mini|hochkant=1.2|Liebesvase von Friedrich Distelbarth (um 1831), Stuttgart, Vorplatz beim Kammertheater

Georg Friedrich Distelbarth (* 22. September 1768 in Ludwigsburg; † 23. Mai 1836 in Stuttgart) war ein klassizistischer württembergischer Bildhauer von regionaler Bedeutung.Ältere Nachschlagewerke gaben fälschlich als Geburtsjahr 1780 und als Todesjahr 1835 an. Seine Werke entstanden meist nach den Vorlagen anderer Künstler. Zu seinen Hauptwerken zählen die Wasser- und Wiesennymphe, das Artemis-Selene-Relief und die Liebesvase.

Leben Friedrich Distelbarth war Sohn von Johann Christoph Distelbarth und Anna Maria Distelbarth geb. Walter. Der Vater, ein gelernter Flaschner, war damals einfacher Soldat („Gemeiner“) im Artillerieregiment des württembergischen Herzogs Carl Eugen.Dokumente 4. Als Sohn eines armen Soldaten wurde Distelbarth in das Militärische Waisenhaus in Ludwigsburg aufgenommen, wo er seine erste Schulausbildung erhielt.Brief von Hauptmann Christian Daniel von Hoven an Oberst Christoph Dionysius von Seeger, Hohenheim, 30. Januar 1782 (Dokumente 2, Nr. 9). – Das Militärische Waisenhaus war in der ehemaligen Kanzleikaserne in der Wilhelmstraße 1–5 untergebracht, und ist nicht zu verwechseln mit dem Waisenhaus im „herzoglichen Zucht-, Arbeits-, Waisen- und Tollhaus“ in den Gebäuden in der Schorndorfer Straße (in und um das heutige Strafvollzugsmuseum), das im Gegensatz zu jenem einen sehr schlechten Ruf genoss. In das Waisenhaus wurden nicht nur Waisen, sondern auch Söhne und Töchter von armen Soldaten aufgenommen. Die Knaben sollten „zu tüchtigen Soldaten oder Handwerkern herangebildet“ werden und erhielten u. a. Unterricht in Religion, Schreiben, Lesen und Zeichnen, und konnten sich in einer Lernmanufaktur in Spinn-, Web- und Färbarbeiten üben. Siehe Läpple 2009, Band 1, S. 49, Band 2, S. 60–65.

Hohe Carlsschule (1782–1792) Am 31. Januar 1782 trat Distelbarth im Alter von 13 Jahren als „Zögling der Bildhauerkunst“ in die Hohe Carlsschule in Stuttgart ein. Diese hatte den Rang einer Universität, wobei der Unterricht in den unteren Klassen etwa dem eines heutigen Gymnasiums entsprach. Distelbarth war von allen Gebühren befreit, auch für Kleidung, Ernährung und Unterkunft in dem angeschlossenen Internat kam der Herzog auf.National-Verzeichniß der Zöglinge der Hohen Carls-Schule, Nr. 979, Stuttgart, Hauptstaatsarchiv, A 272 Bü 304; Wagner 1856, S. 391 zu Nr. 979.

Unter den durchschnittlich etwa 25 Kunststudenten gab es nur wenige Bildhauerschüler.Hauber 1909, S. 101; Wagner 1856, S. 557–460. Zwei fast gleichaltrige Mitschüler stammten wie Distelbarth aus Ludwigsburg, seine Freunde Sigismund Christian Friedrich Keppler (der Ältere) (* 1767), der später in den Hofdienst der Herzogin Franziska von Hohenheim übertrat,Wagner 1856, S. 371 zu Nr. 589, 458, 561–562. und Joseph Wilhelm Ludwig Mack (1767–1835),Mack war drei Wochen vor Distelbarth am 11. Januar 1782 in die Carlsschule eingetreten (Wagner 1856, S. 391 zu Nr. 976). der spätestens 1807 zum Hofstukkateur ernannt wurde. Ein anderer Mitschüler und Freund war Johann Bernhard Frank (1770–1836), der zwei Jahre nach Distelbarth in die Schule aufgenommen wurde und 1798 zum Hofbildhauer avancierte.Wagner 1856, S. 396 zu Nr. 1077, 459; Pfeiffer 1907, S. 738. – Die Schreibweise des Familiennamens variiert zwischen Frank und Franck.

