mini|hochkant|Fritz Kortner (1959)

Fritz Kortner (* 12. Mai 1892 in Wien als Fritz Nathan Kohn; † 22. Juli 1970 in München) war ein österreichischer Schauspieler, Film- und Theaterregisseur. Seinen Durchbruch als Schauspieler erlebte er in Karlheinz Martins Inszenierung von Ernst Tollers Schauspiel Die Wandlung 1919 in Berlin. Kortner galt als Exponent des expressionistischen Theaters und als „Typ des Zeitschauspielers“Leopold Jessner: Schriften. Theater der zwanziger Jahre. Hrsg. von Hugo Fetting. Henschel, Berlin 1979. S. 189 f. der Weimarer Republik und Österreichs. Aufgrund jahrelanger Anfeindungen durch die Nationalsozialisten verließ Kortner einige Monate vor Anbruch der NS-Zeit Deutschland. Während der Emigration in Großbritannien und den Vereinigten Staaten arbeitete er als Drehbuchautor und Schauspieler in der Filmbranche.

Nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik Deutschland war Kortner als Gastregisseur und Schauspieler an zahlreichen westdeutschen und österreichischen Theatern tätig. Am häufigsten führte er an den Münchner Kammerspielen und am Berliner Schillertheater Regie. Mehrfach provozierten Inszenierungen und Filme Kortners aufgrund politischer Subtexte Kontroversen. Kortners aufwändiger, am sprachlichen und gestischen Detail orientierter Inszenierungsstil beeinflusste zahlreiche Regisseure und Schauspieler der Nachkriegszeit.

Neben seiner Arbeit als Theaterschauspieler und -regisseur trat Kortner in etwa einhundert Stumm- und Tonfilmen auf, führte Regie in Kino- und Fernsehfilmen und verfasste Drehbücher und Theaterstücke.

Leben Lehrjahre bei Hofschauspieler Gregori in Wien mini|hochkant|Kortners Idol Josef Kainz als Franz Moor in Friedrich Schillers Die Räuber am Burgtheater Wien, um 1908

Fritz Kortner wurde am 12. Mai 1892 in Wien-Alsergrund als Sohn des jüdischen Uhrmachers und Juweliers Juda Jakob Kohn (1849–1919) und seiner Frau Helene (geb. Lunzer) geboren. In seiner Schulzeit zeigte er sich von „der philosophischen und psychologischen Aufklärung, mit Sozialismus und Kulturkritik“Peter Schütze: Fritz Kortner. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1994. S. 15 sowie vom Theater beeindruckt. Er bewunderte die Arbeiten des österreichischen Schriftstellers Karl Kraus und des k.u.k.-Hofschauspielers Josef Kainz. Um 1908 besuchte Kortner als Oberrealschüler eine Inszenierung von Friedrich Schillers Schauspiel Die Räuber am Burgtheater in Wien mit dem renommierten Schauspieler Josef Kainz in der Rolle des Franz. Kainz überzeugte als moderner Bühnenkünstler mit rasantem Spiel gerade in klassischen Rollen. Der Theaterabend zeigte einschneidende Wirkung bei Kortner: „Schlagartig wurde ich theaterhörig. Theaterliebeskrank lag ich danach tagelang fiebernd im Bett.“Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Mit einem Nachwort von Klaus Völker. Alexander Verlag, Berlin 1991. S. 25 Wie sein Idol Kainz wollte Kortner von da an Schauspieler werden.

Wenige Monate später sprach Kortner erfolgreich bei dem Schauspiellehrer Ferdinand Gregori vor. Gregori hatten neben einem Engagement als Hofschauspieler eine leitende Position an der Wiener Akademie für Musik und Darstellende Kunst, die dem Burgtheater zugeordnet war, inne. Gregori protegierte Kortner, dem im Herbst 1908 mit der bestandenen Aufnahmeprüfung an der Akademie auch ein Burgtheaterstipendium zugesprochen wurde.Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 1991. S. 57 Gregori zufolge kamen damals „etwa 150 junge Leute mit dem gleichen Wunsche zu mir, und etwa den zehnten Teil davon nahm ich nur auf. Ich weiß heute nicht mehr, was er mir als Talentprobe vorsprach, aber ich habe ihn gewiß nicht lange toben lassen […] – ihm aber sofort eine Freistelle ausgewirkt.“Ferdinand Gregori: Kortners Anfänge, zitiert nach: Heinz Ludwig (Hrsg.): Fritz Kortner. Mit einem Vorwort von Alfred Kerr. Eigenbrödler, Berlin 1928. S. 34 Nicht alle Ausbilder der Akademie teilten Gregoris wohlwollendes Urteil. Die Dozenten der Nebenfächer, gegen die Kortner aufbegehrte, forderten gar, den ungestümen Schauspielschüler als „Zerstörer jeglicher Disziplin“Peter Schütze: Fritz Kortner. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1994. S. 25 von der Akademie zu weisen. Kortner kam jedoch mit einer Verwarnung wegen Insubordination davon.

