Karl Borromäus Anton Franz Seraph von Stremayr (* 30. Oktober 1823 in Graz; † 22. Juni 1904 in Pottschach, Niederösterreich) war österreichischer Politiker, mehrmaliger Minister sowie Ministerpräsident Cisleithaniens, des kaiserlichen Teils Österreich-Ungarns, und Präsident des Obersten Gerichtshofes. mini|Karl von Stremayr (um 1880)

Leben Kindheit, Jugend, Studium mini|Familienwappen von Stremayr Karl von Stremayr war Mitglied der adeligen Familie StremayrAlois Frhr. Weiß von Starkenfels, Johann Kirnbauer von Erzstätt: Der Oberösterreichische Adel (= Siebmacher’s großes Wappenbuch. Bd. 4, 5. Abteilung), Nürnberg 1904, S. 412. und Sohn des oberösterreichischen Militär-Feldapothekers Franz Josef von Stremayr (1793–1843) und dessen Ehefrau Caroline, geborene Rieger (1800–1880).

Er wurde als erstes von neun Kindern in Graz geboren, wo er auch seine Kinderjahre verbrachte. Als sein Vater 1832 befördert und nach Mantua (Lombardo-venezianisches Königreich) versetzt wurde und die gesamte Familie dorthin übersiedelte, blieb er im Alter von zehn Jahren bei seinen Großeltern in Graz und besuchte ab 1833 das Akademische Gymnasium Graz.

Wegen der Beförderung seines Großvaters mit folgender Versetzung nach Görtschach/Klagenfurt besuchte er für ein Jahr die sechste Klasse des Klagenfurter Gymnasiums. Als sein Großvater 1839 starb, übersiedelte seine Großmutter mit ihm wieder zurück nach Graz, wo er die Matura ablegte.

Als Übergang zum Universitätsstudium begann er in Wien mit philosophischen Studien, lernte neben Latein auch Italienisch, Französisch und Englisch, später auch Slowenisch und Serbokroatisch und las mit gleichgesinnten Kommilitonen römische und griechische Klassiker. 1841 begann er das Studium der Rechtswissenschaften an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz, da er dem Wunsch seiner Eltern entsprechend keine militärische Karriere anstreben sollte.

Als 1843 sein Vater und seine Großmutter verstarben, hatte er als ältester Sohn die Erhaltung der Großfamilie zu übernehmen, indem er während seines Studiums Privatunterricht erteilte. Eine seiner Schülerinnen war Bertha Hope, die später seine Ehefrau werden sollte.

Im Herbst 1845 schloss er seine juristischen Studien in Graz ab.

Beruf 1845 begann er die einjährige Zivil- und Kriminalpraxis beim Magistrat Graz und legte 1846 beim Appellationsgericht in Klagenfurt die Rechtsreferendarprüfung in Deutsch und Italienisch mit Auszeichnung ab.

Deshalb erfolgte bereits 1846 seine Promotion zum „Doctor juris utriusque“, und nach beendeter Richteramtspraxis trat er als unbesoldeter Konzeptpraktikant bei der k.k. Finanzprokuratur in Graz ein und wurde am 9. November 1846 in den Staatsdienst übernommen.

Politik Märzrevolution 1848 und Frankfurter Nationalversammlung Im Zuge der Märzrevolution 1848 wurde er als Jurist ohne sein Mitwirken in der Grazer Zeitung für die Wahlen zur Frankfurter Nationalversammlung vorgeschlagen, hatte zu diesem Zeitpunkt aber nur wenige politische Ambitionen. Als er in Kindberg, Steiermark, in einem Rednerwettbewerb seine im Vergleich zu anderen Rednern gemäßigten und realistischen Ziele vortrug, wurde er zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt und sofort nach Frankfurt entsandt.

In Frankfurt war er Mitglied im Fünfzigerausschuss und nahm an den letzten Sitzungen des Vorparlaments und den Vorbesprechungen zur Eröffnung der Nationalversammlung teil. Als jüngstes Mitglied der Versammlung und Alterssekretär betrat er in der Frankfurter Paulskirche am 18. Mai 1848 als erster die RednertribüneStenografischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main. Erster Band. Erste vorberathende Versammlung in der Paulskirche am Donnerstag, dem 18. Mai 1848, S. 4., um die Begrüßungsadresse des alten Bundestages an die neue Nationalversammlung zu verlesen.

