mini|Grafik von Herbert Sander, 1980
„Schwerter zu Pflugscharen“ ist ein Teilzitat aus der Bibel, das zum geflügelten Wort wurde. Es drückt das Ziel des Völkerfriedens durch weltweite Abrüstung und Rüstungskonversion aus. Ab 1980 wurde das Zitat zum Symbol staatsunabhängiger Abrüstungsinitiativen in der DDR, das auch Teile der westdeutschen Friedensbewegung übernahmen. Seit 1994 nutzen die ökumenischen Friedensdekaden der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) das Symbol des früheren DDR-Aufnähers als ihr Markenzeichen.
Bibel Micha mini|Kibbuz Kfar Aza in Israel: Panzerfahrzeug aus dem Zweiten Weltkrieg als Pflanztrog für einen Olivenbaum Beim Propheten Micha heißt es in :
In scharfem Kontrast dazu kündigt zuvor an:
Diese Gerichtsrede kennzeichnet die Zerstörung des Jerusalemer Tempels also als unausweichliche Folge der Ausbeutung der Armen durch korrupte, vom Opferkult abhängige Heilspropheten und Priester. Damit entzog es allen damaligen Autoritäten und dem ganzen Jerusalemer Tempelkult jede Rechtfertigung. Nach erinnerten die Ältesten des Landes die Gegner des Propheten Jeremia, die Tempelpriester, noch 150 Jahre später an diese Gerichtsrede und retteten so Jeremias Leben. 586 v. Chr. trat die angekündigte Tempelzerstörung ein.
Die Verheißung des Völkerfriedens setzt demnach das unwiderrufliche Ende des bisherigen Tempelkults und des israelitischen Königtums voraus. Michas Kritik an der falschen Heilsgewissheit gilt nach auch allen übrigen Völkern, die am Beispiel der Geschichte Israels Gottes Rechtswillen erkennen und für sich gelten lassen sollen: Weder politische Diplomatie noch militärische Rüstung könnten Frieden gewährleisten. Ebendiese Anpassung an die Politik der Großmächte in Israels Umgebung sei tödlicher Ungehorsam gegen Gottes Rechtswillen gewesen. So widerspricht Vers 4 dem Fazit zur Epoche Salomos, des Tempelbauers, in , und dem Angebot eines Fremdherrschers, den Israeliten ein Auskommen im Falle ihrer Unterwerfung zu gewähren, in .Helmut Utzschneider: Micha. Theologischer Verlag, Zürich 2005, ISBN 3-290-17368-2, S. 91.
Stattdessen werde JHWH, der „Gott Jakobs“, eines Tages selbst seinen Platz einnehmen und sichtbar über die ganze Welt herrschen. Die Erhöhung des Tempelberges Zion zum Weltmittelpunkt ist das Gegenbild zur Selbsterhöhung der Völker beim Turmbau zu Babel (Gen 11), die dort Sprachverwirrung, Zerstreuung und Fremdheit verursachte. Alle Völker würden diesen Gott ohne weltliche Zwischeninstanzen anerkennen und sich gegenseitig einladen, sein Gebot (Weisung, Schiedsspruch) in ihren Konflikten einzuholen. Darauf würden sie weltweit alle Waffen ab- und umrüsten, Berufsheere und Kriegsdienste abschaffen und so allen Menschen ein Auskommen und furchtloses Zusammenleben ermöglichen. Die Verheißung fordert also keine bestimmte Politik, verspricht aber konkrete Befreiung von Hunger, Heimatlosigkeit und Angst durch freiwilligen und rückhaltlosen Verzicht auf Waffen und Militär, dauerhaftes Verlernen von Kriegshandlungen, radikale Neuorientierung auf das zum Miteinanderleben Notwendige.John Knox et al. (Hrsg.): Twelve Prophets. Abington 1982 (19561), S. 921ff.
Dem folgt ein feierliches liturgisches Glaubensbekenntnis der Gemeinde in Israel :
Damit verpflichten sich die Empfänger der Friedensverheißung, JHWHs Abrüstungsgebot schon jetzt zu folgen, auch solange die übrigen Völker es noch nicht beachten.Hans Walter Wolff: Biblischer Kommentar Altes Testament: Dodekapropheton Teil 4: Micha. 2. Auflage, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2004, ISBN 978-3-7887-2025-4, S. 94; Robert Oberforcher: Das Buch Micha. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1995, ISBN 978-3-460-07242-8, S. 98f.; Rainer Kessler: Micha. Herder, Freiburg 1999, ISBN 978-3-451-26849-6, S. 189f.; Bertold Klappert, Ulrich Weidner (Hrsg.): Schritte zum Frieden, Neukirchen-Vluyn 1983, S. 273.
