Pferdsbach ist ein ehemaliges Dorf im Gebiet der heutigen Stadt Büdingen im Wetteraukreis und lag in der Gemarkung des heutigen Stadtteils Dudenrod. Über Jahrhunderte lebten und arbeiteten dort Menschen. Armut und Not trieben die Einwohner jedoch 1847 fast geschlossen zur Auswanderung nach Pittsburgh in Nordamerika. Dem voraus gingen lange Verhandlungen, die nötige Klärung der offenen Vermögensfragen und der Verkauf der gesamten Gemeinde mit Äckern, Wiesen und Waldflächen, Häusern und Scheunen sowie die Klärung bestehender Rechte und Pflichten. Zurück blieb eine Wüstung. Auf die ehemaligen Gebäude deutet nichts mehr hin, lediglich Reste des Friedhofs und ein Gedenkstein erinnern an die Gemeinde und die Menschen, die dort lebten. mini|Lage des Dorfes innerhalb der Gemarkung Pferdsbach
Geographische Lage Die Wüstung Pferdsbach liegt in der Talsenke des Flusses Pferdsbach, drei Kilometer nördlich von Büdingen in Richtung Bindsachsen, einige Hundert Meter südöstlich des Christinenhofes und beiderseits der heutigen Landstraße L3193 .
Das Flurbuch („Parcellenbuch“) der Gemarkung wurde 1831 vom Geometer Kirsch angelegt: Flur 1 umfasst das Dorf Pferdsbach, Flur 2 reicht in südlicher Richtung bis an den Sandhof heran, Flur 3 liegt nördlich Pferdsbachs und schließt den Christinenhof ein.
Herkunft des Ortsnamens W. Sturmfels leitet den Namen von „dem Bache, an dem Pferde gehalten wurden“ ab.W. Sturmfels: Die Ortsnamen Hessens, S. 74. Diese Deutung ist wohl nicht richtig, denn weidende Pferde, die an einem Bach zur Tränke gingen, waren zu jener Zeit kein herausragendes Merkmal, das zur eindeutigen Bezeichnung einer Gemeinde geeignet gewesen wäre. Selbst wenn die Pferdehaltung für den Ort typisch gewesen wäre, hätte man ihn eher Gäulsbach genannt, denn in der Büdinger Gegend und weit darum gab es volkssprachlich keine Pferde, sondern Gäule. Möglicherweise stammt der Name von einigen wichtigen Verbindungswegen und -pfaden ab, die sich in Pferdsbach trafen und dort über den Bach führten. Die ältesten bekannten Schreibweisen sind Perdsbach (1365), später Perdessbach (1489) und Paretzbach (1490). Im Volksmund hieß der Ort Padsbach.G. Simon: Die Geschichte des reichständischen Hauses Ysenburg und Büdingen. Band I. Heinr. Ludw. Brönner’s Verlag, Frankfurt a. M. 1865. S. 105.Karl Heusohn: Ausgegangene Orte. In: Büdinger Heimatblätter Nr. 9, 1929. Der Namensforscher Albrecht Greule hingegen vermutet, dass sich der Name vom althochdeutschen Wort ahd. *pfarrich mit der Bedeutung „Einfriedung, Pferch“ ableiten könnte.
Geschichte 1223 bis 1845 mini|„Parcellenkarte“ des Dorfes, Flur 1 Das Dorf Pferdsbach wurde nachweisbar erstmals am 25. August 1365 durch Dechant und Kapitel von St. Stephan zu Mainz urkundlich erwähnt, die erklärten, dass die Ritter von Merlau (heute ein Ortsteil von Mücke) den Zehnten von Bernsfelden und Pferdsbach von ihnen zu Lehen hatten.G. Simon: Die Geschichte des reichständischen Hauses Ysenburg und Büdingen. Band II, Nr. 179. Sie beziehen sich dabei auf Briefe von 142 Jahren her, die das belegen könnten. Somit wäre die erste urkundliche Erwähnung Pferdsbachs auf das Jahr 1223 zu datieren. Die Entstehung des Ortes liegt aber vermutlich bereits in den Jahren der fränkischen Landnahme 500 bis 800 nach Chr.W. Diemer: Die Besiedlung des Vogelsberges. Am 4. Dezember 1366 bekennen Johann und Eberhardt R. und Berthold Weppen zu Merlau, dass sie diesen Zehnten von gedachtem Stift zu Lehen empfangen haben.Scriba Regesten (Heinrich Eduard Scriba: Regesten der bis jetzt gedruckten Urkunden zur Landes- und Orts-Geschichte des Großherzogthums Hessen) Nr. 1620. Landgraf Heinrich bekennt am 1. Mai 1370, dass das Lehen auf Hessen übergegangen sei.Scriba Regesten Nr. 1659. Landgraf Wilhelm der Jüngere von Hessen bestätigt am 8. Mai 1493, dass die Augustinerinnen zu Grünberg unter anderem Güter zu Pferdsbach hatten.Scriba Regesten Nr. 1630.
