Als amerikanische Cosa Nostra bzw. La Cosa Nostra oder italienisch-amerikanische Mafia wird der nordamerikanische Ableger der originären sizilianischen Cosa Nostra bzw. Mafia bezeichnet. Entstanden um 1900, werden dem Begriff diverse organisierte Banden italoamerikanischer Verbrecher zugeordnet. Es gab in den Vereinigten Staaten mindestens 26 verschiedene „Familien“ der La Cosa NostraThe Changing Face of Organized Crime in New Jersey A Status Report. May 2004. (S. 91–140)Milhorn, p.216 in fast genauso vielen Städten mit jeweils weiteren Nebenstandorten, Splittergruppen und Assoziierten in diversen anderen Städten. Fast alle Familien arbeiten großteils eigenständig, wobei eine bundesweite Koordination durch eine Kommission besteht, die sich aus den Oberhäuptern der sechs einflussreichsten Familien zusammensetzt.Capcei, Jerry. The complete idiot's guide to the Mafia "The Mafia's Commission" (S. 31–46) Bei diesen handelt es sich um die Fünf Familien von New York und das Chicago Outfit, deren Einfluss sich immer noch über das ganze Land erstreckt, auch wenn die Macht der amerikanischen Mafia heute nach Einschätzung der meisten Beobachter kleiner ist als im 20. Jahrhundert.
Abgrenzung und Bedeutung Der Begriff Cosa Nostra [] (italienisch: Unsere Sache) stand in der Öffentlichkeit ursprünglich nur für den US-amerikanischen Ableger, nachdem der FBI-Chef J. Edgar Hoover diesen Begriff erstmals öffentlich verwendete.siehe Dorigo 1993, S. 26. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verwendete man auch für die originäre sizilianische Mafia den Namen „Cosa Nostra“.siehe Dickie 2006
mini|hochkant|Typischer Mustache Pete, Giuseppe „Peter“ Morello Die Entstehung der Bezeichnung Cosa Nostra als Eigenname kann nicht eindeutig geklärt werden. Es gibt die Vermutung, dass er unter italienischen Einwanderern in den USA entstanden ist, die bereits auf Sizilien zur Mafia gehörten und als sogenannte Mustache Petes bezeichnet wurden. Da es eigentlich keine Bezeichnung für die Mitglieder in der Mafia gab und auch der Begriff Mafia ungebräuchlich war, soll unter den Sizilianern untereinander nur von „Unserer Sache“ gesprochen worden sein, die zunächst sogar nicht-sizilianische Italiener ausschloss. Die Mafiosi selbst nannten sich immer „uomo d’onore“, also „Ehrenmann“.Pino Arlacchi: Mafia von innen – Das Leben des Don Antonino Calderone. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-596-12477-8, S. 68 ff.
Die amerikanische Organisation wuchs zu einer beachtlichen selbständigen Größe an, die sich – analog zur weltpolitischen Rolle der USA – nach dem Zweiten Weltkrieg als Verbrecherorganisation international ausrichtete und die originären italienischen Mafia-Organisationen an Macht, Reichtum und Ausdehnung überflügelte.siehe Dickie 2006, S. 363.
Öffentlich bekannt wurde der Begriff La Cosa Nostra erst im Oktober 1963 durch die Aussagen des Pentito Joe Valachi vor dem McClellan-Committee, einem Untersuchungsausschuss des Kongresses der Vereinigten Staaten. Valachi enthüllte vor dem Komitee, dass die amerikanische Organisation allgemein als La Cosa Nostra bezeichnet wird.Their Thing auf time.com (englisch)
Anders als die sizilianische hatte die amerikanische Cosa Nostra niemals einen so weit reichenden politischen Einfluss. Auch wenn selbst über politische Verwicklungen auf höchster Ebene spekuliert wurde – so sind z. B. Kontakte von Sam Giancana zur Kennedy-Familie belegbar –, blieben diese immer nur punktuell an einzelne Personen gebunden. Sie bildete in den USA keine Parallelgesellschaft oder etwa einen Anti-Staat bzw. einen Schattenstaat aus, wie auf Sizilien.siehe Dickie 2006, S. 353. Während dort in einem noch vergleichsweise jungen, dezentralisierten Staat Anfang der 1980er Jahre Morde an Politikern, Ermittlern und Journalisten fast alltäglich wurden, hält sich die amerikanische Cosa Nostra an ihr Gebot, keine unbeteiligten Polizisten, Richter oder andere Vertreter des Staates zu ermorden, da sie in den USA keine eigentliche Territorialmacht wie auf Sizilien beansprucht und innerhalb eines intakten Staatswesens operiert. Der 1992 ermordete italienische Untersuchungsrichter und Mafiagegner Giovanni Falcone wies zudem auf die Unterschiede zwischen dem jungen, dezentralisierten Staat Italien und anderen Staaten wie etwa dem hochzentralisierten Frankreich oder den USA hin.Giovanni Falcone: Inside Mafia. Herbig Actuell, München 1992, ISBN 3-7766-1765-9, S. 140.
