mini|Die autonomen tibetischen Verwaltungsgliederungen in China
Die tibetischen Unruhen begannen im März 2008 mit anfangs gewaltfreien Demonstrationen buddhistischer Mönche in Lhasa. Gefordert wurde die Rückkehr des 14. Dalai Lama Tendzin Gyatsho aus dem Exil, sowie die Unabhängigkeit Tibets von der Volksrepublik China. Wenige Tage nach den ersten Protesten begannen gewaltsame Ausschreitungen vorwiegend jüngerer Tibeter in Lhasa, dann auch in anderen Teilen des Landes, die sich sowohl gegen chinesische Zivilisten als auch gegen die staatlichen Behörden und deren Einrichtungen richteten.profil (Ausgabe 13/2008): , 21. März 2008
Verlauf Die Proteste begannen am 10. März 2008, dem 49. Jahrestag des Tibetaufstandes von 1959, der die Flucht des Dalai Lama nach Indien zur Folge hatte. Am Beginn standen gewaltfreie Demonstrationen der Mönche des am Rande Lhasas gelegenen Sera-Klosters, die die Rückkehr des Dalai Lama und die Unabhängigkeit Tibets forderten. Von den chinesischen Behörden wurden diese Proteste vorerst geduldet.
Am 14. März begannen Ausschreitungen in der mehrheitlich von Tibetern bewohnten, den Jokhang-Tempel umgebenden Altstadt Lhasas, die sich vor allem gegen Han-ChinesenDie Zeit: Angst vor Repression, 17. März 2008 FAZ: China und die tibetische Kultur: Museum des Hasses, 18. März 2008 The Economist: Tibet: Fire on the roof of the world, 14. März 2008 NZZ: Unruhen in Lhasa fordern zahlreiche Tote, 16. März 2008 richteten, deren Geschäfte und Fahrzeuge geplündert und in Brand gesetzt wurden. Angegriffen wurde aber auch die alteingesessene Minderheit der Muslime, mit denen es seit einigen Jahren bereits einen schwelenden Konflikt gibt. In Lhasa und in Xiahe wurden unter anderem Moscheen niedergebrannt.Nina Ritter: Muslime als dritte Partei im Tibet-Konflikt NZZ-Artikel vom 26. März 2008 Nach Angaben der chinesischen Behörden wurden bei den Attacken mehrere Menschen schwer verletzt und 13 getötet. Bei den Todesopfern soll es sich zumeist um chinesische Zivilisten handeln, die von aufgebrachten Tibetern ermordet worden seien.tagesschau.de: „Überall, wo Tibeter wohnen, kommt es zu Aufständen“ (tagesschau.de-Archiv), 17. März 2008 (mit Bildern und Video-Interview mit ARD-Korrespondent Jochen Grabert) Im Verlauf des Tages breiteten sich die Unruhen auf weitere Teile der Stadt aus.The Economist: Tibet: Fire on the roof of the world, 14. März 2008 Am selben Tag traf ein großes Aufgebot an chinesischen Sicherheitskräften in Lhasa ein. Die drei größten Klöster in und um Lhasa (Drepung, Ganden und Sera) wurden abgeriegelt. Augenzeugen berichten von Angriffen auf Polizei, Feuerwehr und Rettungssanitäter. Einsatzkräfte der Polizei setzten auch Tränengas ein und schossen in die Luft, dabei sollen laut Radio Free Asia zwei Personen zu Tode gekommen sein. Touristen und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wurden angewiesen, Tibet zu verlassen. Chinesische Sicherheitskräfte patrouillierten durch die Straßen Lhasas.Spiegel Online: China-Tibet-Krise: Tote bei Aufruhr in Lhasa – Dalai Lama in Sorge, 14. März 2008 Stern: Protest der Mönche: Neue Unruhen in Lhasa, 15. März 2008 (mit Video) Die Welt: Lhasa: Proteste in Tibet fordern erste Todesopfer, 14. März 2008 Die Zeit: Angst vor Repression, 17. März 2008
Viele Tibeter, darunter zahlreiche Mönche, demonstrierten am 16. März 2008 in Ngawa (Autonomer Bezirk Ngawa, Provinz Sichuan). Chinesische Sicherheitskräfte sollen daraufhin laut Angaben von Exiltibetern Tränengas eingesetzt, ein Kloster umstellt und dabei mindestens acht Menschen erschossen haben. Am 20. März meldete zu diesem Vorfall die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua unter Berufung auf Polizeiquellen, beim Einsatz seien vier Demonstranten durch Schüsse verletzt worden. Auch im autonomen Bezirk Karchu und in SangchuStern: Protest der Mönche: Neue Unruhen in Lhasa, 15. März 2008 (mit Video) in der Provinz Gansu marschierten, laut exiltibetischen Kreisen, bis zu 300 Tibeter mit Bildern des Dalai Lama zu Regierungsgebäuden. In der Stadt Lanzhou beteiligten sich 100 tibetische Studenten an der dortigen Universität an einem Sitzstreik. Auch in den Nachbarprovinzen Sichuan, Gansu und Qinghai sollen laut Augenzeugen ebenfalls Menschen umgekommen sein, vor allem tibetische Mönche, die dort demonstrierten. Nach Informationen der tibetischen Exilregierung gab es mindestens 80 Tote.Amnesty International: , 17. März 2008 Spiegel Online: Gewalt in Tibet: Dalai Lama droht mit Rücktritt, 18. März 2008