1551 zählte das Dorf 18 Familien und ist „zur kayserlichen Anlage oder Schatzung herangezogen“. Zusammen mit dem elf Familien zählenden Dudenrod müssen die Bewohner drei Gulden, 17 Schillinge und sechs Heller aufbringen. Für 1620 weist das ysenburgische Untertanenverzeichnis 33 Hausgesäße nach. Die Einwohner mussten sich im Winter als Waldarbeiter im umliegenden Markwald (Büdinger Stadt- und Gerichtswald) etwas hinzuverdienen. Die Häuser des Dorfes waren meist eingeschossig angelegt mit einer Stube, Scheuer und einem kleinen Stall, der die Haltung einer Kuh und ein bis zwei Schweinen ermöglichte.
Kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges hatte der Ort 33 Steuerpflichtige in etwa 30 Wohnhäusern, jedoch nur zwei mit Grundbesitz von 10 bis 20 Morgen. Die meisten hatten nur sehr wenig Vermögen.So waren für den Ort zwei Pferde, ein Füllen, 35 Kühe, zehn Kälber, fünf Ochsen, ein Stier, 50 Schweine, 97 eigene und etwa 12 Leihschafe sowie sieben Bienenstöcke verzeichnet. Das Untertanenverzeichnis von 1620 weist für Pferdsbach und Dudenrod zusammen 43 Familien aus, darunter sechs Ackerleute, die Geschirr zu fronen hatten, sowie 22 Einzelinge, also Handwerker und Gefreite.Vom Frondienst befreit waren die Gefreiten, der Hundsknecht, der die fürstlichen Hunde zu halten hatte, der Förster, der Schäfer, die beiden Zehnter sowie der Schulmeister Konrad Seng. Bis zum Krieg bestand in Pferdsbach eine eigene Schule, jedoch kein eigenes Schulhaus.
Erst nachdem Herzog Christian von Braunschweig 1622 die Schlacht bei Höchst verloren hatte, kam es zu Einquartierungen. Mit dieser Last und den Zwangsabgaben (Lieferungen) infolge des Krieges verarmten die Dorfbewohner endgültig. 1625 befanden sich 16 Familien auf Bettelfahrt, elf waren durch die Pest gestorben. Das Vieh war meist Leihvieh. Am 6. September 1634 verloren die Schweden die Schlacht bei Nördlingen. In diesem und im folgenden Jahr, 13 Jahre vor Kriegsende, überfluteten in der Folge die Kaiserlichen die Gegend. In Pferdsbach fanden sie keine Vorräte, stahlen aber das letzte Vieh.
1648 war das Dorf verlassen. Die verbliebenen vier verzeichneten Einwohner lebten in Dudenrod. 1662 war Pferdsbach immer noch nicht wieder besiedelt, während sich in den umliegenden Gemarkungen überall neues Leben rührte. So beschlossen die Herren der Landesregierung in Büdingen am 20. Januar 1662 in Übereinstimmung mit den Herrschaften in Wächtersbach, Hanau und Ortenberg ein Edict herauszugeben und in den jeweiligen Kellereien (Amtsräume der Rechnungsführer) anzuschlagen, „worinnen verstanden wird, dass der Jenige, so beliebung nacher pferdsbach sich zu setzen Und alda zu bawen, zehen Jahr von allen beschwerungen, waß namen sie haben mögen, frey gelassen werden solle.“Peter Nieß: Die streitsüchtigen Pferdsbacher, unter Bezug auf die Ysenb. Protokolle, Fasz. 7 und 9, o. D. Das Edict zeigte Wirkung, und einige Familien siedelten sich an, doch auch in den folgenden einhundert Jahren erreichte das Dorf nicht wieder seine alte Größe; 1750 zählte es 25 huldigungspflichtige Bewohner. 1816, beim Übergang des Dorfes in den hessischen Staatsverband, weist die Spezial-Musterliste 49 Haushaltungen mit 220 Personen nach; bei 199 handelte es sich um Ortsanwesende, sechs waren beim Militär. Ein Jahr vor Beginn der Auswanderungsverhandlungen, 1845, wohnten dort 42 Familien.
