mini|hochkant|Manfred Lachs (1974) Manfred Lachs (* 21. April 1914 in Stanislau, Österreich-Ungarn; † 14. Januar 1993 in Den Haag, Niederlande) war ein polnischer Diplomat, Rechtswissenschaftler und Hochschullehrer, der sich in vielfältiger Form im Bereich des Völkerrechts profilierte.

Er studierte in den 1930er Jahren Rechtswissenschaften an der Krakauer Jagiellonen-Universität sowie in Wien, Nancy und an der London School of Economics und schloss sich während des Zweiten Weltkriegs der polnischen Exilregierung in London an. Nach dem Krieg war er für das polnische Außenministerium tätig und dadurch unter anderem entscheidend an der Entwicklung des Rapacki-Plans beteiligt. Als Vertreter Polens war er ab 1945 auch bei den Vereinten Nationen aktiv und nahm dort in der Folgezeit eine Reihe von hochrangigen Positionen und Ämtern ein. So beteiligte er sich in der Völkerrechtskommission an den Arbeiten zur Wiener Vertragsrechtskonvention und leistete als Vorsitzender des Rechtsunterausschusses für die friedliche Nutzung des Weltraums mit der Initiierung und Vorbereitung mehrerer Abkommen einen wichtigen Beitrag für das im Entstehen begriffene Weltraumrecht.

Von 1967 bis zu seinem Tode im Jahre 1993 war er Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag und von 1973 bis 1976 dessen Präsident. Seine Amtszeit ist mit 26 Jahren eine der längsten in der Geschichte der Institution. In dieser Zeit setzte er sich für eine Verbesserung und Weiterentwicklung der Arbeitsweise des Gerichts sowie für eine Stärkung der Beziehungen zwischen dem Gerichtshof und den übrigen Organen der Vereinten Nationen ein.

Als Hochschullehrer lehrte Lachs sowohl an der Akademie für Politikwissenschaften in Warschau als auch an der Universität Warschau, darüber hinaus auch an der Haager Akademie für Völkerrecht sowie als Gastdozent an verschiedenen Universitäten und Akademien weltweit. Für seine Verdienste um das Völkerrecht wurde ihm von zahlreichen Universitäten die Ehrendoktorwürde verliehen. Er erhielt darüber hinaus sowohl in seinem Heimatland als auch im Ausland eine Reihe hochrangiger staatlicher Auszeichnungen.

Leben

Ausbildung mini|Das Collegium Novum, das Hauptgebäude der Jagiellonen-Universität, an der Manfred Lachs seine juristische Ausbildung absolvierte Manfred Lachs wurde kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs im ostgalizischen Stanislau –  damals zu Österreich-Ungarn, anschließend zu Polen und zur Ukrainischen SSR der Sowjetunion, heute unter dem Namen Iwano-Frankiwsk zur Ukraine gehörig – als Sohn des jüdischen RechtsanwaltsSo Oscar Schachter: In Memoriam: Judge Manfred Lachs (1914–1993) – The UN Years: Lachs the Diplomat. AJIL, 1993, S. 414; laut anderer Quelle war er Amtsrichter: Die Zeit, Nr. 50/1987. Ignacy Lachs und seiner katholischen Ehefrau, der Englischlehrerin Sophie Lachs,So Louise Mooney Collins, Lorna Mpho Mabunda: The Annual Obituary 1993. St. James Press, Detroit 1994, ISBN 1-55862-320-5, S. 50; nach anderer Quelle hieß seine Mutter Zona Lachs, siehe The International Who’s Who, 1984–1985. 48. Auflage. Europa Publications, London 1984, ISBN 0-905118-97-9, S. 791. geboren. Er studierte Rechtswissenschaften an der Jagiellonen-Universität in Krakau und schloss das Studium 1937 mit dem Doktorat ab. Es folgten Studienaufenthalte in Wien und Nancy, wo er 1939 eine Promotion mit dem Docteur de l’Université de Nancy beendete. Anschließend wechselte Lachs an die London School of Economics and Political Science und entging damit dem Holocaust, in dem seine in der Heimat verbliebenen Familienmitglieder umgebracht wurden.Oscar Schachter: In Memoriam: Judge Manfred Lachs (1914–1993) – The UN Years: Lachs the Diplomat. AJIL 1993, S. 414; Schwebel, Stephen M. In Memoriam: Judge Manfred Lachs (1914–1993) – On the Bench: Lachs the Judge, AJIL 1993, S. 416; Diederiks-Verschoor, I. H. Ph. Judge Manfred Lachs: An Obituary, Journal of Space Law 1994, S. 1.

Die Studienjahre in England übten einen besonderen Einfluss auf Lachs’ rechtliches Denken und seine juristische Ausdrucksweise aus. Er erwarb fundierte Kenntnisse des englischen Rechts und der englischen Rechtsgeschichte. Auch in späteren Jahren galt er bei seinen Kollegen als ein besonderer Freund des englischen RechtsOscar Schachter: In Memoriam: Judge Manfred Lachs (1914–1993) – The UN Years: Lachs the Diplomat. AJIL 1993, S. 414. und war dafür bekannt, in Vorträgen und Gesprächen Mitglieder des Oberhauses zu zitieren oder englische Aphorismen einfließen zu lassen.Stephen M. Schwebel: In Memoriam: Judge Manfred Lachs (1914–1993) – On the Bench: Lachs the Judge. AJIL, 1993, S. 416.

