Die Kaiserlich Russischen Luftstreitkräfte () des Russischen Reiches existierten von 1910 bis 1917.

Entwicklung der russischen Luftstreitkräfte bis 1914

1904 gründete Nikolai Schukowski das weltweit erste aerodynamische Forschungsinstitut in Gattschina bei Sankt Petersburg.

1910 nahmen russische Flieger mit französischen Flugzeugen die erste Militärflugschule in Betrieb; darauf fand die Ausbildung im Sommer in Gattschina und im Winter in Warschau statt.

1911 fand in Gattschina die erste Schau von Militärflugzeugen statt. Erstmals nahmen Flieger an den großen Heeresmanövern teil.

1912 beschaffte die Marine 10–12 Wasserflugzeuge des Typs Voisin Canard. Als erste Freiwillige meldeten sich fünf Marineoffiziere zur Ausbildung. Die erste Seefliegerschule wurde in Katscha bei Sewastopol eröffnet. Später folgten Seeflugstationen in St. Petersburg, Reval, Libau und Sewastopol. Die heute noch erhaltenen Kaiserlichen Flugzeughallen im Hafen von Reval waren die ersten in Massivbauweise errichteten Hangars der Welt. Erstmals wurde mittels Funktelegrafie eine Funkverbindung von einem Flugzeug aus zu einem Kriegsschiff hergestellt.Centro di Studi Storico-Militari di Bologna: I Cavalieri del cielo – Nascita dell’aviazione Militare Italiana; Vortrag Dr. Renato Gentilini vom 17. April 2000 (italienisch)

Geflogen wurde überwiegend mit ausländischen Maschinen, die importiert oder in Lizenz in Russland hergestellt wurden. Die Armee nutzte deutsche Etrich-Tauben, Albatrosse und Aviatiks, französische Baumuster der Firmen Bréguet, Blériot, Deperdussin, Hanriot, Nieuport und Farman, dazu die viermotorige Russki Witjas, ein Riesenflugzeug des russischen Konstrukteurs Igor Sikorski. Die Marine verfügte über Flugboote der Typen Lévèque und Curtiss, dazu Doppeldecker der französischen Hersteller Farman, Astra, Breguet und Eindecker von Nieuport.

1914 unternahmen russische Flieger erstmals Flüge in die Arktis, um nach der dort verschollenen Expedition des Polarforschers Georgi Sedow zu suchen.

1914–1917

Die russischen Heeresflieger wurden von der Luftfahrtabteilung des Generalstabes in Sankt Petersburg geführt. Inspekteur der Luftstreitkräfte war General Helgard.

Mit einer Stärke von 244 Flugzeugen, davon 145 für den Fronteinsatz, dazu 4 Luftschiffen und 46 Fesselballons, lagen die Luftstreitkräfte der russischen Armee bei Kriegsausbruch nach der deutschen Fliegertruppe auf Rang zwei der kriegsführenden Mächte, noch vor der französischen, die über etwa 150 Flugzeuge verfügte. Hinzu kamen 12 Luftschiffe und 46 Ballons. Über 130 ausgebildete Piloten und ca. 100 Beobachter standen zur Verfügung.

Die Fliegerkräfte wurden auf 39 Fliegerkompanien (Eskadronen) zu je vier Flugzeugen und zwei Reserveflugzeugen verteilt.

Von vornherein erwiesen sich die mobilisierten Flugzeuge – Nieuports mit 70-PS-Motoren, Farman 16 und 22, sowie eine bunte Typenvielfalt von französischen Morane-Saulniers und Voisins, deutschen Albatrossen, Aviatiks und LVG, britischen Bristols und anderen Baumustern – als nur bedingt den Frontanforderungen gewachsen; insbesondere die geforderte Steiggeschwindigkeit von 11 Minuten auf 500 Meter war wesentlich zu gering, um sich dem Gewehrfeuer des Gegners entziehen zu können. Auch die ersten beiden Großbomber Sikorski Ilja Muromez erfüllten nicht die Erwartungen.

Die Truppe forderte nun eine Dienstgipfelhöhe von 3000 bis 4000 Metern und eine höhere, den Feindflugzeugen angemessene Fluggeschwindigkeit. Eine Flugzeugbewaffnung war nicht vorhanden, die mangelhafte Ausrüstung mit Fotomaterial verzögerte die Auswertung von Luftbildern, die Infanterie war nicht ausgebildet im Erkennen der eigenen Flugzeuge und nahm auch russische Besatzungen unter Feuer. Zur Artilleriebeobachtung und -feuerleitung aus der Luft fehlten alle Voraussetzungen.

