mini|hochkant=1.8|Stiftskirche Neuvy-Saint-Sépulchre, von Osten mini|hochkant=1.1|Neuvy-St.-Sépulchre, Rotunde von Norden, SW-Foto 1923 Die Stiftskirche (fr. Collégiale) Saint-Jacques in Neuvy-Saint-Sépulchre besteht aus zwei zusammengesetzten Kirchentypen, aus einer im Grundriss rechteckigen Basilika und einer kreisförmigen Rotunde (fr. Rotonde), auch Zentralbau genannt. 1910 wurde sie zur Basilica minor erhoben. Die Ortschaft befindet sich im Département Indre, in der Region Centre-Val de Loire, in der Landschaft Berry, am Fluss Bouzanne, zirka 25 km östlich von Argenton-sur-Creuse, 25 km südlich von Châteauroux, 14 km westlich von La Châtre und 7 km nördlich von Cluis.

Die Kirche war im Mittelalter eine bedeutende Station auf dem Jakobsweg, dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela im äußersten Nordwesten Spaniens. Sie liegt an der Via Lemovicensis mit dem Ausgangspunkt Vézelay, einer der vier Hauptrouten, die sich kurz vor den Pyrenäen in Ostabat vereinen. Die Kirche wurde 1998 als Teil des „Jakobswegs in Frankreich“ als Weltkulturerbe der UNESCO ausgezeichnet.

Der Name der Kirche Saint-Sépulchre geht zurück auf das französische Wort für heilige Grabeskirche (fr. Saint-Sépulcre) in Jerusalem. Das zusätzliche ‚h‘ im Namen Sépulchre ist ein Wortspiel mit dem lateinischen Adjektiv pulcher (= schön), das auf eine Tradition mittelalterlicher Mönche zurückgeht, die damit auf die Pracht des Grabes Christi hindeuten wollten.

Geschichte Ursprünge Die Ortschaft Neuvy (Neues Dorf) entwickelte sich gegen Ende der gallo-römischen Epoche (52 vor bis etwa 5. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung) an einer Furt durch das Flüsschen Bouzanne, das dort vom antiken Weg von der bedeutenden gallo-römischen Siedlung Argentomagus (dem heutigen Argenton-sur-Creuse) ostwärts in Richtung Châteaumeillant überquert wurde.

Im frühen Mittelalter entstand eine Pfarrgemeinde unter dem Patronat des Apostels Petrus (fr. Saint-Pierre). Schon bald wurde die Ortschaft so umfangreich, dass man eine zweite Pfarrei einrichten musste, die unter die Schirmherrschaft des heiligen Stephanus (fr. Saint-Étienne) gestellt wurde. Beide Pfarreien besaßen eigene Kirchengebäude.

Eudes de Deols, Gründer und Architekt Auf Initiative lokaler Herrschaften wurde in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts der Bau einer weiteren Kirche beschlossen, die nach dem Vorbild der heiligen Grabeskirche in Jerusalem errichtet werden sollte. Die Identität dieser Personen findet sich in Akten des folgenden Jahrhunderts. Mehrere Chronisten berichteten von der Gründung der neuen Kirche zwischen 1034 und 1049. Zu ihnen gehörte Guillaume Godel (gestorben gegen 1173), der die Gründung in das Jahr 1042 datierte und vermerkte, dass sie „in Anwesenheit von Eudes Roux, dem Herr der Burg von Déols, und Boson, einem illustren Mann von Cluis,“ stattfand.

Eude de Déols hielt sich zwischen 1026 und 1028 als Pilger im Heiligen Land auf. Quellen berichten, er habe beim Anblick der Grabeskirche in Jerusalem gelobt, eine Kopie dieses Baus in seiner Heimat zu errichten. Er kann aber nicht den Ursprungsbau der Grabeskirche kennengelernt haben, sondern war lediglich in der ersten Phase ihres Wiederaufbaus, vorerst der Rotunde, in Jerusalem. Dementsprechend hat er die gut 130 Jahre später angebaute Basilika nicht gesehen.

mini|hochkant|Grabeskirche Jerusalem, Ädikula, Grafik 19. Jh. mini|links|Rekonstruktion Grabeskirche nach V. Corbo, Handskizze mini|links|Grabeskirche Jerusalem, Grundriss, Grafik Ende 19. Jh.

