miniatur|hochkant|Wisława Szymborska (2011)
Maria Wisława Anna Szymborska [] (* 2. Juli 1923 in Prowent; † 1. Februar 2012 in Krakau) war eine polnische Lyrikerin. Sie zählt zu den bedeutendsten Lyrikern ihrer Generation in Polen, wo ihre Gedichte zur Nationalliteratur gerechnet werden. Im deutschen Sprachraum wurde sie bereits früh durch die Übertragungen von Karl Dedecius bekannt und erhielt mehrere bedeutende Auszeichnungen. 1996 wurde ihr der Nobelpreis für Literatur verliehen. Seitdem ist ihr schmales Werk von rund 350 Gedichten auch international stark verbreitet und in mehr als 40 Sprachen übersetzt.
Szymborska hielt ihr Privatleben weitgehend vor der Öffentlichkeit verborgen. Ihr Werk stand Anfang der 1950er Jahre noch ganz im Zeichen des Sozialistischen Realismus. Mit dem Gedichtband Wołanie do Yeti (Rufe an Yeti) gelang ihr 1957 der Durchbruch zur eigenen Ausdrucksform, die von Zweifel und Ironie geprägt ist. Häufig betrachtet sie alltägliche Begebenheiten aus ungewöhnlichen Perspektiven, die zu allgemeinen philosophischen Fragestellungen führen. Szymborskas Gedichte sind in einer einfachen, leicht verständlichen Sprache gehalten. Sie folgen keiner einheitlichen Poetik, sondern besitzen jeweils ihren individuellen Stil. Zu den populärsten Gedichten gehört Katze in der leeren Wohnung. Neben Lyrik verfasste Szymborska auch Feuilletons in verschiedenen Literaturzeitschriften.
Leben
Zeitlebens trennte Wisława Szymborska strikt zwischen ihrem literarischen Werk und dem persönlichen Leben, das sie weitgehend privat hielt. Details ihrer Biografie wurden in der Öffentlichkeit kaum bekannt.Dörte Lütvogt: Untersuchungen zur Poetik der Wisława Szymborska. S. 2. Nach Szymborskas Willen sollten die Menschen den Zugang zu ihrer Persönlichkeit in ihrem literarischen Werk suchen statt, wie sie es formulierte, in ihrer „äußeren Biographie“Beata Halicka: Zur Rezeption der Gedichte von Wisława Szymborska in Deutschland. S. 51. oder den „äußeren Umstände[n]“. Alle Versuche, ihre Gedichte aus ihrer Biografie zu entschlüsseln, lehnte sie ab.Lothar Müller: Zum Tod von Wisława Szymborska: Erforscherin des Augenblicks. In: Süddeutsche Zeitung. 3. Februar 2012.
mini|Szymborskas Geburtshaus in Prowent Szymborska wurde in Prowent geboren, einer kleinen Siedlung zwischen den damaligen Orten Bnin und Kórnik nahe Posen in Großpolen. Offiziell weist ihre Geburtsurkunde allerdings Bnin als Geburtsort aus, inzwischen sind beide Ortschaften in Kórnik eingegliedert.Adam Górczewski: Folwark Prowent - to tu urodziła się Wisława Szymborska. In: RMF 24 vom 2. Februar 2012. Ihr Vater Wincenty Szymborski war Gutsverwalter des Grafen Zamoyski, ihre Mutter Anna Szymborska, geborene Rottermund, stammte angeblich aus den Niederlanden.Marta Kijowska: „Der Weg vom Leid zur Träne ist interplanetarisch“. Wisława Szymborska (* 1923), Nobelpreis für Literatur 1996. S. 420–422. Szymborska hatte eine sechs Jahre ältere Schwester namens Nawoja. Nach dem Tod des Grafen im Jahr 1924 zog die Familie nach Thorn,Małgorzata Baranowska: Wisława Szymborska – The Poetry of Existence. Auf culture.pl, Februar 2004. wo Szymborska die ersten zwei Jahre die Grundschule besuchte, dann nach Krakau, in jene Stadt, die von 1931 an bis zu ihrem Tod zu ihrer Heimat werden sollte. Insbesondere der wortgewandte Vater unterstützte die frühen schriftstellerischen Versuche seiner Tochter. Sein Tod im September 1936 und der Beginn des Zweiten Weltkriegs drei Jahre später markierten das Ende von Szymborskas behüteter Kindheit.Marta Kijowska: „Der Weg vom Leid zur Träne ist interplanetarisch“. Wisława Szymborska (* 1923), Nobelpreis für Literatur 1996. S. 422–423.
