mini|Conrad Weitbrecht, Selbstbildnis im Alter von etwa 24 Jahren
Conrad Weitbrecht (* 24. Mai 1796 in Ernsbach; † 15. Juli 1836 in Stuttgart) war ein deutscher Bildhauer und Zeichner des Spätklassizismus und Kunstprofessor in Stuttgart.
Sein plastisches Werk besteht ausschließlich aus Reliefs. Er schuf fünf Reliefzyklen, von denen nur sein Hauptwerk, der Vierjahreszeitenfries in Schloss Rosenstein in Stuttgart ausgeführt wurde, während die anderen als Stichfolgen veröffentlicht wurden. Für die Hüttenwerke in Wasseralfingen schuf er als stilistischer Neuerer ab 1818 eine Vielzahl von Entwürfen für den Eisenkunstguss.
Weitbrechts Reliefs und Zeichnungen zeichnen sich aus durch „dem Leben abgelauschte, volksnahe Inhalte“, die er „mit den Formidealen der klassizistischen Tradition“ verband.#Baumhauer 1961. Sein Vorlagenwerk, die 1833 veröffentlichte Ornamenten-Zeichnungs-Schule fand eine gute Aufnahme und weite Verbreitung.
Leben Herkunft Georg Conrad Weitbrecht wurde am 24. Mai 1796 in Ernsbach, heute ein Stadtteil von Forchtenberg im Hohenlohekreis im Kochertal, geboren. Er entstammte der Schorndorfer Linie der Weitbrecht-Familie. Sein Vater war der in bescheidenen Verhältnissen lebende Hutmachermeister Johann Konrad Weitbrecht (1756–1828), ein Sohn des Hutmachers Abraham Weitbrecht in Schorndorf.
Der Vater ließ sich in Güglingen nieder, wo er 1781 Marie Christine Elisabeth Kubach (1754–1812) heiratete, die Tochter des Sattlermeisters und Zollbeamten Johann Christoph Kubach. Um 1788 zogen die Eltern nach Ernsbach, wo ihr Sohn Conrad geboren wurde. 1810 zog die Familie in das 20 Kilometer entfernte Bonfeld um.#Wintterlin 1896.2, S. 334.
Ausbildung Als Knabe schnitt Weitbrecht aus den Filzabfällen seines Vaters Figuren, die das keimende Talent des Jungen erkennen ließen. Die Bonfelder Gutsherren wurden auf die Begabung des Jungen aufmerksam und ließen ihn zusammen mit ihren eigenen Söhnen unterrichten. Der Kunstsammler, Kunstmäzen und Schriftsteller Karl Friedrich Emich von Uexküll-Gyllenband, ein in kinderloser Ehe lebender Freund der Gutsfamilie, wurde ebenfalls auf den 14-jährigen Jungen aufmerksam. Er nahm ihn mit nach Stuttgart und ließ ihm dort eine bessere Schulbildung angedeihen. Da Conrad Weitbrecht Maler werden wollte, schickte Uexküll-Gyllenband ihn 1813 und 1814 auf die Privatkunstschule des Bildhauers Johann Heinrich Dannecker, wo er zeichnen und modellieren lernen sollte und sich dort mit den Mitschülern Wilhelm Gangloff, der bereits 1814 starb, und dem englisch-italienischen Maler Trajano Wallis aus Florenz austauschte. Das Kopieren von Gipsmodellen befriedigte ihn und seinen Freund Gangloff jedoch auf Dauer nicht. Zur Ausbildung in der Malerei sandte Uexküll-Gyllenband seinen Schützling 1815/1816 auf die Kunstakademie in Mailand und 1816/1817 auf die Kunstakademie in Florenz. Seine dort geschaffenen Arbeiten fanden wenig Anklang, und er musste erkennen, dass seine Begabung nicht im Feld der Malerei lag.
Berufsleben Bruckmann Nach seiner Rückkehr aus Italien fand Weitbrecht um die Jahreswende 1817/1818 eine Anstellung als Ziseleur bei der Silberwarenfabrik Peter Bruckmann & Söhne in Heilbronn. Der künstlerisch gebildete Peter Bruckmann wollte die branchenüblichen Formen des Zopfstils durch antike Formen ersetzen, und dazu war ihm der ebenfalls künstlerisch gebildete Weitbrecht willkommen. Weitbrecht erlernte schnell die Technik des Gravierens, jedoch können ihm keine einzelnen Werke der Fabrik zugeordnet werden, da diese nicht namentlich bezeichnet wurden.
