mini|Pfarrkirche St. Felizitas (1991) mini|Nordansicht
St. Felizitas ist die katholische Pfarrkirche im Zentrum der Stadt Lüdinghausen (Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Kreis Coesfeld).
Kirchengeschichte bis ins 16. Jahrhundert
Im Jahre 800 wurde dem heiligen Liudger, der der erste Bischof von Münster war, von einem gewissen Senelhard und dessen Schwiegersohn Walfried ihr Besitz in Lüdinghausen geschenkt. Der große Besitz lag im heutigen Stadtzentrum. Liudger erbaute auf diesem Gelände die erste Kirche für Lüdinghausen. Über Größe und Aussehen der Kirche ist nichts mehr überliefert, man nimmt jedoch an, dass die Kirche nur ein kleiner Bau aus Holz war. Die Kirche und der nebenan liegende Pfarrhof waren Eigentum von Liudger. Um seinen Besitz zu sichern, vermachte er ihn an das Kloster Werden, welches er ja auch selber gegründet hatte, und wo er auch begraben wurde. Die erste Kirche in Lüdinghausen wurde somit eine Eigenkirche der Abtei Werden. Einer Legende nach läuteten die Glocken der damaligen Kirche bei Ankunft des Trauerzugs von Liudger von selbst.Wappen im Kreis Coesfeld
Infolge des Markt- und Münzrechts für Lüdinghausen von 974 wurde am 11. Juli 1037 von Bischof Hermann I. von Münster eine neue Kirche eingeweiht. Die Kirche war jetzt kein Holzbau mehr, sondern eine Steinkirche. Die wahrscheinlich im romanischen Stil erbaute Kirche stand unter dem Schutz des heiligen Stephanus und der heiligen Felicitas mit ihren sieben Söhnen. Dieses Gotteshaus bestand fast 500 Jahre, bis die heutige Pfarrkirche gebaut wurde.
Schutzpatrone mini|hochkant|Felicitasstatue in der Kapelle
Der heilige Liudger, der die erste Kirche in Lüdinghausen erbaute, weihte diese Kirche der Muttergottes und dem Märtyrer Stephanus.
Stephanus war der erste Zeuge, der für Christus gestorben ist. Der Erzählung nach wurde Stephanus, der jüdischer Christ war, mit einigen anderen Gläubigen zum Diakon der jungen Gemeinde ernannt. In Jerusalem tat er überall Gutes und half, wo er konnte. Er verbreitete überall die frohe Botschaft Christi. Einigen Juden missfiel das und zogen ihn zur Verantwortung. In seiner Verteidigungsrede sahen die Juden eine Gotteslästerung, trieben ihn vor die Tore der Stadt und steinigten ihn zu Tode. Stephanus wurde somit der erste Blutzeuge Christi.
Die zweite Kirche wurde schon Stephanus und Felicitas geweiht. Im Laufe der Jahre verdrängte Felicitas aber Stephanus und wurde Hauptpatronin.
Ihrer Erzählung nach war sie eine sehr stark gläubige Christin, was den römischen Priestern missfiel. Sie zeigten Felicitas beim Kaiser an, der sie an den Stadtpräfekten weiterleitete. Man ließ ihre sieben Söhne töten, da sie sich weiterhin weigerte, ihrem Glauben zu widersagen. Daraufhin wurde ihr der Kopf durch das Schwert des Henkers abgeschlagen.
Baugeschichte der heutigen Kirche Die heutige St.-Felizitas-Kirche ist die dritte an ihrer Stelle. Am 28. Februar 1507 (dem 2. Fastensonntag) wurde der Grundstein des Chores gelegt. St. Felizitas ist geostet, d. h. der Chor liegt nach Osten und das Hauptportal – also der Turm – nach Westen. Der Turmbau wurde erst am 8. Juni 1515 – dem Tag nach Fronleichnam – begonnen. 43 Jahre lang wurde daran gearbeitet. Die lange Bauzeit war auch durch die Wiedertäuferunruhen in Münster um 1524 bedingt, nach diesen Unruhen lief der Weiterbau nur sehr langsam an. 1558 wurde die Kirche vollendet.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden immer wieder kleinere bauliche Veränderungen vorgenommen. Im Zusammenhang mit der Rückbesinnung auf die gotische Baukunst wurde um 1875 das Kirchendach nach den Plänen des Dombaumeisters Hilger Hertel d. Ä. umgebaut. Ursprünglich trug die Kirche ein großes, alle drei Schiffe überspannendes, ziegelgedecktes Dach, dessen First bedeutend höher lag als der des heutigen vielteiligen Dachs. Auch die Kirchturmspitze erhielt ihre heutige Gestalt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dabei wurde eine Turmuhr eingebaut. Außerdem wurde die an der Nordseite angebaute Sakristei mit einem hohen Giebel aufgestockt, sodass von der Mühlenstraße aus der Eindruck entstehen kann, es handle sich bei diesem Anbau um ein Querschiff.
