200px|mini|Joyce (rechts) mit Wild (links) und vermutlich Dick Richards auf der Aurora Ernest Edward Mills Joyce (* 22. Dezember 1875 in Bognor Regis, Sussex, England; † 2. Mai 1940 in London)Riffenburgh, Shackleton's Forgotten Expedition: The Voyage of the Nimrod, S. xxiii. war ein Seemann der Royal Navy und ein Antarktisforscher, der während des „Heldenzeitalters“ der Antarktisforschung Anfang des 20. Jahrhunderts an drei Expeditionen teilnahm. Während einer kurzen Zeit wurde er auch mit einer vierten in Verbindung gebracht.
Obwohl er von Historikern meistens mit Verständnis betrachtet wurde und sein Mut, seine Entschlossenheit und seine Führungsqualitäten in extremis allgemein anerkannt sind, ist Ernest Joyce eine umstrittene Persönlichkeit, die sowohl gegnerische als auch positive Kommentare auf sich gezogen hat.Huntford, S. 450 Zusätzlich zu Fragen wie seiner Einstellung gegenüber finanzieller Entschädigung oder seiner geheimnisvollen Abreise von der Mawson-Expedition wurde die Genauigkeit und Neutralität seiner Tagebücher angezweifelt. Sein auf diesen Tagebüchern basiertes Buch und seine anderen Schriften wurden als selbstsüchtig und zusammengereimt verurteilt.Kelly Tylers Artikel vom 17. Mai 2006: Joycey auf http://www.powells.com./ Siehe auch Kelly Tyler-Lewis, The Lost Men, S. 258–262 Roland Huntford beschrieb Joyce als eine „seltsame Mischung aus Hochstapelei, Angeberei und Befähigung“ („… a strange mixture of fraud, flamboyance and ability“).Huntford, S. 194
Frühe Jahre Joyce wurde 1875 in Bognor in England geboren. Nachdem er in früher Kindheit verwaiste, absolvierte er die Royal Hospital School for Orphans, bevor er 1891 in die Navy eintrat.Tyler-Lewis, S. 55 Bei seinem dritten Vornamen „Mills“ könnte es sich um eine spätere Hinzufügung des Geburtsnamens seiner Mutter handeln.
Expeditionen +Joyces AntarktisexpeditionenJahreExpeditionKommandantSchiff 1901–1904 Discovery-Expedition Robert Falcon Scott RRS Discovery 1907–1909 Nimrod-Expedition Ernest Shackleton Nimrod 1914–1917 Expedition Endurance: Ross Sea Party Aeneas Mackintosh SY Aurora
Discovery-Expedition 1901–1904
Joyce diente als Vollmatrose an Bord der HMS Gibraltar, stationiert in Kapstadt, als er im Oktober 1901 die Gelegenheit ergriff, zu Robert Falcon Scotts erster Antarktisexpedition zu wechseln. Eher ein Besatzungsmitglied des Schiffes als Mitglied der Küstenmannschaft, erwartete er nicht, im Eis zu bleiben, doch als die RRS Discovery einfror, blieb er gezwungenerweise und gewann erste Erfahrungen mit Schlitten und Hunden. Unter seinen Kameraden waren Ernest Shackleton, auf den er einen guten Eindruck machte, und Frank Wild, der auf einer späteren Reise ein enger Gefährte wurde und mit dem er auf dieser ersten Expedition die niedriger gelegenen Hänge des bis dahin unbestiegenen Mount Erebus erforschte. Nach dem Ende der Expedition kehrte er zurück zur Navy und wurde zum Bootsmann befördert.
Nimrod-Expedition 1907–1909 Shackleton rekrutierte Joyce für die Nimrod-Expedition, um sich um normale Waren, Schlitten und Hunde zu kümmern. Um teilnehmen zu können, zahlte Joyce der Navy eine Ablöse und behauptete später, dass Shackleton ihm versprochen hätte, ihm dafür Kompensation zu zahlen, dies aber nicht getan hätte.Riffenburgh, S. 126 Vor der Abfahrt nahm Joyce gemeinsam mit Frank Wild, der ebenfalls angeheuert hatte, einen Druck-Crashkurs, damit eine antarktische Zeitung produziert werden konnte. Shackleton, Joyce und Wild waren die einzigen Mitglieder der Expedition mit vorhergehender Antarktiserfahrung.
