mini|Artur Brausewetter, Porträt von 1930 aus der Denkschrift Rettet die Marienkirche in Danzig rahmenlos|rechts Artur Brausewetter (vollständiger Name: Arthur Friedrich Leon Brausewetter, Pseudonyme: Arthur Sewett, Friedrich Leoni; * 27. März 1864 in Stettin; † 26. Dezember 1946 in Heidelberg) war ein deutscher evangelischer Theologe und Schriftsteller. Er gilt als einer der bekanntesten Danziger Theologen und als der wohl meistgelesene Danziger Schriftsteller in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Brausewetter wirkte mehr als vier Jahrzehnte an der Oberpfarrkirche St. Marien in Danzig, zunächst ab 1893 als Diakon, später ab 1908 als Archidiakon. 1933/34 wurde er von den Deutschen Christen aus dem Amt gedrängt und in den Ruhestand versetzt. Seine theologische Ausrichtung war vom Konfessionalismus geprägt.
Politisch stand er dem Nationalkonservatismus nahe, einem politischen Typus, der unter den Pfarrern der Weimarer Republik weit verbreitet war. Als Vortragsredner trat er auf politischen Veranstaltungen der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) auf.
Neben seiner kirchlichen Tätigkeit verfasste Brausewetter rund 50 Heimat- und Unterhaltungsromane, die in Danzig, Zoppot sowie in den Regionen Pommern und Ostpreußen angesiedelt sind. Sein literarisches Werk wird dem Realismus zugeordnet.
Leben Familie Artur Brausewetter wurde am 27. März 1864 in Stettin geboren. Seine Mutter, Nathalie Saunier (1842–1927), entstammte einer Hugenottenfamilie, die nach Aufhebung des Edikts von Nantes im Jahr 1685 nach Brandenburg eingewandert war. Sie war die Tochter des Stettiner Buchhändlers und Stadtverordnetenvorstehers Léon Saunier und Enkelin des Theaterdichters Louis Angely. Der Vater, Hans Friedrich Oskar Brausewetter (1833–1877), war Kaufmann und gründete ein eigenes Kommissions- und Speditionsgeschäft in Stettin. Er starb 1877 im Alter von 44 Jahren an Typhus, als Artur Brausewetter 14 Jahre alt war.
Brausewetter hatte zwei Schwestern, Else Brausewetter und Gertrud Sievert-Brausewetter, sowie zwei Brüder, Richard Brausewetter und Max Brausewetter. Else arbeitete als Lehrerin, Gertrud war Schriftstellerin und leitete in Stralsund den Vaterländischen Frauenverein des Deutschen Roten Kreuzes, Richard war Mitarbeiter im Preußischen Kriegsministerium und später Major. Max war als Arzt in Málaga tätig und starb während des Ersten Weltkriegs in französischer Gefangenschaft. mini|Artur Brausewetter mit Gemahlin und Sohn, Porträt von 1917 aus Reclams Universum1890 heiratete Brausewetter Else Pretzell (1871–1945), Tochter des Rittergutsbesitzers Eugen Pretzell aus Dübzow in Pommern. Aus der Ehe gingen die beiden Söhne Oskar und Heinz Herbert sowie die Tochter Hanna hervor. Ende August 1941 feierte das Ehepaar seine Goldene Hochzeit. Kurz vor Kriegsende starben Brausewetters ältester Sohn Oskar und seine Ehefrau; letztere erlag infolge der Verletzungen eines Bombenangriffs.
Zum familiären Umfeld gehörten sein Neffe Hans Brausewetter sowie seine Nichte Renate Brausewetter, beide Schauspieler. Durch seinen Onkel, den Maler und Professor Otto Brausewetter, kam Artur Brausewetter in Kontakt mit bekannten Berliner Malern und verkehrte in den Häusern prominenter Persönlichkeiten wie Ludwig Knaus und Julius Wolf.
Studium Artur Brausewetter legte Ostern 1885 am Stettiner Stadtgymnasium sein Abitur ab, das er nur knapp bestand. In seiner Autobiografie bemerkte er, dass er nicht wisse, „wem von meinen Lehrern ich es zu danken habe, daß ich als ‚bestanden‘ erklärt wurde.“
Im Anschluss nahm Brausewetter 1885 ein Studium der Rechtswissenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin auf und besuchte gleichzeitig Vorlesungen anderer Fakultäten, unter anderem bei Julius Kaftan, Heinrich von Treitschke und Otto Pfleiderer. Letzterer übte mit seinen „wunderbaren Vorlesungen über christliche Ethik und Dogmatik“ entscheidenden Einfluss auf ihn aus und veranlasste ihn, das Jurastudium aufzugeben und sich stattdessen der Philologie und Theologie zuzuwenden.
