Indianapolis 2002, S. 204, 318 f.; Michael Erler: Platon. Basel 2007, S. 166 f. Sokrates war damals schon etwa 67 Jahre alt.

Wie in anderen frühen Dialogen Platons lenkt Sokrates das Gespräch, indem er die Unzulänglichkeit der undurchdachten Vorstellungen der anderen aufdeckt und dann der Diskussion eine neue Wendung gibt. Seine Gesprächspartner Menon und Anytos sind als namhafte historische Persönlichkeiten gut bezeugt. Die Auffassungen, die Platon seinen Dialogfiguren in den Mund legt, können allerdings literarische Fiktion sein.

Der historische Menon gehörte einem der führenden Geschlechter Thessaliens an. Zur Zeit seines Aufenthalts in Athen, dessen Zweck wahrscheinlich eine diplomatische Mission war,John S. Morrison: Meno of Pharsalus, Polycrates, and Ismenias. In: The Classical Quarterly 36, 1942, S. 57–78, hier: 76. war er etwa 21 Jahre alt. Etwas später, im Jahr 401 v. Chr., beteiligte er sich als Söldnerführer an einem Feldzug gegen den Perserkönig Artaxerxes II. Das Unternehmen scheiterte, Menon geriet in Gefangenschaft und wurde hingerichtet. Die zeitgenössischen Geschichtsschreiber Xenophon und Ktesias, die ebenfalls an dem Feldzug teilnahmen, stellen Menons Charakter sehr negativ dar. Xenophon schildert ihn als geldgierigen, gewissenlosen Betrüger und Intriganten, Ktesias beschuldigt ihn des Verrats.Xenophon, Anabasis 2,6,21–27; Ktesias, Persika F 27 und F 28. Siehe zum historischen Menon Truesdell S. Brown: Menon of Thessaly. In: Historia 35, 1986, S. 387–404; Monique Canto-Sperber: Platon: Ménon. 2., überarbeitete Auflage. Paris 1993, S. 17–26; Richard Goulet: Ménon de Pharsale. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Bd. 4, Paris 2005, S. 484 f.; Debra Nails: The People of Plato. Indianapolis 2002, S. 204 f.

Menons Gastgeber Anytos gehörte in der athenischen Politik zu den führenden Köpfen der demokratischen Richtung. Athen hatte traditionell eine demokratische Staatsordnung, doch war es 404 v. Chr. einer oligarchischen Gruppe gelungen, die Demokratie zu beseitigen und ein kurzlebiges Terrorregime, die „Herrschaft der Dreißig“, zu errichten. Dies hatte einen Bürgerkrieg zur Folge, in dem sich die Demokraten im Jahr 403 – also kurz vor Menons Ankunft – durchgesetzt hatten. Nach diesem Sieg stand Anytos auf der Höhe seines Einflusses. Wenige Jahre später, 399 v. Chr., war er der prominenteste der drei Ankläger, die das Gerichtsverfahren gegen Sokrates in Gang setzten, das mit der Verurteilung und Hinrichtung des Philosophen endete. Dies trug ihm die Feindschaft Platons ein, der die Ankläger seines verehrten Lehrers literarisch bekämpfte.Siehe zur historischen Rolle des Anytos Debra Nails: The People of Plato. Indianapolis 2002, S. 37 f.; Thomas C. Brickhouse, Nicholas D. Smith: Socrates on Trial. Oxford 1989, S. 29; Monique Canto-Sperber: Platon: Ménon. 2., überarbeitete Auflage. Paris 1993, S. 26–32; Émile de Strycker, Simon R. Slings: Plato’s Apology of Socrates. Leiden 1994, S. 91–93.

Als Dialogfigur bei Platon macht Menon einen weniger ungünstigen Eindruck als in den Berichten der Geschichtsschreiber. An der Frage, die er angeschnitten hat, hat er anscheinend ein echtes Interesse. Er ist lernwillig und erlangt im Gesprächsverlauf Einsicht in die eigene Unwissenheit. Allerdings tritt er überheblich auf und zeigt wenig Verständnis und Geduld für die Erfordernisse einer systematischen Untersuchung. Seine Schwächen treten klar zutage: Er argumentiert nicht konzentriert und ausdauernd, seine Meinung ist konventionell und nicht durchdacht, einer tieferen Auseinandersetzung mit der schwierigen Problematik der Tugenddefinition weicht er aus. Offensichtlich ist er dem Thema nicht gewachsen. Sein Selbstbewusstsein im philosophischen Diskurs basiert insbesondere darauf, dass er am Unterricht des berühmten Rhetoriklehrers Gorgias teilgenommen hat und sich auf dessen Autorität berufen kann. Damit beeindruckt er Sokrates jedoch nicht. Mit der Darstellung von Menons Versagen will Platon auch dessen Lehrer Gorgias diskreditieren.Michael Erler: Platon. Basel 2007, S. 167 f.; Jens Holzhausen: Menon in Platons ‚Menon‘. In: Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft. Neue Folge Bd. 20, 1994/1995, S. 129–149. Vgl. zu Menon als Dialogfigur Josiah B. Gould: Klein on Ethological Mimes, for example, the Meno. In: The Journal of Philosophy 66, 1969, S. 253–265; Dominic Scott: Plato’s Meno. Cambridge 2006, S. 60–65.

