mini|hochkant=1.6|Straßenbahntriebwagen auf dem Heinrichsplatz, 1914 mini|hochkant=1.6|Fahrplanblatt der Straßenbahn Meißen von 1902 Die Straßenbahn Meißen war die Straßenbahn der sächsischen Stadt Meißen und bediente in Meterspur vom 16. Dezember 1899 bis zum 1. März 1936 den Personen- und vom 20. September 1900 bis 2. Januar 1968 den Güterverkehr in der Stadt. Die Besonderheit der Meißner Straßenbahn war der umfangreiche Rollbockbetrieb, der nicht nur als Verkehr zwischen normal- und schmalspurigen Strecken stattfand, sondern viele Jahre auch mit Fahrzeugen, die den Betrieb nicht nur zwischen diesen Spurweiten ermöglichten, sondern auch alle drei Spurweiten, die es gleichzeitig in Meißen gab (750 mm, 1000 mm, 1435 mm), im Güterverkehr als sogenannter „Huckepackverkehr“ bedienen konnten.
Die Meißner Bevölkerung bezeichnete die Straßenbahn liebevoll als „Funkenkutsche“,D. Gasch: Meißner Funkenkutschen, in Neue Zeit, Nr. 103, 4. Mai 1969, Seite 8 einige Relikte erinnern noch heute an das Unternehmen.
Geschichte Am Ende des 19. Jahrhunderts zählte die Kreisstadt an der Elbe rund 20.000 Einwohner. Somit schien die Einrichtung eines innerstädtischen Verkehrsmittels angebracht, zumal der Bahnhof Meißen gegenüber der Altstadt auf dem rechten Elbufer liegt.Mario Schatz und Günter Naumann in 100 Jahre öffentlicher Personennahverkehr in Meißen, Meißner Tageblatt Verlags GmbH, 1999, S. 8
Ursprünglich verfolgte man bis 1888 noch den Gedanken zum Bau einer Pferdestraßenbahn, die auch über den Markt und die Fleischergasse geführt werden sollte. Im Jahre 1893 gab es dann die Anfrage zur Konzession zum Bau einer Straßenbahn „mittels mechanischen Motors“ oder Gasmotorwagen, welche allerdings nicht weiterverfolgt wurde. Grundsätzlich war man sich jedoch einig, dass eine Straßenbahn nur für den Personenverkehr nicht rentabel ist und man deshalb auch den Güterverkehr per Straßenbahn einplanen sollte.Mario Schatz und Günter Naumann in 100 Jahre öffentlicher Personennahverkehr in Meißen, Meißner Tageblatt Verlags GmbH, 1999, S. 9
Personenverkehr Die Stadt schloss im Jahre 1895 einen Vertrag mit der Credit- und Sparbank in Leipzig, der Union-Elektricitäts-Gesellschaft in Berlin und dem Kaufmann Heinrich Eckstein aus Leipzig über den Bau einer Straßenbahn und eines Elektrizitätswerks in Meißen ab. Am 2. Juni 1898 kam es zu einem weiteren Vertrag über die endgültige Linienführung, in der nun auch eine Güterstrecke zum Elbkai enthalten war. Noch im Juni 1898 begann das Verlegen der Gleise in der Talstraße. Das Konsortium gründete am 12. Mai 1900 die Meißener Straßenbahn AG. Zum Betriebshof wurde das Grundstück Jaspisstraße 11 im Triebischtal erklärt.Mario Schatz und Günter Naumann in 100 Jahre öffentlicher Personennahverkehr in Meißen, Meißner Tageblatt Verlags GmbH, 1999, S. 8 und 9
Eröffnung in Etappen Das Kgl. Sächsische Ministerium des Innern stellte am 25. November 1899 die Verleihungsurkunde aus, die offiziell der Elektricitätsgesellschaft Union das Recht zur Herstellung und zum Betrieb von Straßenbahnen in Meißen erteilte. Darin war festgelegt, dass die Strecke vom Bahnhof Meißen bis zur heutigen Kerstingstraße nur dem Personen-, Gepäck- und Stückgutverkehr zu dienen hatte. Die an der Einmündung der Kerstingstraße in die Talstraße beginnende Strecke über den Neumarkt zum Elbkai sollte dem Güterverkehr vorbehalten sein. Der Abschnitt von der genannten Einmündung durch das Triebischtal bis zum Buschbad diente dem gemischten Verkehr.Mario Schatz und Günter Naumann in 100 Jahre öffentlicher Personennahverkehr in Meißen, Meißner Tageblatt Verlags GmbH, 1999, S. 9
Zuerst wurde am 16. Dezember 1899 der Betrieb im Abschnitt Bahnhof Meißen–Jaspisstraße im Zehn-Minuten-Takt aufgenommen. Man zählte am Eröffnungstag 2.700 Fahrgäste. Der Abschnitt bis zur damaligen Stadtgrenze auf der Mühlgrabenbrücke an der Straße Am Triebischwehr wurde am 11. Januar 1900 eröffnet. Ab dem 1. April 1900 war schließlich die Reststrecke bis zum Buschbad für den Personenverkehr freigegeben. Die 4,6 Kilometer lange eingleisige und meterspurige Gesamtstrecke für den Personenverkehr begann am Staatsbahnhof Meißen in Cölln und überquerte die Elbe zur Altstadt hin. Sie führte über den Heinrichsplatz, über den Kleinmarkt und folgte dann der Neugasse, der Talstraße und der Jacobistraße nach Westen bis zur Endstation am Buschbad, nahe der Triebisch.
