Günther Witzany (* 25. August 1953 in Salzburg) ist ein österreichischer Philosoph.
Werdegang Witzany studierte Philosophie, Politikwissenschaft und Moraltheologie in Salzburg und München. 1983 wurde er bei Annemarie Pieper mit der Arbeit Transzendentalpragmatik und Ek-sistenz. Normenbegründung – Normendurchsetzung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München promoviert. Die interdisziplinäre Arbeit vermittelt Karl-Otto Apels rationale Begründung ethischer Normen mit der ideologiekritischen Gesellschaftsanalyse von Erich Fromm und der Kunsttheorie von Joseph Beuys ("soziale Plastik").
1985 gründete er die erste Philosophische Praxis in Österreich. Witzanys besonderer Forschungsschwerpunkt ist die Philosophie der Biologie. Seit 2001 ist Witzany zusammen mit Ewald Hiebl Herausgeber der gesammelten Werke von Leopold Kohr. Er ist Mitglied in der World Society for Virology, der RNA Society, war im Editorial Board der Internationalen Biosemiotik-Gesellschaft (2008–2015), beim World Journal of Biological Chemistry, Mitglied der New York Academy of Sciences (seit 2009), im Internationalen Städteforum Graz (seit 1999) und dem Netzwerk The Third Way of Evolution.
Ästhetik und praktische Philosophie Witzany gründete 1985 die „erste Philosophische Praxis in Österreich“. Im Rahmen dieser Praxis betreibt er selbstständige Forschung und organisiert Kongresse.
In Anlehnung an Aristoteles gliedert Witzany seine Arbeit in drei Bereiche, die mit ästhetische, praktische und theoretische Vernunft betitelt sind. Dabei ist die ästhetische Vernunft vor allem künstlerischen Projekten und deren diskursiver Reflexion gewidmet, so etwa den Arche-Projekten von Otto Beck oder dem Musikprojekt N.I.L.F.I.S.C. (New Intellectual Line for International Sound Communication), u. a. mit Wolfgang Seierl; dieser Bereich zeigt sich aber auch in Debatten und Interviews u. a. mit Hermann Kremsmayer, Hermann Ober, Johannes Grützke und Hubert Schatz.
Der Bereich der „praktischen Vernunft“ ist ethischen, vor allem politischen und ökologischen Fragen gewidmet. Witzany war Mitherausgeber 1986 bis 1992 der Vierteljahreszeitschrift Arche Nova – Ideenforum für Wertwandel und Friedensforschung und war am Alternativ-Technologie-Zentrum 1989 bis 1998 beteiligt. 1990 gab er zusammen mit Eva-Maria Schalk das Buch Die Rettung der Erde. Alternative Energie aus Sonne Wind und Wasser heraus. Mit Christian Vötter entwickelte Witzany ein Konzept zur nachhaltigen Belebung von Regionalstrukturen, K.O.H.R. (Kern-Orientierungen-Helfen-Regionen). Zudem engagierte sich Witzany für integrative Projekte, wie die „No Problem“-Musiktherapie (1995 EU-Preisträgerin für funktionelle Rehabilitation) für geistig bzw. körperlich Schwerbehinderte.
Mit dem Kulturverein Tauriska, der Leopold-Kohr-Akademie und Alfred Winter arbeitete er ab 1988 in den Bereichen geistige Dorferneuerung und Kulturmanagement. Witzany erarbeitete für die Sozialplanung der Stadt Salzburg 1995 den Rahmenplan Behindertenwesen (samt Maßnahmenkatalog) und koordinierte 2005 die Erarbeitung des Sozialleitbildes der Stadt („Lebensqualität für Alle“). 1999 erfolgte die Gründung der „Fachstelle für barrierefreie Orts- und Stadtraumgestaltung“ (Mitglied im ÖNORM-Ausschuss).
Witzany gab zwei EU-kritische Sammelbände Verraten und Verkauft. Das EG-Lesebuch.EG-Lesebuch. Die Furche (Wochenzeitung), 22. Juli 1993 und Zukunft Österreich. EU-Anschluss und die Folgen. heraus, für das er bekannte österreichische Intellektuelle gewinnen konnte.
Im Bereich der theoretischen Vernunft ist vor allem Witzanys naturphilosophischer Ansatz zu nennen.