Von Anytos, der als historische Person der gefährlichste Feind des Sokrates war, zeichnet Platon ein äußerst negatives Bild. Sein Anytos ist intolerant, von Vorurteilen geprägt und keiner Argumentation zugänglich, die sein starres, konservatives Weltbild gefährden könnte. Auf sachliche Einwände reagiert er mit einer verhüllten Drohung.Siehe dazu Ernst Heitsch: Platon: Apologie des Sokrates. Übersetzung und Kommentar. Göttingen 2002, S. 57–60.

Inhalt Die Diskussion dreht sich um ein zu Platons Zeit beliebtes Thema: den Ursprung der Arete (Tüchtigkeit, Vortrefflichkeit oder Tugend). Da für Platon und die in seinen Dialogen auftretende Sokratesfigur ethische Aspekte im Vordergrund stehen, wird die in seinen Texten erörterte Arete gewöhnlich mit „Tugend“ übersetzt. Es ist aber stets zu beachten, dass im Altgriechischen – anders als im Deutschen – die Vorstellung von Tüchtigkeit und Tauglichkeit dazugehört und nicht von der Tugend im ethischen Sinn abgetrennt wird. Ein Nichtphilosoph wie Menon denkt, wenn er von Arete spricht, nicht speziell an Tugendhaftigkeit als moralische Qualität, sondern generell an eine Tüchtigkeit oder Tauglichkeit, die zum Erfolg führt, wobei freilich anerkannte soziale Normen wie Gerechtigkeit beachtet werden müssen.Zur Problematik der Übersetzung des Begriffs Arete siehe Peter Stemmer: Tugend. I. Antike. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 10, Basel 1998, Sp. 1532–1548, hier: 1532 f. Vgl. zur Begriffsgeschichte Harold Tarrant: Recollecting Plato’s Meno. London 2005, S. 20–23.

Das Einleitungsgespräch Eine Rahmenhandlung fehlt, das Gespräch setzt unvermittelt ein. Zunächst sind nur Menon und Sokrates beteiligt. Menon stellt die Ausgangsfrage: Er möchte wissen, ob Tugend erlernt oder eingeübt wird oder Veranlagungssache ist.Zu Menons Verständnis dieser Frage siehe Norbert Blößner: The Unity of Plato’s Meno. In: Philologus 155, 2011, S. 39–68, hier: 44, 47–49. Sokrates antwortet ausweichend. Er bekennt, nicht einmal zu wissen, was Tugend ist, geschweige denn Einzelheiten ihrer Beschaffenheit – wozu die Frage der Lehrbarkeit gehört – zu kennen. Überdies behauptet er, in Athen wisse niemand über die Tugend Bescheid. Ironisch unterstellt er den Thessaliern, Menons Landsleuten, solche Sachkenntnis. Die Ironie liegt darin, dass die Thessalier als unzivilisiert und sittenlos gelten,Vgl. Platon, Kriton 53d. Siehe auch Cristina Ionescu: Plato’s Meno, Lanham 2007, S. 4–6; Jacob Klein: A Commentary on Plato’s Meno, Chapel Hill 1965, S. 40 f.; Paul Friedländer: Platon. Bd. 2. 3., verbesserte Auflage. Berlin 1964, S. 257. während Athen ein bedeutendes Zentrum der griechischen Zivilisation ist. Menon, der von der Schwierigkeit der Frage nichts ahnt, staunt über die Unwissenheit des Sokrates. Er traut sich ohne weiteres zu, die Tugend aus dem Stegreif richtig zu definieren. Dabei gibt er eine Sichtweise wieder, die ihm sein Lehrer Gorgias vermittelt hat.Platon, Menon 70a–71e.

Menons Definitionsversuche Menon fasst nicht die Tugend schlechthin ins Auge, sondern eine Vielzahl von Tugenden. Was jeweils als Tugend zu betrachten ist, macht er von der Person und deren Lebenssituation und Aufgabe abhängig. Beispielsweise besteht für ihn die Tugend des Mannes darin, sich in der Politik zu bewähren, seine Freunde zu fördern und seinen Feinden zu schaden und sich vor den Nachstellungen der Gegner zu schützen. Die Tugend der Frau zeigt sich in guter Haushaltsführung und Gehorsam gegenüber dem Ehemann. Alte Menschen und Kinder haben unterschiedliche altersgemäße Tugenden. Ferner sind die Tugenden der Freien von anderer Art als die der Sklaven. Außerdem hat jede Tätigkeit eine besondere ihrer Ausübung zugeordnete Tugend.Platon, Menon 71e–72a.