Weltmusik ( oder global music) bezeichnet zum einen die im Zuge fortschreitender Globalisierung entstandenen Mischformen aus westlichen und nichtwestlichen Musikpraktiken und zum anderen die Vorstellung von der Gesamtheit der regionalen Musiken der Welt, die seit der Verbreitung von Tonträgern im Verlauf des 20. Jahrhunderts nahezu weltweit verfügbar geworden sind.

Demnach ist „der Begriff vage und mehrdimensional und wird entsprechend kontrovers diskutiert“, schreibt Max Peter Baumann in seinem MGG-Artikel dazu. „Obwohl World Music die direkte Übersetzung des deutschen Begriffs Weltmusik zu sein scheint, bzw. umgekehrt, sind die jeweiligen Bedeutungen unterschiedlich. In der englischsprachigen Welt wird World Music als Oberbegriff für sämtliche Musikformen und -stile dieser Erde verwendet, also im Sinne von Music cultures of the world. Im Gegensatz dazu bezieht sich der deutsche Terminus Weltmusik im Wesentlichen auf die Kombinationen von Elementen verschiedener Musikstile oder musikalischer Sprachen als eigenständige musikästhetische Kategorie (Crossover), häufig mit einem universalen Anspruch.“Dieter Mack: Weltmusik - globale Zukunft oder globales Missverständnis? In: Dieter Mack: Zwischen den Kulturen – Schriften und Vorträge zur Musik 1983–2021. Olms, Hildesheim / Zürich / New York 2022, ISBN 978-3-487-16179-2, S. 460.

Zu den Unschärfen des Begriffs gehört, dass er zum einen Spielformen von Musik benennt, bei der Musiker aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenkommen und im Sinne einer musikalischen Konversation ganz elementar miteinander kommunizieren. Andererseits sind darunter Ausprägungen einer interkulturellen Weiterentwicklung zu verstehen, wie sie sich im Sinne der „Transkulturalität“Wolfgang Welsch: Was ist Transkulturalität? In: Kulturen in Bewegung, Beiträge zur Theorie und Praxis der Transkulturalität. transcript, 2010, S. 39–66. aus solchen zunächst unverbindlich verlaufenden Konversationsformen heraus ergeben können. Eine politische Konnotation hat der Begriff insofern, als Weltmusik aus der Überwindung nationaler und kolonialer Strukturen sowie eines westlichen Hierarchiedenkens heraus erwachsen ist. Schwierig ist eine Abgrenzung zu dem vielfach synonym verwendeten Begriff der „Globalen Musik“.

Begriff mini|Ocho de Bastos mini|Embolada folk music of Recife, Pernambuco, Brazil Soweit ersichtlich wurde der Begriff erstmals im Jahre 1905 von dem deutschen Musiktheoretiker Georg Capellen verwendet, der darunter im Sinne einer „Zukunftsmusik“ bzw. einer universalen Metamusik einen „exotischen Musikstil“ verstand. Allerdings konnte die Frage, wie weit Capellen in seinen Vorstellungen dem im Wilhelminischen Zeitalter vorherrschenden usurpatorischen Kolonialdenken verpflichtet war, bisher nicht beantwortet werden. Der Begriff „World Music“ etablierte sich Anfang der 1960er Jahre im akademischen Umfeld, als der amerikanische Musikwissenschaftler Robert E. Brown einen inhaltlich völlig neuen Studiengang an der Wesleyan University (USA) einführteRobert E. Brown: World Music — Past, Present, and Future. In: UCLA World Music and Ethnomusicology (Hrsg.): College Music Society Newsletter, Mai 1992. und in San Francisco das Center for World Music seine Aktivitäten aufnahm.

Zum Modebegriff wurde „World Music“, nachdem 1987 mehrere Betreiber von meist kleineren, unabhängigen Platten-Labels sich in einem Londoner Pub getroffen und nach einem passenden „Etikett“ für ihre in keine der gängigen Sparten des Marktes passenden Produktionen gesucht und sich auf „World Music“ geeinigt hatten. Seitdem wurde der Terminus zum Markenzeichen für eine kommerziell erfolgreiche Sparte von Musik, bei der sich Popmusik und von der Ethnomusik herkommende Stilelemente zu etwas Neuem verbanden, wobei sowohl der Erfolg des von Peter Gabriel initiierten WOMAD-Festivals (seit 1982) und das Label Real World als auch die Aktivitäten des Harfenisten Rüdiger Oppermann eine Rolle spielten. Dieser hatte in seiner 1983 im Selbstverlag erschienenen Veröffentlichung Der fliegende Teppich die Begriffe „Weltmusik“ und „World Music“ benutzt und war der Meinung, sie erfunden zu haben. In diesem Zusammenhang ist Oppermanns allgemein gehaltene Definition aufschlussreich, Weltmusik sei „eine Musik, die verschiedene Traditionen der Welt zusammenbringt.“creole südwest – globale musik aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, Dokumentation und Arbeitsbuch des 2013 von der Popakademie Baden-Württemberg in Ludwigshafen abgehelatenen Symposium, S. 30.