In seiner Freizeit fertigte der kinder- und menschenfreundliche Künstler zahlreiche Genrezeichnungen an, wozu ihm als Modell die Bruckmannsche Familie und ihre Kinder dienten. Er konnte darin seiner Beobachtungslust freien Lauf lassen und musste sich bei der Ausführung keinem strengen Stilzwang unterordnen. An seinen plastisch empfundenen Umrisszeichnungen lässt sich die Verwandlung des Künstlers vom Maler zum Reliefbildhauer ablesen. Die Genrezeichnungen nach Bruckmannschen Familienszenen bildeten die Grundlage des nicht realisierten Reliefzyklus Die Hausfrau, der posthum in einer lithographischen Sammelmappe 1838 erschien. Außerdem begann er in dieser Zeit den Zyklus Die Straße.
Wasseralfingen Ende 1823 wurde Weitbrecht als Modelleur in den Wasseralfinger Hüttenwerken angestellt, bei freier Wohnung und Atelier im Schloss Wasseralfingen. Während seines Probejahrs schuf er eine beeindruckende Anzahl von Zeichnungen und Modellen.#Wintterlin 1896.2, S. 343–344. Daneben betrieb er eine Zeichenschule für Formerlehrlinge. Nach dem Probejahr ernannte ihn 1825 König Wilhelm zum Inspektor der Formerei im Rang eines Bauinspektors.
Seine Hauptaufgabe in den Hüttenwerken bestand darin, den Eisenkunstguss zu erneuern und den veralteten Zopfstil durch eine klassische Formensprache zu ersetzen. Er schuf ein umfangreiches Repertoire von Eisengussmodellen für Ofenplatten, Uhrgehäuse, Ziervasen, Kandelaber und andere kunstgewerbliche Gegenstände. Dabei bediente er sich klassischer Ornamente und flochte Genreszenen aus dem Alltag der einfachen Bevölkerung mit ein. Nebenbei entstand der Zyklus Wasseralfinger Studien über die Arbeit im Berg- und Hüttenwerk Wasseralfingen.
„Vierjahreszeitenfries“ und Italienreise 1825 erteilte ihm König Wilhelm den Auftrag, für das im Bau befindliche Schloss Rosenstein einen Relieffries zu dem Thema „Das Landleben im Lauf der Jahreszeiten“ zu schaffen. Von 1826 bis 1828 schuf Weitbrecht 38 Einzelszenen für den 65 Meter langen Gipsfries. Der Vierjahreszeitenfries gilt als sein Hauptwerk und wurde als einziger seiner fünf Reliefzyklen realisiert und als Grafikmappe mit 70 Einzelszenen gedruckt.
In Anerkennung seiner Verdienste gewährte ihm König Wilhelm ein Stipendium für eine Studienreise nach Italien. Außer seiner jährlichen Besoldung von 800 Gulden erhielt er einen Reisezuschuss von 1000 Gulden. Er brach im August 1828 mit seiner Frau und seinem Adoptivsohn Konrad Deschner nach Italien auf. In Florenz, in Neapel und vor allem in Rom fertigte er Skizzen von antiken Kunstwerken an. Er erstellte in Rom, in der Werkstatt des Bildhauers Bertel Thorvaldsen, seine beiden ersten Marmorreliefs. Nach der lang ersehnten Geburt eines Sohnes am 23. März 1829 musste die geplante Rückreise wegen dessen schwächlicher Gesundheit zweimal verschoben werden, so dass sich Weitbrechts Aufenthalt mit Genehmigung des Königs von einem Jahr auf anderthalb Jahre verlängerte. Sein Reisezuschuss wurde vom König nach den beiden Verlängerungen des Aufenthalts um je 700 Gulden aufgestockt.
Lehrer und Professor Nach seiner Rückkehr aus Italien erhielt Weitbrecht im November 1830 eine Anstellung als Lehrer für Zeichnungs- und Modellierunterricht an der Stuttgarter Kunstschule mit einem Gehalt von 1400 Gulden. Er verlegte seinen Wohnsitz nach Stuttgart in die Friedrichstraße 2, behielt aber seine Funktionen in Wasseralfingen bei. 1832 wurde er als 2. Hauptlehrer an die Stuttgarter Gewerbeschule, das spätere Polytechnikum, für den Zeichenunterricht im Ornamentfach berufen und zum Professor ernannt. Da acht seiner Schüler später selbst Unterricht erteilten, erhielt er den Titel „Stammvater (des) gesamten württernbergischen kunstgewerblichen Unterrichts“.#Landesmuseum 2006. 1833 veröffentlichte er auf der Grundlage seiner italienischen Skizzen und eigener Entwürfe eine „Ornamenten-Zeichnungs-Schule in 100 Blättern für Künstler, Manufakturisten und Gewerbsleute“, die eine gute Aufnahme und weite Verbreitung erfuhr.#Weitbrecht 1833.
