Bernger von Horheim war ein Minnesänger, der vermutlich gegen Ende des 12. Jahrhunderts wirkte. Er ist ein Vertreter des rheinischen Minnesangs und wird der Hausenschule um Friedrich von Hausen zugeordnet.
mini|200px|„Bernger von Horheim“ (Codex Manesse, Anfang 14. Jahrhundert)
Leben Die Datierung Berngers fällt schwer, da er in nur zwei oberitalienischen Urkunden Philipps von Schwaben bezeugt wird. Die frühere Urkunde nennt einen ‚Berengius de Orehem‘ im Januar 1196 in Gonzaga. Die spätere erwähnt einen ‚Berlengerius de Oreim‘ am 3. Mai 1196 in Arezzo.Günther Schweikle: Mittelhochdeutsche Minnelyrik: Texte und Übertragungen, Einführung und Kommentar. Bd. 1. Frühe Minnelyrik. Stuttgart, Weimar: Metzler 1993, S. 516. Graf Gottfried von Vaihingen wird ebenso in diesen beiden Urkunden genannt und daher nimmt die Forschung an, dass Bernger zu diesem in einer besonderen Verbindung gestanden haben könnte. Man darf davon ausgehen, dass die Familie ‚von Horheim‘ in einem Dienstverhältnis zu den Grafen ‚von Vaihingen‘ stand, nachweisbar ist dies aber nicht.Günther Schweikle: Mittelhochdeutsche Minnelyrik: Texte und Übertragungen, Einführung und Kommentar. Bd. 1. Frühe Minnelyrik. Stuttgart, Weimar: Metzler 1993, S. 516. Sehr wohl belegt ist das Geschlecht von Horheim im bayrischen und württembergischen Gebiet, dem Bernger von der Forschung zugeordnet wird.Karl Zangemeister: Die Wappen, Helmzierden und Standarten der Großen Heidelberger Liederhandschrift: Manesse-Codex. Görlitz: Starke 1892, S. 11.
mini|Miniatur Berngers in der Weingartner Liederhandschrift
Umstritten ist außerdem die Annahme, dass Lied IV (MF 114,21), das als Ritterklage bezeichnet wird, als Lebenszeugnis gelte, in welchem Bernger von einer Heerfahrt nach Apulien nach dem Tod des Königs berichtet. Dies kann sich auf den Tod König Wilhelms II. von Sizilien im Jahre 1189 beziehen oder aber auch auf den Tod Tankreds von Lecce von Sizilien 1194.Valeska Lembke: Bernger von Horheim. In: Deutsches Literatur-Lexikon. Das Mittelalter. Bd. 4. Lyrik und Dramatik. Hrsg. v. Wolfgang Achnitz. Berlin, Boston: de Gruyter 2012. Sp. 130. Jedoch ist die Beteiligung am Apulienzug Heinrichs VI. weder für Bernger noch für Vaihingen nachweisbar. Letzterer wird mehrfach im Umfeld Heinrichs VI. bezeugt, was die Nähe Berngers zum Stauferhof erklären könnte. In Verbindung zu diesem sieht die Forschung Bernger als einen Ministerialen.Ewald Jammers: Das königliche Liederbuch des deutschen Minnesangs. Eine Einführung in die sogenannte manessische Liederhandschrift. Heidelberg: Verlag Lambert Schneider 1965, S. 129. Dies dürfte die literarische Beziehung zu Friedrich von Hausen begünstigt haben, die er dort wohl ebenso mit Bligger von Steinach pflegte.Valeska Lembke: Bernger von Horheim. In: Deutsches Literatur-Lexikon. Das Mittelalter. Bd. 4. Lyrik und Dramatik. Hrsg. v. Wolfgang Achnitz. Berlin, Boston: de Gruyter 2012. Sp. 130.
Eine ältere Forschungsmeinung hingegen siedelt das Ereignis rund um den Tod eines Königs und die darauffolgende Heerfahrt ca. 60 Jahre später an. Es wird behauptet, dass es sich bei besagtem König um Konrad IV. handle, der 1254 plötzlich in Neapel verstarb. Infolgedessen werden die Kämpfe um Konradins Erbe zwischen Manfred und Alexander IV. ausgetragen und dieser Kampf habe Bernger dazu veranlasst, Lied IV zu verfassen.Friedrich Heinrich von der Hagen: Minnesinger. Leipzig 1838, S. 251.
Eine eindeutige Herkunft Berngers kann nicht bestimmt werden, wird aber im rheinfränkischen oder schwäbischen Raum vermutet. Während ein Teil der Forschung aufgrund der Vermutung des Dienstverhältnisses eine Heimat in Horrheim bei Vaihingen an der Enz präferiert, zieht ein anderer Teil aus sprachlichen Gründen Horheim (heute Harheim bei Frankfurt) in Betracht.Valeska Lembke: Bernger von Horheim. In: Deutsches Literatur-Lexikon. Das Mittelalter. Bd. 4. Lyrik und Dramatik. Hrsg. v. Wolfgang Achnitz. Berlin, Boston: de Gruyter 2012. Sp. 130.
