Wolfgang Behringer (* 17. Juli 1956 in München) ist ein deutscher Historiker mit dem Schwerpunkt Frühe Neuzeit. Behringer hatte von 1999 bis 2003 eine Professur für Neuere Geschichte an der University of York. Von 2003 bis zu seiner Emeritierung 2023 lehrte er als Professor für Frühe Neuzeit an der Universität des Saarlandes. Behringers Arbeitsschwerpunkt liegt auf der Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit (1450–1800). Er forscht zu Klima und Umwelt, Krisenerfahrungen und ihrer Verarbeitung, Hexenverfolgung, Herausbildung der Nationalstaaten, Radikale Reformation, Hofkultur, Kommunikations- und Mediengeschichte.

Leben Wolfgang Behringer studierte Geschichte, Politologie und Germanistik. Er legte 1981 den Magister an der Ludwig-Maximilians-Universität München ab. Von 1982 bis 1984 war er Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Er wurde im Sommersemester 1985 in München mit einer von Richard van Dülmen betreuten Arbeit über das Thema Hexenverfolgung in Bayern promoviert. Behringer war von 1991 bis 1996 als wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Bonn tätig, wo er sich mit Hilfe eines Habilitandenstipendiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1997 habilitierte. Im Jahr 1998 wurde er Angestellter am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen und vertrat den Lehrstuhl von Winfried Schulze an der Universität München. Im Jahr 1999 übernahm er eine Professur für „Early Modern History“ an der University of York. Von 2003 bis zu seiner Emeritierung 2023 war er als Nachfolger Richard van Dülmens ordentlicher Professor für Frühe Neuzeit an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Er ist Mitglied der Kommission für Saarländische Landesgeschichte.

Werk

Postgeschichte Behringer veröffentlichte zahlreiche Aufsätze zur Postgeschichte. Im Jahr 1990 legte er anlässlich des 500. Jahrestages der Gründung des von der Kurierfamilie der Taxis (später Thurn und Taxis) betriebenen ersten Postunternehmens im Heiligen Römischen Reich (siehe Niederländischer Postkurs), eine Festschrift über das Familienunternehmen vor. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Geschichte der Post, sondern auch des Unternehmens und der Familie Thurn und Taxis. Durch die erstmals durchgeführte quantifizierende Auswertung der Rechnungsbände des Unternehmens leistete er Pionierarbeit.Vgl. dazu die Besprechung von Alexander Schulz-Luckenbach in: Nassauische Annalen 103 (1992), S. 392–393. Im Jahr 2003 erschien Behringers Habilitation über die frühneuzeitliche Reichspost und zur von ihr ermöglichten Kommunikationsbeschleunigung.

Behringer stellte darin drei zentrale Thesen auf.

Erstens: Die Frühe Neuzeit war eine abgeschlossene Epoche der Kommunikationsgeschichte. In ihrem Zentrum stand die neue Infrastruktur des Postwesens. Eine ähnliche Struktur habe es vor 1500 und nach 1800/50 nicht wieder gegeben. Seitdem spalteten sich die Funktionen der Kommunikation auf andere Medien auf.

Zweitens: Spätere Medien (Eisenbahn, Autobahnsystem, Flugverkehrsnetz, Telefon, Kabelnetz und Internet) bauten strukturell und bis ins organisatorische Detail hinein auf jenen Mustern auf, die in der Frühen Neuzeit durch das Netzwerk des Postwesens generiert worden sind. So sind Ortsverzeichnisse (Adressbücher, Telefonbücher), Nummernverzeichnisse (Postleitzahlen, Telefonnummern) oder Fahrpläne Nachkommen des frühneuzeitlichen Kommunikationswesens.

Drittens: Das „immaterielle Erbe“ des frühneuzeitlichen Kommunikationswesens hat die westliche Zeit- und Raumauffassung maßgeblich mitgeprägt und in so entscheidender Weise zur Modernisierung der europäischen Kultur beigetragen, dass diese Innovation im Zuge der Globalisierung von allen Zivilisationen übernommen werden musste.Wolfgang Behringer: Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003, S. 42 und 684 ff.

