mini|„mikro-N“, eine zeitweise verbreitete Kurzschreibweise in virtuellen Nationen mini|Die „Weltkarte“ der OIK mini|Fiktive Geldscheine aus virtuellen Nationen (Erkassische Republik, IAVN Ultos)
Eine virtuelle Nation ist die Simulation eines Staatsmodells im Internet als Projekt von Internetnutzern. Hierbei wird versucht, selber einen Staat zu gründen und ihn mit Mitspielern zu betreiben. Es wird neben Politik und Wirtschaft auch das ganz normale Leben simuliert. Die virtuellen Nationen verstehen sich als fiktiv und erheben keine Ansprüche auf reales Land.
Begriff Virtuelle Nationen bezeichnen sich selbst oft als „Mikronationen“ (oder engl. MicronationMicronation in der englischsprachigen Wikipedia). Weitere Bezeichnungen sind Webstaat, Cybernation und virtueller Staat. Gebräuchlich ist innerhalb der Szene außerdem die Abkürzung MN oder µN.Was sind Mikronationen? mn-welt.de, Abschnitt 1 - Der Begriff
Der Begriff Mikronation wird jedoch teilweise auch für staatsähnliche Gebilde der Realwelt benutzt, die das Internet lediglich nutzen, um ihre Ansprüche auf Anerkennung öffentlich geltend zu machen.
Grundkonzept Eine virtuelle Nation ist der Versuch, einen Staat über das Internet zu simulieren. Virtuelle Nationen erheben allgemein keinen Anspruch auf reales Staatsgebiet, sondern verstehen sich als vollkommen virtuell. Es werden staatliche Strukturen inklusive Regierungs- und Rechtssystem aufgebaut und eine fiktive Geographie und Kultur erdacht. Das gesamte Spiel findet auch in den Köpfen der Spieler beziehungsweise in Foren und auf den Websites des Staates, der Firmen, Parteien, Vereine etc. statt. Dies kann im Prinzip beliebig komplex sein. Eine virtuelle Nation kann ein Einzelprojekt sein, wird aber im Allgemeinen von mehreren „Staatsbürgern“ gemeinsam realisiert, zumal Interaktion und Konkurrenz eine wichtige Triebfeder in der Dynamik einer virtuellen Nation sind. Die Spieler kennen sich meist untereinander nicht und stammen aus den verschiedensten Teilen der Welt oder zumindest aus den verschiedensten Ecken eines Sprachraums, was einen zusätzlichen Reiz darstellen kann. Oft beteiligen sich Spieler aus mehreren Nationen oder die Regierungen mehrerer Staaten an gemeinsamen Projekten. Aus diesen entstehen etwa Landkarten der virtuellen Welt oder Nachschlagewerke wie das MNWiki.MNwiki Wiki zu virtuellen Nationen
Entwicklung Im deutschsprachigen Raum entstanden die ersten virtuellen Nationen Mitte der 1990er Jahre. Zu dieser Zeit stand – ganz im Zeichen des anbrechenden Internet-Zeitalters – die Kommunikation und Gemeinschaftsbildung mithilfe des neuen Mediums Internet im Mittelpunkt. Das Selbstverständnis als „Staat“ abseits der realen Welt war eine originelle Idee aus Selbstzweck. Im neuen Jahrtausend lässt sich eine zunehmende Tendenz weg vom „Community“-Konzept hin zum Rollenspiel feststellen. In zahlreichen Projekten verschwimmt die Grenze zwischen einer virtuellen Nation und einem Text-Rollenspiel. Obgleich im Allgemeinen nach wie vor das fiktive politische System im Mittelpunkt des Interesses steht, stecken hinter Begriffen wie „Ausgestaltung“ und „Simulation“ umfangreiche Bemühungen, alternative Welten inklusive fiktiver oder an die Realität angelehnter, Geschichte und Kulturen zu kreieren.Geschichte der Mikronationen. mn-welt.de
Eine Schlüsselrolle spielt in diesem Zusammenhang die Entwicklung, dass die größte deutsche virtuelle Kartenorganisation OIK Konkurrenz durch eine neue, Anfang 2005 gegründete zweite Organisation, die Graphein Foundation (GF), bekommen hat. Während sich die OIK traditionell auf die Anordnung der Mitgliedsstaaten auf einer simplen Karte beschränkt, arbeitete die GF (heute CartA) mit einer sphärisch konzipierten Karte, die geometrisch einer Weltkarte entspricht und auf der Kulturräume auf den Kontinenten verteilt sind. Eingetragen werden nur Staaten, die überzeugend einen realen Kulturraum simulieren und somit detailliert in die „GF-Welt“ eingegliedert werden können. Ab dem Ende der Nullerjahre ließ sich so eine weitgehende „Zweiteilung“ der MN-Gemeinde erkennen: Während die OIK-Fraktion offen organisiert ist und z. B. die auf der OIK ansässige internationale Organisation UVNO und das MN-Wiki grundsätzlich Staaten sowohl der OIK als auch der GF bzw. CartA offenstehen, beschränkten sich der mittlerweile aufgelöste Rat der Nationen und das Lexikon der Nationen auf Staaten von der GF-Karte. Zwar ist es prinzipiell für jeden Staat möglich, sich auf den Karten beider Organisationen eintragen zu lassen und so quasi parallel zweimal zu simulieren aber diese Option wird nur von einigen wenigen Staaten genutzt.Aktuelle Situation. mn-welt.de, Abs. 5–8 zur Entwicklung der Kartenorganisationen 2008 schlossen sich die GF und AIC zusammen und gründeten die CartA. Der Versuch, OIK und CartA im Jahr 2015 zu einer Organisation zu fusionieren, schlug jedoch fehl.