Da weitere Zeugnisse zu Bernger fehlen, nimmt die aktuelle Forschung an, dass er unter Berücksichtigung der aus dieser Zeit reichlich stammenden Urkunden aus dem süddeutschen Raum, kurz nach den urkundlichen Nennungen in jungen Jahren verstorben sein dürfte.Valeska Lembke: Bernger von Horheim. In: Deutsches Literatur-Lexikon. Das Mittelalter. Bd. 4. Lyrik und Dramatik. Hrsg. v. Wolfgang Achnitz. Berlin, Boston: de Gruyter 2012. Sp. 130. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass Lied IV den Tod Konrads behandelt, müsste Bernger noch rund 60 Jahre länger bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts gelebt haben. Der spätere Zeitrahmen würde den Stil Berngers erklären, wohingegen derselbe gegen Ende des 12. Jahrhunderts außergewöhnlich und zukunftsweisend erscheint. Da nur sechs Lieder unter dem Namen Bernger überliefert sind, ist es schwer, seine Genialität an diesen festzumachen und zu erklären. Nichtsdestotrotz zeigt sich im Wenigen, das überliefert ist, sein hohes formales Können. (vgl. Abschnitt zu ‚Lügenlied‘)
Überlieferung und Beschreibung der Miniaturen mini|Die erste Seite von Berngers Liedern im Codex Manesse
In Handschrift C, der Manessischen Liederhandschrift, sind unter dem Namen Bernger von Horheim sechs Lieder mit siebzehn Strophen überliefert. Die Handschrift B, die Weingartner Liederhandschrift, enthält hingegen nur dreizehn Strophen. Die ersten vier Strophen von Handschrift C, die Lieder V und VI, fehlen in Handschrift B. Da letztere die ältere Handschrift ist, wird generell angenommen, dass in der jüngeren bei einigen Dichtern Lieder hinzugefügt worden sind.Jammers: Das königliche Liederbuch des deutschen Minnesangs. Eine Einführung in die sogenannte Manessische Handschrift. Heidelberg: Verlag Lambert Schneider 1965, S. 81.
Neben der Strophenanzahl unterscheiden sich auch die Miniaturen in den jeweiligen Handschriften, die wohl dasselbe Vorbild gehabt haben, dennoch aber bei einigen Motiven gewisse Unterschiede zeigen. Daher kann ausgeschlossen werden, dass der Codex Manesse das ältere Bild der Handschrift B einfach übernommen hat.Ewald Jammers: Das königliche Liederbuch des deutschen Minnesangs. Eine Einführung in die sogenannte Manessische Handschrift. Heidelberg: Verlag Lambert Schneider 1965, S. 81.
Die Miniatur in Handschrift C zeigt einen Mann und eine Frau, die einander in feierlicher Haltung vor einem Rosenbaum die Hand reichen. Die Gebärde der Handreichung stellt einen Vertragsritus dar und wird als Ausdruck des Treuegelöbnisses auf Minnedarstellungen interpretiert. Die Zentrierung der die beiden Figuren verbindenden Gebärde hebt dies hervor. Zusätzlich weist diese feierliche Haltung auf einen älteren Typus des Verfasserbildes in der Handschrift hin.Ingo Walther: Codex Manesse. Die Miniaturen der Großen Heidelberger Liederhandschrift. Frankfurt/Main: Insel-Verlag 1988, S. 112. Der Hut, der Hund, der Kranz, das Schwert und die Raffung der Kleider sind Zeichen von Herrschaft und Reichtum. Der Helm, der unter dem Hut teilweise verborgen ist, steht für Ritterschaft. Dies könnte ein Hinweis für Berngers Dienstverhältnis zu Vaihingen, die Heerfahrt nach Apulien oder seinen Status des Ministerialen sein. Daher ist es nicht auszuschließen, dass Bernger diesen innehatte. Die Rose gilt als Inbegriff der Minne, wobei die Benutzung einer roten Rose ‚ir vollenkumene minne‘N.H.Ott: Symbolik und Ikonographie der Rose. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. 7. Stuttgart: Metzler. Sp. 1032. [ihre vollkommene Minne] bedeutet. Das Wappen bildet vier goldene Schwertlilien auf blauem Hintergrund ab, die ein Sinnbild der Reinheit und Unschuld sind.
Die Miniatur in der Weingartner Liederhandschrift zeigt ebenso einen Mann und eine Frau. Jedoch gibt es in dieser Abbildung kein verbindendes Element. Die Frau wird vom Mann durch eine Schriftrolle getrennt, welche den Mittelpunkt einnimmt. In dieser Miniatur wird ebenfalls Reichtum und Herrschaft durch den Helm, den Hut, den Kranz sowie der Kleidung, welche mit Hermelinfell ausgestattet ist, ausgedrückt. In dieser finden wir dasselbe Wappen, das sich nur in den Farben unterscheidet. Hier sind die Lilien silbern bzw. weiß und kontrastieren zum roten Hintergrund des Wappens.