kommt auf die vorhergehende Gesellschaftskritik zurück und entfaltet sie: Sowohl militärische Machtmittel (Vers 9f.) als auch religiöse Verklärung derselben (Vers 11ff.) könnten Israel nicht retten, Gottes Gericht schlage sie seinem Volk aus der Hand. Am Schicksal ihrer religiösen und politischen Autoritäten machte diese Prophetie den Juden Gottes Abrüstungswillen pars pro toto (stellvertretend für das Ganze) deutlich. Hoffnung auf weltweiten und dauernden Frieden gründete für sie darin, dass Israel das Gericht über sich als selbstverschuldet annimmt und umkehrt.Hans Walter Wolff: Biblischer Kommentar Altes Testament: Micha, Neukirchen-Vluyn 2004, S. 97. Realistische Friedenshoffnung gab es für sie daher nur dort, wo Menschen sich den selbstverursachten Katastrophen ihrer Geschichte stellen und sie als Gericht Gottes über menschliche Eigenmacht annehmen.Bertold Klappert, Ulrich Weidner (Hrsg.): Schritte zum Frieden, Neukirchen-Vluyn 1983, S. 271ff.
Michas Friedensverheißung stand im 8. Jahrhundert v. Chr. keineswegs allein da. Auch von seinem Zeitgenossen Hosea, der im Nordreich Israel auftrat, sind ähnliche Verheißungen überliefert, ebenfalls mit Gerichtsankündigung und Umkehrruf verbunden. : : Claus Westermann: Prophetische Heilsworte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, ISBN 978-3-647-53825-9, S. 104.
Im Buch der Psalmen findet sich schon seit der Regierungszeit Davids öfter die geprägte Wendung „JHWH, der ein Ende macht den Kriegen bis ans Ende der Erde, der Bogen zerbricht und Speere zerschlägt, Schilde mit Feuer verbrennt“ (etwa in ). Diese scheint paradoxerweise aus der vorstaatlichen Tradition des JHWH-Krieges entstanden zu sein: Dort wurde JHWH als „Kriegsheld“ dargestellt, der den Stämmebund der Israeliten verteidige und die Feinde und ihre Militärmacht vernichte. Dies richtete sich seit dem Königtum Israels und der Ablösung eines Heerbanns durch ein Söldnerheer immer stärker nicht nur gegen fremde Militärmacht, sondern auch gegen die Übernahme dieser Form der Selbstverteidigung in Israel und Juda selbst.Robert Bach: „…der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt“. In: Hans Walter Wolff (Hrsg.): Probleme Biblischer Theologie: Gerhard von Rad zum 70. Geburtstag. Christian Kaiser, München 1986, ISBN 3-459-00779-6, S. 13–26.
Jesaja In taucht Michas Verheißung der „Völkerwallfahrt zum Zion“, die zur weltweiten Umrüstung der Waffen führen werde, fast wortgleich auf. Daher datieren manche Alttestamentler ihre Entstehung in die Zeit Jesajas nach dem Untergang des Nordreichs Israel (722 v. Chr.), andere erst in die Zeit nach der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil (597–539 v. Chr.), bevor der Tempel wiederaufgebaut wurde. In jedem Fall wurde diese Abrüstungsverheißung wohl erst nach der Tempelzerstörung 586 v. Chr., mit der auch das Königtum und die Eigenstaatlichkeit des antiken Staates Israel endeten, in den Zusammenhang des Michabuches eingefügt.Hans Wildenberger: Jesaja 1–12, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1972, S. 78ff.
Joel Der nachexilische Prophet Joel griff Michas Verheißung um 440 v. Chr. wie folgt auf :
Hier wird das Hoffnungsmotiv der weltweiten Ab- und Umrüstung, die der Völkerwallfahrt zum Tempelberg folgen werde (Mi 4,3; Jes 2,4), bewusst zum Aufmarsch der hochgerüsteten Fremdvölker gegen den Gott Israels umgekehrt. „Wegen meines Volkes“, nämlich der wiederholten Exilierung und Zerstreuung der Israeliten, sollten sie sich zur letzten Entscheidungsschlacht mit diesem Gott rüsten. Dabei wird der Aufruf zum heiligen Krieg, mit dem Gottes Gericht über Israel und den Zion ankündete, nun zum Gericht über Israels Feinde gewendet.Hans Walter Wolff: Dodekapropheton 2: Joel, Amos. 4. Auflage, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2004, ISBN 978-3-7887-2026-1, S. 96
Damit wird die Heilsverheißung von Mi 4,1–5 jedoch nicht zurückgenommen. Denn Joel betont, dass alle Kriegsrüstung, sogar wenn sie alle Ackergeräte umschmiedet und kriegsuntüchtige Schwächlinge aufbietet, vor Gottes Gericht vergehen wird. Damit wird die totale Aufrüstung der Fremdvölker, die sich dem Gott Israels überlegen dünken, verhöhnt und das Nichtbefolgen von Michas Verheißung als vergebliche Flucht vor Gottes Weisung gekennzeichnet.Hans Walter Wolff: Schwerter zu Pflugscharen – Missbrauch eines Prophetenworts? München 1984; in: Hans Walter Wolff: Studien zur Prophetie: Probleme und Erträge. Christian Kaiser, München 1987, ISBN 978-3-459-01683-9, S. 95.