Grabeskirche von Jerusalem, Vorbild Neuvys Die byzantinischen Ursprungsbauten der Grabeskirche wurden 335 eingeweiht. Ihr Grundriss konnte in den 1960er Jahren rekonstruiert werden (von V. Corbo). Er bestand aus vier ineinander übergehenden baulichen Einheiten. Der Eingang von der Hauptstraße (Cardo) führte in das östliche Atrium, dem eine große Basilika (Martyrion) folgte. Daran schloss das innere Atrium (heiliger Hof) an, das im Westen von der Rotunde (Anastasis = Auferstehung) mit dem eigentlichen heiligen Grab (in der Ädikula) abgeschlossen wurde. Die Rotunde besaß einen Durchmesser von 35 Metern und einen inneren Stützenkranz aus abwechselnd jeweils drei Säulen und zwei rechteckigen Pfeilern, die vermutlich etwa 11 Meter hoch waren und von einem niedrigeren Umgang nur halbkreisförmig mit drei Apsiden umschlossen waren (siehe Grundriss der Rekonstruktion).

Nach Plünderung und Brandschatzung durch die Perser im Jahr 614 und den großen Erdbebenschäden von 808 folgte die völlige Zerstörung im Jahr 1009 auf Befehl des Fatimiden-Kalifen Al-Hakim. Nicht lange danach begann der Wiederaufbau in bescheidenerem Umfang.

Die Basilika und die beiden Atrien wurden nicht erneuert. Bis 1055 war die Erneuerung der Rotunde unter Wiederverwendung der Außenmauern und der Stützenstellungen fertiggestellt. Sie erhielt allerdings erstmals eine Tribüne mit Arkaturen aus den alten Stützen, deren Längen nahezu halbiert worden sind. An die Öffnung zum ehemaligen Atrium schloss zunächst eine Chorapsis an. Erst zwischen dem zweiten und dritten Kreuzzug baute man schließlich von 1160 bis 1170 unmittelbar an die Ostseite der Rotunde eine fünfschiffige Basilika an, mit Ambulatorium und vielen Kapellen. Die Kombination von Rotunde und Basilika der Grabeskirche entspricht weitgehend den heute erhaltenen Baustrukturen (siehe Grundriss, Grafik 19. Jh.).

mini|Saint-Bénigne, Dijon, 1001–1031, Rekonstruktion, Handskizze Neubau in Neuvy Diese Grabeskirche erinnert sehr an die ähnliche Kombination bei der Stiftskirche von Neuvy. Die Kombination Rotunde/Basilika in Neuvy konnte bei ihrem Baubeginn jedenfalls kein Vorbild in der damaligen Grabeskirche von Jerusalem haben, da zu diesem Zeitpunkt in Jerusalem gerade erst die Erneuerung der Rotunde fertiggestellt war und der Basilikaanbau erst fast 120 Jahre später. Vielleicht war aber den Erbauern von Neuvy die vor 1009 noch teilweise existierende ursprüngliche byzantinische Kirche durch Überlieferung bekannt, bei der man über eine Basilika in die Rotonde gelangen konnte.

Es existierte aber damals schon in Frankreich eine Kombination von großer Basilika, deren Chorumgang sich unmittelbar in eine dreigeschossige Rotunde öffnete. Es handelte sich um die zwischen 1001 und 1031 neu errichtete romanische Abteikirche Saint-Bénigne, dem Vorgängerbau der heutigen gotischen Kathedrale von Dijon. Ihr Grundriss zeigt deutliche Ähnlichkeiten mit der ursprünglichen Grabeskirche von Jerusalem. Ihre Erbauer haben vermutlich diese Kirche noch gekannt. Verbindungen zwischen Neuvy und Dijon im frühen 11. Jahrhundert sind durchaus denkbar und naheliegend.

Die Bauarbeiten an der großen Rotunde von Neuvy erstreckten sich über etwa 150 Jahre, von der Mitte des 11. bis zum Ende des 12. Jahrhunderts, etwa bis zum Beginn der Kreuzzüge. Es wird vermutet, dass die Rotunde und das anschließende Langhaus der romanischen Basilika ursprünglich nicht für eine räumliche Verbindung untereinander geplant und zunächst auch nicht verbunden waren. Das wird allein schon dadurch bestätigt, dass die Basilika nicht genau auf die Apsiden der Rotunde zentriert ist, in die später die Durchbrüche der räumlichen Verbindung gebrochen wurden. Mit den Bauarbeiten beider Bauwerke soll aber um die Mitte des 11. Jahrhunderts fast gleichzeitig begonnen worden sein, die der romanischen Basilika vielleicht etwas früher. Sie war bereits um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert fertiggestellt. Etwa zu diesem Zeitpunkt begann man aber erst mit der Errichtung der Tribüne der Rotunde (Datierung ihrer Kapitelle) mit ihren Arkadenkränzen über zwei Geschossen, die von einer befensterten Laterne und einer Kuppel abgeschlossen wurden (siehe Schwarzweiß-Foto, von 1923). Diese recht aufwändigen Arbeiten waren etwa einhundert Jahre später, zum Ende des 12. Jahrhunderts, fertiggestellt.