Das Zusammentreffen der Post und des Buchdrucks war nach Behringers „Generalthese“ nicht nur eine frühneuzeitliche Kommunikationsrevolution, sondern die „Mutter aller Kommunikationsrevolutionen“.Wolfgang Behringer: Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003, S. 45. Sie habe „jene Dynamik generiert, die bis heute andauert und im World Wide Web ihre jüngste Ausprägung gefunden hat“.Wolfgang Behringer: Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003, S. 42. Behringer kam zu zahlreichen Einzelbeobachtungen.Vgl. dazu die Besprechungen von Heinz Schilling in: Historische Zeitschrift 280 (2005), S. 174–177; Silvia Serena Tschopp in: Zeitschrift für historische Forschung 32 (2005), S. 133–135; Gerd van den Heuvel in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 77 (2005), S. 380–383. So seien die Anfänge der Lesegesellschaft nicht im 18., sondern im 17. Jahrhundert zu finden.Wolfgang Behringer: Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003, S. 380. Die Herausbildung frühmoderner Verwaltungen war an die Infrastruktur der Post gebunden.Wolfgang Behringer: Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003, S. 300. Der beschleunigte Nachrichtenaustausch wirkte sich nachhaltig auf das Zeitempfinden aus.Wolfgang Behringer: Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003, S. 659 f. Er stellte einen postgeschichtlichen Entwicklungsunterschied zwischen dem süddeutsch-katholischen und dem lange postabstinenten norddeutsch-protestantischen Gebieten fest.Wolfgang Behringer: Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003, S. 102. Dieses Verhältnis kehrte sich im Laufe der Zeit zu Gunsten der Protestanten um. Das Nachrichten- und Zeitungswesen konzentrierte sich zunächst auf Augsburg und Straßburg, dann aber auf Amsterdam, Frankfurt und vor allem Hamburg.Wolfgang Behringer: Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003, S. 324 ff., 347 ff., 419 ff.

Behringer hat der europäischen Frühen Neuzeit eine „welthistorische Schlüsselposition“Wolfgang Behringer: Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003, S. 42. zugewiesen. Das sich entwickelnde frühneuzeitliche Postwesen würdigte Behringer als einen „Motor der Moderne“Wolfgang Behringer: Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003, S. 21. und als den „Blutkreislauf der frühmodernen Gesellschaft“.Wolfgang Behringer: Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003, S. 126. Nach Behringer erfolgte der Übergang von der alten zur modernen Welt erheblich früher, als es die Anhänger einer „Sattelzeit“ um 1800 vertreten haben. Allgemein gilt in der Geschichtswissenschaft der „Zeitraum von 1750–1850 als die eigentliche Epochenschwelle für den Beginn der Moderne“.Richard van Dülmen: Gesellschaft der frühen Neuzeit. kulturelles Handeln und sozialer Prozeß. Beiträge zur historischen Kulturforschung. Wien u. a. 1993, S. 20. Nach Behringer erfolgte ihr Start „mit dem traditionellen Beginn der Neuzeit, nicht mit der Gutenberg-, sondern mit der ‚Taxis-Galaxis‘, der Etablierung eines Systems der Raumportionierung zur Rationalisierung der Kommunikation“.Wolfgang Behringer: Im Zeichen des Merkur. Reichspost und Kommunikationsrevolution in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2003, S. 658. Damit wandte sich Behringer gegen die Gutenberg-Galaxis von Marshall McLuhan, der in seinen Forschungen zur Frühen Neuzeit den Buchdruck zum Signum einer ganzen historische Epoche erhob.Wolfgang Behringer: „Von der Gutenberg-Galaxis zur Taxis-Galaxis“. Die Kommunikationsrevolution – ein Konzept zum besseren Verständnis der Frühen Neuzeit. In: Johannes Burkhardt, Christine Werkstetter (Hrsg.): Kommunikation und Medien in der Frühen Neuzeit. München 2005, S. 39–54.