1908–1910 wurden nach Entwurf des Architekten Alexander Cazin die Kapelle im Südwesten und die Eingangshalle im Nordwesten an den Turm angebaut. Somit wurde die Westfassade erheblich verbreitert.
Zwischenzeitlich mussten immer wieder kleine Reparaturen am Mauerwerk durchgeführt werden, da der Baumberger Sandstein nicht besonders wetterfest ist.
Der Fußboden im Altarraum wurde 1951 um drei Stufen erhöht. 1979 wurde die Kirche gründlich renoviert. Der Altarraum erhielt einen neuen Altar und einen dementsprechenden Ambo. Die stark verschmutzten Wände und Gewölbe wurden komplett neu gestrichen, wobei die in rot und gold bemalten Rippen besonders gut mit dem neuen roten Bodenbelag harmonierten. Auch die Technik zog in die Kirche ein: Beim Einbau der neuen Beleuchtungs- und Lautsprecheranlage wurde darauf geachtet, dass keine Kabel oder sonstige technischen Einrichtungen die Kirche verunstalteten. 1983 wurde im Schatten der Pfarrkirche das Pfarrheim errichtet. Dort sind mehrere Gruppenräume untergebracht.
Außenbau mini|Dach
Schon von weitem hebt sich der mächtige Westturm der Felizitas Kirche deutlich von der Stadtkulisse ab. Der über 70 Meter hohe viereckige Turm hat vier Geschosse, wobei jedes Geschoss um ein Drittel kleiner ist, als das darunter liegende und die sich nach oben hin verjüngen. Das unterste Geschoss mit dem großen Westfenster ist in den Kirchenraum mit einbezogen. Die beiden mittleren Geschosse haben keine Fenster, dafür aber Fensterverblendungen, die die gewaltige Masse unterteilen sollen.
Auf dem zweiten Geschoss in Höhe des Gewölbes befindet sich das Uhrwerk der Kirchturmuhr, das die Zeiger im vierten Geschoss bewegt. Die 1928 gebaute Uhr musste früher durch Gewichte angetrieben werden, die per Hand hochgezogen wurden. Heute erledigt diese Arbeit ein Elektromotor.
Im vierten Geschoss befindet sich der Glockenstuhl. Auf der Ostseite des Turmdaches springt ein kleines Dach hervor, unter dem zwei Uhrglocken hängen.
Über dem vierten Geschoss des Turmes befindet sich am Fuße des Daches eine Galerie, die besonders durch die Balustrade hervorgehoben wird. Die Galerie und der achteckige, mit Kupfer überzogene Turmhelm stammen aus dem 19. Jahrhundert, jedoch hat sich im Laufe der Jahre Grünspan auf dem Dach gebildet.
Auch die übrige Dachkonstruktion stammt aus dem 19. Jahrhundert. Sie ist viel niedriger als die alte und sehr kompliziert aufgebaut. Ein Langdach, das von einem spitzen Dachreiter getragen wird, liegt über dem Hauptschiff. Daran anschließend befinden sich Querdächer, die im rechten Winkel angeordnet sind. Über dem Chor verlaufen die Seitendächer wieder parallel zum langen Mitteldach. Das Dach über dem Kirchenraum ist – im Gegensatz zum kupferüberzogenen Turmdach – mit Schiefer bedeckt.
Auf der Südseite der Kirche befindet sich die Mariensäule. Sie ist das Denkmal des Grabes eines Lüdinghauser Bürgers, der durch seine Nächstenliebe einen großen Namen erworben hatte: Bernhard Strotkamp (gestorben 15. Januar 1867). Die quadratische nach oben verjüngte Steinsäule steht auf einem breiten Fundament.
Kircheninneres mini|Innenansicht, Blick durch Mittelschiff (2018) mini|Altarraum mini|Altar mini|Kapelle mini|Hauptschiff mit Predigtkanzel (2020)
Wer die Kirche von Norden her aus betreten will, muss zuerst die Eingangshalle passieren. Die kleine Halle wurde 1909 angebaut. In ihr kann man Weihwasser entnehmen und sich über kirchliche Veranstaltungen informieren.
