Bei der Kunstballade handelt es sich neben der Volksballade um eine von zwei wichtigen Balladenarten. Der Germanist Wolfgang Kayser unterschied die Ballade in den Unterarten Geisterballade, Schauerballade, die naturmagische oder historische Ballade, Schicksalsballade und Ritter-, Heldenballade und nordische Ballade. Die Typologie wird weiterhin durch die soziale und legendenhafte Ballade ergänzt.
Merkmale Spricht man umgangssprachlich von Balladen, so werden darunter gemeinhin die Kunstballaden des 18., 19. und 20. Jahrhunderts verstanden.
Die Balladenform begann mit Gottfried August Bürgers Ballade Lenore (1773). Er wurde angeregt von einer Sammlung englischer und schottischer Geisterballaden sowie durch Johann Gottfried Herders Sammlung Stimmen der Völker in Liedern.
Im Sturm und Drang blieb die Kunstballade weitestgehend als beliebte Dichtungsform erhalten. Da die Kunstballade in besonderem Maße die drei Grundformen der Literatur (Lyrik, Epik und Dramatik) in sich vereinigt, bezeichnet sie Goethe als „Ur-Ei der Dichtung“.
Als hervorragende deutschsprachige Dichter von Balladen gelten Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, Ludwig Uhland, Heinrich Heine, Joseph von Eichendorff, Theodor Fontane, Conrad Ferdinand Meyer und Bertolt Brecht. Weiterhin Gottfried August Bürger, Adelbert von Chamisso, Clemens Brentano, Eduard Mörike, Annette von Droste-Hülshoff, Friedrich Hebbel, Detlev von Liliencron, Agnes Miegel und Frank Wedekind. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Georg Britting, Marie Luise Kaschnitz und Peter Huchel. In der englischsprachigen Literatur Robert Burns, Samuel Taylor Coleridge, Dante Gabriel Rossetti und Rudyard Kipling. Als französische Vertreter Eustache Deschamps, François Villon, Clément Marot und Gérard de Nerval.
Literaturgeschichte Realismus Die Hinwendung zum mittelalterlichen, nordischen Sujet wie die bevorzugte Darstellung von Helden war gleichzeitig eine Abkehr von der Tendenzliteratur und dem Weltschmerz der ausgehenden Romantik. Der heute fast vergessene Dichter Moritz von Strachwitz prägte die Handlungsballaden seiner Zeit. Protagonisten sind oftmals nordische Helden wie in Das Herz von Douglas. Die Geschichte selbst ist zweitrangig, Heldentum und Tat stehen im Vordergrund. Neben Thomas Percy und Walter Scott prägte er die Balladendichtung des jungen Theodor Fontane.Dietmar Goltschnigg: Vorindustrieller Realismus und Literatur der Gründerzeit. In: Viktor Žmegač (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bd. 2, 3. Aufl. Beltz, Weinheim 1996, ISBN 978-3-407-32117-6, S. 48. In seiner Heldenballade Archibald Douglas knüpft er zwar an Strachwitz an, jedoch wird der Konflikt nicht mehr durch das äußere Geschehen dargestellt, sondern in innerpsychische Vorgänge getragen.Vgl. Walter Hinck: Die deutsche Ballade von Bürger bis Brecht. Kritik und Versuch einer Neuorientierung. 2. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1972, S. 91. Die Sammlung Männer und Helden. Acht Preußenlieder bedeutete eine Abkehr von der nordischen Vorzeit wie der konventionellen Heldenfigur. Der König Gorm Grymme wird im gleichnamigen Gedicht Opfer eines von ihm verantworteten Fluches, nachdem er die Kunde vom Tod des Thronfolgers und geliebten Sohnes selbst bringt. Gleichzeitig beruhte die Popularität von Fontanes Behandlung des Douglas-Stoffes und der heute vergessenen Sammlung auf einem von Patriotismus und Nationalismus bestimmten Zeitgeist. In den späteren Balladen des Autors wie John Maynard und Die Brück’ am Tay sieht Walter Hinck das Aufkommen eines neuen Heldentypus'.Vgl. Walter Hinck: Die deutsche Ballade von Bürger bis Brecht. Kritik und Versuch einer Neuorientierung. 2. