mini|Frontansicht des Museum Folkwang mit dem von David Chipperfield entworfenen Neubau. Aufgenommen am Eröffnungswochenende im Januar 2010.

Das Museum Folkwang ist ein Kunstmuseum in Essen. Es wurde 1902 in Hagen von dem Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus unter dem Namen Folkwang Museum eröffnet und hatte lange Zeit eine Vorreiterrolle im Bereich der Modernen Kunst. Nach dem Tod von Osthaus 1921 wurde seine Sammlung nach Essen verkauft, wo sich der Folkwang-Museumsverein mit dem Ziel konstituiert hatte, sie zu erwerben. Seitdem wird die Sammlung dort weitergeführt. Sie steht seit 1922 im gemeinsamen Eigentum des Folkwang-Museumsvereins und der Stadt Essen und enthält Werke des Impressionismus, des Expressionismus, des Surrealismus und weiterer Stilrichtungen der Modernen Kunst. Zudem besitzt das Museum Folkwang Objekte des Kunstgewerbes, eine graphische und eine photographische Sammlung. Während der Zeit des Nationalsozialismus verlor das Museum in der „Aktion Entartete Kunst“ 1.400 Werke, darunter bedeutende Bestandteile der Sammlung. Nach dem Krieg konnten diese Verluste größtenteils durch Rückkauf oder Neuerwerbungen ersetzt werden. 2006 gab die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung bekannt, den Neubau des Museums Folkwang zu finanzieren. Nach zwei Jahren Bauarbeiten wurde der von David Chipperfield entworfene Neubau im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres RUHR.2010 am 28. Januar 2010 offiziell eröffnet.

Geschichte Gründung in Hagen mini|hochkant|Porträt von Karl Ernst Osthaus. Gemälde von Ida Gerhardi, 1903

Der erst 24-jährige Bankierssohn Karl Ernst Osthaus, der von seinen Großeltern mütterlicherseits ein bedeutendes Vermögen geerbt hatte, entwickelte um 1898 die Idee für ein eigenes Museum in Hagen. Er beabsichtigte, dort seine private Sammlung naturwissenschaftlicher, volkskundlicher und kunstgewerblicher Objekte auszustellen, die er auf ausgedehnten Reisen durch Europa, den Vorderen Orient und Nordafrika mit dem ererbten Geld erworben hatte. Sein Ziel sah er darin, mit dem Museum „zu einer Verbesserung des öffentlichen Geschmacks beizutragen“.Andres Lepik: Die Zurückführung der Kunst ins Leben: Karl Ernst Osthaus und das Museum Folkwang. S. 302. Er beauftragte den Architekten Carl Gérard aus Berlin mit dem Hagener Museumsneubau, der zwischen 1899 und 1902 mit einer eklektizistischen Fassade, die Neorenaissance-, Neugotik- und Neobarock-Elemente vereint, entstand. (PDF) auf museumskunde-online.de (abgerufen am 26. September 2009). 1899 unternahm Osthaus eine Reise nach Tunesien, von der er islamische Kunstwerke mitbrachte. Er beschloss, ein Kunstmuseum aufzubauen. Diese Neuausrichtung seines Museumsprojektes verdrängte die naturwissenschaftliche Komponente nicht aus dem Projekt, weil Osthaus in der ästhetischen Qualität der Natur die Grundlage für die Kunst sah.Museum Folkwang (Hrsg.): Museum Folkwang. Eine Schule des Sehens. Prestel, München 2005, S. 19. Im Jahr 1900 nahm Karl Ernst Osthaus Kontakt mit dem belgischen Künstler Henry van de Velde auf und stellte ihm seine Idee der Gründung eines Museums, das der Kunst in der Industrieregion des Ruhrgebiets einen höheren Stellenwert verschaffen sollte, vor.Museum Folkwang (Hrsg.), München 2005, S. 17. Van de Velde begleitete das Museumsprojekt, gestaltete die Innenausstattung im Jugendstil und beriet Osthaus, der vorher vor allem an deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts aus der Umgebung der Düsseldorfer Malerschule interessiert war, bei seinen Ankäufen von belgischen und französischen Kunstwerken. Auf den Belgier geht vor allem Osthaus’ Hinwendung zur Moderne zurück.Georg-W. Költzsch: Phoenix Folkwang. Die Meisterwerke. DuMont-Literatur-und-Kunst-Verlag, Köln 2002, S. 14. Es folgten bedeutende Erwerbungen wie die Lise mit dem Sonnenschirm von Pierre-Auguste Renoir, die Osthaus 1901 bei Paul Cassirer kaufte. 1902 erwarb er unter anderem Die Ernte von Vincent van Gogh. Es war das erste Werk des Niederländers, das in einer deutschen Museumssammlung Einzug hielt.