Die Reisezeit über die Gesamtstrecke betrug 23 Minuten. Gefahren wurde vom Bahnhof Meißen bis zur Jaspisstraße (Linie J) im Triebischtal weiterhin alle zehn Minuten, bis nach Buschbad (Linie B) alle 20 Minuten. Bei Volksfesten verkehrte die Straßenbahn zwischen Neugasse und Böttgerstraße alle 5 Minuten. Die Straßenbahn durfte in den engen Gassen der Stadt, besonders am Heinrichsplatz, nur mit 6 km/h und auf den Außenstrecken bis zu 20 km/h fahren. Nach dem Ersten Weltkrieg führte man die Linienbezeichnung „1“ für die Gesamtstrecke vom Bahnhof bis nach Buschbad ein. Die Straßenbahn war für einen Betrieb mit Rollenstromabnehmern ausgelegt. Am Bahnhof Meißen gab es ein Gleisdreieck an der Endhaltestelle, sodass die Fahrgäste stets die Wagen am Vorplatz besteigen konnten.
Die Strecke war vorwiegend eingleisig mit Ausweichen, die einen 5-Minuten-Verkehr ermöglichten. Die Elbbrücke und ein Teil der Elbstraße waren jedoch zweigleisig. Trotzdem durften sich auf der Elbbrücke keine Straßenbahnwagen begegnen. Dafür sorgten zwei Wärter auf jeder Seite. Über den Heinrichsplatz führte die Strecke weiter durch die Gerbergasse zur Neugasse und von dort in die Talstraße. Am Abzweig zur Jaspisstraße gab es ein weiteres Gleisdreieck. Durch das Gleisdreieck konnten Straßenbahnfahrzeuge aus beiden Richtungen direkt zum Betriebshof Jaspisstraße fahren. Vom Gleisdreieck führte die Strecke über die damalige Jacobistraße weiter bis zur Endhaltestelle am Buschbad.
Meißner Straßenbahn AG Schon am 14. Juli 1900 beschloss die am 12. Mai 1900 gegründete Meißner Straßenbahn AG in einer Generalversammlung, die gesamte Bahn vom Konsortium zu kaufen. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde ein großer Teil des Personals zum Kriegsdienst eingezogen. Gleichzeitig sank die Anzahl der beförderten Fahrgäste und auch der Güterverkehr nahm erheblich ab. Die Meißner Straßenbahn AG beschloss daher am 5. Mai 1917 ihre Auflösung.
Städtische Straßenbahn Meißen Die Stadt Meißen wollte jedoch unbedingt den Straßenbahnbetrieb erhalten. Sie übernahm 1917 das Unternehmen für 810.000 Mark. Zunächst dünnte sie danach den Fahrplan aus. Am 1. Januar 1918 gab es erstmals eine Tariferhöhung, weitere Tariferhöhungen folgten. Die Beförderungszahlen erreichten 1913 mit 1.087.000 einen Höhepunkt.16.12.1989 Personenverkehr Bahnhof bis Jaspisstraße
Fahrmarken und Straßenbahngeld Zunächst musste der Fahrpreis von 10 Pfennig in den Zahlkasten im Triebwagen geworfen werden. Das sollte der Fahrer kontrollieren. Fuhr der Zug mit Beiwagen, dann kassierte dort ein Schaffner und der Fahrgast erhielt einen Fahrschein. Jedoch gab es auch Fahrmarken aus Messing (19,70 × 19,70 Millimeter) in den Meißner Geschäften zu kaufen. Als Ermäßigung konnte man zwölf Fahrmarken in einer Tüte verpackt für eine Mark erwerben. Die Fahrmarken sollten ebenfalls im Triebwagen in den Zahlkasten geworfen werden. Im Beiwagen sammelte der Schaffner die Marken ein und man bekam dafür einen Fahrschein. Während des Ersten Weltkrieges waren die Fahrmarken nur noch aus Zink. Hergestellt wurden die Marken in der Firma von Friedrich Oswald Naupert in Roßwein.Peter Menzel: Deutsche Notmünzen und sonstige Geldersatzmarken 1840–1990, Verlag B. Strothotte, Gütersloh, 1993, Nr. 16522.1 bis 3 Auf den achteckigen Marken mit Perlrahmen stand auf der Vorderseite bogig „MEISSNER STRASSENBAHN“. Auf der Rückseite war das Monogramm „MS“, für MEISSNER STRASSENBAHN eingeprägt. Das „S“ ist dabei schraffiert.Peter Menzel: Deutsche Notmünzen und sonstige Geldersatzmarken 1840–1990, Verlag B. Strothotte, Gütersloh, 1993Mario Schatz und Günter Naumann in 100 Jahre öffentlicher Personennahverkehr in Meißen, Meißner Tageblatt Verlags GmbH, 1999, S. 10 bis 12
