Die Schachweltmeisterschaft 1986 war ein Zweikampf zwischen Garri Kasparow und Anatoli Karpow um den Weltmeistertitel im Schach. Der Revanchekampf für Karpows Niederlage im Vorjahr war bereits die dritte Schachweltmeisterschaft zwischen Kasparow und Karpow und die 33. insgesamt, hundert Jahre nach der ersten Schachweltmeisterschaft 1886. Zwischen dem 28. Juli und dem 8. Oktober 1986 wurden in London und Leningrad jeweils zwölf Partien gespielt.

Der Revanchekampf war von Florencio Campomanes, dem Präsidenten des Weltschachbundes FIDE, gefordert worden – mit Verweis auf eine erst 1985 erfolgte Regelung. Kasparow weigerte sich zunächst und stellte erstmals die Drohung in den Raum, durch eine Abspaltung von der FIDE die Schachwelt zu teilen. Durch eine Einigung der beiden Spieler kam der Wettkampf aber doch zustande. Kasparow gewann mit 12,5:11,5 Punkten und verteidigte somit seinen Weltmeistertitel.

Hintergrund Als sich Kasparow 1984 für die Herausforderung Karpows qualifiziert hatte, war noch nicht geplant, dass es eine Weltmeisterschaft 1986 geben würde. Laut Reglement hätte die Schachweltmeisterschaft 1984 jener Spieler gewonnen, der zuerst sechs Partien gewinnt (bei nicht nach oben beschränkter Gesamtanzahl). Bei einem Sieg Kasparows hätte 1985 ein Revanchekampf für Karpow im selben Austragungsmodus stattgefunden. Der Sieger dieses Kampfes wäre dann 1987 regulär gegen den in den Ausscheidungskämpfen ermittelten Herausforderer angetreten.

Stattdessen wurde jedoch die bis ins Jahr 1985 andauernde Weltmeisterschaft von Campomanes unter umstrittenen Umständen nach 48 Partien abgebrochen und die Schachweltmeisterschaft 1985 als Ersatz angesetzt. Um künftig überlange Wettkämpfe zu vermeiden, kehrte die FIDE zum früheren Weltmeisterschaftsmodus zurück, bei dem Punktemehrheit aus 24 Partien zu erzielen war. Bei einem Unentschieden würde der Weltmeister seinen Titel behalten, dafür wurde der Revanchekampf für die Zukunft abgeschafft. Doch da das Match von 1985 formal noch zum WM-Zyklus 1982–1984 gehörte, in dem der Weltmeister das Recht auf einen Rückkampf hatte, wurde es ihm für diesen Wettkampf auch belassen. Durch dieses Doppelprivileg – Titelverteidigung bei Unentschieden und Revanchekampf – hatte dereinst Weltmeister Michail Botwinnik in den Jahren 1951–1961 insgesamt viermal seinen Titel verteidigen bzw. zurückerobern können.

Faktisch war das eine klare Bevorzugung Karpows, gegen die Kasparow auch protestierte. Nachdem Kasparow aber 1985 den Titel erobert hatte, beharrte Campomanes auf der Revanche und drohte Kasparow im Falle einer Verweigerung mit Absetzung. Als Matchbeginn setzte er den 10. Februar 1986 an. Sollte Kasparow bis zum 7. Januar nicht zugesagt haben, würde er zugunsten Karpows seinen Weltmeistertitel verlieren.

Vorgeschichte Zwischen den Weltmeisterschaften In seinem ersten Interview nach der Weltmeisterschaft 1984/85 für die Welt am Sonntag sagte Kasparow, dass er gegen Campomanes einen Kampf um „Demokratie im Weltschach“ führen wolle. Zum „unnötigen“ Rückkampf sei er nur bereit, wenn die Schachwelt dies wolle. Eine verbale Spitze gegen seinen Rivalen sollte sich als zutreffende Prognose erweisen:Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 2.