In den 1980er Jahren wurde das Genre zu einer Mode, und der Begriff wurde zum Sammelbegriff für mehrere herkömmliche Musikrichtungen benutzt. Er verlor damit an begrifflicher Schärfe und wurde nun auch oft als Synonym für „traditionelle außereuropäische Musik“ benutzt. Da bei vielen westlichen Musikern der „Weltmusik“ neben dem musikalischen Interesse am Fremdartigen auch Aspekte der Spiritualität eine Rolle spielen, lassen sich nur schwer die Grenzen gegenüber der Ende der 1970er Jahre aufgekommenen New-Age-Musik ziehen. So geriet der Begriff zunehmend in die Kritik, wobei nicht selten auch politische Aspekte eine Rolle spielten, denn das Zusammenspiel von westlichen Pop-Stars und außereuropäischen Volksmusikern fand in der Regel unter finanziell unausgewogenen Bedingungen statt und beruhte musikalisch auf einem stark eurozentristischen Musikverständnis.

Für die klassische Musik scheint der Begriff, obwohl von der Sache her durchaus zutreffend, von Anfang an problematisch gewesen zu sein. Trotz ihrer künstlerischen Bedeutung sind die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen vom Cross-Over-Denken und interkulturellen Aufbruchsgeist geprägten Kompositionen zahlenmäßig im Vergleich mit Popularmusik und Jazz marginal. Erst in jüngerer Zeit mehren sich die auf dem gegenseitigen Verständnis unterschiedlicher Kulturen beruhenden kompositorischen Denkansätze auch bei einzelnen Vertretern der sogenannten „E-Musik“. Von diesen allerdings aus Gründen der Abgrenzung gegenüber der Beliebigkeit multikultureller Musik abgelehnt, benennt der Begriff „Weltmusik“ somit in erster Linie eine Stilrichtung, die im Sinne von Grenzgängen und Synthesen aus westlicher Popularmusik und traditionellen, meist nichtwestlichen Musikformen hervorgegangen ist. In jüngster Zeit sind einzelne Sparten der „Weltmusik“ als Hilfsmittel zur Bewältigung der Flüchtlingskrise und als Mittel zur kulturellen Integration ins Blickfeld sozialer und kulturpolitischer Einrichtungen geraten.

Geschichtliche Entwicklung Anfänge Die europäische Musik des Mittelalters lässt sich als Ganzes betrachtet nur als Symbiose von zentraleuropäischen und vorderorientalischen Elementen verstehen. Von der Aufwertung des Instrumentalspiels gegenüber der überwiegend geistlich ausgerichteten Vokalmusik bis hin zu einzelnen Sing- und Spielweisen reichen die Einflüsse, die in Folge von Handelsbeziehungen und kriegerischen Auseinandersetzungen aus dem Orient in die ritterlichen Hofhaltungen und spätmittelalterlichen Städte Mitteleuropas gelangten. Alexander L. Ringer weist überzeugende Parallelen zwischen vorderorientalisch-arabischen Musizierformen und den Organumtechniken des 13. Jahrhunderts nach.Alexander L. Ringer: Islamische Kultur und die Entstehung der europäischen Mehrstimmigkeit. In: Musik als Geschichte. Laaber 1993, ISBN 3-89007-273-9, S. 15 ff. Mit der Weiterentwicklung der Mehrstimmigkeit zur schriftlich fixierten Polyphonie erhielt die Musik außereuropäischer Kulturen den Stempel des „Bizarren“, „Primitiven“ und „Wilden“. Diesen Reiz des Exotischen verstand Wolfgang Amadeus Mozart allerdings auf virtuose Manier auszunutzen, als er Anklänge an die türkische Janitscharenmusik in seine Kompositionen Rondo alla turca (3. Satz der Klaviersonate KV 311; 1777) und die Oper Die Entführung aus dem Serail (KV 384; 1782) einbaute. Alles in allem blieben indessen solche Klänge eher Fremdkörper und wurden von nationalistischen Regimes vor allem im 19. und 20. Jahrhundert aus dem Kulturleben verbannt und diffamiert.