Gründe und Planung der Auswanderung Die Gemarkung Pferdsbach umfasste etwa 1000 Morgen Land einschließlich der Waldflächen. Die Feldmark betrug lediglich 387 Morgen, nahezu ein Drittel gehörte damals dem gräflichen Hofgut Christinenhof. Die Flächen waren jedoch höchst unterschiedlich verteiltEin Ortsbürger besaß 27 Morgen, fünf Ortsbürger je 14–15 Morgen, fünf Ortsbürger je 10–13 Morgen, acht Ortsbürger je sechs bis neun Morgen, zwölf Ortsbürger vier bis fünf Morgen, neun Ortsbürger einen bis drei Morgen und fünf Ortsbürger besaßen weniger als einen Morgen. und zudem durch die Solmser Erbteilung in über 2000 Parzellen zersplittert. Der Viehbestand war geringer als 1620.1845 besaßen die Dorfbürger ein Pferd, 59 Kühe, zwei Schafe, 42 Schweine und 16 Ziegen. In der Gemarkung wurden 891 Obstbäume gezählt, die meisten wohl Zwetschgenbäume.
Durch die begrenzte Fläche und die geringen Ernteerträge von durchschnittlich vier Zentner pro Morgen sowie den erheblichen Wildfraß aus dem die Felder umgebenden fürstlich ysenburgisch-büdingischen Wald waren die Erträge viel zu gering, um die Familien ernähren zu können. Durch die Missernten im ganzen Land und die damit einhergehende Teuerung lag der Gedanke an eine Auswanderung nach Amerika mit seinem „unermesslichen Reichtum“Gewissenlose Werber schilderten den Reichtum Nordamerikas in den schillerndsten Farben. So sei kein Dünger nötig und mehrere Ernten im Jahr möglich. So: Hans-Velten Heuson: Im Auswandererstrom nach Amerika. Im Jahre 1847 lösten die Pferdsbacher ihre Gemeinde auf. In: Heimat im Bild (Beilage zum Gießener Anzeiger, Alsfelder Kreis-Anzeiger, Büdinger Kreis-Anzeiger, Lauterbacher Anzeiger), Jahrgang 1968, Nr. 22, Mai 1968. nahe. Jede Siedlerfamilie sollte dort 500 Morgen Land als Geschenk erhalten: eine Fläche, mit der in Pferdsbach das ganze Dorf auskommen musste.
mini|Der Brunnen – er fiel dem Straßenbau zum Opfer – und letzte Gebäude der Wildung (um 1895) Nach langen Verhandlungen mit der hessischen Regierung kam es zu einem für die Pferdsbacher günstigen Kaufvertrag, durch den ihr Privatbesitz und der Gemeindebesitz auf das fürstliche Haus übergingen.
Auf der Gemeinde lasteten noch Verpflichtungen gegen die Pfarrei, die Kirche und Schule, andererseits hatte die Gemeinde von der Markwaldteilung um das Eckartswäldchen im Jahr 1830 her noch Rechte auf Holzbezug aus anderen Gemeinden und dergleichen mehr.Die Pfarrei Wolf verlangte als jährlichen Beitrag zur Pfarrbesoldung 6½ Stecken Buchen-Scheitholz, 1½ Stecken Prügelholz (4–6 cm Durchmesser) und 80 Wellen (Reisig) sowie 17 Gulden 40 Kreuzer Manngeld und vier Gulden Akzidentien. Für die gemeinsame Schulstelle der Orte Pferdsbach, Dudenrod und Christinenhof war die Besoldung von insgesamt 199 Gulden und 49 Kreuzer zu klären, an denen Pferdsbach 7½ Stecken Buchen-Scheit, 1½ Stecken Prügelholz und 2¼ Stecken Stockholz (Wurzelholz) und 90 Wellen zu liefern hatte. Die Pfarrei Wolf forderte einen jährlichen Beitrag von 35 Gulden zur Unterhaltung der Pfarreigebäude und der Kirche, was den vierprozentigen Zinsen von 875 Gulden Kapital gleich ist. Es musste weiter die Frage geklärt werden, wohin künftig die Schüler von Christinenhof und Dudenrod einzuschulen wären, da die Gemeinde Dudenrod nicht in der Lage war, aus ihren Mitteln eine Schule zu unterhalten.
Am 28. Februar 1846 unterbreitete der fürstliche Kammerdirektor K. Melior unter Vorbehalt der Genehmigung durch den Fürsten der Gemeinde ein Angebot, das einen Gesamtkaufpreis von rund 88.725 Gulden enthielt. Das Angebot enthielt für den Normalmorgen (2500 m²) durchschnittlich 75 Gulden, auf die Gebäude im Ganzen 7500 Gulden, auf den Wald 60.000 Gulden.