Für die elf verschiedenen Motortypen fehlten Ersatzteile, pro Monat verließen nur 30–40 neue Flugzeuge die Flugzeugfabriken, deren Qualität hinter den Fronterfordernissen zurückblieb. Ingenieure und Facharbeiter waren voreilig eingezogen und an die Front geschickt worden. Die Nachschubsteuerung versagte; Flugzeuge wurden ohne Motoren an die Fliegereinheiten ausgeliefert, so dass zwei oder drei Flugzeuge sich einen Motor „teilen“ mussten. So bat der Führer der der IX. Armee zugeteilten Fliegerstaffel darum, dass ihm nur noch zwei Missionen pro Tag zugewiesen würden, da nur noch zwei Flugzeuge einsatzbereit seien. Ende 1914 war ein Großteil der Flugzeuge verbraucht, Einheiten mussten aus der Front gezogen werden, auch der Zukauf von einigen Morane-Saulnier Parasol und die Verwendung von Beuteflugzeugen konnten die Lücken nicht füllen.

Die Luftstreitkräfte, bis 1915 der Pioniertruppe zugeordnet, wurden als eigene Truppengattung direkt dem Oberkommando, der Stawka unterstellt.

Mitte 1915 befanden sich nach Zukauf französischer Flugzeuge etwa 350 Flugzeuge im Fronteinsatz. 233 Piloten durchliefen 1915 die Flugschulen, allerdings beliefen sich bis Dezember 1915 auch die Verluste der Flieger auf 30 %. Im Herbst 1916 verfügten die 75 Fliegerabteilungen an der Front über etwa 716 Flugzeuge, weitere 487 Piloten hatten die Flugschulen absolviert. Im Februar 1917 sollen über 1000 Flugzeuge im Einsatz gestanden haben.

Die Leistungsfähigkeit der Fliegerkräfte entwickelte sich von 1914 bis 1916 wie folgt:

Zeitpunkt Pilotenanzahl Einsätze Flugstunden September 1914 90 369 409 August 1915 192 1597 1672 August 1916 369 2116 3444

Jagdflieger

120px|mini|Der tödliche Rammangriff des Piloten Nesterow 120px|mini|Trümmer der zerstörten Albatros Am 26. August 1914 kam es zum ersten „Luftsieg“ des Krieges: Der russische Pilot Stabshauptmann Pjotr Nesterow rammte mit seinem unbewaffneten Nieuport-IV-Eindecker eine österreichische Albatros; der Zusammenstoß kostete seine Gegner und ihn das Leben. Stabshauptmann Alexander Kasakow, der die dem XIX. Armeekorps unterstellte Eskadron führte, nahm in seiner Maschine sogar ein langes Stahlseil mit, mit dem er die Tragflächen feindlicher Flugzeuge einreißen wollte. Auch er rammte ein Feindflugzeug und brachte es so zum Absturz.

Seit 1915 wurden Warschau und das Hauptquartier der Armee bereits von Abwehrstaffeln geschützt. Sukzessive wurden Lewis-MGs an die Fliegereinheiten ausgegeben. Trotzdem meldete der Chef der russischen Feldfliegerverwaltung am 31. Januar 1916, dass die technische Unterlegenheit der Flugzeuge und das Fehlen von Jagdfliegern jede eigene Luftaufklärung unmöglich machte. Eine im Frühjahr 1916 abgestellte französische Unterstützungsmission mit einer Jagdstaffel, einer Luftbildabteilung und einem Funktrupp sollte die Lage bessern, außerdem wurden im März die drei ersten russischen Jagdfliegerstaffeln gebildet und im Mai an die Front geschickt, gleichzeitig wurden neun weitere Jagdstaffeln aufgestellt, so dass jede Armee über eine Jagdstaffel verfügen sollte.Olaf Groehler: Geschichte des Luftkriegs, Berlin 1981, S. 44 Am erfolgreichsten kämpfte die bei Lutzk stationierte „Tod oder Ehre“-Eskadron unter dem Kommando von Stabshauptmann Alexander Kasakow. Mitte 1917 waren 11 Kampfstaffeln im Einsatz.

Die Luftüberlegenheit der Mittelmächte konnte jedoch nicht gebrochen werden. Insgesamt erzielten russische Flieger bis Oktober 1917 182 bestätigte Luftsiege bei eigenen Verlusten von 250 gefallenen Piloten und 70 Beobachtern sowie 54 Fliegern, die in Gefangenschaft geraten waren.