Neben den genannten Organisationen begannen sich in den 2010er-Jahren weitere, nicht mit der OIK oder CartA in Zusammenhang stehende Organisationen zu gründen. In diesem Zusammenhang ist neben der Internationalen Assoziation Virtueller Nationen „Ultos“ v. a. das politische Browserspiel und Wirtschaftssimulation Ars Regendi zu nennen. Diese neuen Modelle unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht vom von OIK und GF geprägten Konzept eines fiktiven Staates, weshalb diese Plattformen bevorzugt den Begriff „Virtuelle Nation“ (gegenüber dem traditionellen Begriff „Mikronation“) verwenden.
Aufbau und Spielprinzip Technische Bestandteile Das Forum Ein wichtiger Bestandteil vieler virtuellen Nationen ist das Forum. Alle aktuellen und relevanten Geschehnisse und politischen Diskussionen finden hier statt. In deutschsprachigen Projekten wird zumeist die Foren-Software WoltLab Burning Board, seltener die Open-Source-Software phpBB verwendet. In nicht-deutschsprachigen Projekten wird anstelle des Forums mitunter auch eine Yahoo-Group verwendet.
Die Website Auf der Website sind alle relevanten Informationen zu der jeweiligen virtuellen Nation zusammengefasst. Das sind auf der einen Seite virtuelle Daten wie zum Beispiel die Größe des Landes, die Zahl der Einwohner, Angaben über die politische Strukturierung des Landes, die Währung und weitere wichtige virtuelle Daten. Auf der anderen Seite werden auch reale Daten wie zum Beispiel die Zahl der Mitspieler, die von den Spielern gegründeten Vereine, Firmen oder Parteien, die Geschichte der virtuellen Nation und vieles mehr angegeben.
Diese Informationen dienen zum einen der Ausschmückung des Landes, zum anderen aber auch der Orientierung der Mitspieler. Durch kulturelle Vorgaben wird ein Rahmen für das „Gesicht“ des Landes geschaffen. Nicht alle Nationen haben eine Website, es gibt einige, meist noch sehr Junge, Staaten die nur aus einem Forum bestehen.
Die WiSim Viele virtuelle Nationen bereichern das Spiel durch eine sogenannte Wirtschaftssimulation (WiSim). Als solche wird im Allgemeinen eine – wie ein Forum – serverseitige Software bezeichnet, die für die Bürger imaginäre Kontostände verwaltet. Komplexere Systeme ermöglichen außerdem das Betreiben eines simulierten Wirtschaftskreislaufes.
Verfassung und Spielregeln Es gibt keinen Staat ohne dort gültiges Recht. Deshalb braucht auch eine virtuelle Nation Grundregeln oder Gesetze, zumindest aber einige Spielregeln. Während die Spielregeln die Prinzipien definieren, nach denen das Spiel funktioniert (zum Beispiel Teilnahmebedingungen, Regeln bei der Simulation von Ereignissen, SimOn/SimOff-Trennung), kommen Verfassung und Gesetze innerhalb des Spiels durch die Gesetzgebung zustande. In einigen Staaten wird die Trennung von Spielregeln und SimOn-Gesetzen nicht konsequent eingehalten, zum Beispiel enthalten viele Verfassungen Regelungen über den Status der Mitspieler und Teilnahmeprozeduren.
