Henry Green (* 29. Oktober 1905 auf Forthampton Court nahe Tewkesbury; † 13. Dezember 1973 in London; mit bürgerlichem Namen eigentlich Henry Vincent Yorke) war ein englischer Romanautor. Zwischen 1926 und 1952 veröffentlichte Green neun Romane und ein autobiografisches Werk, daneben wurden in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften Kurzgeschichten und Essays von ihm veröffentlicht.Lehmann: Henry Vincent Yorke. In: John Sutherland (Hrsg.): Literary Lives - Intimate Biographies of the Famous by the Famous. S. 366.
Green gilt als ein Schriftsteller, der zwar einem größeren Leserkreis unbekannt ist, wegen seines meisterhaften Umgangs mit Sprache und Erzähltechnik aber von anderen Schriftstellern verehrt wird.David Lodge: Writer's Writer's Writer. Rezension zu Henry Green. In: The New York Review of Books. 25. März 1993, aufgerufen am 11. Juni 2016. Nach dem Tode von Virginia Woolf galt er vielen als bedeutendster noch lebender britischer Autor der klassischen Moderne.Treglown: Romancing – The Life and Work of Henry Green. S. 178. Zu den Schriftstellern, die ihn unabhängig voneinander als einen der besten englischsprachigen Autoren seiner Generation angesehen haben, zählen unter anderem W. H. Auden, Eudora Welty, V. S. Pritchett, Rebecca West sowie John Updike. Der US-amerikanische Autor und Essayist Terry Southern ging sogar so weit, Green als einen „writer's writer's writer“ zu bezeichnen, einen Schriftsteller, der von Schriftstellern geschätzt wird, die von anderen Schriftstellern verehrt werden. John Lehmann, der bei der britischen Hogarth Press Henry Green als Autor betreute, weist unter anderem darauf hin, dass Green einen spezifischen Sprachstil habe, der überwiegend aus einfachen Wörtern bestehe, und dass Green manchmal eine eigenwillige Syntax verwende, die einen Leser zunächst vermuten lassen könne, das Werk eines Anfängers zu lesen. Erst allmählich erschließe sich dem Leser dies als bewusste Ausdrucksweise, hinter der sich großer Humor verberge und die zahlreiche Passagen seiner Werke in den Stand reiner Poesie erhebe.Lehmann: Henry Vincent Yorke. In: John Sutherland (Hrsg.): Literary Lives - Intimate Biographies of the Famous by the Famous. S. 367.
Zu Greens bekanntesten Werken gehört der 1945 erschienene Roman Der Butler, der das Leben auf einem irischen Landsitz während des Zweiten Weltkrieges thematisiert und dies vorwiegend aus Sicht der Dienstboten schildert. Der Tod des alten Butlers zu Beginn der Handlung ist Ausgangspunkt einer zunehmend anarchischeren Misswirtschaft, bei der jeder auf seinen Vorteil bedacht ist. Die britische Zeitung The Guardian nahm den Roman 2009 in die Liste der 1000 Romane auf, die jeder gelesen haben müsse.1000 Novels everyone must read: the definitive List. Abgerufen am 9. Juni 2016. Die Time wählte ihn zu einem der besten 100 englischsprachigen Romane, die zwischen 1923 und 2005 veröffentlicht wurden, und 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker und -wissenschaftler ihn zu einem der bedeutendsten britischen Romane.The best British novel of all times – have international critics found it? In: The Guardian. aufgerufen am 9. Juni 2016. Der Kritiker Robert McCrum dagegen gab in seiner für den Guardian zusammengestellten Liste der 100 besten englischsprachigen Romane dem zuvor veröffentlichten Roman Die Gesellschaftsreise (Erstveröffentlichung 1939) den Vorzug.