Naturphilosophie Von 1987 bis 1990 entwickelte Witzany seine eigenständige Philosophie der Biologie, die er als Theorie der kommunikativen Natur bezeichnete. Grundlegend ist hier die Annahme, dass Zellen, Gewebe, Organe und Organismen ihr Verhalten durch Kommunikationsprozesse koordinierten und organisierten. Die Evolutionsgeschichte wird von Witzany als eine Geschichte von Kommunikationslogik und -dynamik der Organismen interpretiert. Der genetische Code sei sprachlich strukturiert und unterliege grammatischen, inhaltsspezifischen und kontextabhängigen Regeln. Für diese Sprache müssten „Genom-bearbeitungskompetente Agenten“ angenommen werden. Die molekulare Syntax des genetischen Codes sei demzufolge nicht das Ergebnis einer zufällig entstandenen Mischung, sondern einer kompetenten und kreativ-produktiven Textbearbeitung.Esteban Domingo, Guenther Witzany: Quasispecies productivity Die Agenten der genetischen Textbearbeitung seien nicht-lytische, sesshafte Virenstämme und subvirale RNA-Gruppen, deren bevorzugter Lebensraum Genome zellulären Lebens seien.
Die Theorie der kommunikativen Natur entwickelte Witzany in den 2000er Jahren zu einer Theorie der Biokommunikation, die er systematisch auf alle bekannten Organismenreiche (Viren, Archaea, Bakterien, Protozoa, Pilze, Tiere, Pflanzen) anwendet. Aufgrund ihres pragmatischen Ansatzes vermeidet sie strikt die Verwendung von metaphysischen Erklärungsmodellen (holistisch, mechanistisch, atomistisch) und ermöglicht ein neues Grundverständnis belebter Natur durch die Analyse aller zeichenvermittelten Interaktionen innerhalb und zwischen Zellen, Organen, Geweben und Organismen. „Leben“ sei demnach ein soziales Ereignis, das durch die sich gegenseitig ergänzenden Ebenen der RNA-Kommunikation, Virus-Kommunikation und Zell-Kommunikation ermöglicht werde.
Symposien und Veranstaltungen Witzany organisierte mehrere bedeutende Symposien und Kongresse:
1991: Symposium Klein Sein oder Nicht Sein. Für eine Kultur der Selbstbeschränkung mit Erwin Chargaff, Robert Jungk und Leopold Kohr als prominente Teilnehmer. 2006 1. Biosemiotik-Kongress in Österreich, organisiert von Witzany mit Wolfgang Hofkirchner., auf biosemiotics2006.org 2008 Kongress Natural Genetic Engineering and Natural Genome Editing, organisiert von Witzany mit Keynote-Speakern wie James A. Shapiro. 2009 Tagung „Zukunftsfähige Stadt- und Verkehrsplanung“ mit der Leopold Kohr Akademie., auf leopold-kohr-akademie.at 2014 Kongress DNA Habitats and it's RNA Inhabitants, organisiert von Witzany mit Eugene Koonin als Keynote-Speaker. 2018 Kongress Evolution – Genetic Novelty/Genomic Variations by RNA Networks and Viruses mit Luis Villarreal als Keynote-Speaker. 2022 Kongress How Evolution Learnt to Learn - Epigenetics of Experienced Context, organisiert von Witzany mit Eva Jablonka als Keynote-Speaker.
Veröffentlichungen Monografien Philosophieren in einer bedrohten Welt. Vorträge und Essays wider die technokratische Vernunft. Die Blaue Eule, Essen 1989, ISBN 3892062757. Transzendentalpragmatik und Ek-sistenz. Normenbegründung – Normendurchsetzung. Die Blaue Eule, Essen, 1991 (= Dissertation Universität München 1983). Größenwahn, Geschwindigkeitsrausch, Vereinigungsfieber. Texte zum Ende der Fortschrittsreligion. Unipress, Salzburg 1992, ISBN 3854191170. Natur der Sprache – Sprache der Natur. Sprachpragmatische Philosophie der Biologie. Königshausen & Neumann, Würzburg 1993, ISBN 3884798278. Life: The Communicative Structure. A New Philosophy of Biology. Books on Demand, Hamburg 2000, ISBN 3831103496. The „Logos“ of the „Bios“. 1. Contributions to the Foundation of a Three-Leveled Biosemiotics. Umweb, Helsinki 2006, ISBN 9525576019. The „Logos“ of the „Bios“. 2. Bio-Communication. Umweb, Helsinki 2007, ISBN 9789525576047. Biocommunication and Natural Genome Editing. Springer, Dordrecht u. a. 2010, ISBN 9789048133185. Biokommunikation und natürliche Bearbeitung genetischer Texte. Die Anwendung der sprachpragmatischen Philosophie der Biologie. Books on Demand, Norderstedt 2010, ISBN 9783842304758. mitdenker.at; 30 Jahre Telos – Philosophische Praxis. Books on Demand, Norderstedt 2017, ISBN 978-3-7431-3847-6, PDF. (Mit Luis P. Villarreal:) Infectious Thoughts: Discovering Biology as a Social Science. Eigenverlag 2024, online veröffentlicht: . Leopold Kohr verstehen. Eine Gesellschaft ohne menschliches Maß ist unmenschlich. Tauriska Verlag, Neukirchen am Großvenediger 2022, ISBN 978-3-901257-64-3.