Erste Engagements in Mannheim und bei Max Reinhardt in Berlin mini|hochkant|Fritz Kortner während seines Engagements am Deutschen Theater Berlin, um 1911 mini|hochkant|Seine Verpflichtung an das Deutsche Theater verdankte Kortner dessen Leiter Max Reinhardt (Aufnahme von Nicola Perscheid, 1911).

Als Gregori zum Intendanten des Mannheimer Hof- und Nationaltheaters berufen wurde, erhielt Kortner dort 1910 sein erstes Engagement für eine Saison.Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 1991. S. 96 Seinen Künstlernamen legte er sich spätestens „mit dem Eintritt ins erste Engagement“Peter Schütze: Fritz Kortner. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1994. S. 21 zu. Bei der Annahme des Burgtheaterstipendiums hatte Kortner sich allerdings zwei Jahre zuvor verpflichten müssen, sein erstes Engagementsjahr als Schauspieler am Burgtheater zu verbringen. Um mit Gregori 1910 stattdessen nach Mannheim gehen zu können, musste Kortner am Burgtheater um eine Lösung dieser Verpflichtung nachsuchen. Wie er in seiner Autobiografie 1959 bedauerte, ahnte er damals nicht, „wie endgültig dieser Verzicht des Burgtheaters auf mich werden und daß mein damaliges Ansuchen um Lösung auf Lebensdauer gelten sollte“Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 1991. S. 100 (erst 1964 sollte Kortner doch noch als Gastregisseur an das Burgtheater verpflichtet werden). In Mannheim weckte Intendant Gregori größte Hoffnungen, als er den jungen Schauspieler Kortner als einen würdigen „Nachfolger von Kainz“Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 1991. S. 115 einführte; Kainz war kurz zuvor nach schwerer Krankheit gestorben.

Bereits 1911 wurde Kortner von Max Reinhardt – nachdem er „einen Monolog des Franz Moor gesprochen hatte“Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 1991. S. 143 – nach Berlin ans Deutsche Theater engagiert. Dort spielte er allerdings nur kleinere bis mittelgroße Rollen. Bereits im Frühjahr 1913 kündigte Kortner sein Engagement wieder auf und gab als Grund eine längere Abwesenheit Reinhardts aus Berlin aus Tourneegründen an.Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 1991. S. 213. – Peter Schütze hielt diese Begründung allerdings für wenig stichhaltig, da 1913 „kein auffälliges ‚Reisejahr‘ des umtriebigen Großkünstlers Reinhardt gewesen“ sei. Siehe Peter Schütze: Fritz Kortner. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1994. S. 38. Dass ein angespanntes persönliches Verhältnis zwischen Reinhardt und Kortner die Entscheidung des Schauspielers mitverursacht haben könnte, zeigt die Reinhardt zugeschriebene Äußerung: „Ach Kortner – der hat immer recht!“Zitiert nach: Klaus Völker: Fritz Kortner, Schauspieler und Regisseur. Edition Hentrich, Berlin 1987. S. 40. Schütze vermutete als eigentliche Ursache von Kortners Fortgang von Max Reinhardt die gegenseitige Enttäuschung beider Theaterleute. Siehe Peter Schütze: Fritz Kortner. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1994. S. 38. Für Kortner begannen Wanderjahre von Bühne zu Bühne. Der Regisseur Berthold Viertel engagierte ihn an die Wiener Volksbühne, an der Viertel als Dichter und Dramaturg tätig war.Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 1991. S. 229 Die Wiener Volksbühne beschäftigte damals überwiegend junge Schauspieler und spielte zeitgenössische Autoren. Gleich Kortners erster Auftritt im Mai 1913 in Herbert Eulenbergs Tragikomödie Alles um Geld, in der er den habgierigen Träumer Vinzenz spielte, „schlug mächtig ein.“Klaus Völker: Fritz Kortner, Schauspieler und Regisseur. Edition Hentrich, Berlin 1987. S. 231