Sobald man in die spätgotische Hallenkirche geht, wird man von einer großen und lichten Halle erwartet. Die Größe entsteht dadurch, dass die beiden Seitenschiffe die gleiche Höhe haben wie das Mittelschiff und nur durch schlanke Rundpfeiler abgetrennt sind. Eine weitere Vergrößerung bewirkt der Turm, der in den Kirchenraum miteinbezogen ist. Er ist nach drei Seiten offen und steht auf zwei Dreiviertelpfeilern in der Westwand und auf zwei freistehenden massiven Rundpfeilern.
Diesen zwei mächtigen Turmpfeilern wird wegen ihres in Europa einmaligen Umfanges von 7,42 Metern sehr viel Beachtung geschenkt. Die Inschriften der beiden Säulen verraten viel über die Geschichte Lüdinghausens und der Kirche.
Im südlichen Rundpfeiler berichten die Gravierungen von fünf großen Stadtbränden zwischen 1568 und 1832 sowie von der Baugeschichte des Turmes. Im nördlichen Pfeiler wird von den Opfern der beiden Weltkriege, den Umbauten der Kirche und dem Neubau der nahe gelegenen Ludgerikirche erzählt. Im Gegensatz zu allen anderen Säulen haben die Turmpfeiler keinen achteckigen, sondern einen runden Sockel.
Sehr auffällig im Kirchenraum sind die großen Fenster. Das Ludgerusfenster zeigt den Begründer des Glaubens in Lüdinghausen. In der oberen Hälfte wird der Heilige als Missionar und Bischof bei seiner Predigt im Sachsenland gezeigt. Darunter ist die Überführung des Leichnams durch Lüdinghausen nach Werden dargestellt.
Besonders das Westfenster fesselt den Betrachter. Es zeigt das Weltgericht. Maria und Jesus sind von den zwölf Jüngern in einem Halbkreis eingerahmt. Engel stellen den Leidensweg Christi dar und sind mit Posaunen des Gerichts im Kampf mit dem Teufel. Die Seligen, unter ihnen die Stifterin des Fensters, sind von den Verdammten getrennt.
1869 konnte durch eine großzügige Spende des Droste Erbdroste zu Darfeld ein neuer Hochaltar und ein neues Seitenfenster mit Glasmalerei von Johann Klein in der Kirche eingebaut werden. Das Chorfenster zwischen Kirchenraum und Seitenkapelle stellt drei Propheten aus dem Alten Testament dar.
Die Decke des Mittelschiffes ist mit sechs Sterngewölben ausgestattet, wobei die Rippen der Säulen dieses Gewölbe bilden. Die Seitenschiffe sind mit einfachen Kreuzrippengewölben ausgestattet. Von zwei Gewölben herab hängen zwei Kronleuchter aus Messing, die zahlreiche Kerzen tragen und zu großen Feierlichkeiten angezündet werden.
Die Seitenkapelle von 1909 bis 1910 hat ein zweijochiges Gewölbe. Die Rippen dieses Gewölbes enden in Steinfiguren, die z. B. die Leidenschaften Habsucht und Trunksucht veranschaulichen sollen. Die Kapelle hat einen schlichten Altar, dessen schmiedeeiserner Fuß als Türfüllung einer Kommunionbank diente. Ein weiterer Altar an der Rückwand ist ein ehemaliger Nebenaltar der Kirche. Das Mosaik des Altars zeigt die Krönung Mariens.
Die langen und hohen Seitenwände der Kirche sind durch die vielen Fenster gegliedert. Außerdem wurden im 19. Jahrhundert Reliefbilder des Leidenswegs Christi in dezenter Färbung und Wandfliesen mit Ornamenten angebracht.
Die Kirchenpatronin Felicitas ist drei Mal mit ihren sieben Söhnen figürlich dargestellt. Die größte Figur steht auf einer Konsole an der rechten Seite des Chores. Eine weitere Steindarstellung befindet sich in einer Wandnische der Seitenkapelle. Die dritte Figur ist aus Holz und steht auf einer Säule unter dem Turm. Die kleine, dunkle Holzstatue ist wahrscheinlich eine niederrheinische Arbeit aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die Märtyrerin steht mit Schwert, Palme, Diadem und ihren sieben Söhnen unter einem barocken Silberrahmen.
Der Altarraum, oder Chor, ist die Verlängerung des Mittelschiffes und hat einen 5/8-Schluss. Der Fußboden ist um drei Stufen erhöht, um den Altar als Mittelpunkt der Kirche hervorzuheben. Sieben der elf Fenster mussten nach dem Krieg erneuert werden. Besonders sind die drei mittleren Chorfenster, da sie sehr stark abgedunkelt sind und deshalb dem Besucher auffallen.