SimOn und SimOff Da die meisten virtuellen Nationen großen Wert darauf legen, ein Land in einer imaginären Welt zu repräsentieren, wird oftmals das gesamte virtuelle Geschehen als Simulation bezeichnet. Da die Mitspieler in den jeweiligen Foren jedoch nicht ausschließlich auf Basis dieses Rollenspiels kommunizieren, wird der Informationsfluss in SimOn (also „Simulation an“) und SimOff („Simulation aus“) aufgeteilt.
SimOn ist das Spielgeschehen innerhalb der Simulation selbst, SimOff alle Gespräche über die reale Welt oder auch über den Rahmen, in der die Simulation betrieben wird. Diese – von vielen Mitspielern beim Schreiben in den Foren virtueller Staaten streng eingehaltene – Trennung soll hier anhand einiger Beispiele verdeutlicht werden:
ist SimOff ist SimOn Virtuelle Nation Projekt der Spielleiter ein reales Land Spielende Person Mitspieler Staatsbürger des Landes Bereich „Parlament“ im Forum Parlaments-Forum Saal im Parlamentsgebäude Frankreich ein Land nicht existent Napoleon Französischer Feldherr nicht existent, bestenfalls als gleichnamige Person in einer virtuellen Nation
Obwohl versucht wird, das Spielprinzip so weiterzuentwickeln, dass SimOff und SimOn möglichst konsequent getrennt werden, ist dies an einigen Stellen nicht komplett möglich. So werden z. B. Kartenorganisationen an der Schwelle von SimOn zu SimOff betrieben: Einerseits entsenden Mitgliedsstaaten Delegierte und betreiben nicht selten Machtpolitik im Rahmen von Kartenorganisationen, andererseits ist die Eintragung aus dem Nichts entstandener Länder auf einem beliebigen Ort auf einer Karte offensichtlich nicht realistisch und eindeutig eine SimOff-Maßnahme.
IDs Im komplexen, über Jahre hinweg erdachten Spielsystem wird eine fiktive Person, die von einem Mitspieler verkörpert wird, ID (für „Identität“) genannt. In rollenspielorientierten virtuellen Nationen ist es gestattet, dass ein Mitspieler zur Belebung der Spielpraxis und zur besseren Ausgestaltung mehrere IDs spielt. Da aber jeder Mitspieler z. B. bei Wahlen der Fairness halber nur eine Person repräsentieren soll, unterteilt man in Haupt-IDs und Neben-IDs. Im Allgemeinen darf jeder Mitspieler nur über eine (wahlberechtigte) Haupt-ID und über mehrere (nicht wahlberechtigte) Neben-IDs verfügen.
Eine ID wird zumeist umfangreich ausgestaltet. Spieler geben ihrer ID eine Geschichte und einen Lebenslauf, der oft auf einer persönlichen Website oder in einem offenen Nachschlagewerk wie dem MN-Wiki oder dem Lexikon der Nationen ähnlich wie bei realen Personen präsentiert wird. Fast immer werden IDs auch visuell dargestellt, indem man sich eine reale Person mit passendem Aussehen aussucht und ein Bild dieser als Avatar in den Spielforen nutzt.
Umfang und Bedeutung Die Spielgemeinde führt seit jeher ein Nischendasein. Über die Zahl der Mitspieler im deutschsprachigen Raum existieren keine verifizierten Daten. Jedoch lassen sich nach verschiedenen Anhaltspunkten Schätzungen anstellen: So sind beim Marktplatz der Mikronationen, einem Internetforum, das als Treffpunkt der Mitspieler aus den deutschsprachigen Mikronationen dient, etwa 600 Benutzer angemeldet (Stand 3/2010).mn-marktplatz.de Benutzerstatistik am Ende der Seite Diese Zahl kann jedoch isoliert nicht als aussagekräftig gelten, da es einerseits zu Mehrfachregistrierungen kommt und die Website andererseits nicht die gesamte Spielgemeinde als Einzugsgebiet erreicht. Nach aktuellen Schätzungen (6/2018) sind rund 130 aktiv. Etwa 60–80 Mikronation bestehen derzeit. Teilweise sind diese jedoch inaktiv oder nicht auf einer Karte eingetragen.