mini|hochkant|Klaus Mertes (2019)
Klaus Mertes SJ (* 18. August 1954 in Bonn) ist ein deutscher Jesuit, Gymnasiallehrer, Autor und Chefredakteur. Von 2000 bis 2011 war er Rektor des Jesuitengymnasiums Canisius-Kolleg Berlin und von 2011 bis 2020 Direktor des Kollegs St. Blasien.. Seit 2021 ist er Superior des Ignatiushauses in Berlin.
Leben Klaus Mertes wurde 1954 als das zweite von insgesamt fünf Kindern des Ehepaares Hiltrud Mertes geb. Becker und Alois Mertes in Bonn geboren. Als Sohn einer Diplomatenfamilie verbrachte er die ersten elf Lebensjahre im Ausland (Marseille, Paris, Moskau). Von 1966 bis 1973 besuchte er das Aloisiuskolleg in Bonn-Bad Godesberg und engagierte sich dort im ND (Bund Neudeutschland – Katholische Studierende Jugend). Von 1973 bis 1975 absolvierte er seinen Wehrdienst beim Stabsmusikkorps der Bundeswehr in Siegburg. Zwischen 1975 und 1977 studierte er Slawistik und Klassische Philologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Er wurde Mitglied des Katholischen Studentenvereins Flamberg Bonn im KV.
1977, mit 23 Jahren, trat Mertes in den Jesuitenorden in Münster ein. Nach dem Noviziat studierte er Philosophie an der Hochschule für Philosophie in München sowie Katholische Theologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main. 1986 empfing er die Priesterweihe und setzte anschließend seine altphilologischen Studien an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main fort.
Nach einem Referendariat in Frankfurt am Main war er seit 1990 im Schuldienst tätig, zunächst an der Sankt-Ansgar-Schule in Hamburg. 1994 wurde er nach einem Auslandsjahr (Tertiat) in Nordirland Lehrer am katholischen Gymnasium Canisius-Kolleg Berlin. Von 2000 bis Mai 2011 war er dessen Rektor. Daneben unterrichtete er weiterhin Latein und Religion. Seit 2008 war er als Rektor des Canisius-Kollegs qua Amt zugleich Rektor der Kirche Maria Regina Martyrum, der Gedenkkirche der Katholiken in Deutschland für die Opfer des Nationalsozialismus.
Zum 1. September 2011 wurde Mertes Kollegsdirektor des Kolleg St. Blasien im Schwarzwald. Domradio.de, 12. Januar 2011. Sein Nachfolger am Canisius-Kolleg war Pater Tobias Zimmermann SJ.Pater Mertes in Berlin verabschiedet Mit Ende des Schuljahres 2019/2020 verließ Pater Mertes St. Blasien. Sein Nachfolger am Kolleg St. Blasien ist Hans-Martin Rieder.jesuiten.org: Kolleg St. Blasien bekommt einen neuen Rektor, jesuiten.org, 14. Januar 2020.
Seit dem 1. Januar 2021 ist Klaus Mertes der Superior des Ignatiushauses in Berlin.Personalnachrichten. In: Jesuiten, , Jg. 72 (2021), Heft 1: schwach stark, S. 27.
Wirken Schriftstellerisches Engagement Mertes ist Autor mehrerer Bücher und schreibt in unregelmäßigen Abständen Kolumnen in diversen Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem – von 2003 bis 2010 – im Tagesspiegel. Von 2007 bis 2017 war er Chefredakteur der Informationsschrift Jesuiten, einer quartalsweise erscheinenden Publikation der deutschsprachigen Jesuiten. In seinem Buch Verantwortung lernen. Schule im Geist der Exerzitien (2004) arbeitet er als Ziel „ignatianischer Pädagogik“ heraus, dass die Schülerinnen und Schüler sich „durch freies und reifes Urteil in ein eigenes Verhältnis zum Gelernten … setzen“. Im Juli 2009 veröffentlichte Mertes das Buch Widerspruch aus Loyalität, in dem er die Frage untersucht, wie sich die Loyalität zu einer Gruppe verhält zu einer Kritik derselben Gruppe. Seit 1. Januar 2018 ist er Mitglied der Redaktion der vom Jesuitenorden herausgegebenen Kulturzeitschrift Stimmen der Zeit.
