mini|Lageplan: Talsperren; Kraftwerke; Triebwasserwege; Beileitungen (Maltakraftwerke strichliert, Kreuzeckseite und Kleinkraftwerke fehlen) mini|300px|Schema der Kraftwerksgruppe Reißeck-Kreuzeck mit der Erweiterung Reißeck II mini|300px|Schema der Kraftwerksgruppen Reißeck-Kreuzeck und Malta mit Reißeck II als Verbindung Die Kraftwerksgruppe Reißeck-Kreuzeck ist ein Komplex von Wasserkraftanlagen der Verbund AG im österreichischen Bundesland Kärnten, bestehend aus den Stausee-Gruppen Reißeck Jahresspeicher, Reißeck Tagesspeicher und Kreuzeck Tagesspeicher sowie verschiedenen Krafthäusern und Pumpwerken in Reißeck, Mühldorf, NigglaiFür den Ortsteil der Gemeinde Steinfeld ist die Schreibweise Nigglai üblich (vgl. ). Für das Kraftwerk überwiegt die Schreibweise Niklai (vgl. älteres Schild und Infotafel), auf einem Schild neueren Datums wird es aber ebenfalls Nigglai genannt (das Alter der Schilder kann anhand der Firmennamen eingeordnet werden). in Sachsenburg und Steinfeld.
Inzwischen ist die Kraftwerksgruppe Reißeck-Kreuzeck gemeinsam mit den Maltakraftwerken in der Kraftwerksgruppe Malta-Reißeck aufgegangen, der leistungsstärksten Kraftwerksgruppe Österreichs. Durch den Bau der Erweiterung Reißeck II sind die beiden Systeme seit 2016 auch hydraulisch verbunden, 2025 wurde die Anlage mit Reißeck II plus weiter vergrößert.
Geschichte mini|Skulptur Dem Gedenken der beim Kraftwerksbau tödlich Verunglückten am Schoberboden (2008) Die Kraftwerksgruppe Reißeck-Kreuzeck gehört ebenso wie das Kraftwerk Kaprun zu den Pionierbauten der österreichischen Energiewirtschaft. 1922 begann der Bau des Kraftwerks Mühldorf, 1924 folgte Steinfeld. Die Errichtung weiterer geplanter Kraftwerke verzögerte sich wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage und der zunehmenden Bedeutung der Kohle zur Stromerzeugung. Erst mit dem Anschluss Österreichs wurde die Wasserkraft im Hinblick auf die energieintensive Rüstungsindustrie wieder attraktiv. Anders als beim Kraftwerk Kaprun wurde der Bau des Speicherkraftwerks Reißeck-Kreuzeck erst nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen.
Reißeck I Der Baubeschluss erfolgte im Mai 1947 durch die Kärntner Elektrizitäts-AG (KELAG), im September 1948 erwarb die Österreichische Draukraftwerke AG (ÖDK) die Anlage und veränderte auch das Konzept.
Die Investitionssumme lag bei 1,4 Milliarden Schilling. Sie stammte aus dem Marshallplan, Energieanleihen, Eigenmitteln des Bauherren und dem ersten Weltbank-Kredit, der an die Republik Österreich vergeben worden war.
Die Arbeitsbedingungen waren sehr hart, die frostfreie Bauzeit im Hochgebirge lag bei nur wenigen Wochen bis Monaten, Schutz vor Lawinen und Steinschlag war kaum vorhanden. Zur Spitzenzeit 1957 waren 2885 Mitarbeiter beschäftigt, insgesamt 22 Menschen verloren ihr Leben, an sie erinnert ein Denkmal bei der obersten Station der Reißeck-Standseilbahn am Schoberboden.
Für den Materialtransport wurden verschiedene Konstruktionen errichtet, darunter die Reißeck-Standseilbahn, die Reißeck-Höhenbahn und die Kreuzeck-Standseilbahn, die später für den touristischen Betrieb geöffnet wurden, es kamen aber auch Trägerkolonnen und Maultiere zum Einsatz. Unterhalb der Mühldorfer Seen betrieb der Verbund ein Hotel und ein Skigebiet.
→ Näheres zum touristischen Betrieb siehe Reißeckbahn.