Von 1935 an besuchte Szymborska das Gymnasium der Ursulinen in Krakau. Unter der deutschen Besetzung Polens konnte der Unterricht im nunmehrigen Generalgouvernement nur heimlich stattfinden, bis sie 1941 das Abitur ablegte. Ein Studium blieb während des Krieges aber unmöglich und Szymborska arbeitete vorübergehend bei der Ostbahn. Nach Kriegsende studierte sie Polonistik und Soziologie an der Jagiellonen-Universität; gleichzeitig veröffentlichte sie ihre ersten Gedichte in Zeitschriften.Marta Kijowska: „Der Weg vom Leid zur Träne ist interplanetarisch“. Wisława Szymborska (* 1923), Nobelpreis für Literatur 1996. S. 423–426. 1948 brach sie ihr Studium ohne Abschluss ab und heiratete den polnischen Literaten Adam Włodek (1922–1986). Er war Chefredakteur der Wochenendbeilage der Tageszeitung Dziennik Polski, in der Szymborskas erstes Gedicht erschien. Auch nach der Scheidung im Jahr 1954 blieben sie einander freundschaftlich verbunden.Urszula Usakowska-Wolff:
Szymborska arbeitete ab 1953 als Redakteurin bei der Krakauer Literaturzeitschrift Życie Literackie. Hier gestaltete sie bis 1966 die Lyrik-Rubrik und verfasste eine Kolumne namens Poczta Literacka („literarische Post“), aus der im Jahr 2000 ein Auswahlband erschien. Populär wurde eine weitere Kolumne unter dem Titel Lektury nadobowiązkowe („außerplanmäßige Lektüre“), in der Szymborska ab Juni 1967 Bücher vorstellte, um sie zum Ausgangspunkt für persönliche Essays zu nehmen, die sich zwischen Memoiren und Reflexionen bewegen. Auch diese Kolumnen erschienen gesammelt in Buchform.Marta Kijowska: „Der Weg vom Leid zur Träne ist interplanetarisch“. Wisława Szymborska (* 1923), Nobelpreis für Literatur 1996. S. 431. Im Dezember 1981 beendete Szymborska ihre Redaktionstätigkeit in der Życie Literackie. Mit diesem Schritt protestierte sie gegen die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen. Ihre Buchbesprechungen publizierte sie fortan in der Krakauer Zeitschrift Pismo, in der Breslauer Monatsschrift Odra und schließlich ab 1993 in der Warschauer Gazeta Wyborcza.Marta Kijowska: „Der Weg vom Leid zur Träne ist interplanetarisch“. Wisława Szymborska (* 1923), Nobelpreis für Literatur 1996. S. 436–437. Nebenbei schrieb sie unter dem Pseudonym Stańczykówna (Tochter des Hofnarren Stańczyk) Beiträge für die Pariser Exilzeitschrift Kultura und die polnische Samizdat-Publikation Arka.Wislawa Szymborska beim Suhrkamp Verlag.
miniatur|hochkant|Wisława Szymborska (2009) Schon 1966 war Szymborska aus der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei ausgetreten, ein Schritt, mit dem eine ganze Reihe polnischer Intellektueller gegen den Ausschluss des Philosophen Leszek Kołakowski aus Partei und Lehre protestiert hatte. Sie galt damals bereits als wichtigste Lyrikerin ihrer Generation, der sogenannten Generation 56, deren Wurzeln im Polnischen Oktober 1956 und der folgenden Tauwetter-Periode lagen.Marta Kijowska: „Der Weg vom Leid zur Träne ist interplanetarisch“. Wisława Szymborska (* 1923), Nobelpreis für Literatur 1996. S. 430, 437. Die Gedichte aus der Zeit des Kriegsrechts erschienen 1986 im Band Ludzie na moście (Menschen auf einer Brücke). Die Doppeldeutigkeit der Gedichte, hinter deren unpolitischer Oberfläche sich Anspielungen auf die politischen Ereignisse verbergen, machte den Band zu einem großen Erfolg bei Kritik und Publikum. Die polnische Gewerkschaft Solidarność verlieh Szymborska ihren Literaturpreis.Marta Kijowska: „Der Weg vom Leid zur Träne ist interplanetarisch“. Wisława Szymborska (* 1923), Nobelpreis für Literatur 1996. S. 438–440. 1990 starb Kornel Filipowicz, der langjährige Lebensgefährte Szymborskas, mit dem sie seit 1967 liiert war. Die Beziehung der beiden Literaten, die niemals zusammengelebt hatten, beschrieb Szymborska als „zwei Pferde, die nebeneinander galoppieren“.Marta Kijowska: „Der Weg vom Leid zur Träne ist interplanetarisch“. Wisława Szymborska (* 1923), Nobelpreis für Literatur 1996. S. 438. Nach seinem Tod zog sich Szymborska eine Zeit lang zurück und verarbeitete ihre Trauer in einigen Gedichten, darunter auch das populäre Katze in der leeren Wohnung.Adam Zagajewski: Einen Dichter wie sie gibt es kein zweites Mal. In: Wisława Szymborska: Glückliche Liebe und andere Gedichte. Suhrkamp, Berlin 2012, ISBN 978-3-518-42314-1, S. 97.