Joyce’ Hauptbeschäftigungen während der ersten Monate nach der Landung am Kap Royds auf der Ross-Insel waren, sich um die Hunde zu kümmern und auf der Oberfläche der Ross-Schelfeistafel Schlitten zu fahren. Gemeinsam mit Wild druckte er Kopien des Expeditionsmagazins, der Aurora Australis. Shackleton wollte Joyce in seine Gruppe aufnehmen, die in Richtung Südpol marschieren würde, doch dem Rat des Expeditionsarztes Eric Marshall folgend wurde er zum Verantwortlichen der Unterstützungsgruppe ernannt. Marshall fand Hinweise auf eine körperliche Verkümmerung und beschrieb Joyce auch als unintelligent, nachtragend und unverträglich.Huntford, S. 234 Joyce’ Unterstützungsgruppe begleitete die Polargruppe auf dem Marsch in Richtung Süden bis zum Minna Bluff, und in den folgenden Monaten überwachte er die Einrichtung weiterer Depots auf dem Eis, um die Rückreise der Polargruppe zu unterstützen.
Shackleton und seine Männer kehrten am letztmöglichen Abfahrtsdatum der Nimrod zurück, nachdem sie einen neuen Südrekord auf aufgestellt hatten, etwa 160 Kilometer entfernt von Südpol. Joyce war bereit gewesen, das Schiff abfahren zu lassen, um auf die Männer zu warten oder ihr Schicksal festzustellen. Die Nimrod erreichte schließlich im September 1909 London und wurde unter Joyce’ Leitung in eine schwimmende Ausstellung von Polar-Artefakten umfunktioniert; die Einnahmen gingen an Wohltätigkeitsorganisationen. Danach hielt Joyce, jetzt ohne regelmäßig bezahlte Anstellung, Ausschau nach einer weiteren Expedition.
Mawsons Expedition 1911
Die Rivalität zwischen Shackleton und Scott bedeutete, dass weder Joyce noch Wild zu Scotts Terra-Nova-Expedition eingeladen wurden, da beide „Shackletons Männer“ waren. Anstelle dessen schlossen sie sich der Australasiatischen Antarktisexpedition an, einer wissenschaftlichen Expedition unter Douglas Mawson, einem australischen Geologen, der mit auf der Nimrod gewesen war. Mawson würde in einem anderen Sektor der Antarktis arbeiten als Scott und hatte keine Ambitionen hinsichtlich des Pols. Joyce fuhr nach Dänemark, um Hunde für Mawson zu bekommen und reiste dann mit diesen nach Tasmanien,Fisher, M&J S. 491 wo er aus ungeklärten Gründen die Expedition verließ. Riffenbaugh schreibt, dass er weggeschickt wurde, führt aber keine Beweise an.Riffenburgh, S. 303 Wie auch immer die Umstände waren, Joyce blieb jedenfalls in Australien und erhielt Arbeit im Hafen von Sydney.
Expedition Endurance 1914–1917 Ross Sea Party Als Shackleton seine ersten Pläne für eine Durchquerung der Antarktis machte, könnte er darüber nachgedacht haben, Joyce in die Hauptgruppe im Weddell-Meer aufzunehmen.Fisher, S. 315. Andererseits sagt Kelly Tyler-Lewis in "The Lost Men", S. 260, dass Joyce niemals für die Durchquerungsgruppe in Betracht kam (was aber nicht die Schiffsbesatzung miteinbezieht) Jedenfalls wurde Joyce schließlich in die unterstützende Ross Sea Party eingeteilt, die unter dem Kommando eines weiteren Nimrod-Veteranen, Aeneas Mackintosh, mit der Aurora zu Scotts alter Basis am Kap Evans fahren und von dort aus Depots über das Ross-Schelfeis legen sollte, um Shackletons transkontinentalen Marsch zu unterstützen. Joyce behauptete, dass sein Auftrag von Shackleton ihm die Kontrolle über sämtliche Schlitten-Aktivitäten gab.Bickel, S. 38. Joyces Interpretation von Shackletons Anordnungen erwies sich als falsch. Siehe Tyler-Lewis, S. 260 Dies wurde von Mackintosh entschieden abgelehnt, war aber die Ursache späterer Differenzen.