Reißeck II mini|Baustelle zu Reißeck II im Mühldorfer Graben, Juni 2012 Nach der Errichtung der Maltakraftwerke gab es schon bald Überlegungen, deren Speicherseen mit denen des Reißeck-Seenplateaus zu verbinden. 1989 hatte die ÖDK ein Vorprojekt zu einem „Pumpspeicherkraftwerk Hochalmsee“ erarbeitet, das aber wegen zu hoher erwarteter Kosten eingestellt wurde. Über zehn Jahre später wurden die Pläne wieder aufgegriffen. Durch die Deregulierung des Energiemarktes und den vermehrten Einsatz erneuerbarer Energien war der Bau von Pumpspeicherkraftwerken wieder notwendig und wirtschaftlich rentabel geworden. Ab 2004 plante man mit dem Mühldorfer Graben als Standort für ein neues Kraftwerk, 2007 wurde die Öffentlichkeit über das Bauvorhaben informiert, im Dezember 2009 wurde der positive Bescheid der Umweltverträglichkeitserklärung rechtskräftig und im Mai 2010 erfolgte der Baubeschluss.
Der feierliche erste Spatenstich zu den Bauarbeiten zum Pumpspeicherkraftwerk Reißeck II fand am 8. Oktober 2010 statt. Bis zu 350 Arbeiter und Fachkräfte waren im Einsatz, 2016 war der Bau abgeschlossen. Am 7. Oktober 2016 um 13 Uhr kam es zur offiziellen Inbetriebnahme durch Vizekanzler und Energieminister Reinhold Mitterlehner, Landeshauptmann Peter Kaiser und die Vorstände Wolfgang Anzengruber (Verbund), Armin Wiersma (Kelag) und Leo Windtner (Energie AG Oberösterreich).
Von den 400 Millionen Euro, die in Reißeck II investiert worden sind, entfielen acht Millionen Euro auf ökologische Begleitmaßnahmen wie etwa die Renaturierung der Baustellen. Allerdings führten die Neuerungen auch zur Aufgabe der Reißeckbahnen und des touristischen Betriebs. Für die Bauarbeiten war eine für große Lkw befahrbare Straße erforderlich, weshalb die Höhenbahn abgebaut wurde, um den Tunnel vergrößern zu können. Die Standseilbahn war durch die Straße für den Kraftwerksbetrieb obsolet geworden. Eine Quersubventionierung durch den Verbund war unzulässig, die Suche nach anderen Investoren blieb erfolglos, trotz der Absicht des Landes Kärnten, finanzielle Unterstützung zu leisten.
Reißeck II plus mini|Baustelle am Eingang des Sara-Stollens neben dem ehemaligen Berghotel Reißeck, August 2022 „Mitte 2013 […]startete [das] Erneuerungs- und Erweiterungsvorhaben“ Reißeck II plus, das „Maßnahmen an der seit den 1950er Jahren bestehenden Infrastruktur im Hochgebirge“ beinhaltet und den „Grundstein zur Realisierung weiterer Anlagen am Reißeck-Seenplateau“ bilden soll. Nachdem im Gegensatz zu früheren Überlegungen für das Kraftwerk Reißeck II mit dem Großen Mühldorfer See, nur der am tiefsten gelegene Speicher des Seenplateaus als Oberbecken ausgewählt worden war, wurde 2015 eine Änderung des UVP-Verfahrens zum Bau einer Oberstufe eingereicht, um mit der Errichtung eines weiteren Kavernenkraftwerks den Kleinen Mühldorfer See als Ober- und den Großen Mühldorfer See als Unterbecken zu nutzen. Dieses neue Kraftwerk wird ebenfalls Reißeck II plus genannt.
Am 27. Mai 2020 wurde das Projekt über den EU-Dienst Tenders Electronic Daily ausgeschrieben. Die Bauzeit war damals von März 2021 bis 2023 geplant. Die Kosten sollen sich auf 60 Millionen Euro belaufen. Weitere 100 Millionen Euro sollen in die Modernisierung der Pumpen der Kraftwerke Malta-Hauptstufe und Malta-Oberstufe investiert werden, sowie in eine neue Pumpe im Krafthaus Kolbnitz, welche die Pumpstation Hattelberg ersetzen wird.
Am 18. Juni 2021 fand der Stollenanschlag für Reißeck II plus statt. Die für Energie und Naturschutz zuständige Landesrätin Sara Schaar fungierte als Tunnelpatin und lieh dem Stollen ihren Namen. Noch 2021 wurden die Ausbruchsarbeiten an Stollen und Kaverne abgeschlossen. Ende 2022 waren bereits die Lagerfläche begrünt und „Ersatzlaichgewässer“ errichtet. Im Juli 2023 wurde der Kleine Mühldorfer See zum Aufstau freigegeben. Im vierten Quartal 2024 wurden die ökologischen Maßnahmen abgeschlossen und mit der Nassinbetriebnahme begonnen. Seit dem ersten Quartal 2025 befindet sich das Kraftwerk im Regelbetrieb. Eine offizielle Inbetriebnahme erfolgte am 2. Juni 2025.