Da Kasparow nach dem WM-Kampf eine mehrwöchige Erholungspause einlegte, war Karpow der erste, der wieder bei Schachturnieren antrat: Bei der ersten Schach-Mannschaftsweltmeisterschaft 1985 in Luzern, die eine Woche nach dem Ende der Einzelweltmeisterschaft stattfand, führte Karpow das siegreiche sowjetische Team an. Von neun Runden spielte er sieben und errang dabei fünf Punkte (drei Siege, unter anderem gegen den nach Frankreich emigrierten Ex-Weltmeister Boris Spasski, und vier Remis).

Kasparows Imagetour im Westen Kasparow präsentierte sich im Dezember persönlich bei einer Tour durch die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland dem Schachpublikum im Westen. Die Publikumszahlen und das Medieninteresse erreichten beim Schach bisher ungewohnte Größenordnungen.Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 3. Zunächst besiegte er den Niederländer Jan Timman, den besten Spieler der westlichen Welt und Nummer 3 der Elo-Liste, bei einem Zweikampf in Hilversum mit 4:2.Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 3–12.

Schon am Tag danach reiste er in die Bundesrepublik weiter, um eine Simultanveranstaltung mit Uhrenhandicap gegen die Bundesliga-Mannschaft des Hamburger Schachklubs zu geben – also gegen acht starke Wettbewerbsspieler, wobei am ersten Brett sogar Großmeister Murray Chandler antrat. Nach den Anstrengungen der Vortage unterlag Kasparow in den von beiden Seiten aggressiv gespielten Partien 3,5:4,5. Ausschlaggebend war unter anderem seine Niederlage gegen den westdeutschen Jugendmeister von 1985, Matthias Wahls.Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 13–17.

Zu guter Letzt spielte er in München ein „normales“ Simultan, bei dem auch verschiedene Prominente wie Ephraim Kishon und Petra Schürmann teilnahmen. Bundespräsident Richard von Weizsäcker erschien als Zaungast. Nur 3 von 32 Spielern erreichten ein Remis, darunter Weizsäckers 32-jähriger Sohn Robert, späterer Universitätsprofessor, Großmeister im Fernschach und Präsident des Deutschen Schachbundes.Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 17–19.

Nach dem Ende der Tournee trat Karpow wieder auf den Plan. Er spielte im IBM-Turnier in Wien mit, wo er ungeschlagen blieb, aber hinter dem Sieger Kortschnoi (gegen den er remisierte) und dem Zweitplatzierten Alexander Beliavsky nur einen geteilten dritten Platz belegte. Mit Kurt Steyrer, dem Präsidenten des Wiener Schachverbands und SPÖ-Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, spielte Karpow eine Imagepartie, die (wie in solchen Fällen üblich) remis ausging.Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 19–22.

Die Entscheidung zur Weltmeisterschaft miniatur|Florencio Campomanes Kasparow hatte die Tour zu einer Medienkampagne gegen Campomanes und das Revanchematch genutzt. Er spielte mit dem Gedanken, sich nach seiner Absetzung (so sie denn erfolgen würde) von der FIDE abzuspalten. Etwa gleichzeitig wurde auch ein Gegenkandidat für FIDE-Präsident Campomanes vorgestellt: der Brasilianer Lincoln Lucena.

Karpow erklärte in Interviews stets, auf dem Wettkampf zu bestehen. Allerdings ließ er anklingen, dass der von Campomanes angesetzte Beginn am 10. Februar 1986 auch ihm zu früh sei. Der sowjetische Schachverband bezog keine eindeutige Position; jedenfalls wurde Kasparow nicht daran gehindert, auch mittels der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS die Revanche als absurd zu bezeichnen.

Unter diesen Umständen fühlte sich Campomanes in einer zu schwachen Position, um seine für 7. Januar angekündigte Absetzung Kasparows durchzuziehen. Er verschob seine Entscheidung auf den 16., danach auf den 24. Januar. Noch vor diesem Datum kam jedoch die große Überraschung: Kasparow und Karpow hatten sich mit Billigung des sowjetischen Schachverbands, aber ohne Beteiligung des Weltschachverbands FIDE, geeinigt.Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 26. Das WM-Match sollte erst Ende Juli oder Anfang August in Leningrad stattfinden, also nach einer für beide Spieler notwendigen Pause. Der Verlierer würde später ein Match gegen den Sieger des Kandidaten-Zyklus 1987 für die Qualifikation zur Schachweltmeisterschaft 1987 austragen. Campomanes konnte danach noch erreichen, dass die erste Hälfte des Matches in London ausgetragen wurde. Dieses war als „unbeteiligter“ Austragungsort laut einem FIDE-Beschluss zu bevorzugen und hatte 1,8 Millionen Schweizer Franken für das Match geboten, Leningrad dagegen nur 1 Million.