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1972, S. 97. Medienhistorisch ist der Umbruch zur vorherigen Balladendichtung sichtbar. Fontane ließ sich von Zeitungsnachrichten zu seinen beiden Balladen inspirieren und in John Maynard ruft der Kapitän mit einem Sprachrohr (Vers 33) nach seinem Steuermann. Die schlichte Ballade Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland nennt Hinck „eine legendenhafte Ballade von menschlicher Freundlichkeit, die der Weisheit nahesteht“ und „eine der humansten die wir besitzen“Walter Hinck: Die deutsche Ballade von Bürger bis Brecht. Kritik und Versuch einer Neuorientierung. 2. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1972, S. 97. Wenngleich der Held der Ballade ein Adeliger ist, sieht Sabine Becker in der Alltagsthematik und dem Gebrauch des Dialekts eine „Objektivierung der lyrischen Schreibens“Sabine Becker: Bürgerlicher Realismus. A. Francke, Tübingen 2003, S. 333.. Wie Fontane debütierte Conrad Ferdinand Meyer als Balladendichter. Den Stoff für seine bekannten historischen Balladen entnahm er dem Mittelalter oder frühen Neuzeit, so in Der gleitende Purpur, Die Rose von Newport oder Die Füße im Feuer. Nach Winfried Woesler ging es Meyer weniger um die Vermittlung von Geschichte, sondern um ein „humanistisches Grundanliegen“Winfried Woesler: Ballade und Historismus. Die Geschichtsballade des 19. Jahrhunderts. C. Winter, Heidelberg 2000, ISBN 3-8253-1093-0, S. 283..
Naturalismus Mit dem Aufkommen des Naturalismus verlor die Ballade ihre überragende Stellung. Laut Walter Müller-Seidel lasse sich um das Jahr 1900 eine Zäsur beobachten: „Seit dem Naturalismus, seit dem Symbolismus und Expressionismus ist es mit dieser Lyrik vorbei. Eine Epoche ist zu Ende und mit ihr eine Ästhetik, die ein Jahrhundert gültig war.“Walter Müller-Seidel: Die deutsche Ballade. Umrisse ihrer Geschichte. In: Rupert Hirschenauer (Hrsg.): Wege zum Gedicht. Bd. 2. München 1963, S. 82 Entgegen dem Etikett vom „balladenfeindlichen Naturalismus“Kurt Bräutigam: Moderne deutsche Balladen („Erzählgedichte“). Versuche zu ihrer Deutung. Diesterweg Verlag, Frankfurt am Main 1968, S. 7.Karl Riha: Moritat, Song, Bänkelsang. Zur Geschichte der modernen Ballade. Sachse und Pohl, Göttingen 1995, S. 17. ließe sich anführen, dass der Wortführer des Naturalismus in Deutschland Arno Holz mit Een Boot is noch buten immerhin eine heute noch bekannte Ballade verfasste, wenngleich er in der Gestalt des Balladerichs Uwe Schievelbein die Gattung karikierteVgl. Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900-1918. Von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. C.H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-52178-9, S. 601.. Ähnlich wie Otto Ernst Ballade Nis Randers orientiert sich Holz’ Ballade am Realismus, weswegen berechtigterweise der naturalistischen Balladendichtung eine eher unbedeutende Rolle wie ein Mangel an Eigenständigkeit zugeschrieben wirdVgl. Rudolf Wildbolz: Kunstballade. In: Werner Kohlschmidt und Wolfgang Mohr (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte. Bd. 1, 2. Aufl., Berlin / New York 2001, ISBN 3-11-017252-6, S. 908.. Eine gewisse Ausnahme stellt die Dichtung Detlev von Liliencrons dar, die nicht dem Naturalismus zugerechnet werden kann, doch zur selben Zeit entstand. Seine Balladen zeichnen sich durch formale und motivische Erneuerungen aus, so in den heroischen Balladen Trutz, blanke Hans und Pidder Lüng oder in Die Musik kommt und Der Blitzzug. Walter Hinck weist darauf hin, dass sich der Fischer Pidder Lüng, obwohl eindeutig einer niedrigen sozialen Schicht angehörend, nicht vom Helden der nordischen Ballade unterscheide und Liliencron somit in der Konzeption seines Helden hinter Fontane zurückfällt.Vgl. Walter Hinck: Die deutsche Ballade von Bürger bis Brecht. Kritik und Versuch einer Neuorientierung. 2. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1972, S. 99.