Siehe Liste russischer Jagdflieger im Ersten Weltkrieg

Bombenflieger

M. W. Schidlowski, der leitende Direktor der Russisch-Baltischen Waggonfabrik, die die viermotorigen Bomber Sikorsky Ilja Muromez produzierte, konnte trotz enttäuschender Leistungen der beiden zu Beginn des Krieges gelieferten Großflugzeuge durch persönliche Intervention im Kriegsministerium erwirken, dass deren Produktion nicht aufgegeben wurde, sondern den Grundstock eines strategischen Bombergeschwaders bilden sollte. Am 10. Dezember 1914 wurde unter Führung Schidlowskis, der zum Generalmajor ernannt wurde, die „Eskadra Wosduschnych Korablei“ (Эскадра воздушных кораблей) gebildet.

Diese „Staffel der fliegenden Schiffe“ startete ihre Einsätze ab Februar 1915 von Jablonna aus, ca. 40 Kilometer hinter den Linien in Polen. Im Laufe des Krieges brachte es die Staffel auf 442 Einsätze an der Front zu Deutschland und Litauen und mehr als 40 Luftsiege, wobei während des gesamten Krieges nur 2 Flugzeuge im Einsatz verloren gingen. Insgesamt 73 dieser Riesenbomber wurden hergestellt, etwa die Hälfte davon gelangte in den Kriegseinsatz.

mini|Sikorsky Russki Witjas mini|Sikorsky Russki Witjas

Marineflieger

Die Marineflieger in Ostsee und Schwarzem Meer blieben weiterhin den russischen Seeaufklärungskräften unterstellt, sie wurden erst 1916 in einem eigenständigen Geschwader zusammengefasst.

Im Schwarzen Meer ließ die russische Marine seit 1915 die beiden Frachtschiffe „Imperator Nikolai I.“ und „Imperator Alexander I.“ und die ehemalige Yacht „Almas“ zu Flugzeugmutterschiffen umbauen. Diese Schiffe konnten 6–8 Seeflugzeuge, die „Almas“ maximal 3 aufnehmen. Auch andere Kriegsschiffe konnten einzelne Flugzeuge zum Einsatz bringen, so der Kreuzer „Kagul“, von dem 1915 ein Curtiss-Wasserflugzeug gegen die Dardanellen eingesetzt wurde. Später kamen noch einige rumänische Schiffe hinzu. Außer Sichtweite, also etwa 30 bis 40 Meilen vom Angriffsziel entfernt, wurden die Flugzeuge von den Mutterschiffen zum Start abgesetzt; die Verständigung Flugzeug-Schiff erfolgte mangels Funkgerät über Rauchsignale.

Nach der Umgliederung 1916 operierten im Schwarzen Meer zwei Seefliegerbrigaden zu je drei „Diwisij“ (Divisionen) mit je drei „Otrjadi“ (Abteilungen) in Stärke von je acht Piloten und acht Flugzeugen sowie acht Reserveflugzeugen. Neben der Aufklärung und Bekämpfung feindlicher Schiffe waren die Unterstützung der rumänischen Streitkräfte und die Bekämpfung feindlicher Marineeinrichtungen die wesentlichen Operationsziele.

Flugzeugproduktion

Während man sich um Lieferung von Flugzeugen durch die Verbündeten bemühte, wurden auch zahlreiche Anstrengungen unternommen, die eigene Flugzeugproduktion zu steigern und weitere Fabriken zu bauen:

Jahr Flugzeugwerke Motorenwerke Propellerwerke 1914 8 2 1915 9 5 1 1916 10 6 2 1917 11 6 2

Der Plan sah für 1915 bereits eine monatliche Produktionsmenge von 140 Nieuport-Eindeckern und 8 Farman-Doppeldeckern vor, die durch die russische Industrie geliefert werden sollten. 1916 sollen 1.769 Flugzeuge und 660 Motoren produziert worden sein, verlässliche Zahlenangaben fehlen jedoch.

Nachschublieferungen der Ententemächte waren von deutschen U-Booten bedroht – allein die torpedierte „King David“ versank mit 46 Flugzeugen auf dem Weg nach Archangelsk. Trotzdem lieferten die Verbündeten etwa 900 Flugzeuge und 1300 Motoren an Russland.

Aufgrund der logistischen Schwierigkeiten und der großen Abhängigkeit von Flugzeug- und Motorenlieferungen der Verbündeten gelang es der russischen Armee im Verlauf des Krieges trotz aller Bemühungen daher nicht, eine schlagkräftige Luftwaffe aufzubauen. Die russische Flugzeugproduktion von 1914 bis 1917 lieferte wesentlich weniger als die der vergleichbaren kriegsteilnehmenden Nationen.