Die Vorbereitung der beiden Kontrahenten Beim Turnier in Brüssel trat Karpow gegen einen Großteil der Schachelite an, unter anderem wiederum Kortschnoi, der zwischendurch auch das wichtige Open in Lugano gewonnen hatte. Nach mäßigem Beginn und einer Krankheitspause konnte Karpow an seine frühere Dominanz anknüpfen: Mit einer Serie von sechs Siegen in Folge gewann er das Turnier schließlich mit zwei Punkten Vorsprung – eine Demonstration seiner Stärke und eine gute Werbung für das bevorstehende Match. Unter anderem schlug er Timman und Ljubomir Ljubojević.Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 27–29.

Kasparow gewann Mitte Mai in Basel einen Zweikampf gegen Tony Miles überragend mit 5,5:0,5. Miles kommentierte nach der letzten Partie: „Ich dachte, ich spiele gegen den Weltmeister, nicht gegen ein Monster mit 27 Augen, das alles sieht.“Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 35. Bei der abschließenden Simultanveranstaltung gewann Kasparow alle 30 Partien.Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 29–36.

In einem erneuten Uhrenhandicap, diesmal gegen eine Auswahl der Deutschen Schachjugend in Frankfurt am Main konnte er die Niederlage von Hamburg wettmachen: Kasparow gewann mit fünf Siegen und drei Remisen. Dabei gelang ihm auch die Revanche gegen Wahls, der als einziger bei beiden Uhrenhandicaps mitspielte. Am gleichen Abend hatte Kasparow einen Fernsehauftritt im Aktuellen Sport-Studio des ZDF. Dort demonstrierte er die Gedächtnisleistung eines Schachgroßmeisters, indem er in einer Vorführung eine Reihe historischer Stellungen wiedererkannte.Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 36–38. Einige Tage später besuchte Kasparow England, um sich die Örtlichkeiten des bevorstehenden Wettkampfes gegen Karpow anzusehen. Eine Auswahl der englischen Junioren schlug sich im Simultan tapfer und trotzte Kasparow in 20 Partien drei Siege und sechs Remisen ab.Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 38–39.

Im Juli 1986 reiste Kasparow zur Annahme des ihm verliehenen Schach-Oscars nach Barcelona und zog sich danach zur Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft zurück. Damit blieb der letzte schachliche Auftritt bei Karpow: Er nahm am doppelrundigen „Superturnier“ in Bugojno teil, bei dem sich die Veranstalter auf acht Spieler aus der absoluten Weltspitze beschränkt hatten, um die seltene Kategorie 16 eines Schachturniers zu erreichen. Karpow gewann souverän durch erneute Siege gegen Ljubojević, Timman und Spasski sowie Artur Jussupow.Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 39–42. Lediglich einmal verlor er zwischen den Weltmeisterschaften: Seine Niederlage gegen Andreï Sokolov wurde später vom Schachinformator zur besten Partie im ersten Halbjahr 1986 gewählt.Aleksandar Matanović, „Schach ist Schach“, Rau-Verlag 1991, ISBN 3-7919-0366-7. Außerdem konnte er gegen den vorher von Kasparow so deklassierten Miles nur mühsam ein verlorenes Endspiel remis halten, wobei auch ein Zeitnotfehler Miles’ mithalf.Hans-Joachim Hecht und Gerd Treppner: Schach-WM Revanche-Kampf 1986. Beyer-Verlag 1986. S. 40–41.

Organisation Wettkampfbedingungen miniatur|rechts|Spielort der ersten Hälfte: Park Lane Hotel in London, hinter dem Fotografen befindet sich der Green Park (Foto 2009)