Neuromantik Im Göttinger Musenalmanach kümmerten sich die Neuromantiker Börries von Münchhausen, später Agnes Miegel und Lulu von Strauß und Torney um eine Wiederbelebung der Gattung. 1906 veröffentlicht Münchhausen die Abhandlung Zur Ästhetik meiner Balladen. Bausteine für die Ästhetik der deutschen Ballade, darin er nicht nur sein Verständnis von der Gattung, sondern gleich die antinaturalistische Tendenz seiner Dichtung zum Ausdruck brachte. Während er in seinen historischen Balladen wie Bauernaufstand oder Hunnenzug die Sicht des Adels präsentierte, thematisierte Strauß und Torney das einfache Leben der Bauern und Fischer. Zu romantischen Motiven kam die Mystifizierung und das Unterbewusste hinzu, wie in Miegels Ballade Die Frauen von Nidden oder Ina Seidels Regenballade. Gertrud Kolmars Gedichtband Das Preußische Wappenbuch und der Balladen-Zyklus Robespierre enthalten zahlreiche balladeske Gedichte. Die Neuromantik verhalf die Ballade zwar zur erneuten Popularität, blieb aber in ihrer Gestaltung bewusst traditionell. Dichter wie Stefan George und Georg Trakl, die nicht einseitig der Neuromantik zugeordnet werden können, verfassten neuromantische Balladen wie Das Lied oder Melusine und BalladeVgl. Srdan Bogosavljevic: Die Ballade im Expressionismus. In: Srdan Bogosavljevic und Winfried Woesler (Hrsg.): Die deutsche Ballade im 20. Jahrhundert. Jahrbuch für internationale Germanistik. Peter lang, Bern 2009, ISBN 978-3-03911-628-7, S. 49.. Der Versuch, die Ballade im Sinne der Neuromantik zu erneuern, wird in der Forschung als gescheitert betrachtet.Vgl. Thomas F. Schneider: „Ein Beitrag zur Wesenserkenntnis des deutschen Volkes“. Die Instrumentalisierung der Ballade in der extremen politischen Rechten und im nationalsozialismus 1900-1945. In: Srdan Bogosavljevic und Winfried Woesler (Hrsg.): Die deutsche Ballade im 20. Jahrhundert. Jahrbuch für internationale Germanistik. Peter lang, Bern 2009, ISBN 978-3-03911-628-7, S. 125.Bengt Algot Sørensen: Fin de siècle. In: Bengt Algot Sørensen (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur: Vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bd. 2, 3. Aufl., C.H. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-59248-5, S. 135.
Expressionismus Die Gattung sollte im Expressionismus trotz einiger Gegenbeispiele weiter an Bedeutung verlieren. Nach Walter Hinck sei es zu „weitgehender Abkehr von der Ballade überhaupt“Walter Hinck: Die deutsche Ballade von Bürger bis Brecht. Kritik und Versuch einer Neuorientierung. 2. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1972, S. 117. gekommen. In seiner Studie nennt Srdan Bogosavljevic die Germanisten Fritz Pratz und Heinz Piontek, der die expressionistische Ballade unter anderem in den Hebräischen Balladen der Else Lasker-Schüler und in Georg Trakls Junge Magd verwirklicht sah, als Befürworter einer hervorragenden Balladenkunst innerhalb der expressionistischen Lyrik.Vgl. Srdan Bogosavljevic: Die Ballade im Expressionismus. In: Srdan Bogosavljevic und Winfried Woesler (Hrsg.): Die deutsche Ballade im 20. Jahrhundert. Jahrbuch für internationale Germanistik. Peter lang, Bern 2009, ISBN 978-3-03911-628-7, S. 41. Nach Bogosavljevic ist dem Helden die heroische Geste fremd, vielmehr handelt es sich um ein isoliertes und leidendes Geschöpf.Vgl. Srdan Bogosavljevic: Die Ballade im Expressionismus. In: Srdan Bogosavljevic und Winfried Woesler (Hrsg.): Die deutsche Ballade im 20. Jahrhundert. Jahrbuch für internationale Germanistik. Peter lang, Bern 2009, ISBN 978-3-03911-628-7, S. 52–53. Als formale Innovation können Georg Heyms vier Sonette zur Französischen Revolution gelten.
Literatur der Weimarer Republik