Aufbau Mittelpunkt der ursprünglichen Kraftwerksgruppe ist das Kraftwerk Kolbnitz, das die Maschinensätze für drei verschiedene Speichersysteme beinhaltet. Mit der Erweiterung Reißeck II änderte sich das Konzept des weitgehend passiven Jahresspeichers Reißeck zum Pumpwälzbetrieb mit stark erhöhter Leistung. Mit Reißeck II plus folgte eine weitere Ergänzung. Außerdem werden mehrere Kleinkraftwerke zur Gruppe gezählt.
Krafthaus Kolbnitz Im Krafthaus Kolbnitz wird mit dem Wasser der Komponenten Reißeck-Jahresspeicher, Tagesspeicher Gondelwiese und Tagesspeicher Roßwiese elektrische Energie erzeugt. Es liegt auf 606 Metern Seehöhe direkt an der Möll, in die das abgearbeitete Wasser mündet, und leistet maximal 136,2 MW.Die Addition der auf verbund.com genannten Leistungen der Systeme Reißeck-Jahresspeicher, Reißeck-Tagesspeicher und Kreuzeck-Tagesspeicher ergibt 136,2 MW (entspricht 136.200 kW). Die Infotafel „Die Kraftwerksgruppe Reißeck-Kreuzeck“ nennt hingegen 138.200 kW. Die Steuerung erfolgt durch die Schaltwarte im benachbarten Kraftwerk Rottau. Durch ein Fenster in der Seite des Gebäudes sind die Maschinensätze einzusehen. Das Besondere und Interessante daran ist, dass die Kraftstation von beiden Hangseiten des Mölltals Triebwasser aus drei offenliegenden Druckrohrleitungen erhält. Von den sieben Peltonturbinen sind drei dem Jahresspeicher und jeweils zwei den Tagesspeichern zugeordnet. 2024 ging in einem Gebäude des Krafthauses Kolbnitz auch das Pumpwerk Reißeck in Betrieb, das die Pumpstation Hattelberg ablöste.
Jahresspeicher Reißeck Eine Druckrohrleitung kommt vom nordöstlich gelegenen Bereich Jahresspeicherwerk Reißeck, das aus sechs natürlichen Karseen der Reißeckgruppe gespeist wird. Vier der Seen wurden durch Staumauern vergrößert, wodurch der Inhalt von 5,4 auf insgesamt 17,2 Millionen m³ erhöht wurde. Die Druckrohrleitung hat eine Fallhöhe von 1772,5 mDie Quellenlage zur genauen Rohfallhöhe des Jahresspeicherwerks ist schwierig. Die oft genannte Angabe von 1772,5 Metern würde bei einer Lage des Kraftwerks auf ca. 606 Metern eine Höhe des Oberwassers von 2378,5 Metern ergeben und damit zu den Stauzielen des Kleinen Mühldorfer Sees und des Hochalmsees von jeweils 2.379 Metern passen. Die Stauziele von Quarz-, Kessele- und Radlsee liegen noch um bis zu zwanzig Meter höher, das des Großen Mühldorfer Sees sechzig Meter tiefer. Eine Infotafel an einer bei der Kölnbreinsperre aufgestellten Turbine nennt hingegen eine um 7,2 Meter geringere „Fallhöhe“ von 1765,3 Metern. Noch schwieriger zu erkennen ist der Zustand seit dem Rückbau eines Teils des alten Triebwasserweges im Zuge der Errichtung von Reißeck II. Die Alpenbatterie: Ökostrom aus dem Berg. 2016, Projektentwicklung Pumpspeicherkraftwerk Reißeck II, S. 30, Abb. 3: Das Ausgeführte Projekt Reißeck II in schematischer Darstellung und Die Effizienzsteigerungsanlage Reißeck II plus, S. 211–215 deuten darauf hin, dass heute nur noch der Große Mühldorfer See als Oberbecken für das Jahresspeicherwerk genutzt werden kann und die anderen Seen allenfalls noch als Beileitungen zu selbigem fungieren können. In diesem Fall läge die heutige Rohfallhöhe bei nur noch etwa 1.713 Metern und auch die Pumpstation Hattelberg könnte nur noch bis in den Großen Mühldorfer See heben. und erzeugt dementsprechend etwa 177 bar Druck. Neben dieser oberirdischen Leitung verläuft die stillgelegte Reißeck-Standseilbahn. Der letzte Abschnitt der Druckrohrleitung von der Reißeckbahn-Talstation bis zum Krafthaus Kolbnitz direkt an der Möll verläuft unter den Kulturflächen im Talboden. Das Jahresspeicherwerk Reißeck ist mit drei Maschinensätzen mit Peltonturbinen im Krafthaus Kolbnitz vertreten; die Gesamtleistung beträgt 68 MW.