1887 wechselte Brausewetter an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn, wo er sein Studium abschloss und in Kolberg das erste theologische Examen ablegte.
Nach Abschluss des Theologiestudiums und des Oberlehrerexamens arbeitete Brausewetter als Hauslehrer auf dem Rittergut Dübzow im pommerschen Kreis Regenwalde. Nach eigener Aussage inspirierte ihn dazu die literarische Figur Oswald Stein aus Friedrich Spielhagens Roman Problematische Naturen. Die Anstellung war jedoch nur von kurzer Dauer. 1890 berief ihn der Magistrat der Stadt Danzig zum Pfarrer in Reichenberg im Danziger Werder.
Kirchliche Laufbahn mini|Blick in die Frauengasse und auf die Oberpfarrkirche St. Marien in Danzig um 1900. Hier wohnte Artur Brausewetter in Hausnummer 2. Brausewetters Laufbahn als Theologe war eng mit seinem literarischen Schaffen verbunden. Nach Fertigstellung seiner Staatsexamensarbeit in Philosophie, in der er sich mit Rousseaus Ethik und Pädagogik befasste, sandte er diese zusammen mit seiner Novelle In der Heilanstalt an den Schriftsteller Felix Dahn, dessen Roman Ein Kampf um Rom er schätzte. Dahn erkannte in der Novelle „etwas Besonderes“ und schrieb ein Empfehlungsschreiben, das zu ihrer Veröffentlichung führte. Durch seinen ersten Erfolg in der literarischen Fachpresse sah Brausewetter von einer Promotion und akademischen Laufbahn ab.
1893 stieg Brausewetter vom Landpfarrer in Reichenberg zum Diakon an der Oberpfarrkirche St. Marien in Danzig auf. Ausschlaggebend für seine Berufung als Diakon war die Fürsprache des Arztes Piwko, Mitglied der Gemeindevertretung, der die Novelle gelesen, gelobt und sich für Brausewetter eingesetzt hatte. Als Diakon wohnte Brausewetter in der Frauengasse in Hausnummer 2, dem Pfarrhaus der Marienkirche, das aus Sicht der Kirche als zweites Haus auf der rechten Straßenseite lag.
1908 trat Brausewetter das Amt des Archidiakons an der Oberpfarrkirche St. Marien in Danzig an, „der damals fünftgrößten Kirche der Christenheit“. Er wirkte insgesamt über vier Jahrzehnte an dieser Kirche. Brausewetter war Vorsitzender des Danziger Zweigvereins des Evangelischen Bundes und Mitarbeiter der Tageszeitungen Der Tag und Tägliche Rundschau, für die er das politische und kirchliche Zeitgeschehen kommentierte und theologische Neuerscheinungen besprach.
In den Jahren 1933 und 1934 wurde Brausewetter nach Einschätzung des Theologen Gunnar Anger von den Deutschen Christen im Danziger Landessynodalverband aus dem Amt gedrängt.
Schriftstellerischer Werdegang mini|Brausewetters Roman Wer die Heimat liebt wie du (1916) erreichte eine Auflage von 100.000 ExemplarenMit der Veröffentlichung der Novelle Ein Sommernachtstraum in der illustrierten Zeitschrift Die Gartenlaube (1898) festigte Brausewetter seinen Ruf als Schriftsteller. In seiner Autobiografie bezeichnete er diese Publikation als Wendepunkt seiner literarischen Laufbahn.
Sein erster Roman Der Armenpastor erschien 1899. Besondere Beachtung fand sein 1912 veröffentlichter Roman Stirb und Werde, der vielfach rezensiert wurde. Der Literaturhistoriker Adolf Bartels würdigte ihn in seiner Deutschen Literaturgeschichte mit den Worten: „‚Stirb und Werde‘ halte ich für den besten Pastorenroman nach Polenz’ ‚Pfarrer von Breitendorf‘.“
Bis 1928 waren die meisten seiner Romane bereits in rund 20.000 Exemplaren erschienen. Die große Liebe (1918) erreichte bis dahin etwa 30.000 Exemplare, während Wer die Heimat liebt wie Du (1916) zu diesem Zeitpunkt auf rund 60.000 Exemplare kam. Letzteren Roman widmete Brausewetter, wie dem Vorsatzblatt zu entnehmen ist, Paul von Hindenburg „in Dankbarkeit und Bewunderung“. Der essayistische Band Mehr Liebe! aus der Buchreihe Bücher von Liebe, Sonne und schönem Menschentum erzielte bis 1928 mit rund 100.000 Exemplaren die größte Verbreitung. Von den genannten Werken verzeichnete insbesondere Wer die Heimat liebt wie Du in den folgenden Jahren einen weiteren Anstieg der Verkaufszahlen; insgesamt wurden von dem Roman über 100.000 Exemplare verkauft.