Öffentliches Engagement Mertes ist häufig Gast in Diskussionsrunden. Ehrenamtlich engagierte er sich während seiner Zeit am Canisius-Kolleg in Fragen der Ausländerpolitik, besonders in Bezug auf Abschiebung. Von 2003 bis 2007 vertrat er die Berliner Erzdiözese in der Härtefallkommission des Senates. 2001 gehörte er zu den Mitbegründern des Interreligiösen Gebetes Berlin auf dem Gendarmenmarkt.Siehe http://www.friedensgebet-berlin.de./ Von 2003 bis 2011 war er geistlicher Berater des Bundes Katholischer Unternehmer in Berlin. Seit 2010 ist er Mitglied im Kuratorium der Stiftung 20. Juli 1944, seit 2016 geistlicher Beirat der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED).Heinz Withake als geistlicher Beirat der KED verabschiedet, Mitteilung des Bistums Münster vom 20. Januar 2016; Katholische Elternschaft Deutschlands. Wir über uns. Am Wochenende des 18./19. Oktober 2025 wurde er zum Vorsitzenden des Kuratoriums der Konrad-Adenauer-Stiftung gewählt.Pater Klaus Mertes zum Vorsitzenden des Kuratoriums der Konrad-Adenauer-Stiftung gewählt, Pressemitteilung der Konrad-Adenauer-Stiftung vom 20. Oktober 2025.
Aufdeckung von Missbrauchsfällen Anfang 2010 löste Mertes eine Welle von Aufdeckungen sexuellen und physischen Missbrauchs junger Menschen an kirchlichen – und später auch an nichtkirchlichen – Bildungseinrichtungen in Deutschland aus.
Nachdem mehrere Altschüler des Canisius-Kollegs Berlin sich ihm vertraulich als Missbrauchsopfer offenbart hatten, richtete er am 19. Januar 2010 an die rund 600 Angehörigen der betroffenen Jahrgänge aus den 1970er und 1980er Jahren einen Brief,Jens Anker, Michael Behrendt: „Das Schweigen muss gebrochen werden“. In: Berliner Morgenpost, 28. Januar 2010, abgerufen am 27. November 2019. der mit den Worten endete: „Seitens des Kollegs möchte ich (…) dazu beitragen, dass das Schweigen gebrochen wird (…). In tiefer Erschütterung und Scham wiederhole ich zugleich meine Entschuldigung gegenüber allen Opfern von Missbräuchen durch Jesuiten am Canisius-Kolleg.“Dokumentiert: Der Brief des Canisius-Rektors. In: Der Tagesspiegel, 29. Januar 2010.
Dieser Brief und erste Missbrauchsfälle wurden am 28. Januar 2010 über die Berliner Medien öffentlich bekannt.Siehe z. B. Susanne Vieth-Entus: Schüler an Jesuiten-Gymnasium jahrelang missbraucht. In: Der Tagesspiegel vom 28. Januar 2010 Durch die Berichterstattung ermutigt, meldeten sich bald weitere Opfer in der ganzen Bundesrepublik – nicht nur aus Jesuitengymnasien wie dem Canisiuskolleg, sondern auch aus anderen Schulen. Die für das Thema sensibilisierten Medien griffen nunmehr Fälle wieder auf, über die sie schon vor Jahren folgenlos berichtet hatten.Arno Widmann: Wir wollen nicht wissen. In: Frankfurter Rundschau vom 17. März 2010 Dazu gehören beispielsweise die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule, auf die 1999 bereits die Frankfurter Rundschau mit dem Artikel Der Lack ist abJörg Schindler: Der Lack ist ab. In: Frankfurter Rundschau vom 17. November 1999. aufmerksam machen wollte. Damals wurde die Problematik von den anderen Medien und der Gesellschaft nicht aufgegriffen, sondern totgeschwiegen, sodass es über 11 Jahre dauerte, bis Deutschland diesen lange zurückliegenden Fällen Aufmerksamkeit schenkte und damit den betroffenen Opfern überhaupt einmal eine Chance und Grundlage zur Verarbeitung der menschenunwürdigen Erlebnisse bot.DokZentrum ansTageslicht.de: Pater Klaus Mertes SJ klärt 2010 sexuellen Missbrauch auf. Abgerufen am 15. März 2012.
Vorgeschichte und Motive seiner Entscheidung, dem Schweigen über sexuellen und physischen Missbrauch ein Ende zu setzen und den Opfern Gehör zu verschaffen, erläuterte Mertes in mehreren Interviews, unter anderem in der Würzburger Tagespost,Regina Einig: „Leitlinien setzen letztlich das Vertrauen des Opfers in die Institution voraus“. Interview. Die Tagespost vom 6. Februar 2010. in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung,Antje Schmelcher: Missbrauch an Jesuitenschulen – „Die Kirche hat nicht zugehört“. Interview, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 6. Februar 2010. im Berliner TagesspiegelClaudia Keller: Der Mythos Canisius-Kolleg hat etwas so Lächerliches. Interview. Der Tagesspiegel vom 7. Februar 2010. und in der taz.Felix Lee, Plutonia Plarre: Pater Mertes über Missbrauch – „Die Opfer stehen im Mittelpunkt“. Interview, die tageszeitung vom 7. Februar 2010.