Im selben Jahr holte Victor Barnowsky Kortner an das Lessingtheater nach Berlin zurück, das Kortner nach einem Zerwürfnis verließ, um an Meinhardt/Bernauers Theater in der Königgrätzer Straße zu arbeiten.Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 1991. S. 239–243 An keiner der beiden Bühnen kam es jedoch zu Auftritten. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs musste Kortner sich 1914 vor einer Musterungskommission einfinden und wurde für „tauglich erklärt“.Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 2005, S. 203 Im Rahmen einer weiteren militärärztlichen Untersuchung sollte bald darauf Kortners „Frontdiensttauglichkeit“Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 2005, S. 213 festgestellt werden. Da der zuständige Mediziner nebenher Theaterarzt war und ihn spielen sehen hatte, ließ dieser ihn in das Wiener Allgemeine Krankenhaus einweisen. Dort verhalf ihm ein anderer Arzt in den folgenden Wochen zu einem „militär-amtlichen Schein“, der „mich bis auf weiteres vom Frontdienst befreite und mich, wegen Überfüllung der Spitäler, der häuslichen Pflege überwies.“Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 2005, S. 216 Angesichts seiner „militärärztlich bestätigte[n] Kampfunfähigkeit“Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 2005, S. 217 konnte Kortner seine schauspielerische Laufbahn fortsetzen.

Sesshaft wurde Kortner während der Kriegsjahre nicht, doch wurden die Rollen an den Theatern bedeutender. Er spielte die Titelrolle in Molnárs Liliom im Oktober 1915 am Albert-Theater Dresden, Franz Moor in Schillers Die Räuber im September 1916 und König Philipp in Schillers Don Carlos im Dezember 1916 (beide am Volkstheater Wien). Noch während des Kriegs fasste Kortner auch im Stummfilm Fuß. In Wien spielte er in den Filmen Frauenehre, Der Sonnwendhof und Der Märtyrer seines Herzens (allesamt 1918) mit, in denen seine expressionistische Darstellung erstmals voll zur Geltung kam.

Unmittelbar vor Kriegsende erreichte Kortner telegrafisch im November 1918 doch noch ein Stellungsbefehl, der aber aufgrund der bedingungslosen Kapitulation tags darauf hinfällig wurde.Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 1991. S. 288–291. – Peter Schütze: Fritz Kortner. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1994. S. 45, 145

Durchbruch in Berlin und Jahre am Preußischen Staatstheater Gemeinsam mit dem befreundeten Regisseur Karlheinz Martin ging Kortner 1919 nach Berlin. Dort erlebte er als sprach- und ausdrucksstarker Schauspieler in dem Stück Die Wandlung von Ernst Toller am Theater Die Tribüne seinen Durchbruch.Matthias Brand: Fritz Kortner in der Weimarer Republik. Schäuble, Rheinfelden 1981. S. 15–22. – Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 1991. S. 297 f., 343 f. „Sein Spiel klagte an, proklamierte gegen den Krieg und die alte Gesellschaft den ‚neuen Menschen‘, geboren aus einer friedlichen Revolution.“Matthias Brand: Fritz Kortner in der Weimarer Republik. Schäuble, Rheinfelden 1981. S. 64 Der neugekürte Berliner Intendant Leopold Jessner verpflichtete Kortner ans Staatstheater und machte ihn in den folgenden Jahren zu seinem Protagonisten. Am Staatlichen Schauspielhaus bewährte sich Kortner zwischen 1919 und 1921 in den Dramen Schillers und Shakespeares, er gab den Mortimer in Maria Stuart (Oktober 1919), den Geßler in der Skandalinszenierung von Wilhelm Tell (Dezember 1919)Fritz Kortner: Aller Tage Abend. Alexander Verlag, Berlin 1991. S. 352–360 und die Titelrollen in Richard III. (November 1920) und Othello (November 1921) unter der Regie Jessners. Stilistisch deutete er Jessners Theater später allerdings als Sackgasse und sprach von der Gefahr, „dem Überrumpelungstheater, das wir im Grunde getrieben hatten, zu erliegen.“Fritz Kortner: Letzten Endes. Fragmente. Hrsg. von Johanna Kortner. Kindler, München 1971. S. 54

mini|Das Preußische Staatstheater am Berliner Gendarmenmarkt