Werke (Auswahl) Berngers Lieder werden dem rheinischen Minnesang unter Friedrich von Hausen zugeordnet. Kennzeichen davon sind u. a. Mehrstrophigkeit, die Form der Kanzonenstrophe, ein differenziertes Reimschema und Kontrafakturen. Mögliche Kontrafakturen sind in vier Liedern Berngers nachzuvollziehen: Lied I nach Chrétien de Troyes, Lied II nach Bertran de Born, Lied IV nach Conon de Béthune, Lied VI nach Gace Brulé.Ewald Jammers: Die sangbaren Melodien zu Dichtungen der Manessischen Liederhandschrift. Wiesbaden: Ludwig Reichert Verlag 1979, S. 23–27. Seine Lieder sind hauptsächlich Minneklagen, die monologisch die vergebliche Werbebemühung des männlichen lyrischen Ichs darlegen. Als originelle Leistung gilt sein sogenanntes „Lügenlied“ (Lied II).
„Lügenlied“ Mir ist alle zît, als ich vliegende var 1. Mir ist alle zît, als ich vliegende var ob al der welte und diu mîn alliu sî. swar ich gedenke, vil wol sprunge ich dar. swie verre ez ist, wil ich, sô ist ez mir nâhe bî. Starke unde snel, beidiu rîch unde vrî ist mir der muot: dur daz loufe ich sô balde; mir enmac entrinnen dehein tier in dem walde – daz ist gar gelogen: ich bin swaere als ein blî.
2. Ich mac von vröiden toben âne strît: mir ist von minne sô liebe geschehen. swâ waere ein walt beidiu lanc unde wît, mit schoenen boumen, den wolte ich erspehen; Dâ mohte man mich doch springende sehen. mîn reht ist, daz ich mich an vröiden twinge. wes liuge ich gouch? ich enweiz, waz ich singe. mir wart nie wirs, wil ich der wârheit jehen.
3. Ich mache den merkaeren truoben den muot. ich hân verdienet ir nît und ir haz, sît daz mîn vrowe ist sô rîche unde guot. ê was mir wê, nu ist mir sanft unde baz Ein herzeleit, des ich niene vergaz, daz hân ich verlâzen und ist gar verwunden. mîn vröide hât mich von sorgen enbunden: mir wart nie baz – unde liuge ich iu daz.
4. Mir wil gelingen, dâ mir nie gelanc, an minne der süezen, daz wil ich iu sagen. die merkaere habent mengen gedanc, swenne sî mich nu niht mêre hoerent klagen Dehein herze sêr. daz tuot sî mir verjagen. […………………………………………..] des lône ir got, daz mîn trûren hât ende – daz ist gar gelogen, und ist dar doch niht lanc. 1. Mir ist allzeit, als ob ich fliegend dahinziehe über alle Welt und sie ganz mein sei. Wohin ich meine Gedanken richte, - sehr leicht spränge ich [dorthin], wie ferne es auch ist, - will ich, so ist es mir nahe. Stark und kühn, sowohl edel als auch frei ist mir der Sinn, deshalb laufe ich so schnell, mir kann kein Tier entrinnen im Wald. Das ist gar gelogen, ich bin schwer wie Blei.
2. Ich kann unstreitig vor Freude rasen, mir ist durch die Minne so Liebes zuteil geworden. Wenn irgendwo ein Wald wäre, groß und weit, mit schönen Bäumen, den wollte ich ausspähen, dort könnte man mich dann herumspringen sehen. Mir steht es zu, daß ich nach Freuden dränge. Weshalb lüge ich Narr, ich weiß nicht, was ich singe. Mir ward nie elender, will ich die Wahrheit gestehen.
3. Ich mache den Aufpassern den Sinn verwirrt, ich habe ihre Mißgunst und ihren Haß verdient, da meine Herrin so reich und gut ist. Vordem war mir elend, nun ist mir wohl und besser: ein Herzeleid, das ich niemals vergaß, das habe ich hinter mir gelassen, und es ist ganz überwunden. Meine Freude hat mich von Sorgen entbunden. Mir ward nie wohler, aber ich lüge euch das vor.
4. Ich werde Erfolg haben, wo ich nie Erfolg hatte: in der Liebe der Süßen, das will ich euch sagen. Die Aufpasser machen sich mancherlei Gedanken, wenn sie mich nun nicht mehr klagen hören. Jedwedes Herzeleid, das wird sie mir verjagen. [………………………………………………..] Das lohne ihr Gott, daß mein Trauern ein Ende hat. Das ist gar gelogen, und doch ist es dahin nicht weit.Günther Schweikle: Die mittelhochdeutsche Minnelyrik. I. S. 275f. nach MF 113,1
Analyse und Interpretation