Eine partielle Lockerung setzte erst ein, als in der Romantik das eigene Volkslied „entdeckt“ wurde. Soweit solches nationales Sing- und Musiziergut den Zielen der Herrschenden diente, wurde es jetzt ideologisch aufgewertet und kultiviert. Vertreter einer Kunstmusik hingegen machten weiterhin einen großen Bogen um die vermeintlich „einfache“ Musik fremder Kulturen.

Zwischen Frankreich und Nordafrika bestand seit Napoleons Eroberungszügen ein intensiver Austausch, was sich auf das Pariser Kunstschaffen in Literatur, Malerei und Musik in Form eines ausgeprägten Orientalismus auswirkte. So brachte der Komponist Félicien David, der längere Zeit in Algerien gelebt hatte, 1844 eine Ode Symphonie mit dem Titel „Le Désert“ [Die Wüste] zur Aufführung, eine Mischung aus Programmsymphonie, Oratorium und Melodram. Darin findet der Muezzin-Ruf „Allahu Akbar“ zitathafte Verwendung. Hector Berlioz, der sich unter den Zuhörern befand, bemerkte dabei eine „Tonleiter aus Intervallen, die kleiner als Halbtöne sind und eine große Überraschung für die Zuhörerschaft“ darstellte.Zitiert nach: Mathias Enard: Kompass. Roman. Hanser, Berlin 2016, ISBN 978-3-446-25315-5, S. 132. Von diesem Erfolgsstück beeinflusst, schrieb Ernest Reyer 1850 eine „Symphonie orientale“ mit dem Titel „Le Sélam“.

Auch außerhalb des europäischen Kulturkreises kam es in früheren Jahrhunderten immer wieder zur Vermischung unterschiedlicher Musikformen. Peter Frankopan bezeichnet den mittelasiatischen Kulturraum als die Wiege früher Hochkulturen. „An dieser Schnittstelle von Ost und West wurden vor fast fünftausend Jahren große Metropolen gegründet“, und von hier aus breiteten sich Religionen, Sprachen und Musikformen aus nach Westen und bis weit in den Osten.Peter Frankopan: Licht aus dem Osten: Eine neue Geschichte der Welt. Berlin (Rowohlt) 2016, ISBN 978-3-87134-833-4, S. 16. Die Auswirkungen der Völkerwanderung (4.–6. Jahrhundert) auf die Musik sind allerdings bisher weitgehend unerforscht, und so ist Genaueres erst über spätere Zeiten zu erfahren, wo detaillierte Geschichtsschreibung vorliegt.

So war beispielsweise im 14. Jahrhundert nach heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen im Raum des heutigen Iran das Großreich der Timuriden entstanden, zu dessen Merkmalen kulturelle Offenheit und die Einbindung zentralasiatischer sowie nah- und fernöstlicher Künste und Religionspraktiken gehörten. So berichtet der persische Musikschreiber Hafez-i Abru über die Musikpraxis am Timuridenhof des 14. Jahrhunderts: „Sie sangen und spielten Motive im persischen Stil auf arabische Melodien nach türkischem Brauch mit mongolischen Stimmen und folgten dabei chinesischen Gesangsprinzipien und Metren aus dem Altai.“Zitiert nach: Weltmusik. laut.de, abgerufen am 19. April 2017. Dorothea Krawulsky: Horasan zur Timuridenzeit (= Beihefte zum Tübinger Atlas des vorderen Orients, Reihe B 46/1 ). Reichert, Wiesbaden 1984, ISBN 3-88226-218-4.The Cambridge History of Iran. Band 6. University Press, Cambridge 1986, S. 105.

Als eine der populärsten Mischformen unterschiedlicher Stile greift gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den USA der Jazz auf eine in Europa entstandene Harmonik und westliches Formempfinden zurück, wobei vor allem europäische Instrumente wie unter anderem Trompete, Kontrabass oder auch Banjo gespielt werden. Dabei werden die herkömmlich westlichen Elemente einer auf das Musikempfinden afrikanischer Musikkulturen zurückverweisenden Rhythmik sowie einer speziellen, rauen Tonbildung unterworfen. Auch spielt die in der westlichen Musik eher unterentwickelte Improvisation eine große Rolle. Spontane Interaktion wie Call and Response brechen die Regelmäßigkeit der musikalischen Abläufe auf und lassen sowohl bei den Musikern als auch bei den Zuhörern das Gefühl von Spontaneität aufkommen.