Am 9. Juli 1902 wurde das Folkwang Museum eröffnet, dessen von Peter Behrens entworfener Vortragssaal erst im Jahr 1905 fertig wurde. Es enthielt im Untergeschoss die naturkundliche und im Erdgeschoss die kunstgewerbliche Sammlung, im Obergeschoss befand sich die Kunstsammlung. Der Name Folkwang entstammt den altnordischen Mythen der Edda, in denen er den Palast (Folkvangar = Volkshalle) der Göttin Freya, die neben ihrer Rolle als Fruchtbarkeitsgöttin auch als Schutzgöttin der Künste fungierte, bezeichnet. Diese Namenswahl sollte die Einheit von Kunst und Leben in dem neuen Museum verdeutlichen.Museum Folkwang (Hrsg.), S. 20. Mit der Zeit rückte die ästhetische Erziehung ins Zentrum der Museumsausrichtung, womit der Stellenwert der naturkundlichen Teile der Sammlung abnahm. Das Museum präsentierte die Sammlung nach ästhetischen Gesichtspunkten geordnet und nicht, wie üblich, nach Epochen und Regionen. 1916 wurde die naturkundliche Sammlung im Kellergeschoss durch die Sammlung islamischer Kunst, Keramik und Kunsthandwerks ersetzt. Im Erdgeschoss befanden sich unter anderem Antiken, mittelalterliche Sakralkunst, Druckgraphiken und Kunstgewerbe. Im Obergeschoss war die Sammlung Moderner Kunst, Porzellan und Schmuck untergebracht.Museum Folkwang (Hrsg.), S. 21. Osthaus wagte es als Erster, die unter anderem von Künstlern des Fauvismus und Kubismus und einigen wenigen Kunsttheoretikern angenommene innere Verwandtschaft zwischen afrikanischer und ozeanischer „primitiver Kunst“ und der Modernen Kunst in seiner Museumspräsentation aufzugreifen, worin sich auch die Vorreiterrolle des Folkwang Museums manifestierte.Museum Folkwang (Hrsg.), München 2005, S. 22.

mini|Das Gebäude des Folkwang Museums in Hagen beherbergt heute das Osthaus Museum Hagen, im April 2005

Diese Art der Präsentation und die Unterstützung der Modernen Kunst durch Osthaus erhielt positive Resonanz durch die Kunstschaffenden dieser Stilrichtungen; so pflegten einige Mitglieder der Künstlergruppen Brücke und Der Blaue Reiter zum Teil intensiven Kontakt zu Osthaus, der ihre Werke erwarb und sie durch Ausstellungen förderte. Nach Beratung mit Henry van de Velde kaufte Osthaus Werke belgischer und französischer Maler und Bildhauer wie Georg Minne, Constantin Meunier und Théo van Rysselberghe. Er erwarb das Gemälde Der Kuß von Maurice Denis, das eines der ersten Werke des Malers in einer öffentlichen deutschen Sammlung war. Mit dem Bild Seine bei St. Cloud von Paul Signac war das Folkwang Museum die erste deutsche Institution, die ein Werk dieses französischen Neoimpressionisten ankaufte. Osthaus pflegte engen Kontakt zu einigen Künstlern wie etwa Christian Rohlfs, der 1902 im ersten Stock des Museumsgebäudes eine Wohnung und das Atelier bezog und dort arbeitete. Weitere Künstler wie Jan Thorn-Prikker, Milly Steger, Emil Rudolf Weiß und Moissey Kogan wurden von Osthaus nach Hagen an das Folkwang Museum geholt, um die Kulturlandschaft der Stadt zu beleben.Museum Folkwang (Hrsg.), S. 212 und 213. Der Museumsgründer unternahm unter anderem Reisen zu Auguste Rodin, Paul Cézanne und Pierre-Auguste Renoir, auf denen er Werke direkt von ihnen erwarb. 1908 kam Henri Matisse nach Hagen, um das Folkwang Museum zu besuchen. Diese persönlichen Beziehungen trugen zum Ausbau der Sammlung bei, endeten jedoch mit dem Tod von Karl Ernst Osthaus im März 1921.

Weiterführung in Essen mini|Vincent van Goghs Gemälde Rhonebarken aus dem Jahr 1888 war eine der herausragenden Erwerbungen des Kunstmuseums Essen