Während seiner akademischen Ausbildungsjahre im Ausland hatte Lachs zudem außergewöhnlich gute Fremdsprachenkenntnisse erworben, die er während seiner ersten Berufsjahre noch weiter ausbaute. Neben seiner Muttersprache Polnisch beherrschte er Englisch, Französisch, Deutsch und Russisch in Wort und Schrift und hatte darüber hinaus Kenntnis der italienischen, spanischen und der übrigen romanischen Sprachen. Dieser Tatsache wurde später häufig die Leichtigkeit zugeschrieben, mit der er sich auf diplomatischem Parkett bewegte.Edward McWhinney: Judge Manfred Lachs and Judicial Law-Making. S. 3. Diederiks-Verschoor, I. H. Ph. Judge Manfred Lachs: An Obituary, Journal of Space Law 1994, S. 1 (3).

Arbeit als Diplomat mini|hochkant|Der polnische Außenminister Adam Rapacki, als dessen Rechtsberater Lachs ab 1960 tätig war In London hatte sich Lachs der polnischen Exilregierung angeschlossen und war Mitglied ihrer Delegation bei der United Nations War Crimes Commission. Mit Kriegsverbrechen beschäftigte er sich auch in seinem ersten Buch, „War Crimes – An Attempt to Define the Issues“ (1945), das zu dieser Zeit veröffentlicht wurde. Nach dem Krieg gehörte Lachs zu den wenigen der im Londoner Exil lebenden Polen, die in ihr Heimatland zurückkehrten. Er nahm eine Stelle im polnischen Außenministerium an, verfolgte aber auch gleichzeitig seine akademische Karriere weiter, indem er 1949 eine Professur an der Akademie für Politikwissenschaften in Warschau übernahm und drei Jahre später als Professor für Völkerrecht an die Universität Warschau wechselte.

Als Rechtsberater begleitete er die polnische Delegation zur Pariser Friedenskonferenz 1946 und war bei den Nürnberger Prozessen mit der Verfolgung von Straftaten der Nationalsozialisten in Polen befasst. Obwohl parteilosRenovierter Rapacki-Plan. In: Die Zeit, Nr. 2/1964 wurde er 1947 Leiter der Rechtsabteilung des polnischen Außenministeriums und 1960 Rechtsberater von Außenminister Adam Rapacki im Rang eines Botschafters. Während seiner Zeit im Außenministerium spielte er eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Rapacki-Plans, nach dem Deutschland, Polen und die Tschechoslowakei zur atomwaffenfreien Zone erklärt werden sollten. Der Plan wurde den Vereinten Nationen im Oktober 1957 vorgestellt, jedoch von den westlichen Staaten, die eine Gefährdung des Mächtegleichgewichts in Europa sahen, überwiegend abgelehnt, ebenso wie der Gomułka-Plan in den 1960er Jahren für eine Begrenzung der atomaren Aufrüstung im Mitteleuropa, an dessen Ausarbeitung Lachs einige Jahre später beteiligt war.

Wirken bei den Vereinten Nationen Als Vertreter Polens war Lachs ab 1945 bei den Vereinten Nationen tätig und gewann dort in den folgenden zwei Jahrzehnten zunehmend an Einfluss. Drei Mal (1949, 1951 und 1955) wurde er zum Vorsitzenden des Rechtsausschusses der Vereinten Nationen gewählt, eine Anerkennung, die bislang nur ihm zuteilwurde. 1962 wurde er in die Völkerrechtskommission der Vereinten Nationen gewählt, der er bis 1966 angehörte. Er beteiligte sich insbesondere an den Arbeiten der Kommission zum Recht der Verträge, die später in der Verabschiedung der Wiener Vertragsrechtskonvention mündeten. Zudem war er von 1962 bis 1966 Vorsitzender des Rechtsunterausschusses für die friedliche Nutzung des Weltraums,Ein Unterausschuss des Weltraumausschusses COPUOS. einem Ausschuss, der wichtige Pionierarbeit bei der Grundsteinlegung für die neu entstehende Materie des Weltraumrechts leistete. Unter seinem Vorsitz wurden die „Declaration of Legal Principles Governing the Activities of States in the Exploration and Use of Outer Space“ (1963) verabschiedet und der Weltraumvertrag vorbereitet. Außerdem war er von 1958 bis 1967 Mitglied des International Civil Service Advisory Board und Delegierter seines Landes bei den Verhandlungen über den Atomwaffensperrvertrag.

Richter am Internationalen Gerichtshof Im Oktober 1966 wurde Lachs zum Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag gewählt und am 6. Februar 1967 in diesem Amt vereidigt. Diese Position hatte er bis 1993 inne, womit er eine der längsten Amtszeiten in der Geschichte des Gerichtshofs erreichte. Während dieser Zeit war er von 1973 bis 1976 Vorsitzender Richter.

Wahl und erste Amtszeit mini|Der Friedenspalast in Den Haag, Sitz des Internationalen Gerichtshofs, dem Manfred Lachs von 1966 bis zu seinem Tod angehörte