Außerdem verfügten die Sizilianer und sonstigen Italiener nicht über das illegale Gewaltmonopol wie in ihrer ursprünglichen Heimat, d. h., sie konkurrierten mit anderen ethnischen Gruppen, insbesondere den Iren und den osteuropäischen Einwanderern. Häufig wurden die Gangster in einen Topf geworfen, in Verkennung der Tatsache, dass eine Vollmitgliedschaft in der amerikanischen Cosa Nostra grundsätzlich über die Herkunft geregelt ist.
mini|hochkant=1.2|Ursprünge der amerikanischen Cosa Nostra Angesichts des inflationären und falschen Gebrauchs des Begriffs Mafia für fast alle Formen von kriminellen Vereinigungen, Banden, organisierter Kriminalität und den darum gebildeten populären Mythen besteht die Gefahr, alle italienischen Einwanderer unter Generalverdacht zu stellen. Im Rahmen der Masseneinwanderung von Italienern handelt es sich aber, wie bei allen anderen Ethnien auch, um kriminelle Minderheiten. Es waren sogar ab dem Ende des 18. Jahrhunderts primär italienische Einwanderer unter den ersten Opfern der Black Hand Gang, dem Vorläufer der amerikanischen Cosa Nostra, sowie anderen Mustache Petes und deren Black-Hand-Erpressungen, da sie bereits in ihrer Heimat darin sozialisiert waren, den Drohungen ihrer kriminellen Landsleute ohne Widerstand nachzugeben.
Nach dem Ende der Alkoholprohibition 1933 schwand die Akzeptanz der Mobster in der US-amerikanischen Öffentlichkeit rapide. Offenbar wurden sie von großen Teilen der Bevölkerung bis dahin als notwendiges Übel eingestuft, um die Versorgung mit Alkohol (und Glücksspiel) zu gewährleisten.Dorigo 1993, S. 39.siehe Dickie 2006, S. 355. Nunmehr waren Politik und Behörden nicht mehr gewillt, die weiter wachsende Kriminalität zu akzeptieren.
Insbesondere nach dem Valentinstag-Massaker von 1929 in Chicago kam es zum Stimmungsumschwung in der Bevölkerung. Die Chicago Crime Commission veröffentlichte 1930 eine Liste von „Öffentlichen Feinden“ (engl.: Public Enemies), die von Al Capone, dem Boss des Chicago Outfit, angeführt wurde. Von diesem Zeitpunkt an wurde es – besonders in der Presse – üblich, ihn als „Staatsfeind Nr.1“ (Public Enemy No. 1) zu titulieren. Die Liste erhöhte den Verfolgungsdruck auf die darin gelisteten Personen enorm.
Nachdem man zunächst nur mit diversen Untersuchungsausschüssen gearbeitet hatte, wurde 1970 der RICO-Act erlassen. Dieses Gesetz ermöglicht es Bundesstaatsanwälten, Klage zu erheben, wenn eine Person in Verdacht steht, einer kriminellen Organisation anzugehören. Dies kann der Fall sein, wenn der Angeklagte innerhalb von zehn Jahren zwei von insgesamt 35 definierten Straftaten mit demselben Ziel oder Resultat begangen hat. Zunächst nur wenig bedeutend, wurde die Regelung dann in den 1980er Jahren in zunehmendem Maße angewendet. Mit Hilfe dieses Gesetzes gelang es zunächst, den „Mob“ in den USA zurückzudrängen.
Organisation
Hierarchie Vom Aufbau der Hierarchie entspricht die amerikanische Cosa Nostra im Wesentlichen der sizilianischen. Allerdings wurden die ursprünglichen Begriffe amerikanisiert.