Familie Henry Green entstammt einer wohlhabenden Familie. Er war der jüngste von drei Söhnen des Ehepaars Vincent Wodehouse Yorke und Maud Evelyn Wyndham. Zu Greens Vorfahren auf väterlicher Seite zählt die niederländisch-französische Schriftstellerin Isabelle de Charrière, sein Großvater Reginald Yorke, der eine ihrer Nachfahrinnen heiratete, war ein wohlhabender Landbesitzer in Gloucestershire und Mitglied des Parlaments. Henry Greens Vater war ein Schüler des Eton College, der anschließend am King’s College, Cambridge, studierte und als Archäologe in Griechenland und im Mittleren Osten arbeitete. Diese Karriere gab Vincent Wodehouse Yorke mit Beginn seiner Ehe auf. Eine für ihn von seinem Vater erworbene Kupferschmiede in Holborn baute er zu dem erfolgreichen Unternehmen Pontifex aus, das Kessel für Brauereien sowie Kupferrohre für sanitäre Anlagen herstellte.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 14.
Greens Mutter Maud war Tochter von Henry Wyndham, 2. Baron Leconfield, einem der wohlhabendsten Mitglieder der britischen Aristokratie und der Besitzer von Petworth House, einem großen Herrenhaus in Sussex. Die Familie spielt in der britischen Geschichte seit dem Mittelalter eine Rolle. George Wyndham, 3. Earl of Egremont, Urgroßvater seiner Mutter, war Agrarreformer und Kunstmäzen, der William Turner förderte und für seinen Stammsitz Petworth House Gemälde und Skulpturen auch anderer zeitgenössischer britischer Künstler Joshua Reynolds, William Hogarth, John Constable und George Romney sowie Skulpturen von John Flaxman erwarb. Mauds Onkel Archibald Primrose, 5. Earl of Rosebery war 1894/1895 britischer Premierminister, und Herbert Henry Asquith, Premierminister von 1908 bis 1916, war mit einer von Mauds Cousinen verheiratet.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 10.
Leben Kindheit Greens Mutter führte das typische Landleben einer britischen Aristokratin, die viel Zeit mit ihren Pferden und Hunden verbrachte und sich ansonsten in der Kirche und der benachbarten Gemeinde engagierte. Erzogen wurde Green von einer Nanny und anderen Dienstboten, seine Mutter sah er gewöhnlich abends zwischen fünf und sechs Uhr.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 9. Zum umfangreichen Hauspersonal der Familie gehörten außerdem ein Butler, zwei Diener, ein Laufbursche, eine Köchin, ein Küchenmädchen, ein Spülmädchen, fünf Hausmädchen und die Zofe der Mutter. Der Vater verbrachte die Woche über in Birmingham, wo er sich um das Familienunternehmen kümmerte.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 16. Von März bis August, der Zeit der Bälle und gesellschaftlichen Zusammenkünfte, lebte die Familie in London, kehrte aber gewöhnlich an den Wochenenden nach Forthampton zurück. Green verbrachte Teile seiner Kindheit in dem Herrenhaus seines Großvaters und lernte dort auch Relikte traditioneller und zu seiner Zeit bereits antiquierter Umgangsformen kennen. Selbst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde auf Petworth von männlichen Gästen erwartet, mit weißer Fliege und Frack zum Dinner zu erscheinen.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 7. Gästen, die diese zunehmend unübliche Abendgarderobe nicht im Gepäck hatten, wurde angeraten, den Kammerdiener zu wechseln.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 8. In einer seiner ersten erzählerischen Vignetten, die Green vermutlich während der auf Petworth verbrachten Schulferien schrieb, fantasiert er, was passieren würde, wenn plötzlich ein Riese auf dem Anwesen erschiene: Als erste Maßnahme würde sein Onkel Charles, der 3. Baron Leconfield, dem Riesen den Butler Wickham entgegenschicken. Der Riese würde den Butler in den See werfen, was Charles mit der kurzen Lobrede „Wickham war ein guter Dienstbote“ kommentieren würde. Es würde sich aber bald herausstellen, dass Butler Wickham den Kellerschlüssel bei sich getragen habe und damit einer der letzten Fluchtwege der Familie vor dem Riesen versperrt sei. Charles’ Pietät würde jetzt in die verärgerte Äußerung umschlagen, dass es trotz aller Anweisungen unmöglich sei, Dienstboten beizubringen, Schlüssel an zugänglichen Haken aufzubewahren.
