Qualitative Heuristik ist eine von Gerhard Kleining entworfene sozialwissenschaftliche und psychologische Methodologie,Gerhard Kleining: Qualitativ-heuristische Sozialforschung. Schriften zur Theorie und Praxis. Fechner, Hamburg 1994, ISBN 3-929215-02-0, die die „Entwicklung und Anwendung von Entdeckungsverfahren in regelgeleiteter Form“Gerhard Kleining: Lehrbuch Entdeckende Sozialforschung. Band I: Von der Hermeneutik zur qualitativen Heuristik. Beltz Psychologie Verlags Union, Weinheim 1995, ISBN 3-621-27285-2, S. 225. zum Gegenstand hat. Sie konzipiert den Forschungsprozess als Dialog zwischen Forschungsperson und Forschungsgegenstand, mit aktiven und rezeptiven Merkmalen, dem Experiment und der Beobachtung als Grundmethoden sowie den Forschungsstrategien Maximierung/Minimierung, Testen von Grenzen und Adaption.
Sie basiert auf und grenzt sich ab von der spontanen und einseitigen Alltagsheuristik durch ihre Systematik. Im Unterschied zu hermeneutischen Methodologien zielt sie auf die Entdeckung von Neuem ab und nicht auf eine neue Interpretation von Bekanntem. Sie ist nicht auf „geschlossene“, gut definierte Aufgaben bezogen wie die Heuristik der Informatik und den Wirtschaftswissenschaften. Sie bündelt und optimiert Entdeckungsmethoden aus der naturwissenschaftlich-empirischen und der philosophischen Heuristik sowie heuristische Verfahren aus Psychologie und Soziologie und kann für Forschungen in der qualitativen Sozialforschung und qualitativen Psychologie eingesetzt werden.
Geschichte
Als Basis jeder wissenschaftlichen Heuristik werden Alltagsheuristiken als lebensnotwendige, gesellschaftlich bestimmte Erkenntnis- und Erfahrungstechniken angesehen. Die wissenschaftliche Heuristik hat eine bis in die Antike reichende Geschichte:Gerhard Kleining: (1995, S. 340ff.). Pappus von Alexandrien (um 300) beschrieb die Rückwärtssuche als Heuristik beim Problemlösen. Raimundus Lullus (1232–1316) entwarf einen mechanischen Apparat, um alle wissenschaftliche Probleme durch systematische Kombination philosophischer Grundbegriffe zu lösen. Joachim Jungius (1587–1657) hat wahrscheinlich erstmals den Begriff Heuristik verwandt und sah in der heuristischen Erkenntnis die höchste Stufe der Erkenntnis, da sie ungelöste Probleme und neue Verfahren zum Gegenstand habe.Gerhard Kleining: (1995, S. 341). René Descartes (1596–1650) stellte in „Discours de la méthode“ heuristische Regeln für die wissenschaftliche Erkenntnis auf: Nichts anzunehmen, ohne Evidenzprüfung. Komplexe Aufgaben in einfache zu zerlegen. Beim Einfachsten zu beginnen Allgemeine Übersichten einzubeziehen. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) beschrieb in seiner „ars inveniendi“ zwei Methoden – die von Axiomen ausgehende „via demonstrativa“ mit der sich seine Infinitesimalrechnung ergibt und die kombinatorisch vorgehende „via indicativa“
Die Qualitative Heuristik bezieht sich auf – oder hat eine gewisse Ähnlichkeit mit – folgenden neuzeitlichen Entdeckungsmethoden: Die naturwissenschaftlich-empirischen EntdeckungsmethodenGerhard Kleining: (1995, S. 343–344). von Galileo Galilei (1564–1642), Isaac Newton (1643–1727), Albert Einstein (1879–1955) und insbesondere von Ernst MachErnst Mach: Erkenntnis und Irrtum. Skizzen zur Psychologie der Forschung. Verlag Dr. Müller, 2006, ISBN 3-86550-575-9. (Zuerst 1883). (1838–1727), die Methoden reflektieren, die zu wichtigen Entdeckungen führten. Die dialektischen HeuristikGerhard Kleining: (1995, S. 344–347). von Friedrich Schleiermacher (1768–1834),Friedrich Schleiermacher: Dialektik. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2001, ISBN 3-518-29129-7. (Zuerst Vorlesungen 1811–1834). Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831)Georg, Friedrich, Wilhelm Hegel: Phänomenologie des Geistes. In: Georg, Friedrich, Wilhelm Hegel, Werke in 20 Bänden. Band 3. Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1986, ISBN 3-518-28203-4. (Zuerst 1807). und die materialistische Dialektik von Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895).Gerhard Kleining: (1995, S. 346–347). Die offene psychologische Heuristik der Würzburger Schule,Gerhard Kleining: (1995, S. 347–350). die mit der heuristisch eingesetzten Introspektion Erkenntnisse zum Denken und Problemlösen erreichte; die Gestaltpsychologie, die mit ganzheitlichem Gegenstandsverständnis und vielfältiger Variation wichtige Prinzipien der Wahrnehmung und des Denkens entdeckte; ferner Sigmund Freud, der seine Entdeckungen zum Traum, zu den Abwehrmechanismen und zur Psychopathologie des Alltagslebens mit heuristischen Techniken machte; sowie Jean Piaget, der mit heuristischen Methoden – wie dem qualitativen Experiment – die kognitive Entwicklung des Kindes erforschte.Thomas Burkart: Das qualitative Experiment in der Entwicklungspsychologie – am Beispiel von Jean Piaget. In: Günter Mey (Hrsg.): Handbuch Qualitative Entwicklungspsychologie. Kölner Studien Verlag, Köln 2005, ISBN 3-936010-06-4, S. 477–625. Die sozialwissenschaftliche HeuristikGerhard Kleining: (1995, S. 350–352). des symbolischen InteraktionismusGerhard Kleining: (1995, S. 351). und der Grounded Theory von Barney G. Glaser und Anselm L. Strauss,Barney G. Glaser, Anselm L. Strauss: The Discovery of Grounded Theory. Strategies for Qualitative Research. Adine, New York 1967. (deutsch als: Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung. Huber, Bern 2005, ISBN 3-456-84212-0). die das Entdecken (discovery) von sozialen Phänomen in den Mittelpunkt rücken.
Heuristische Methodologie
Alle wissenschaftlichen Methoden sind Formen der Auseinandersetzung zwischen einem Subjekt (Forschungsperson) und einem Objekt (Forschungsgegenstand).Gerhard Kleining: (1995, S. 227–231).
Vier Regeln
Die heuristische Methodologie ist durch vier Regeln gekennzeichnet, die das Subjekt-Objekt-Verhältnis zwischen Forschungsperson und Forschungsgegenstand genauer bestimmen: Offenheit der Forschungsperson Sie sollte bereit sein, ihr Vorverständnis über den Gegenstand zu verändern, wenn es nicht mit den Daten übereinstimmt. Es werden nicht vorab festgelegte Hypothesen geprüft wie in der deduktiv-nomologischen Forschung, sondern Strukturen exploriert. Offenheit des Forschungsgegenstandes Im Unterschied zu deduktiv-nomologischer Forschung, in der der Forschungsgegenstand zu Beginn definiert wird, wird er in heuristischer Forschung als vorläufig betrachtet, da das Ziel in der Entdeckung von Neuem besteht. Der Forschungsgegenstand kann sich im Forschungsverlauf ändern. Maximale strukturelle Variation der Perspektiven bei der Datenerhebung: Der Gegenstand soll aus unterschiedlichen Positionen betrachtet werden, um seine wesentlichen Kennzeichen zu erfassen. Sinnvoll ist es Faktoren, von denen ein Einfluss auf den Gegenstand oder seine Exploration vermutet wird, maximal zu variieren. Dazu zählen neben gegenstands-spezifischen Faktoren – oft erst im Verlauf des Forschungsprozesses entdeckt – die Forschungsmethoden, die untersuchten Subjekte (z. B. deren Geschlecht, Alter, Sozialstatus, Persönlichkeit), die Forschungsfragen und eventuell auch die Forschungsperson selbst. Analyse auf Gemeinsamkeiten Die Datenanalyse ist so auszurichten, dass die Gemeinsamkeiten wie beispielsweise Analogien oder negierte Strukturen der unterschiedlichen Perspektiven identifiziert werden. Die Intention ist die Auffindung einer gemeinsamen Struktur aller ermittelten Daten. Die Abstrahierung hilft hierbei, diese Zusammenführung zu bewerkstelligen.
Dialogprinzip
Der Forschungsprozess ist ein Dialog zwischen Forschungsperson und Forschungsgegenstand. Er wird durch Fragen an den Gegenstand in Bewegung gesetzt. Dieser „antwortet“, was zu neuen Fragen und Antworten führt.