Auf die Frage, ob sein Vorgehen nicht gegen die Unschuldsvermutung zugunsten der Beschuldigten verstoße, antwortete er, man müsse erst einmal die Missbrauchsopfer ermutigen, überhaupt zu sprechen: „Die Opfer brauchen ein Grundvertrauen, mit dem wir ihnen entgegenkommen, nicht umgekehrt.“ Man könne nämlich nicht ohne weiteres voraussetzen, dass die Missbrauchsopfer einer Institution vertrauen, „von deren Repräsentanten sie ja gerade auf schlimmste Weise verletzt worden sind. Sexueller Missbrauch ist ja immer auch Vertrauensmissbrauch.“Siehe Leitlinien setzen letztlich das Vertrauen des Opfers in die Institution voraus. Interview, Die Tagespost vom 6. Februar 2010.
Die vom Jesuitenorden 2007 als externe Sachverständige mit der Untersuchung von Missbrauchsfällen beauftragte Anwältin Ursula Raue stellte Ende Mai 2010 in ihrem Abschlussbericht 205 Meldungen über Missbrauchsfälle an Einrichtungen des Jesuitenordens fest. Diese betrafen vor allem das Canisius-Kolleg, aber auch das Kolleg St. Blasien, das Aloisiuskolleg in Bonn, die St. Ansgar-Schule in Hamburg sowie Jugendeinrichtungen in Göttingen und Hannover und ein heute nicht mehr von den Jesuiten geleitetes Kolleg in Büren. Zusätzlich zu den 205 Meldungen erhielt Raue 50 Meldungen von Opfern an anderen Einrichtungen. Insgesamt wurden 12 Patres, von denen 6 bereits verstorben waren, und 2 weltliche Mitarbeiter von mehr als einem Opfer benannt. 32 weitere Patres, weltliche Lehrer oder Erzieher wurden von nur einem Opfer genannt.online Jesuiten räumen Missbrauchs-Vertuschung ein. Zeit Online, 27. Mai 2010.
In einer Pressekonferenz am 30. März 2010 dankte der Trierer Bischof Stephan Ackermann, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich, Mertes dafür, dass er mit seinem Vorgehen „eine Tür geöffnet und eine bisher vorherrschende Sprachlosigkeit überwunden“ habe.Daniel Deckers: Katholische Beratungsstelle für Missbrauchsopfer. In: FAZ vom 31. März 2010, S. 4. Während die SPD ihm für sein Engagement den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis verlieh, sind vergleichbare kirchliche Ehrungen bislang ausgeblieben.Matthias Drobinski: Stattdessen erfährt Mertes seitens offizieller kirchlicher Stellen zuweilen eine indirekte Missbilligung; so musste z. B. ein örtlicher Pfarrer ihn von einer Veranstaltung wieder ausladen, nachdem die Bistumsleitung gegen seine Teilnahme interveniert hatte.Ilka Piepgras:
Im Zusammenhang mit der Aufdeckung der Missbrauchsfälle wurde Mertes in verschiedenen Medien als Whistleblower bezeichnet.Derek Scally: Whistleblower priest fears schism in church. In: Irish Times, 5. April 2010 Rundfunk Berlin-Brandenburg, 26. Januar 2014
Analyse der spezifisch kirchlichen Ursachen des Missbrauchs In verschiedenen Publikationen, vor allem seinem Buch Verlorenes Vertrauen. Katholisch sein in der Krise (2013), untersuchte Mertes die spezifisch kirchlichen Hintergründe der von Priestern verübten sexualisierten Gewalt.
Die Überhöhung des Weiheamtes erzeuge eine sakrale Aura, die priesterlichen Tätern bislang ein hohes Maß an Immunität gegen Missbrauchsvorwürfe von Laien verschafft habe.Verlorenes Vertrauen. S. 84f. Vor diesem Hintergrund kommentierte Mertes 2018 die Klage von Papst Benedikt XVI. am Ende des Priesterjahres 2009/2010, der Teufel habe der Kirche durch den Missbrauchsskandal Schmutz ins Gesicht geworfen, mit der Bemerkung: Wenn überhaupt, dann habe ja wohl die Kirche Jesus Schmutz ins Gesicht geworfen.Evelyn Finger et al.: Das Schweigen. Die Zeit vom 26. September 2018.