Herausgeber von Sammelbänden
Zeno Bucher: Die Abstammung des Menschen als naturphilosophisches Problem. Königshausen & Neumann, Würzburg 1992, ISBN 3884797212. Verraten und Verkauft. Das EG-Lesebuch. Unipress, Salzburg 1993. Zukunft Österreich. EU-Anschluss und die Folgen. Unipress, Salzburg 1998. Leopold Kohr: Das Ende der Großen. Zurück zum menschlichen Maß. Müller, Salzburg 2002. (Mit Ewald Hiebl:) Leopold Kohr: Die überentwickelten Nationen. Müller, Salzburg 2003. (Mit Ewald Hiebl:) Leopold Kohr: Weniger Staat. Gegen die Übergriffe der Obrigkeit. Müller, Salzburg 2004. (Mit Ewald Hiebl:) Leopold Kohr: Die Lehre vom rechten Maß. Müller, Salzburg 2005. (Mit Ewald Hiebl:) Leopold Kohr: Entwicklung ohne Hilfe. Müller, Salzburg 2007. Biosemiotics in Transdisciplinary Contexts. Proceedings of the Gathering in Biosemiotics 6, Salzburg 2006. Umweb, Helsinki 2007. (Mit Ewald Hiebl:) Leopold Kohr: Probleme der Stadt. Müller, Salzburg 2008. Natural Genetic Engineering and Natural Genome Editing (= Annals of the New York Academy of Sciences, 1178). Wiley & Sons, New York 2009, ISBN 978-1573317658. (Mit Ewald Hiebl:) Leopold Kohr: Das akademische Wirtshaus. Müller, Salzburg 2010. Zukunftsfähige Stadt- und Verkehrsplanung. Books on Demand, Norderstedt 2010. Biocommunication in Soil Microorganisms. Springer, Berlin 2011, ISBN 978-3-642-26572-3. (Mit Frantisek Baluska:) Biocommunication of Plants. Springer, Berlin 2012, ISBN 978-3-642-23523-8. Biocommunication of Fungi. Springer, Berlin 2012, ISBN 9789400797475. Viruses: Essential Agents of Life. Springer, Berlin 2012. Biocommunication of Animals. Springer, 2014. DNA Habitats and Their RNA Inhabitants. (= Annals of the New York Academy of Sciences, 1341). Wiley & Sons, New York 2015. (Mit Mariusz Nowacki:) Biocommunication of Ciliates. Springer, Berlin 2016. Biocommunication of Archaea. Springer, 2017. Memory and Learning in Plants. Springer, 2018 (mit Frantisek Baluska und Monica Gagliano). (Mit Luis P. Villarreal:) Genome Invading RNA Networks. Frontiers in Microbiology, 2018 Genetic Novelty and Genomic Variation by RNA-Networks and Viruses (= Annals of the New York Academy of Sciences, 1447). Wiley & Sons, New York 2019. Biocommunication of Phages. Springer, Berlin 2020. Evolution and Epigenetics. (= Annals of the New York Academy of Sciences). Wiley & Sons, New York 2023. Epigenetics in Biological Communication. Springer, Berlin 2024. Klein sein oder nicht sein. Für eine Kultur der Selbstbeschränkung. Tauriska Verlag, Neukirchen am Großvenediger 2024. Integrative Theory of Evolution. Aspects and Insights. Springer, Cham 2026.
Weblinks
Website von Günther Witzany Biokommunikation - Videos auf YouTube
Einzelnachweise
Kategorie:Philosoph (20. Jahrhundert) Kategorie:Österreicher Kategorie:Geboren 1953 Kategorie:Mann