Internatszeit und Studium mini|Magdalen College, das College, das Green in Oxford besuchte Green wurde zunächst auf das Internat New Beacon zur Schule geschickt, wo er Anthony Powell kennenlernte, dem er lange freundschaftlich verbunden blieb. Beide gingen danach auf das elitäre Eton College, ein Jungeninternat. Green begann an seinem ersten Roman Blindsein (Ersterscheinungsjahr 1926) bereits während seiner Zeit in Eton zu arbeiten. Sowohl Vincent als auch Maud Yorke standen den schriftstellerischen Ambitionen ihres jüngsten Sohnes zögerlich gegenüber. Als Green achtzehn Jahre alt wurde, schickte Maud einige seiner Erzählungen an John Buchan, einem mit der Familie befreundeten Schriftsteller. Das Feedback Buchans war durchaus positiv, auch wenn Green später davon überzeugt war, Buchan habe seine Frühwerke verrissen.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 37.
Green verließ Eton im Frühjahr 1924 und verbrachte den anschließenden Sommer in Frankreich. Danach ging er wie auch sein Freund Anthony Powell nach Oxford und wurde dort Student des Magdalen College. Ab seinem dritten Semester wählte er als Schwerpunkt englische Sprache und Literatur, sein Professor wurde der irische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler C. S. Lewis, mit dem Green sich keineswegs gut verstand.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 45. In Oxford lernte er auch Evelyn Waugh kennen, dem er für den Rest seines Lebens in freundschaftlicher Konkurrenz verbunden blieb.
Erster Roman Auf Grund seiner Verbindungen hatte Green die Gelegenheit, sein Manuskript auch Edward Garnett zu übergeben. Der einflussreiche Verlagslektor, der unter anderem mit Joseph Conrad, D. H. Lawrence, Dorothy Richardson und E. M. Forster zusammenarbeitete, lobte das Werk, nahm einige Streichungen vor und half Green, einen Verleger zu finden.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 56. Da Green noch minderjährig war, musste sein Vater den Vertrag unterschreiben und tat dies trotz erheblicher Zweifel.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 59. Als eines der ersten Zeichen öffentlicher Anerkennung wurde er nun auch zu den Zusammenkünften von Lady Ottoline Morrell eingeladen, bei denen als Gäste auch Persönlichkeiten wie Aldous Huxley, Katherine Mansfield, Leonard und Virginia Woolf, Bertrand Russell und Siegfried Sassoon verkehrten.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 60. Sein Erstlingsroman erhielt aber sonst wenig Aufmerksamkeit unter den britischen Literaturkritikern. In den USA lobte The Times Literary Supplement den Roman, und The New Republic hob den psychologischen Realismus des Romans hervor. Dieses Kritikerlob und die Ermutigungen durch seine Freunde ließen ihm beim Schreiben bleiben.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 67.
Sein Studium in Oxford empfand Green als zunehmend unbefriedigend. Viele Personen aus seinem Umkreis wie Anthony Powell und Evelyn Waugh lehrten oder arbeiteten in Verlagen, Robert Byron arbeitete an einem Buch über byzantinische Geschichte und Harold Acton lebte nun in Kontinentaleuropa. In einem Brief an seine Mutter gestand er auch, dass er unter dem Druck der wissenschaftlichen Arbeit in Oxford leide und deutete ihr gegenüber an, dass er gerne im eigenen Unternehmen in Birmingham Erfahrungen sammeln wolle. Seinem Vater gestand er ein, dass es ihm wichtig wäre, zunächst Erfahrungen als Arbeiter zu sammeln. Er gab auch zu, dass er dabei sei, einen weiteren Roman zu planen, der in der Arbeiterschicht spielen solle.Treglown: Romancing. The Life and Work of Henry Green. S. 63.
Eintritt ins väterliche Unternehmen mini|Birmingham zu Beginn der 1930er Jahre