Ihre Vollendung fiel zusammen mit der Fertigstellung der inzwischen erfolgten „Gotisierung“ des Mittelschiffgewölbes der Basilika, die mit dem Einbau der Schlusssteine der Kreuzrippen abschlossen. Der etwa 50 Jahre spätere Beginn der Arbeiten an der Tribüne und des inneren Zylinders aus Arkadenkränzen hat zur fälschlichen Annahme geführt, dass die Tribüne im 12. Jahrhundert nachträglich in die bereits fertige Rotunde eingebaut worden sei.

Dass es sich bei der Rotunde von Saint-Sépulchre um eine getreue Kopie der Grabeskirche handeln soll, lässt sich nicht belegen. Der Durchmesser der Rotunde ist um gut 10 Metern kleiner als ihr Vorbild. Ihre sehr massive äußere kreisförmige Umfassungswand ist beim Original im Erdgeschoss nur halbkreisförmig und deutlich schlanker. In diese Wand waren ursprünglich innenseitig rundum acht segmentbogige Apsisnischen eingelassen, beim Vorbild gibt es nur drei halbkreisförmige Apsiden, die außenseitig aus der halben Rotunde hervortreten. Die Umgangsbreite ist im Verhältnis zum Durchmesser des inneren Stützenkreises in Neuvy deutlich größer als in Jerusalem.

Das im Grundriss rechteckige romanische Langhaus der ursprünglichen Basilika, das fast hundert Jahre früher fertiggestellt war, war vermutlich zunächst von der rundum geschlossenen Rotunde räumlich getrennt. Es weist nicht die übliche Ausrichtung von Westen nach Osten auf, sondern eine von Nordwesten nach Südosten. Es bestand aus drei Schiffen, dessen mittleres mehr als doppelt so breit war als die Seitenschiffe und vermutlich in fünf Joche unterteilt war, ohne das „Verbindungsjoch“ gerechnet. Die Schiffe waren vermutlich mit Tonnengewölben überdeckt, auf schlichten Gurtbögen, die auf Pfeilern mit kreuzförmigen Grundrissen und an den Außenwänden auf rechteckigen Wandpfeilern aufstanden. Die beiden Seitenschiffe waren zweigeschossig, mit Tribünen im Obergeschoss. Ob die beiden Tribünengeschosse eingewölbt waren, ist nicht bekannt, es ist aber nicht unwahrscheinlich. Zur Ableitung von Schubkräften auf die Außenwände hätten vermutlich über den Tribünen zwischen den Jochen auch Gurtbögen auf Wandpfeilern ausgereicht. Die Dächer über den Schiffen waren wegen der geringeren Gewölbehöhen ursprünglich flacher geneigt und reichten weniger hoch als die später folgenden. Ob das Langhaus am südöstlichen Kopfende ursprünglich mit einer zentralen Chorapsis und zwei flankierenden Kapellenapsiden abgeschlossen war, wird diskutiert, ist aber nicht eindeutig belegt. Ebenso ist es denkbar, dass die Basilika ursprünglich dort durch ein Portal erschlossen wurde. Möglicherweise gab es unter den letzten Untergurten vor der Rotunde eine Trennwand, die die Basilika vom Lärm der weiterlaufenden Bauarbeiten an der Rotunde trennte und weitgehend störungsfreie Gottesdienste ermöglichte.

Man findet in der „Chronique d'Anjou“ die Behauptung, dass die Kirche von Neuvy durch einen gewissen Geoffroy erbaut worden sei. Im 19. Jahrhundert haben einige Historiker behauptet, dass dieser Geoffroy mit dem Vicomte de Bourges, Geoffroy der Armselige, zu Unrecht identifiziert wurde. Sie behaupteten, dass dieser Letzte die Kirche erbaut hat, auf dem Land seines Cousins Boson von Cluis, als Buße für den Mord im Duell mit Ebbes, dem Sohn des Eudes im Jahr 1040, bei der Belagerung von Châteauneuf-sur-Cher.

Am ehesten scheint aber der oben genannte Eudes de Déols, genannt der Alte, und ehemaliger Pilger zum heiligen Grab, allein inspiriert gewesen zu sein, die neue Kirche von Neuvy zu entwerfen und die Bauarbeiten zu begleiten. Er war ein bedeutender und weithin wirkender Zeitgenosse. mini|hochkant|Gregor VII., aus einem Manuskript des 11. Jh.