Die Bildhauer-Eleven mussten wie alle anderen Carlsschüler zuerst den umfassenden und gründlichen allgemeinen Unterricht absolvieren. Das Pensum umfasste Schreiben und Zeichnen, Latein, Französisch, Italienisch, Geschichte, Religion, Philosophie, Römische Altertümer, Geographie, Mathematik und gesellschaftliche Fertigkeiten (Tanzen, Fechten und Reiten).Nach dem Unterrichtsplan von 1782, siehe Hauber 1909, Tafel zu S. 33.

Anfang 1790 wurde der Bildhauer Johann Heinrich Dannecker als Professor an die Carlsschule berufen. Einige seiner ersten Schüler waren Distelbarth, Frank und Mack. Im Jahr 1792 verließ Distelbarth nach fast elfjährigem Studium die Carlsschule. Wie aus seinen Briefen hervorgeht, war er seinem Lehrer Dannecker in großer Dankbarkeit ergeben.Die öfter anzutreffende Behauptung, Distelbarth sei auch Schüler von Philipp Jakob Scheffauer gewesen, lässt sich nicht belegen. Er selbst schrieb kurz nach seiner Ankunft in Rom an Dannecker: „desswegen werde ich auch nie […] einen anderen vor meinen gütigen Lehrer ansehen, als Sie Bester Herr Professor, da nur Sie allein es wahren, der mich den ächten und guten Stiel in der Kunst mit so vieler Weißheit fühlen lehrte“ (Köger 1996, S. 382).

Rom (1792–1799) Anfang September 1792Distelbarth schrieb am 16. Oktober 1792 an Dannecker: „wo ich dann glücklich (8. Oktober) in Rom ankam, nachdem ich 32 Tage unterwegs war“ (Baudissin 1926). reiste Distelbarth zu Fuß und auf eigene Kosten nach Rom, wo er sich bis 1799 aufhielt.Sein Sohn Rudolf wurde am 5. April 1799 noch in Rom geboren (Noack-Schedarium). Am 2. September 1803 schrieb er an Dannecker: „Ich bin wie Sie wissen seit 4 Jahr in Paris“ (Holst 1987, S. 460 zu D 52). Also muss er im Lauf des Jahres 1799 von Rom nach Paris übergesiedelt sein. – Anders als sein Lehrer Dannecker gehörte Distelbarth zu der großen Schar deutscher Künstler, die nicht von einem Fürsten oder einem reichen Privatmann gesponsert wurden. Ab 1795 erhielt er dann doch eine Zuwendung von jährlich 125 Gulden (Dokumente 5, 32l). Er fand Unterkunft in demselben Haus, in dem bereits der fast gleichaltrige spätere Stuttgarter Architekt und Maler Nikolaus Thouret, ein alter Bekannter von der Carlschule, wohnte.Baudissin 1926. Ein Empfehlungsschreiben von Dannecker („Er hat Kopf, ist arbeitsam, hat Nerve, belesen, und fühlt was zu einem Künstler gehört.“)Spemann 1909, Anhang, S. 76 zu Nr. 144. – Distelbarth hatte außerdem selbst von Stuttgart aus ein „Bewerbungsschreiben“ an Trippel geschrieben (Dokumente 7, Distelbarth 1). verschaffte ihm Eingang bei Danneckers Freund, dem Schweizer Bildhauer Alexander Trippel, der seit 1778 beständig in Rom lebte. Von Trippel erhielt er erste Aufträge, die er in dessen Werkstatt und unter seiner Anleitung ausführen konnte. Außerdem besuchte er Trippels PrivatakademieTrippels Akademie bestand offenbar nach seinem Tod 1793 weiter. Eine Teilnehmerliste von 1795 führt 22 Künstler, darunter Distelbarth, auf (Dokumente 7, Blatt 37). und die Künstlerakademie Accademia di San Luca, und in den Wintern 1796/97 und 1797/98 nahm er, zusammen mit fast 20 anderen Künstlern, an Aktkursen in einer Privatakademie unter der Leitung des bayrischen Landschaftsmalers Johann Christian Reinhart teil.

Im Sommer 1793 bot sich ihm die Gelegenheit, mit einer schwäbischen Reisegruppe auf deren Kosten eine dreimonatige Studienreise nach Neapel zu unternehmen. Einen Tag nach seiner Rückkehr, am 24. September 1793, starb sein Gönner Trippel. Nun war er hauptsächlich auf Aufträge aus der Heimat angewiesen (meist Marmorkopien von Antiken),Als Antiken bezeichnet man antike Kunstwerke. die ihm Dannecker oder dessen Schwager Heinrich Rapp vermittelten. Dabei blieb es nicht aus, dass er immer wieder in Geldnöte geriet.