Osthaus’ Lebenswerk in Hagen zerfiel. Ernst Fuhrmann, Leiter des 1919 gegründeten Folkwang-Verlags und Nachlassverwalter von Osthaus, nahm 1922 Kontakt zu Ernst Gosebruch vom Städtischen Kunstmuseum Essen auf und bot ihm den Erwerb der Sammlung des Folkwang Museums an. Damit erfüllte Fuhrmann die testamentarische Festlegung, dass die Sammlung zusammengehalten werden sollte.Georg-W. Költzsch, Köln 2002, S. 265. Gosebruch leitete seit 1909 das Essener Museum, war eng mit Osthaus befreundet und hatte sich ebenfalls der modernen Kunst verschrieben. Unter seiner Leitung hatte das Essener Haus unter anderem 1912 die Rhonebarken von Vincent van Gogh erworben. 1917 schenkte Hans Goldschmidt dem Kunstmuseum seine Villa an der Bismarckstraße 98, in der das Museum fortan seine Sammlung präsentierte. Nachdem der Nachlassverwalter von Karl Ernst Osthaus an Gosebruch herangetreten war, gründete sich auf dessen Betreiben hin der Folkwang-Museumsverein, dem Bürger und Unternehmen der Stadt angehörten und der den Erwerb der Sammlung für 15 Millionen Mark finanzierte. Der Initiative dieses Vereins ist es zu verdanken, dass die Sammlung des Museum Folkwang zusammengehalten werden konnte.Museum Folkwang (Hrsg.), S. 210. Mit dem Verkauf wurde die Sammlung aus dem Gesamtkontext des lebensreformerischen Wirkens Osthaus’ herausgelöst, so verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Präsentation von Kunst, die sich mittlerweile etabliert hatte.Museum Folkwang (Hrsg.), S. 28. Am 7. Juni 1922 erfolgte die Schlüsselübergabe in Hagen, anschließend wurden die Bestände nach Essen gebracht. Dabei erwies sich als Schwierigkeit, dass professionelle Strukturen in Hagen gefehlt hatten und deshalb keine Inventarisierung erfolgt war. Deswegen war der Schutz der ausgestellten Gegenstände vernachlässigt worden und einige Werke galten als verschwunden.Paul Vogt, Das Museum Folkwang Essen. Die Geschichte einer Sammlung junger Kunst im Ruhrgebiet, Köln 1965, 53. In der Folge wurden die Bestände des Essener Museums mit den aus Hagen übernommenen 99 Gemälden, 43 Skulpturen, Gegenständen des Kunstgewerbes, Zeichnungen und Grafiken zusammengeführt. Am 29. Oktober 1922 wurde das Museum nun unter dem Namen Museum Folkwang in den Essener Goldschmidt-Villen an der Bismarckstraße eröffnet, nachdem Hans Goldschmidt seinen Bruder Karl Goldschmidt überzeugt hatte, sein Haus ebenfalls dem Museum zu stiften.

1924 benannte sich der Essener Kunstverein in Kunstverein Folkwang um und existiert heute unter dem Namen Kunstring Folkwang. Ein Jahr später beschloss das Museumskuratorium den Neubau eines Museumsgebäudes. Der Entwurf stammte vom Architekten Edmund Koerner, der die beiden Goldschmidt-Villen in die Planungen miteinbezog. 1926 begannen die Bauarbeiten, die bis 1929 andauerten. Im Jahr 1927 erlaubte das Museum der Essener Fachschule für Musik, Tanz und Sprache und der Handwerker- und Kunstgewerbeschule die Umbenennung in Folkwangschule.Georg-W. Költzsch, S. 266. Nach der Eröffnung des neuen Museumsgebäudes im Jahr 1929 erhielt Direktor Gosenbruch großen Zuspruch von Museumskollegen. Beispielsweise schrieb der Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg, Max Sauerlandt, an Gosenbruch: „Sie haben damit im reinsten Sinne einen neuen Typus des Museums der Gegenwart aufgestellt.“ Im Neubau wurde ein Atelier eingerichtet, das der Fotograf Albert Renger-Patzsch nutzte. Zudem engagierte Gosebruch Ernst Ludwig Kirchner und Oskar Schlemmer für die künstlerische Ausgestaltung von Festsaal und Rotunde. Damit setzte er die direkte Förderung künstlerischer Produktion, die Osthaus betrieben hatte, fort.Paul Vogt, Das Museum Folkwang Essen. Die Geschichte einer Sammlung junger Kunst im Ruhrgebiet, Köln 1965, 64–68. Unter der Leitung Gosebruchs behielt das Museum Folkwang auch die engagierte Ausstellungspolitik Osthaus’ bei. Der Direktor ergänzte zudem die Sammlung durch zahlreiche Neuerwerbungen, darunter etwa das Gemälde Der Sänger Jean Baptiste Faure als Hamlet von Édouard Manet im Jahr 1927. Spätestens mit dieser Erwerbung setzten Anfeindungen gegenüber dem Museum und dessen Direktor aus dem rechten politischen Lager ein,Museum Folkwang (Hrsg.), S. 209. weil in der Sammlung zu viele französische Werke vertreten gewesen seien.Georg-W. Költzsch, S. 33.

Zeit des Nationalsozialismus mini|Wassily Kandinsky: Improvisation 28 (1912), Solomon R. Guggenheim Museum, New York