mini|Die Salzburger Benediktiner-Universität, heute Paris-Lodron-Universität, war eines der geistigen Zentren der oberdeutschen Schreibsprache. Die oberdeutsche Schreibsprache (auch oberdeutsche Literatursprache und Jesuitendeutsch genannt; auch -teutschFriedrich Carl Fulda: Grundregeln der Teutschen Sprache. 1778., Gemeindeutsch) war eine von ca. 1550 bis ca. 1750 vor allem in katholischen Regionen Süddeutschlands, im Elsass und im Gebiet des heutigen Österreich verwendete Schriftsprache und Dachsprache über die alemannischen, bairischen und ostfränkischen Dialekte der Region.Zeitliche Verortung nach Werner Besch: Sprachgeschichte. Kapitel 192: Aspekte einer bayerischen Sprachgeschichte seit der beginnenden Neuzeit. Walter de Gruyter, 1998, ISBN 3-11-015883-3.
In dieser Zeit gab es noch keine einheitliche allgemein verbindliche Schriftnorm des Deutschen. Es herrschte eine erbitterte Konkurrenz zwischen dem sächsischen Meißnisch, das von Schreibern in den protestantischen Ländern bevorzugt wurde, und der auch süddeutsche und bairisch-österreichische dialektale Eigenheiten berücksichtigenden oberdeutschen Schreibsprache, die vor allem von Schreibern im mehrheitlich katholischen Bayern und Österreich bevorzugt wurde. Als Vorläufer können die oberdeutschen regionalen Druckersprachen (vor allem die bayerisch-österreichische) der frühneuhochdeutschen Zeit angesehen werden (siehe hierzu speziell →Gemeindeutsch und →Maximilianische Kanzleisprache), doch besteht hier ein fließender Übergang.
In der Schweiz galt in der Frühen Neuzeit eine andere Kanzleinorm, nämlich die alemannisch basierte Eidgenössische Landsprach.
Insbesondere in der Schreibung von Orts- und Personennamen im oberdeutschen Raum haben sich diese Schreibtraditionen und -gewohnheiten teilweise bis heute erhalten.
Jesuitendeutsch und Lutherdeutsch Die oberdeutsche Schreibsprache wurde vor allem vom katholischen Klerus, allen voran von den Jesuiten und auch den Benediktinern, in Opposition zum „kursächsischen“ Lutherdeutsch etabliert und hatte bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts eine weite Verbreitung. Von protestantischer Seite wurde es deshalb auch als Jesuitendeutsch bezeichnet.Werner Besch (Hrsg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 2003, S. 2281. Beide Begriffe, sowohl Lutherdeutsch als auch Jesuitendeutsch, sind vor dem Hintergrund der damaligen konfessionellen Konflikte als gegenseitig abwertende Termini (Stigmawörter) zu verstehen. Sprachwissenschaftlich unterschieden sich beide Varianten vor allem durch ihren regionalen Schwerpunkt und auch dadurch, dass man in den katholischen Regionen neue deutsche Wortkreationen eher ablehnte und an den lateinischen, französischen und italienischen Fremdwörtern festhielt.
Geschichte mini|Das Heilige Römische Reich 1648 Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 wurde die Pattstellung zwischen den protestantischen und den katholischen Ländern zementiert. Keine der beiden Seiten konnte auf militärische Art und Weise eine Hegemonie herstellen, und so verlagerte sich der konfessionelle Konflikt zusehends auf die kulturelle und sprachliche Ebene. Schon seit Martin Luther stand die Idee im Raum, eine einheitliche deutsche Schriftsprache zu konstruieren; während sich allerdings im Norden Luthers Deutsch auch in katholischen Gegenden durchsetzte, konnte sich die neue Schriftsprache in den katholischen Gebieten des Südens nicht etablieren.
Im protestantischen Nordosten, vor allem im Kurfürstentum Sachsen sowie in den brandenburgisch-preußischen Ländern, begann man damit, den sprachlichen Ausbau des Deutschen, den Luther begonnen hatte, weiter voranzutreiben. Dies wurde vor allem von den neu entstandenen Sprachgesellschaften wie der Fruchtbringenden Gesellschaft getragen, außerdem von einzelnen Gelehrten und selbst ernannten Sprachpuristen, weniger von politischer Seite.
