Der Naturalismus und Realismus in Lateinamerika sind von Europa importierte literarische Strömungen Ende des 19. Jahrhunderts.

Allgemein Im Gegensatz zu Europa sind der Naturalismus und Realismus zur gleichen Zeit in Lateinamerika aufgetreten und weisen somit nur geringfügige Unterschiede auf. Man spricht auch von der der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen (Rössner, 2002, S. 198). Aus Europa importiert werden vor allem Flaubert, Zola und Eça de Queirós als Vorbilder gesehen und von vielen Autoren Lateinamerikas genutzt. Während dieser literarischen Zeit stellte man sich gegen den Subjektivismus und wandte sich völlig von dem romantischen Formgefühl ab.

Die Welt wird unter dem Aspekt der Wahrscheinlichkeit dargestellt. Der agierende Mensch wird durch sein Umfeld bestimmt. Der Realist und Naturalist ist auf eine genaue Darstellung der Welt und des geistigen Antriebs der Menschen bedacht. Er richtet sein Interesse auf Stadt und Land.

Sowohl der Darwinismus als auch der Positivismus nehmen Einfluss auf den Realismus. Die rationale Auslegung der Realität bildet den Kontrast zu der Romantik. Die bis zu diesem Zeitpunkt unantastbaren Themen wie Homosexualität werden im Naturalismus aufgegriffen.

Gattungen Romane Die Intention der Romanautoren jener Zeit besteht darin, in das Bewusstsein der Gesellschaft zu gelangen, indem sie die Wirklichkeit real und unverklärt darstellen. Als einer der wichtigsten Vertreter gilt der chilenische Autor Alberto Blest Gana (1830–1920) mit seinem bekanntesten Roman Martín Rivas (1862), in welchem er die sozialen Aufstieg eines jungen Mannes aus der Mittelklasse beschreibt.

Erzählungen ...trata de mostrar la realidad tal cual es, como espejo de lo cotidiano.

Die lateinamerikanischen Autoren figurieren in ihren Erzählungen die Lebensverhältnisse, in denen sich die Menschen der damaligen Zeit befanden. Unter anderen werden die Themen der Versklavung der Bauern in den Antillen und die Vertreibung der Gauchos aufgegriffen. Die Erzählung erhält, durch die Schilderung der Umgebung und die präzise Typisierung der Figuren, eine bestimmte Struktur. Das sich verändernde Milieu nimmt Einfluss auf die Entfaltung der Charaktere. Zwei der wohl bekanntesten Vertreter dieser literarischen Bewegung sind Javier de Viana (1868–1926) und Baldomero Lillo (1867–1923).

Vertreter Baldomero Lillo Biografie Baldomero Lillo gilt als chilenischer Vertreter des Naturalismus und Realismus in Lateinamerika, der vor allem durch seine zahlreichen Erzählungen bekannt geworden ist.

Er wurde am 6. Januar 1867, als Sohn des Bergwerkangestellten José Nazario Lillo Mendoza, in Lota geboren.

Als Kind besuchte er zunächst sporadisch die Schule. Neben der Schule in Bucalebu (1876) und dem Liceo (ab 1883) unterrichtete ihn auch seine Mutter, Mercedes Figueroa, in Lesen und Schreiben. Nach der Schule arbeitete er als Verkäufer in einem Gemischtwarenladen in Lota.

1897 folgte die Hochzeit und 1898 der Umzug nach Santiago de Chile. In der Hauptstadt verbesserte er seine finanzielle Situation durch eine Anstellung bei einer Versicherungsgesellschaft und anschließend als Verwaltungsbeamter der Universidad de Chile. Des Weiteren war er als Mitarbeiter der Zeitungen Zig Zag, Pacífio Magazine, Las Ultimas Noticias und El Mercurio tätig. Nach jahrelangem Lungenleiden starb er am 10. September 1923 in San Bernardo bei Santiago.

Literarische Entwicklung Baldomero Lillo wird nicht zuletzt durch seine 45 Erzählungen als einer der Hauptvertreter der Kurzerzählungen in Chile in der Zeit der Jahrhundertwende bezeichnet. Auch die für die damalige Zeit nicht bestehende Thematik und Art der Literatur machen ihn zu einem bis in die heutige Zeit gern gelesenen Autor jener Zeit.