Familie mini|hochkant|Grabmal von Conrad Weitbrecht
Conrad Weitbrecht heiratete im Alter von 24 Jahren 1821 die gleichaltrige, mittellose Anna Maria („Marie“) Zimmermann aus Fulda (1796–1877), die Tochter eines Hofchirurgen. 1826 starb Weitbrechts Schwester Christina Sophia Deschner geb. Weitbrecht, die mit dem Schneider Christoph Deschner verheiratet war. Die bis dahin kinderlos gebliebenen Weitbrechts adoptierten den halbverwaisten Sohn Konrad Deschner (1823–1863), der später Zeichenlehrer in Heilbronn wurde und eine Sammlung elementarer Zeichenvorlagen herausgab.#Bieg 1996, S. 10, #Wintterlin 1896.2, S. 349, pdf.
Während eines Studienaufhalts in Rom kam 1829 Weitbrechts Frau nach siebenjähriger Wartezeit mit einem Sohn nieder, den die Eltern auf den Namen Felix Bernhard Weitbrecht (1829–1858) tauften. Felix Bernhard Weitbrecht wurde Rechtsanwalt, starb aber noch vor seinem dreißigsten Lebensjahr.#Pfeiffer 1912.
Conrad Weitbrecht starb am 15. Juli 1836 an einem Lungenleiden im Alter von 40 Jahren in Stuttgart. Er wurde auf dem Hoppenlaufriedhof begraben. Seine Frau Marie heiratete in zweiter Ehe den Oberbaurat Friedrich Bernhard Adam Groß (1783–1861). Sie starb 1877 und wurde ebenfalls auf dem Hoppenlaufriedhof begraben.#Pfeiffer 1912.
Werk → Spaltensortierung Eine Spalte sortieren: das Symbol Datei:Sort both small.svg im Spaltenkopf anklicken. Nach einer weiteren Spalte sortieren: Umschalttaste gedrückt halten und das Symbol Datei:Sort both small.svg anklicken.
Reliefzyklen Bild Jahr Werk 1820–1830 Die Straße.Zeichnungen, Vorlagen für einen nicht realisierten Relieffries.#Schahl 1980, Seite 99–105.Abbildung: Zwei Steinklopfer und vierspännige Postkutsche. 1823–1832 Wasseralfinger Studien über die Arbeit im Berg- und Hüttenwerk Wasseralfingen.46 Zeichnungen, Vorlagen für einen nicht realisierten Relieffries.#Baumhauer 1961, #Schahl 1980, Seite 52–80.Abbildung: Werkstätte des Ziseleurs. 1826–1828 Die vier Jahreszeiten.#Schahl 1980, Seite 11–59, #Holst 1993.1, Seite 430–433.Gipsrelieffries aus 38 Einzelszenen in Schloss Rosensteinin Stuttgart. Der zugrundeliegende Grafikzyklus #Weitbrecht 1850 enthält 70 Reliefvorlagen.Abbildung: Traubentreten. 1830–? Der Dorfbrand (Das Lied von der Glocke).18 Zeichnungen, Vorlagen für einen nicht realisierten Relieffries.#Schahl 1980, Seite 80–98.Abbildung: Sturmläuten und Rettung der Familie. bis 1836 Die Hausfrau.17 Zeichnungen, Vorlagen für einen nicht realisierten Relieffries.#Weitbrecht 1838, #Schahl 1980, Seite 106–123, #Holst 1993.1, Seite 435–436.Abbildung: Morgengebet.
Einzelreliefs Bild Jahr Werk Abbildung 1820 Mutter und Kinder, Gipsrelief, Staatsgalerie Stuttgart.Staatsgalerie Stuttgart, Sammlung digital. Abbildung 1828–1829 Ein Knabe läßt sich einen Dorn ausziehen, Marmorrelief, Staatsgalerie Stuttgart.#Bieg 1996, Seite 23, 35, #Holst 1993.1, Seite 434–435. 1829 Ein Mädchen reicht einem blinden Greis einen Krug, Marmorrelief, Staatsgalerie Stuttgart.#Bieg 1996, Seite 37, 39, 41, 42 („Gegenstück“). Abbildung 1830~ Lernender Knabe, Marmorrelief, Staatsgalerie Stuttgart. 1840 Tafel des neuen Testaments, Lithographie von Eberhard Emminger nach einer Zeichnung von Conrad Weitbrecht.#Nagler 1851. 1842 Christus schwebend von den Gläubigen angebetet, Lithographie von Eberhard Emminger nach einer Zeichnung von Conrad Weitbrecht für ein Elfenbeinschnitzwerk.#Nagler 1851.
Eisenguss Siehe auch: #Bieg 1996, Seite 11–16, #Hellwag 1913, #Schaller 1912, #Wintterlin 1896.2, Seite 343–344.
Rezeption In seiner kurzen Lebenszeit schuf Conrad Weitbrecht fünf Reliefzyklen, zahlreiche Eisengussentwürfe für die Wasseralfinger Hüttenwerke und eine Vielzahl von zeichnerischen Einzelwerken. Heute ist er fast unbekannt; ein Schicksal, das er mit vielen anderen württembergischen Künstlern teilt.