Grundlage der Organisation bildet die sogenannte „Familie“, dabei ist der Begriff nicht wörtlich zu nehmen, da sie nicht wie bei der ’Ndrangheta aus Kalabrien tatsächlich auf Blutsverwandtschaft begründet ist. Jeder Familie steht ein Boss vor, der die Kommandogewalt innehat. Der Boss ist in aller Regel nicht mehr selbst in die Tagesgeschäfte verwickelt. Als Mitglied der sogenannten ehrenwerten Gesellschaft obliegt es ihm, Kontakte zu Vertretern der Politik, Behörden und Wirtschaft zu pflegen und dort die Interessen der Familie zu stärken, beispielsweise durch Korruption, Geldwäsche oder das Betreiben von Tarnfirmen.
Im Sinne der Omertà, der Schweigepflicht der Mitglieder der Mafia, wird er nach unten abgeschottet und überlässt das Tagesgeschäft dem „Underboss“. Die Kommandogewalt vor Ort übt ein „Streetboss“ aus, der als Kommandierender im Feld fungiert. Ein „Acting Boss“ übernimmt die Funktion des Boss, sollte das eigentliche Oberhaupt inhaftiert, oder dem Ruhestand nahe sein.
Wie in der legalen Wirtschaft auch, verfügt die „Familie“ über eine Stabsstelle, d. h. der Boss hat einen oder mehrere Consigliere als Berater. Teilweise hat sich ein Modus Operandi wie in einer legalen Aktiengesellschaft herausgebildet, so dass ein erfolgreicher Boss unter Umständen im Alter in die Position des Consigliere wechselt, so wie ein Geschäftsführer anschließend in den Aufsichtsrat bestellt wird.
Die einzelnen Gruppen werden dann von einem Capo bzw. Captain befehligt, der als Gruppenführer die Befehle direkt vor Ort umzusetzen hat. Die einfachen Mitglieder sind dann sozusagen die „Soldaten“. Gegenseitig wird der Begriff Mafioso nicht gebraucht; Vollmitglieder (Made Men) bezeichnen sich selbst oder andere als Man of Honor, One of Us, A Friend of Us.
Personen, die keine Mitglieder der Cosa Nostra sind – entweder weil sie noch getestet werden, aber auch weil ihre Mitgliedschaft aus ethnischen Gründen ausgeschlossen ist – gelten als Assoziierte („Associate“). Das Besondere in den USA ist die ausgedehnte Zusammenarbeit mit Assoziierten, die in der Vergangenheit fälschlicherweise als Vollmitglieder wahrgenommen wurden. Dies galt insbesondere für Personen jüdischer Herkunft, die von den Medien der Kosher Nostra zugerechnet wurden. Aber auch Gewerkschaftsbosse wie Jimmy Hoffa wurden als Mobster wahrgenommen.
Herrschaftspyramide: hochkant=1.5|mini|Struktur einer US-amerikanischen Mafia-Familie Boss ↔ Consigliere/Advisor/Right-Hand Man
Underboss (Acting Boss, Street Boss) Caporegime/Capo/Captain/Skipper: wurde ursprünglich Capodecina (Kopf von zehn) genannt, da dieser nur etwa zehn Soldaten beaufsichtigte Einfaches Mitglied: Made Man, Soldato, Full Member, Man of Honor (italienisch: uomo d'onore), One of Us, A Friend of Us
Assoziierter: („Associate“); Anwärter bzw. Verbündeter
Mitgliedschaft Auf Sizilien wird streng auf die Herkunft der Mitglieder geachtet: Es handelte sich bei Mafiosi grundsätzlich immer um Sizilianer. In den USA konnte diese Trennung innerhalb der Gruppen nicht aufrechterhalten werden. So öffnete sich die sogenannte Unione Siciliana schließlich auch Nicht-Sizilianern wie Al Capone, und der Sizilianer Lucky Luciano arbeitete sowohl mit dem Kalabresen Frank Costello als auch mit Vito Genovese, der Neapolitaner war, sowie mit einigen Nicht-Italienern eng zusammen. Vollmitglieder aber sind fast ausnahmslos rein italienischer Abstammung, da nur sie als vertrauenswürdig gelten. Der irische Auftragsmörder Frank Sheeran gehörte zu den sehr wenigen Nichtitalienern, die das FBI zu den Vollmitgliedern der amerikanischen Cosa Nostra zählte. Dies war aber eine sehr seltene Ausnahme. So konnte der berühmte Mobster Henry Hill, der Mitte des 20. Jahrhunderts ein Assoziierter der New Yorker Lucchese-Familie war, nie ein Mitglied der Cosa Nostra werden, da seine Mutter zwar sizilianischer Abstammung, sein Vater aber irischer Abstammung war. Dieser Umstand wurde 1990 in Martin Scorseses Film GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia erwähnt.