1903 wurde sein Werk Juan Fariña in der Zeitung Revista Católica veröffentlicht. Im darauf folgenden Jahr erschien sein Buch Sub terra, bestehend aus 13 Erzählungen. Darunter Caza mayor, Juan Fariña, La compuerta Nº12, Los inválidos, El grisú, El pago, El chiflón del Diablo, El pozo, La mano pegada, La barrena, Era él solo, Cañuela y Petaca, El registro.

Seine 2. Sammlung folgte 1907 mit dem Titel Sub sole. Jene enthält die folgenden 12 Werke: El rapto del sol, Irredención, En la rueda, Las nieves eternas, Víspera de difuntos, El oro,El remolque, El alma de la máquina, Quilapán, El vagabundo, Inamible, La trampa.

Sein Werk La huelga, welches das Arbeitermassaker von 1907 thematisiert, blieb aufgrund fehlender Informationen und seines immer schlechter werdenden Gesundheitszustand unvollendet. Weitere, zum Teil aus seinem Nachlass stammende, Skizzen und Erzählungen wurden in späteren Sammlungen veröffentlicht.

Werke Sub terra Die von Baldomero Lillo bekannteste Sammlung thematisiert das Leben der Bergarbeiter von Lota und Coronel, wobei seine persönlichen Erlebnisse eine gute Basis dafür darstellten. Der zolasche Naturalismus war ihm dabei ein Vorbild. In den Werken fließen seine Betrachtungen mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten zusammen. Neben den Minenarbeitern werden auch die nordamerikanischen Kapitalisten, und die gewissenlosen Ausbeuter sowie die indianischen Peone beschrieben. Eine direkte Beschuldigung der schlechten Situation der Minenarbeiter erfolgt nicht. Es erscheint als eine reine Darstellung von Handlungen und den psychischen Zuständen der einzelnen Personen. Die von ihm verwendeter sprachliche Gestaltung passt sich der von ihm beschriebenen Gesellschaft an und lässt seine Sprache facettenreich wirken.

Sub sole Wie unter dem Titel schon erkennbar ist, vereinigen sich 12 Erzählungen unter den Strahlen der Sonne und des Lichtes, wobei sich jede einzelne thematisch unterscheidet. Die Bräuche des Volkes, die kindliche Misshandlung , das Leben der Bauern, die Fantasie und die Symbolik sind einige der Motive, die in der Sammlung Sub sole verarbeitet werden. Neben der klaren realistischen Darstellung lässt er feine Züge von Menschlichkeit in seinen Werken zu. Laut Rafael Maluenda spiegeln die Erzählungen El rapto del sol, Irredención, Las nieves esternas und El oro den Kern des Sammelbandes wider, da sie einen moralischen Gedanken umfassen wie zum Beispiel die allumfassende Liebe und die menschliche Selbstgefälligkeit. Lillo bedient sich in Sub sole nicht ausschließlich des Realismo und Naturalismo, sondern auch zu kleinen Teilen Modernismo.

El oro

Inhalt

Ein Adler blickte von seinem Nest aus in den Felsen auf einen funkelnden Punkt, der ein Sonnenstrahl war. Da die Sonne bereits unterzugehen schien, versuchte der Adler, ihn mit seinem Schnabel zu fangen und ihn zurück zur Sonne zu befördern. Doch sein Schnabel verbrannte bei dem Versuch, und der Sonnenstrahl fiel auf die Erde. Die Magier erkannten nach langer Zeit des Rätsels Lösung. Es handle sich um eine Strähne der Sonne, und jeder, der versuchen wollte, diese zu fangen, werde ein unsterbliches Leben führen. Dafür war es aber notwendig, jede Spur von Mitgefühl oder Liebe zu entfernen. Und so geschah es, die Liebe wurde aus dem Leben verbannt und mit gierigem Blick nach dem Pulver aus Sonnenstrahlen, dem Gold, gejagt. Einige ließen ihr Leben aufgrund ihres feindseligen Ehrgeizes. Der Sonnenstrahl wanderte mit seinen Spuren über Felder und Flüsse. Auch der Adler fing den Strahl wieder ein. So verging die Zeit, und eines Tages sagte die Liebe zu dem Adler, dass ihre Herrschaft abgeschlossen ist. Folglich blickte der Vogel auf die Erde und sah viele beschäftigte Männer, die dabei waren, das Gold aus der Erde ziehen, und bemerkte, dass Gold zwar ein schönes Metall sei, aber mit den Karat von Arroganz, Egoismus und Ehrgeiz.