Im zum großen Teil katholischen Süden hatte die Verbreitung der Lutherbibel ebenso für eine breitere Alphabetisierung und auch zu einer Verbreitung der von Luther geprägten Neologismen gesorgt. Im Zuge der Gegenreformation begannen nun ihrerseits katholische Geistliche, allen voran Jesuiten und Benediktiner, in der Sprache des Volkes zu predigen. Dabei griffen sie ganz dem barocken Zeitgeist entsprechend auch zu aufwändigen künstlerischen Mitteln, wie dem Theater (siehe Jesuitentheater). Neben theologischen Texten entstanden naturwissenschaftliche Werke, Theaterstücke, Lustspiele und Lieder, die in einer dem alemannischen und bairischen Süden eher entsprechenden Schreibform gefasst waren. Daraus entwickelte sich im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert die neue oberdeutsche Schreibsprache. Später wurde diese Bewegung auch von dem aufklärerischen Motiv angetrieben, die geschriebene Sprache möglichst nahe dem gesprochenen Idiom der Menschen anzupassen und so einen leichteren Zugang zur Bildung zu ermöglichen. Zwischen 1744 und 1772 wurden sogar acht Grammatiken und Orthographien in 27 bekannten Auflagen für Jesuitenkollegien und -akademien in Süddeutschland, Österreich und Böhmen veröffentlicht, die sich der oberdeutschen Schreibsprache bedienten.Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band 2, 1994, ISBN 3-11-013436-5, S. 173. Die kaiserlichen Kanzleien hingegen und der Verwaltungsapparat bedienten sich weiterhin der alten konservativen Schreibformen aus der Zeit Kaiser Maximilians I., der Maximilianischen Kanzleisprache.
Die bekanntesten Versuche, der oberdeutschen Schreibsprache mit Hilfe eigener Grammatiken ein Lehrmodell zu verschaffen, stammten von folgenden österreichischen und bayerischen Sprachgelehrten:Andreas Gardt: Geschichte der Sprachwissenschaft in Deutschland. Kapitel 4.2.2 Carl Friedrich Aichinger, Walter de Gruyter, 1999, ISBN 3-11-015788-8.
Johann Balthasar Antesperg in Wien: Die kayserliche Grammatick (1747) Carl Friedrich Aichinger in der Oberpfalz: Versuch einer teutschen Sprachlehre (1753) Johann Siegmund Popowitsch in Wien: Die nothwendigsten Anfangsgründe der teutschen Sprachkunst, zum Gebrauche der oesterreichischen Schulen ausgefertigt (1754) Augustin Dornblüth im Breisgau: Observationes oder gründliche Anmerckungen über die Art und Weise, eine gute Uebersetzung, besonders in die teutsche Sprach zu machen (1755) Ignaz Weitenauer in Innsbruck: Zweifel von der deutschen Sprache (1763) Heinrich Braun in München: Anleitung zur deutschen Sprachkunst, Zum Gebrauche der Schulen in den Churlanden zu Baiern (1765) Franz Joseph Bob in Freiburg im Breisgau: Anleitung zur deutschen Rechtschreibung (1768)Durchsetzung des Hochdeutschen in Österreich im 18. Jahrhundert. In: Dieter Langewiesche, Georg Schmidt: Föderative Nation. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2000, ISBN 3-486-56454-4, S. 295. Johann Jakob Hemmer in der Pfalz: Abhandlung über die deutsche Sprache zum Nutzen der Pfalz. 1769. Johann Nast in Stuttgart: Der teutsche Sprachforscher. Zeitschrift, 1777–1778. Friedrich Carl Fulda in Schwaben: Grundregeln der Teutschen Sprache. 1778.