Auf der Suche nach Abgeordneten, die seine Ansichten teilten, schloss er sich dem Württemberger Hof, der liberalen Mitte, an.

Der rege Briefverkehr (94 Briefe vom 13. Mai 1848 bis zum 19. April 1849) zwischen ihm und seiner zukünftigen Ehefrau Bertha Hope war die Basis für die spätere Eheschließung und schildert seine Begeisterung und Enttäuschungen als Abgeordneter in Frankfurt:

In dieser politischen Atmosphäre, deren Überschwang und naive Unkenntnis der politischen Realität seiner Jugend entsprach, war er als einer von 586 Abgeordneten ambitioniert tätig, erkannte jedoch sehr bald die Unmöglichkeit der Durchsetzung seiner liberalen Hoffnungen. Nach Erzherzog Johanns Wahl zum Reichsverweser und dessen erstem Erscheinen in der Nationalversammlung schrieb er, bereits Böses ahnend:

Im Zusammenhang mit dem spontanen Volksaufstand in Frankfurt im September 1848 aufgrund des Waffenstillstandes vom Malmö konnte er selber einem tödlichen Kugelhagel gerade noch entkommen, während wenige Schritte von ihm entfernt ein österreichischer Offizier tödlich getroffen wurde.

Bezüglich der ersten drei vom Verfassungsausschuss der Frankfurter Nationalversammlung aufgestellten Artikel § 1: Das deutsche Reich besteht aus dem Gebiete des bisherigen deutschen Bundes. § 2: Kein Teil des deutschen Reiches darf mit nichtdeutschen Ländern zu einem Staate vereinigt sein. § 3: Hat ein deutsches Land mit einem nichtdeutschen Lande dasselbe Staatsoberhaupt, so ist das Verhältnis zwischen beiden Ländern nach den Grundsätzen der reinen Personalunion zu ordnen. wollte er eine Reduktion auf die beiden Varianten „Kleindeutsche Lösung“ bzw. „Großdeutsche Lösung“ nicht zulassenBrief an Bertha Hope vom 28. Oktober 1848. und kämpfte in seiner Jungfernrede am 26. Oktober 1848 für eine Lösung darüber hinaus:

Dieser Vorschlag Stremayrs stellte innerhalb der Paulskirche den ersten konkreten staatsrechtlichen Versuch dar, das schwebende Problem einer Lösung zuzuführen. Freilich war die Form, in der dies geschehen sollte, ziemlich kompliziert und unübersichtlich, aber immerhin vom juristischen Standpunkt in der Theorie möglich. Scheitern musste dieser Plan Stremayrs allein schon aus dem Grunde, da in ihm ein Machtfaktor zu wenig Beachtung gefunden hatte: Das Haus Habsburg, das einer Loslösung der deutsch-österreichischen Gebiete aus dem Habsburgischen Reiche nicht zustimmen konnte. […] Dieser Plan Stremayrs kam nicht zur Diskussion und war somit verurteilt, als ein akademisch juristischer Vorschlag Theorie zu bleiben.Karl Köck: Dr. Karl von Stremayr in seinem Verhältnis zu Wissenschaft, Kunst und Industrie betrachtet. Ungedruckte Dissertation, Wien 1950, S. 10.

Als die österreichischen Abgeordneten im April 1849 abberufen wurden, kehrte ein enttäuschter und ernüchterter Stremayr nach Graz zurück. Vom 24. Oktober 1849 bis Ende März 1850 supplierte er an der Universität Graz römisches und kanonisches Recht (Vakanz nach August Chabert, der im 31. Lebensjahr am 6. Februar 1849 in Wien an Magenkrebs verstarb und als einer der Väter der „österreichischen Rechtsgeschichte“ betrachtet werden kann).

Familie mini|Karl von Stremayr (1847), 24-jährig Als ehemaliger liberaler Frankfurter Abgeordneter bzw. Revolutionär bekam er das schlecht besoldete Amt eines Konzeptspraktikanten der steirischen Kammerprokuratur. Erst 1850 wurde durch seine Ernennung zum Staatsanwalts-Substituten die finanzielle Basis für eine mögliche Ehe geschaffen, die er am 17. Juni 1850 im Grazer Dom mit Bertha Hope einging.