Der Gerichtsankündigung geht voraus: Danach werde Gott seinen Geist über alle Sterblichen ausgießen, so dass die, die am „Tag JHWHs“ (dem Endgericht) seinen Namen anrufen, gerettet würden. Ulrich Dahmen kommentierte: Ulrich Dahmen, Gunther Fleischer: Das Buch Joel. Das Buch Amos. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2001, ISBN 978-3-460-07232-9, S. 88.
Sacharja Der nachexilische Prophet Sacharja (um 520 v. Chr.) bewahrte und aktualisierte Verheißung und Gebot des Völkerfriedens in veränderter zeitgeschichtlicher Situation. Er setzte den Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels voraus und erhoffte wie sein Zeitgenosse Haggai, dies werde eine Erneuerung der ganzen Weltordnung nach sich ziehen. Er kündigte ein neues, allein von Gott heraufgeführtes Jerusalem an, verbunden mit paradiesischer Fruchtbarkeit, der Heimkehr der ehemals exilierten Juden aus der Diaspora, einem Gericht über die Fremdherrscher, das sie zu JHWH bekehrt, und der Ausgießung des Geistes JHWHs. Im Zentrum des zweigeteilten Buchs steht die Verheißung eines gewaltfreien Messias, der JHWHs Abrüstungsgebot zuerst in Israel, dann weltweit durchsetzen und den Krieg überhaupt abschaffen werde :
Damit stellte sich dieser Prophet einerseits ganz in die Zion-Tradition seiner Vorgänger und setzte sich andererseits von der ehemaligen, mit dem davidischen Königtum untergegangenen imperialen Messiaserwartung ab. Implizit kritisierte er damit auch die Weltherrschaftsansprüche der Großreiche seiner Zeit.Erich Zenger: Einleitung in das Alte Testament. 9. Auflage, Kohlhammer, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-17-030351-5, S. 580–582.
Diese nachexilische Bewahrung und Aktualisierung der Verheißung Michas und Jesajas zeigt die Kontinuität der Hoffnung auf Völkerfrieden im Judentum. Diese war laut einigen Alttestamentlern schon in der ursprünglichen Verheißung an Stammvater Abraham angelegt, zum Segen der Völker zu werden : Francis L. Andersen, David Noel Freedman: Michah. The Anchor Bible, New York 2000, ISBN 0-385-08402-1, S. 412.
Jesus von Nazaret Die Geburtslegenden im Evangelium nach Matthäus und im Evangelium nach Lukas stellen Jesus von Nazaret als Bringer des von Israels biblischen Propheten verheißenen Völkerfriedens dar. bezieht sich auf , wonach der künftige Retter in Bethlehem geboren und den zuvor angekündigten Völkerfrieden personhaft verkörpern werde. In bejubelt das Engelsheer stellvertretend für die Menschheit Jesu Geburt mit den Worten:
Lukas griff hier Wendungen auf, die damals im Römischen Reich auf Kaiser Augustus gemünzt waren: Dieser wurde ebenfalls als Retter und Friedensbringer im Sinne eines Garanten von Rechtssicherheit und Ordnung bejubelt. Dass die Engel hier einen machtlosen, den Römern unterworfenen und später von ihnen gekreuzigten Juden mit diesen Worten preisen, grenzt sich deutlich gegen die Pax Romana ab. Später widerspricht Jesus dieser Art Frieden laut direkt:
Gemeint sind die unvermeidlichen Konflikte mit den Angehörigen derer, die sich für oder gegen die Nachfolge Jesu entscheiden sollen.Hans Klein: Das Lukasevangelium. Vandenhoeck & Ruprecht, München 2005, ISBN 3-525-51500-6, S. 139.
Nach allen vier kanonischen Evangelien empfing eine Menge der jüdischen Pessach-Besucher Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem mit einem Jubelruf, der eine Messiaserwartung ausdrückte: : „Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt!“ : „Hosianna dem Sohn Davids!“ : „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!“ : „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel!“