In Rom lernte Distelbarth viele andere Künstler kennen, meistens sogenannte DeutschrömerEine Liste der Deutschrömer findet sich hier: kuenstlerleben-in-rom.de (PDF; 603 kB). wie etwa den Karlsruher Architekten Friedrich Weinbrenner, aber auch die berühmten Bildhauer Bertel Thorvaldsen und Antonio Canova. Außer Thouret traf er weitere Stuttgarter Bekannte, u. a. den Tiroler Maler Joseph Anton Koch, den Kupferstecher Ernest Morace (1766–1820) und den Maler Eberhard von Wächter (1762–1852).

Der Protestant Distelbarth konvertierte 1796 zum katholischen GlaubenÜbertritte in die katholische Kirche kamen unter Deutschrömern immer wieder vor, oft aus Zwecküberlegung, seltener aus Überzeugung. Distelbarth nahm wie einige andere den katholischen Glauben an, um seine italienische Braut heimführen zu können (Noack 1927, Band 1, Seite 310–312). und heiratete am 26. Dezember des gleichen Jahres die sechs Jahre jüngere Anna Maria Roberti (* 1774), die Tochter eines Dieners.Es kam unter den Deutschrömern öfter vor, dass sie eine Italienerin heirateten, und es war auch nicht ungewöhnlich, eine Frau aus dem einfachen Volk zu ehelichen. Joseph Anton Koch z. B. vermählte sich mit einer Bauerntochter und Johann Christian Reinhart heiratete die Tochter eines Handwerkers (Noack 1912, Band 1, S. 196–197). Distelbarth bzw. das Ehepaar wohnten in einem überwiegend von Deutschrömern besiedelten Teil Roms, nicht weit von der Spanischen Treppe.Seit 1796 wohnte er nacheinander in der Strada Gregoriana (heute Via Gregoriana), Via Rasella, Via della Purificazione und zuletzt in der Via Felice (heute Via Sistina). In Rom wurden dem Ehepaar zwei Kinder geboren: die Tochter Nunziata am 2. Januar 1797 und der Sohn Rudolf (Marcus Camillus Rudolfus) am 5. April 1799.Angaben zu den Wohnungen in Rom und zu Distelbarths Familie: Noack 1927, Band 2, S. 144; Noack-Schedarium. Der Sohn († 1879) wurde später Steuerkommissär in Stuttgart, die Tochter starb vor der Übersiedlung der Familie nach Stuttgart.

Paris (1799–1803) 1799 begab sich Distelbarth nach Paris. Das erste Jahr widmete er seiner Weiterbildung. Anschließend, bis zu seiner Rückkehr nach Stuttgart 1803, bekleidete er den gut dotierten Posten eines Antiken-Restaurators im Pariser Louvre.Brief von Distelbarth an Dannecker, Paris, 2. September 1803, Dokumente 3, Nr. 7. Dabei kam ihm zugute, dass eine Unmenge von Antiken auf ihre Wiederherstellung harrten, die auf Befehl Napoleons aus Rom geraubt und nach Paris verbracht wurden. In Paris bearbeitete er 1803 für Dannecker auch die Marmorbüste Johann Caspar Lavaters.„Aus Paris brachte Distelbarth z. B. die weitgehend fertiggestellte Marmorbüste Lavaters mit, an der Dannecker selbst wohl nur die abschließende feinere Modellierung vorzunehmen hatte“ (Holst 1987, S. 99).

Im Jahr 1802 kam der Dresdner Kupferstecher Johann Gottfried Schmidt (1764–1803) nach Stuttgart zu dem Kupferstecher Johann Gotthard von Müller und ging zusammen mit dessen Sohn Johann Friedrich Müller (1782–1816) im gleichen Jahr nach Paris, wo beide auch mit Distelbarth zusammentrafen. Schmidt und Distelbarth wurden Freunde, teilten sich die Wohnung miteinander, und schließlich pflegte Distelbarth den bald schwer Erkrankten bis zu dessen frühem Tod am 7. Juli 1803.Zu dem Verhältnis zwischen Distelbarth, Schmidt und Müller siehe: Dokumente 5, 32q, 32r, 32s.

Stuttgart (1803–1836)