Der Forschungsprozess ist dialektisch und führt vom Besonderen (den konkreten Daten) zum Allgemeinen (der mit der Analyse erkannten Struktur), das das Besondere als aufgeklärtes Besonderes enthält.Gerhard Kleining: The qualitative-heuristic approach to theory. In: Leo Gürtler, Mechthild Kiegelmann, Günter L. Huber (Hrsg.): Areas of qualitative psychology – Special focus on design. Ingeborg Huber Verlag, Tübingen 2005, S. 27–34.
Forschungsstrategien
Die Forschungsstrategien Maximierung / Minimierung, das Testen der Grenzen und die Adaption bestimmen den Verlauf der Forschung.
Mit der Maximierung-Minimierung werden die Strukturmerkmale des Gegenstandes erforscht, indem seine Extreme ausgelotet werden. Sie bestimmt auch die Intensität des forschenden Handelns bei der Exploration, die der jeweiligen Forschungslage anzupassen ist: Ist aktives, eingreifendes oder eher rezeptives, zurückhaltendes Verhalten angemessen?
Das Austesten der Grenzen ermittelt die Grenzen des Gegenstands, wo seine Struktur in Beliebigkeit umschlägt. Wie weit reichen die Gemeinsamkeiten, wo, wann haben sie keine Gültigkeit mehr?
Adaption beinhaltet einerseits eine Anpassung der Gedanken und Vorstellungen der Forschungsperson an die Tatsachen, die über den Forschungsgegenstand im Verlauf des Forschungsprozesses bekannt werden,Gerhard Kleining: (1995, S. 266). und andererseits eine Anpassung der Techniken an den Gegenstand, seine Eigenarten, die nicht beschädigt oder gar zerstört werden dürfen.
Samplestrategie
Aus der Regel der maximal strukturellen Variation der Perspektiven ergibt sich die Samplestrategie, die anders als in deduktiv-nomologischen Untersuchungen nicht die Zufallsausfall, sondern das Extremgruppensample ist. Maximal variiert – in Extremgruppen – werden Faktoren einbezogen, die einen wesentlichen Einfluss auf den Gegenstand haben können.
Analyse mit 100-%-Kriterium
Es werden Gemeinsamkeiten gesucht und nicht wie in quantitativ-nomologischen Ansätzen Unterschiede. Diese Suche erfolgt dialogisch, indem die Forschungsperson Fragen nach Gemeinsamkeiten in den Daten stellt. Gemeinsamkeit ist nicht nur Identität oder Ähnlichkeit, sondern auch Gegensatz, Negation. Aus ersten Gemeinsamkeiten, die Teile der Daten verbinden, ergibt sich in einem dialektischen Prozess der Strukturierung und Restrukturierung die gesuchte Gesamtstruktur. Für sie gilt die „100 %-Regel“. Wie in einem aufgelösten Puzzle muss jedes Datum in ihr seinen Platz haben.Gerhard Kleining, Thomas Burkart: Group-based Dialogic Introspection and its Use in Qualitative Media Research. In M. Kiegelmann (Hrsg.): Qualitative Research in Psychology. Ingeborg Huber, Schwangau 2001, S. 217–239.
Gütekriterien Die Gütekriterien Verlässlichkeit, Gültigkeit und Geltung stellen sich – anders als bei quantitativer Forschung – bei korrekter Durchführung am Ende der Forschung notwendigerweise ein. Es wird von Subjektivem ausgegangen und der Prozess der Forschung führt zu Intersubjektivität.Gerhard Kleining: (1995, S. 318–325).
Am Anfang des Forschungsprozesses sind die Ergebnisse dagegen oft wenig reliabel. Eine Befragung von Frauen z. B. mag andere Resultate erbringen als die Befragung von Männern zum gleichen Thema. Wenn die Dimensionen, in denen diese Geschlechtsunterschiede bestehen, in der durch die Analyse erkannten Struktur enthalten sind, ist dagegen Reliabilität gegeben.
Auch die Validität entsteht im Forschungsprozess, wenn der Gegenstand maximal strukturell variiert wird – seine wesentlichen Aspekte einbezogen sind – und die Daten nach der „100 %-Regel“ auf Gemeinsamkeit analysiert werden.
Die Geltung der Resultate qualitativ-heuristischer Forschung ist durch den sozialen und raumzeitlich begrenzten Charakter ihrer Gegenstände begrenzt. Der Gültigkeitsbereich hängt davon ab, wie eng oder breit der Gegenstand in den Daten repräsentiert ist.
Heuristische Forschungsmethoden