Entschieden wurde der Sprachenstreit letztendlich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nachdem sich die Gottsched’sche Grammatik und Rechtschreibung, die dieser 1748 publiziert hatte, immer weiter durchsetzte. Die Einführung der allgemeinen Schulpflicht in den habsburgischen Erblanden 1774 besiegelte das Ende der oberdeutschen Schreibsprache. Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) war die politische Position der Habsburger so geschwächt, dass ein oberdeutscher sprachlicher Sonderweg nicht mehr möglich schien, und so entschied sich Maria Theresia – nach einem heftigen Streit unter den Gelehrten in Wien – aus realpolitischen Gründen, auch in den habsburgischen Erblanden die Gottsched’sche Variante als Referenznorm einzuführen. Diese neue Schulordnung wurde von ihrem Berater, dem aus Niederschlesien stammenden Augustiner-Chorherren Johann Ignaz von Felbiger, durchgeführt. 1780 wurde diese Entscheidung noch einmal von ihrem Sohn, Kaiser Joseph II., bestätigt und die neue Sprachnorm durch dessen Minister Joseph von Sonnenfels auch für die Beamten der kaiserlichen Verwaltung verpflichtend eingeführt. Sogar Orts- und Personennamen wurden dem neuen Standard angepasst. Einige Spuren der alten Schreibweise, insbesondere im Vokabular, wurden jedoch beibehalten.
Die anderen süddeutschen Staaten, wie Bayern und auch das Erzbistum Salzburg, die bis dahin eine abwartende Haltung eingenommen hatten, zogen daraufhin nach. Damit wurde das Ende des barocken Sprachenstreits um eine allgemein gültige Schriftnorm zu Gunsten der nördlicheren Variante entschieden, welche daraufhin die Basis für das heutige moderne Standarddeutsch wurde.
Spezifika
mini|Die steirische Völkertafel (ca. 1720/1730) ist ein Beispiel für die oberdeutsche Schreibsprache. Die oberdeutsche Schreibsprache hat einige Besonderheiten, sowohl in der Rechtschreibung und vor allem im Vokabular und der Idiomatik, als auch in der Art, gewisse Buchstabenkombinationen phonetisch wiederzugeben. Beispielsweise wird für ein lang ausgesprochenes kein ‹ie› geschrieben. Die Kombination ‹ie› steht vielmehr für den in den bairischen und alemannischen Dialekten typischen Diphthong. So muss etwa das ‹ie› im Wort „Krieg“ (siehe Bild rechts) als Diphthong gelesen werden (Kriag), ebenso bei „miessiggehen“ (miassiggehen) und „aufriererisch“ (aufriarerisch). Das Wort „blu[e]thbegirig“ wird konsequenterweise ohne ‹ie› geschrieben. Analog zum ‹ie› wurden die oberdeutsche Diphthongierung von u und ü als ‹ue› und ‹ie› wiedergegeben.
Der Buchstabe ‹ö› ist in der oberdeutschen Schreibsprache als helles geschlossenes zu lesen, wie zum Beispiel in „böth“ (Bett), „Schwöth“ (Schwede), „hör“ (Heer), „mör“ (Meer), „erwöhlen“ (erwählen), „frömd“ (fremd). Die Umlaute von und werden entweder als ‹ö› und ‹ü› geschrieben oder aber es wird gleich die in den meisten oberdeutschen Dialekten heute noch übliche entrundete Aussprache auch schriftlich wiedergegeben, wie in den Worten „abtrinig“ (abtrünnig) und „erwinscht“ (erwünscht). Diese entrundeten Umlaute werden im Anlaut auch mit ‹y› geschrieben: „ybel“ (übel), „ybrig“ (übrig).Ingo Reiffenstein: Aspekte einer bayerischen Sprachgeschichte seit der beginnenden Neuzeit. In: Sonderegger/Besch, S. 2949.
Der Buchstabe ‹e› wird im Auslaut meist weggelassen, wie in „ich hab“, „die Sprach“, „das Aug“ und „die Füeß“ (siehe Apokope).
Das Verb „tun“ wird wie im Dialekt des Öfteren auch periphrastisch verwendet: „nach dem Ersten Werck sehnen thuen“.Pius Kobl, Brief Nr. 170 an Lori vom 17. Juli 1760.