Der literarische Erfolg führte vereinzelt zu Forderungen, Brausewetter solle seine kirchlichen Ämter aufgeben und sich ausschließlich der Schriftstellerei widmen. Der Schriftsteller Ernst Ewert äußerte sich dazu 1916 kritisch in der Schrift Brausewetter. Eine kritische Studie, in der er Brausewetter aufforderte, seine kirchlichen Ämter niederzulegen. Ewert glaubte nicht, „dass man zwei Gebietern mit gleicher Glut dienen kann. Die Kunst ist eine strenge Herrin.“ Brausewetter selbst betonte in seiner Autobiografie, dass er „niemals Schriftsteller geworden wäre“, wenn er „nicht zugleich der Geistliche einer großen Gemeinde gewesen“ wäre.
Im Jahr 1941 veröffentlichte Brausewetter sein Schauspiel Ich bin Doktor Eckart, das am Nationaltheater in Weimar uraufgeführt und 1942 an den Städtischen Bühnen Zoppot-Gotenhafen gespielt wurde. Die Wahl Weimars war für ihn von besonderer Bedeutung, da ihn eine langjährige Beziehung mit der Stadt verband. Als Mitglied des Verwaltungsrats der Deutschen Schillerstiftung hielt er sich regelmäßig in Weimar auf und pflegte dort enge Kontakte zu zahlreichen renommierten Schriftstellern.
Brausewetters letzter Roman, Die höheren Mächte (1946), thematisiert das Schicksal der ostdeutschen Bevölkerung in den Jahren 1933 bis 1945. Sein Sohn Heinz Herbert Brausewetter griff diese Thematik in seiner Autobiografie auf und bot darin eine persönliche Perspektive auf die Auswirkungen jener historischen Ereignisse auf das Leben seiner Familie und auf die Gesellschaft insgesamt.Vgl. Heinz Herbert Brausewetter: Von Gutsherren und Künstlern. Eine ostdeutsche Biographie. Wolfgang Weidlich, Frankfurt am Main 1980.
Zwischen 1899 und seinem Tod 1946 veröffentlichte Brausewetter nahezu jedes Jahr einen neuen Roman – insgesamt ungefähr 50 Romane – und blieb zugleich durchgehend als Diakon und später als Archidiakon an der Marienkirche in Danzig tätig.
Zusammenarbeit mit dem Max Koch Verlag mini|Signiertes Losungswort (Albumblatt um 1920), das Brausewetter für das Verlagsemblem des Max Koch Verlags entwarfBrausewetters Romane erschienen überwiegend im Max Koch Verlag, der sich der „Schönen Literatur“ widmete und 1910 von Max Koch in Leipzig-Stötteritz gegründet wurde. Einige Titel aus dem Verlag erreichten Auflagen von über 100.000 Exemplaren. Brausewetter gilt neben den Autoren Paul Burg, Walter von Molo und Alexander von Gleichen-Rußwurm als einer der bekanntesten Autoren des Verlags. Für das Verlagsemblem des Max Koch Verlags – eine kleine Schwarzweiß-Skizze des Konterfeis von Johann Wolfgang von Goethe zwischen den Großbuchstaben „M“ und „K“ – verfasste Brausewetter das Losungswort: „Wer lebt, gestaltet.“ In seiner Autobiographie ergänzte er dazu: „‚Und nur wer gestaltet, lebt!‘ hätte ich hinzufügen können. Es liegt ein eigener Reiz in dieser Wechselwirkung von Leben und Gestalten.“mini|Bücher von Liebe, Sonne und schönem Menschtum (1919–1925)In den 1920er Jahren verfasste Brausewetter auf Wunsch seines Verlegers Max Koch mehrere Bände für die Buchreihe Bücher von Liebe, Sonne und schönem Menschentum (1919–1925), zu deren weiteren Autoren Marte Sorge, Alexander von Gleichen-Rußwurm, Ernst Stemmann und Leo Koszella gehörten. Von den insgesamt neun erschienenen Bänden stammen fünf von Brausewetter, darunter Mehr Liebe, Sonne ins Leben, Freuden des Lebens, Höchstes Glück der Erdenkinder und Meister des Lebens. Die Reihe erreichte eine Gesamtauflage von 270.000 Exemplaren, davon entfielen 200.000 Exemplare auf Brausewetters fünf Bände. In einem Zeitungsartikel von 1944 berichtete der Verleger Max Koch über die Buchreihe, dass Brausewetters „Lebensbücher“ in einer Gesamtauflage von „einer viertel Million den Weg in die breitesten Schichten der Bevölkerung“ gefunden hätten und weiterhin „noch heute von Front und Heimat stark begehrt“ werden.