Hexenforschung Durch seine Quellenforschungen und regelmäßigen Aufsätze zum Forschungsstand prägte Behringer wie kein anderer Historiker das Bild der frühneuzeitlichen Hexenforschung.Jaana Eichhorn: Geschichtswissenschaft zwischen Tradition und Innovation Diskurse, Institutionen und Machtstrukturen der bundesdeutschen Frühneuzeitforschung. Göttingen 2006, S. 273. Anlass für Behringers Beschäftigung mit dem Thema Hexen war ein 1978 von Richard van Dülmen an der Universität München angebotenes Seminar.Rita Voltmer: Netzwerk, Denkkollektiv oder Dschungel? Moderne Hexenforschung zwischen ‚global history' und Regionalgeschichte, Populärhistorie und Grundlagenforschung. In: Zeitschrift für Historische Forschung 34 (2007), S. 467–507, hier: S. 473; Stand und Perspektiven der Hexenforschung. Ein virtuelles Gespräch mit Wolfgang Behringer (Klaus Graf). In: zeitenblicke 1 (2002), Nr. 1 [8. Juli 2002] (online). Behringers 1987 veröffentlichte Dissertation über die Hexenverfolgung in Bayern wurde in amerikanischen, englischen, französischen, niederländischen, österreichischen und deutschen Fachzeitschriften nahezu einhellig als wichtige Studie gewürdigt.Vgl. beispielsweise Ronnie Po-Chia Hsia, in: The 16th Century Journal 19 (1988), S. 306–307. Die wichtigsten Rezensionen finden sich in Wolfgang Behringer: Hexenverfolgung in Bayern. Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson in der frühen Neuzeit. 3., verbesserte und um ein Nachwort ergänzte Auflage. München 1987, S. 543. Die Darstellung avancierte zum Standardwerk über die frühneuzeitliche Hexenverfolgung.Vgl. die Besprechungen von Bernd Roeck in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 75/1 (1988), S. 122–123; Manfred Agethen in: Historisches Jahrbuch 108 (1988), S. 488–489; Peter Segl in: Historische Zeitschrift 268 (1999), S. 472–474; Karl Vocelka in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 97 (1989), S. 195–197; Helga Schultz in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 38 (1990), S. 270–271. Das Buch wurde 1997 in dritter Auflage veröffentlicht und im selben Jahr auch in englischer Übersetzung herausgebracht.Witchcraft Persecutions in Bavaria. Popular Magic, Religious Zealotry and Reason of State in Early Modern Europe. Translated by J. C. Grayson and David Lederer. Cambridge 1997. Erstmals seit der Darstellung von Sigmund von Riezler aus dem Jahr 1896Sigmund: Geschichte der Hexenprozesse in Bayern. Im Lichte der allgemeinen Entwicklung dargestellt. Stuttgart 1896. befasste sich Behringer wieder mit der Hexenverfolgung in Bayern. Dabei hat Behringer erheblich mehr Quellenmaterial für seine Analyse ausgewertet.Zu diesem Aspekt vgl. die Besprechung von Wilhelm Volkert: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 52 (1989), S. 392–394, hier: S. 393 (online). Neben den Prozessakten hat Behringer serielle Quellen etwa Ratsprotokolle sowie politische und private Quellen ausgewertet. In seiner Arbeit hat Behringer den seit 1967 einsetzenden Paradigmenwechsel in der internationalen Hexenforschung berücksichtigt. Die anglo-amerikanischen Studien von Alan Macfarlane (1970)Alan Macfarlane: Witchcraft in Tudor and Stuart England. A regional and comparative study. London 1970., Keith Thomas (1971)Keith Thomas: Religion and the decline of magic. New York 1971. oder H. C. Erik Midelfort (1972)H. C. Erik Midelfort: Witch hunting in Southwestern Germany 1562–1684. The social and intellectual foundations. Stanford 1972. hatten in ihrer Quellenarbeit anthropologische und ethnologische Fragestellungen und Methoden einbezogen. Die deutsche Geschichtswissenschaft hatte sich bis in die späten 1980er Jahre kaum mit dem Thema Hexenverfolgung beschäftigt. Einige Historiker hielten das Thema zudem für unseriös.Vgl. dazu die Besprechungen zu Behringers Dissertation von Robert Jütte in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 38 (1988), S. 352–353; Barbara Stollberg-Rilinger in: Zeitschrift für historische Forschung 16 (1989), S. 362–365, hier: S. 365.