Für die Personenstraßenbahn wurden nach dem Ersten Weltkrieg kurzfristig zwei Münzen aus Porzellan ausgegeben. Anfang 1921 fertigte die Porzellanmanufaktur Meissen die 30- und 50-Pfennig-Stücke an.Mit Meissner Porzellan die Strassenbahn bezahlen auf krematorium-meissen.de Abgerufen am 5. Oktober 2022 In der Stadtverwaltung hieß es, dass es kein Notgeld, sondern Straßenbahngeld sei. Eingeführt wurden die Stücke offiziell mit einer Ankündigung im „Meißner Tageblatt“ vom 5. Mai 1921. Zur Benutzung der Meißner Straßenbahn akzeptierte man aber nur die beiden Stücke aus weißem Biskuitporzellan. Die motivgleichen Stücke aus Böttgersteinzeug waren dagegen Erwerbslosengeld. Die Münzentwürfe stammen von Emil Paul Börner. Beide Münzen kamen schnell in Sammlerhände und verschwanden so aus dem Umlauf.
Zeittafel 16.12.1899 Start des Betriebes mit der Strecke Bahnhof Meißen – Jaspisstraße 11.01.1900 verlängert bis Stadtgrenze (Mühlgrabenbrücke nahe der Straße Am Triebischwehr) 01.04.1900 verlängert bis Buschbad 20.09.1900 erste Güterzug von den Rollbockgruben im Betriebsbahnhof zum Anschluss der Ziegelei 13.12.1900 1,57 km lange Güterstrecke von der heutigen Kerstingstraße zum Elbkai 25.04.1933 Einstellung des Personenverkehrs zwischen Bahnhof und Neugasse (wegen Brückenschäden der Elbbrücke) 02.03.1936 Einstellung des Personenverkehrs 02.01.1968 Einstellung des Güterverkehrs 1969 wird die letzte Meißner Straßenbahn-Güterlok Nr. 3 ins Verkehrsmuseum Dresden gebracht
Zukunft Im Jahre 2012 kommt als Leihgabe des Verkehrsmuseums Dresden die letzte Meißner Straßenbahn-Güterlok Nr. 3 nach Meißen zurück. Standort der alten Lok ist der Bauhof der Stadt Meißen, dort, wo sich der frühere Betriebshof der Meißner Straßenbahn befand. Die elektrische Lokomotive Nr. 3 war von 1901 bis 1967 zwischen Elbkai und Buschbad im Einsatz. Die acht Meter lange Güterlok aus Stahl hat vier elektrische Motoren je 25 PS und wiegt 22,6 Tonnen. Derzeit bemüht sich ein Verein um diese Lok und hat weitere Wagen der ehemaligen Meißner Straßenbahn gekauft. ⇒Der letzte Sachse
Güterverkehr Am 20. September 1900 begann die Straßenbahngesellschaft auch mit dem Gütertransport. Die erste Fahrt ging vom Betriebsbahnhof an der Jaspisstraße bis zur Ziegelei am Buschbad. Ab 8. Oktober 1900 fuhr man dann auch stadteinwärts und am 25. März 1901 fuhr man erstmals aufgebockte Güterwagen zur Firma Teichert am Neumarkt. Ein Elbhochwasser verhinderte vorerst noch den Elbumschlagsbetrieb am Elbkai. Der Güterverkehr zum Elbkai konnte erst am 9. April 1901 aufgenommen werden. Ab 1905 wurde auch der Rollbockverkehr zum Elbkai zugelassen. Bisher hatte man dort nur Jute für die Spinnerei im Triebischtal umschlagen können. Nun konnten dort auch landwirtschaftliche Produkte wie zum Beispiel Kartoffeln und Zuckerrüben verschifft werden.
Der Güterverkehr entwickelte sich recht gut. Transportiert wurden vorwiegend Waggons auf Rollböcken, die mit Kohle, Koks, Kaolin oder Jute beladen waren. Aber auch Getreide, Mehl, Kartoffeln, Zuckerrüben und Stückgut wurden im Waggon den Kunden mit Gleisanschluss zugeführt oder die gefertigten Produkte von dort abgeholt. Waren es zur Eröffnung der Güterstraßenbahn nur fünf Fabrikanschlüsse, so wuchs die Zahl in sehr kurzer Zeit auf 15 an. Im Jahre 1912 wurden auf diese Art 129.400 Tonnen an Gütern transportiert.