Deutung

Mit der Erzählung El Oro komplementiert Baldomero Lillo seine Geschichtensammlung Sub Sole von 1907. In dieser Geschichte wird die Arroganz und Selbstsüchtigkeit der Menschen thematisiert. Der Titel ist neben der wörtlich zunehmenden Bedeutung, Gold als ein Metall von unschätzbarem Wert, auch ein Symbol für die Werte des Lebens. Sowohl Solidarität als auch Liebe sind weitere zentrale Themen. Lillo verwendet in dieser Geschichte hauptsächlich abgedroschene Zeichen, wie die Sonne und den Adler. Seine Intention ist, aufzuzeigen, dass die Menschen selbst ihr wichtigstes Gut, das der Liebe, aufgeben würden, um materielle Bereicherung zu erfahren. Diese Tatsache führt zu einem verstärkten egoistischen Handeln.

In dieser Erzählung lässt Lillo viele modernistische Elemente einfließen, besonders die der Symbolik und Imagination, die ihn von den anderen Autoren des Realismus/Naturalismus unterscheiden. Dennoch ist die detailreiche Beschreibung durchaus ein anschauliches Merkmal, das dem des Naturalismus zugeordnet werden kann. Mit den letzten Worten des Adlers überträgt Lillo dem Leser die Moral der Geschichte.

Federico Gamboa Biografie Federico Gamboa ist einer der bedeutendsten Vertreter des Naturalismus in Mexiko. Seine Vielseitigkeit zeigt er in allen drei literarischen Gattungen, der Epik, der Lyrik und der Dramatik. Neben Romanen schrieb er Erzählungen, Dramen und Memoiren.

Am 22. Dezember 1864 wurde er in Mexiko-Stadt geboren. Gamboa verbrachte einige Stationen seines Lebens im Ausland, unter anderem in Guatemala, Buenos Aires, Brüssel und New York. Mit bereits 24 Jahren reiste er als Diplomat nach Brasilien, Argentinien und in die Vereinigten Staaten. Er konnte professionell aus dem Englischen übersetzen. Im Jahre 1913 ging er ins Exil. Als er 1923 zurückkehrte, arbeitete er als Hochschullehrer für Literatur und internationales Recht. Federico Gamboa ist am 15. August 1939 in Mexiko-Stadt gestorben.

Literarische Entwicklung In den Werken von Federico Gamboa ist eine klare Trennung zwischen Realismus und Naturalismus nicht ersichtlich. Die Grenzen scheinen ineinander über zu gehen. Seine Werke zeichnen sich durch eine detailreiche objektive Schilderung aus. Gekonnt involviert er seine Charaktere in das soziale Umfeld. Dennoch können seine Personen nur eingeschränkt agieren. Eines seiner ersten Werke, indem er seine exakten Beschreibungen einfließen ließ, war Del natural (1888). Seine starke Orientierung am Katholizismus unterscheidet ihn von dem Naturalismus in Frankreich und Spanien. Dennoch sind die literarischen Einflüsse von Zola und Bourget erkennbar. Durch die Anlehnung an Zola gelingt es Gamboa, die Zustände so exakt wie möglich zu erläutern. Von Bourget geht das Kriterium, die menschliche Psyche genauestens zu erforschen, aus. Ein Grundelement, das in seine Arbeiten ausmacht, ist die Aufrichtigkeit. Dabei verbreitete er die Idee des Sincerismo. Dennoch musste sich Federico Gamboa wie jeder Schriftsteller Kritik unterziehen. „Azuela“ vergleicht seine naturalistische Schreibweise als einen Mischmasch von Prüderie und Sinnlichkeit (Reichhardt, 1972, S. 494/495). Den Kritikern zufolge ist neben dem extremen Pathos in seinen Werken durchaus auch die Tendenz zu moralisieren zu finden. Seine Autobiografie veröffentlichte er unter dem Titel Impresiones y recuerdos (1893) und einige andere Bände unter dem Namen Mi diario (1908–1939).

Mit den Werken La última campaña(1894), La venganza de la gleba (1905) und Entre hermanos (1928) wurde Federico Gamboa als Dramaturg bekannt.

Auszug aus seinen Werken Seine Geschichte Apariencias (1892) stellt eine Liebesbeziehung zwischen einer jungen Adoptivmutter zu ihrem Adoptivsohn dar, bei der der davon wissende Adoptivvater diese am Ende dazu zwingt, miteinander weiter zu leben und nicht die eher denkbare Alternative zu begreifen, den Adoptivsohn umzubringen. Diese in Frankreich spielende Ehebruchsgeschichte ist durch eine präzise Beschreibung des Milieus gekennzeichnet.