Aus dieser Ehe stammten ein Sohn und fünf Töchter: Bertha (1851–1928) ⚭ 1873 Emil Hardt Anna (1853–1861) starb an Typhus Antonie (1855–1876) ⚭ 1873 Premierleutnant Richard Lüders; verstarb nach der Geburt des zweiten Kindes Maria (1859–) heiratete nach dem Tod ihrer älteren Schwester Antonie 1878 ihren Schwager, den Witwer Richard Lüders nach staatlichem und kirchlichen Dispens vom bestehenden Ehehindernis der Schwägerschaft. Stremayr beschrieb die damalige Situation später wie folgt:

Karl (1863–1864), Zwillingsbruder von Caroline, starb an Lungenentzündung Caroline (1863–1919), Zwillingsschwester von Karl ⚭ 1884 General Johann Edler von Schemua

Am 4. März 1905, also ein Jahr nach seinem Tod, wurde mittels kaiserlicher Entschließung seiner ältesten Tochter – er hatte keinen männlichen Nachkommen mehr – Bertha von Hardt, für ihre beiden Söhne Karl und Emil Ritter von Hardt, die Namensvereinigung Hardt-StremayrO. Maas’ Söhne: Genealogischen Taschenbuch der adeligen Häuser Österreichs. Band 2, 1906/07. bewilligt.

Unter reaktionären Vorgesetzten Als im April des Jahres 1849 die österreichischen Abgeordneten aus Frankfurt abberufen wurden, musste auch Stremayr in die Heimat zurückkehren, wo inzwischen auf die Revolution die Reaktion gefolgt war. Der Leiter des Guberniums von Marquet empfing Stremayr, der noch immer unbesoldeter Konzeptpraktikant der steiermärkischen Kammerprokuratur war, mit den Worten: „Sie wagen es, nach Ihrem Verhalten in der Paulskirche noch nach Österreich zurückzukehren?“ Als jedoch Stremayr auf seine persönlichen Beziehungen zu dem damaligen Justizminister Schmerling hinwies, besänftigte sich der Groll Marquets und Stremayr durfte wieder seine Funktion als unbesoldeter Konzeptpraktikant ausüben.Karl Köck: Dr. Karl von Stremayr in seinem Verhältnis zu Wissenschaft, Kunst und Industrie betrachtet. Ungedruckte Dissertation, Wien 1950, S. 10.

mini|Karl von Stremayr (1859), 36-jährig Nachdem Stremayr das Amt des öffentlichen Anklägers im Rahmen einer von ihm nicht akzeptierten Verfassung zu führen hatte, waren die reaktionären Vorgesetzten mit Stremayrs Amtsführung nicht zufrieden und er wurde bei jeder Gelegenheit zurückgesetzt. Nachdem drei seiner Brüder die militärische Laufbahn eingeschlagen hatten und seine Schwestern durch Handarbeit zum Haushalte beitrugen, hatte er sich nur mehr um die eigene Familie zu kümmern.

Somit habilitierte er sich als Privatdozent für römisches Recht an der Universität Graz aufgrund von zwei Abhandlungen für römisches Recht: Die actio Pauliana nach gemeinem und österreichischem Rechte Ein Beitrag zur Erklärung der L. 5 § 10 D. de inst. act. (= Dig. 14,3,5,10) Als Gutachter fungierten Kopatsch und Maassen.Gunter Wesener: Geschichte der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz. Teil 1: Römisches Recht und Naturrecht. Band 9/1, Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1978.

Außerdem war er als Mitarbeiter, später auch unter Pseudonym als Redakteur bei der Grazer Zeitung journalistisch tätig.

1860 erkrankten er und seine älteren Töchter Bertha, Anna und Antonie lebensgefährlich an Typhus, was die ganze Familie erneut in große finanzielle Not brachte. Schlimmer waren aber der Tod seiner Tochter Anna, wie auch der Tod der Magd und der Wärterin.

Steiermärkischer Landtag Aufgrund der Februarverfassung des Jahres 1861 wurden Wahlen für den Steiermärkischen Landtag ausgeschrieben, zu denen er, noch durch die Krankheit geschwächt, ohne sein Zutun als Kandidat für die Stadt Graz aufgestellt wurde. Er wurde zum Landtagsabgeordneten für die Grazer Vorstädte gewählt und saß die folgenden 18 Jahre im Landtag, darunter neun Jahre als Landesausschuss-Mitglied.