Adam Zagajewski beschrieb Wisława Szymborska als „Eleganz in Person: elegant in ihren Gesten, Bewegungen, in ihren Worten und Gedichten“. Sie wirkte, „als sei sie unmittelbar einem der intellektuellen Salons im Paris des 18. Jahrhunderts entsprungen“.Adam Zagajewski: Einen Dichter wie sie gibt es kein zweites Mal. In: Wisława Szymborska: Glückliche Liebe und andere Gedichte. Suhrkamp, Berlin 2012, ISBN 978-3-518-42314-1, S. 95. Dabei scheute Szymborska jede Publizität. Ihre Verehrung galt den Schriftstellern Thomas Mann, Jonathan Swift, Montaigne, Samuel Pepys und Charles Dickens, dem Maler Jan Vermeer, dem Regisseur Federico Fellini und der Sängerin Ella Fitzgerald. Sie sammelte alte Zeitschriften, Ansichtskarten und ausgefallene Gegenstände, erfand private Gesellschaftsspiele und fertigte Collagen an. Ihre Gedichte entstanden nicht am Schreibtisch, sondern auf der Couch, wo sie erst niedergeschrieben wurden, nachdem sie vollständig in ihrem Kopf Gestalt angenommen hatten. Viele Entwürfe überstanden nicht die kritische Begutachtung am folgenden Tag und landeten im Papierkorb.Marta Kijowska: „Der Weg vom Leid zur Träne ist interplanetarisch“. Wisława Szymborska (* 1923), Nobelpreis für Literatur 1996. S. 433, 445–446. Insgesamt veröffentlichte die Lyrikerin rund 350 Gedichte in zwölf Gedichtbänden. beim Deutschen Polen-Institut, 2. Februar 2012. Am 1. Februar 2012 starb Szymborska, die an Lungenkrebs erkrankt war. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Cmentarz Rakowicki in Krakau.knerger.de: Das Grab von Wisława Szymborska Sie hatte bis zuletzt an neuen Gedichten gearbeitet.Wislawa Szymborska ist tot. Auf Spiegel Online, 2. Februar 2012. Dreizehn vollendete Gedichte und Notizen zu sieben weiteren Gedichten wurden postum im April 2012 im Band Wystarczy (Es ist genug) veröffentlicht.. Auf thenews.pl, 20. April 2012.
Werk
Literarischer Werdegang
miniatur|Wisława Szymborska (Mitte) mit Julia Hartwig und Anna Polony bei einer Sitzung des polnischen Schriftstellerverbandes, 1993 Szymborskas erste literarische Versuche nach dem Zweiten Weltkrieg standen laut Dörte Lütvogt noch in der Tradition der Avantgarde der Zwischenkriegszeit und folgten insbesondere dem Modell von Julian Przyboś. Ihr erstes Gedicht veröffentlichte sie im März 1945 mit dem Titel Szukam słowa (Ich suche das Wort) in einer Beilage der Tageszeitung Dziennik Polski. Die gesammelten, in den Folgejahren auch in verschiedenen anderen Zeitschriften erschienenen Gedichte der Nachkriegszeit sollten 1949 in einem Sammelband unter dem Titel Wiersze (Gedichte) herausgegeben werden. Doch mit dem IV. Kongress des polnischen Schriftstellerverbandes in Stettin wurde der Sozialistische Realismus im Sinne der stalinistischen Doktrin zum verbindlichen Programm der Literatur erhoben. Szymborskas Gedichte galten nun als zu schwierig und vieldeutig, der Plan zu ihrem Debütband wurde fallengelassen.Dörte Lütvogt: Zeit und Zeitlichkeit in der Dichtung Wisława Szymborskas. S. 13–14.