Schwere Rückschläge
Die Abfahrt der Aurora aus Australien war verspätet, und sie kam erst am 16. Januar 1915 vor Kap Evans an – sehr spät in der Saison, um noch Depots anzulegen. Mackintosh bestand dennoch darauf, dass Güter ohne weiteres Warten auf 80° S deponiert werden sollten. Joyce wehrte sich dagegen; er wollte mehr Zeit, um die Männer und Hunde an die Umstände zu gewöhnen und zu trainieren, was von Mackintosh jedoch verworfen wurde.Bickel, S. 47 Sie erreichten die geforderte Breite rechtzeitig und deponierten die Waren, doch die Männer und Hunde waren abgekämpft. Auf der Rückreise, während der schlechtes Wetter herrschte, starben alle Hunde, die sie mit sich führten und die Männer kehrten im März erschöpft und mit ernsten Erfrierungen zurück nach Hut Point, einem Lager einige Kilometer südlich von Kap Evans. Als Joyce und Mackintosh im Juni schließlich nach Kap Evans zurückkehrten,Das Packeis war zu instabil gewesen, um früher zurückkehren zu können fanden sie heraus, dass die Aurora in einem Sturm mit dem Großteil der Waren und Ausrüstung aus der Verankerung gerissen worden war und manövrierunfähig, da im Packeis festsitzend, aufs Meer hinausgetrieben worden war. Das Überleben der gestrandeten Männer von der Küstengruppe und jegliche Hoffnung, ihre Pflichten bei der Depotanlage zu erfüllen, hing jetzt von ihrem Einfallsreichtum und ihrer Improvisation ab. Joyce, Ernest Wild (der Bruder von Frank Wild) und andere bedienten sich an den von Scotts Terra-Nova-Expedition zurückgelassenen Ausrüstungsgegenständen, mit denen und mit erlegten Robben sie Kleidung, Nahrung, Ausrüstung und Heizöl improvisieren konnten, um im Sommer die verbleibenden Depots anzulegen.
Die Reise zur Depotanlage
Im September 1915 brach eine Gruppe mit vier gesunden Hunden und mit neun zu wenig trainierten und halbgesunden Männern in primitiver Kleidung und mit improvisierter Ausrüstung auf. Bevor der Marsch nach Süden – mit der Rückfahrt eine Distanz von über 1200 Kilometern – beginnen konnte, mussten zunächst etwa 2250 kg Güter zu einem Basislager am Minna Bluff transportiert werden. Diese Phase dauerte bis zum 28. Dezember 1915, wobei die Differenzen zwischen Joyce und Mackintosh wieder wuchsen, diesmal wegen der Methoden,Shackleton: South (Century Edition 1991) S. 181 vor allem wegen des Gebrauchs der Hunde. Schwächere Mitglieder der Gruppe – Arnold Spencer-Smith und Mackintosh selbst – zeigten bereits Anzeichen eines Zusammenbruchs, als die durch den Ausfall eines Primuskochers auf sechs Mann reduzierte Gruppe von Erfrierungen, Schneeblindheit und auch Skorbut geplagt nach Süden vorrückte. Spencer-Smith brach zusammen und musste auf dem Schlitten weitertransportiert werden. Mackintosh, der kaum noch gehen konnte, kämpfte sich weiter voran, doch als das letzte Depot am Beardmore-Gletscher bei 83° 30′ S angelegt wurde, kollabierte auch er und die Führung ging einstimmig an Joyce über. Der Rückweg nach Norden war eine lange, harte Reise, die Spencer-Smith das Leben kosten und die anderen bis an die Grenzen ihrer Ausdauer führen sollte, bevor Joyce die Gruppe trotz schwerer Schneeblindheit am 18. März 1916 schließlich vom Eis in die Sicherheit des Hut Point führte.Hut Point wurde bereits am 9. März erreicht, doch Joyce und Wild kehrten noch einmal um, um den zwischenzeitlich zurückgelassenen Mackintosh zu holen.
Rettung
In einer relativ kurzen Zeit erholten sich die Überlebenden mithilfe einer Robbenfleischernährung weit genug, um zu überlegen, wann die letzten 24 Kilometer über das Packeis nach Kap Evans in Angriff genommen werden konnten. Mackintosh war besonders ungeduldig, ans Ziel zu gelangen, und am 8. Mai entschied er sich gegen den dringenden Rat von Joyce, Richard W. Richards und Ernest Wild, das Risiko einzugehen. Victor Hayward erklärte sich bereit, ihn zu begleiten. Kurz nach ihrem Abmarsch kam ein Schneesturm auf und die beiden wurden nie wieder gesehen – entweder wurden sie aufs Meer hinaus getragen oder brachen durch das Eis. Die anderen erreichten Kap Evans im Juli. Joyce’ akute Schneeblindheit beschränkte in den folgenden Monaten die Arbeit, die er verrichten konnte, und er verbrachte einige Zeit alleine in der Hütte am Kap Royds.Diese Hütte war Shackletons altes Hauptquartier von der Nimrod-Expedition. Die Ross Sea Party war bereits dagewesen und hatte sich an den übrig gelassenen Ausrüstungsgegenständen bedient In der Abwesenheit des Schiffs lebten die übrigen Überlebenden ruhig bis zum 10. Januar 1917, als die Aurora mit Shackleton zurückkam, um sie nach Hause zu bringen. Sie erfuhren jetzt, dass ihre Depotanlage-Anstrengungen nutzlos gewesen waren, da Shackletons Schiff beinahe zwei Jahre zuvor vom Packeis zerdrückt worden war, bevor er die Kontinentaldurchquerung in Angriff nehmen konnte.
Späteres Leben