Der Dalai Lama zeigte sich aufgrund der Berichte besorgt und rief beide Seiten zum Gewaltverzicht auf. Sollte die Gewalt durch die tibetische Seite nicht aufhören, drohte er am 18. März mit seinem Rücktritt als politischer Führer der Exil-Tibeter und Oberhaupt der Exil-Regierung.Spiegel Online: Gewalt in Tibet: Dalai Lama droht mit Rücktritt, 18. März 2008
Reaktionen innerhalb Chinas
Eine internationale Untersuchung der Vorfälle wird von der chinesischen Regierung abgelehnt. Auch die geforderte Entsendung eines unabhängigen Gesandten der Vereinten Nationen wies ein Sprecher des Außenministeriums in Peking als Einmischung in die „inneren Angelegenheiten“ Chinas zurück. Gleichzeitig warf er dem Dalai Lama vor, die Unruhen mit angestiftet zu haben und die internationale Öffentlichkeit durch „eine Menge Lügen in die Irre zu führen“;Frankfurter Rundschau: Vereinte Nationen: Ban fordert von China Zurückhaltung, 17. März 2008 dessen Aufrufe zum Frieden werden der chinesischen Öffentlichkeit vorenthalten. Vor dem Nationalen Volkskongress verteidigte der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao das Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten und machte die Anhänger des Dalai Lama für die Unruhen verantwortlich, durch die es zu Todesopfern und schweren Zerstörungen gekommen sei. Er unterstellte der tibetischen Autonomiebewegung zudem, durch den Konflikt eine gezielte Vereitelung der Olympischen Spiele 2008 zu betreiben.tagesschau.de: Unruhen in Tibet: „Die Dalai-Lama-Clique ist schuld“ (tagesschau.de-Archiv), 18. März 2008
Gegen 21 mutmaßlich an den Unruhen beteiligte Personen wurden seit dem 17. März Haftbefehle ausgestellt. Fotos der Verdächtigten wurden auch auf Sina.com und dem chinesischen Portal von Yahoo eingestellt.Xinhua: Internet portals carry images of wanted Lhasa riot suspects, 20. März 2008
Am 19. März 2008 verschärfte Zhang Qingli, der Sekretär der Kommunistischen Partei Chinas in Tibet, den Ton in der Auseinandersetzung und sprach von einem „Kampf auf Leben und Tod mit der Clique des Dalai Lama“, der härtere politische Kontrollen in den autonomen Gebieten erfordere.Spiegel Online: Proteste in Tibet: China droht mit Kampf auf Leben und Tod, 19. März 2008 Als letzte ausländische Journalisten wurden am 20. März die Korrespondenten Georg Blume (Korrespondent der taz und der ZEIT) und Kristin Kupfer (Korrespondentin von profil) aus Tibet ausgewiesen.die tageszeitung: Folgen des Aufruhrs in Tibet: taz-Reporter aus Tibet ausgewiesen, 20. März 2008 Die Zeit: , 20. März 2008 Als am 27. März 26 ausländische Journalisten in einer geführten Gruppe wieder nach Lhasa gelassen wurden, unterbrachen mehrere Mönche die Rede eines chinesischen Regierungsvertreters und demonstrierten gegen die chinesische Politik und für das geistliche Oberhaupt der Tibeter, den Dalai Lama.tagesschau.de: Mönche protestieren vor ausländischen Journalisten (tagesschau.de-Archiv), 27. März 2008
Am 23. März 2008 wurden erstmals kritische Stimmen innerhalb Chinas gegenüber dem Verhalten der Regierung bekannt. In einem Manifest im Internet legten 29 Hochschuldozenten, Autoren, Anwälte und Bürgerrechtsaktivisten „Zwölf Vorschläge zur Lage in Tibet“ vor.New Century News: 关于处理西藏局势的十二点意见, 22. März 2008; Übersetzung in Die Welt: Mutiges Manifest: Chinesische Intellektuelle für neue Tibet-Politik, 23. März 2008
Am 25. April erklärte sich die chinesische Regierung überraschend dazu bereit, einen Vertreter des Dalai Lamas zu Gesprächen zu empfangen.FAZ.net: Peking sucht wieder Kontakt zum Dalai Lama 25. April 2008
Blockade von YouTube Am 16. März 2008 wurde in Teilen der Volksrepublik China der Zugang zum Internet-Videoportal YouTube blockiert.Spiegel Online: Tibet-Revolte: China blockiert YouTube, 16. März 2008. heise online: China blockiert nach den Protesten in Tibet YouTube, 17. März 2008. Nach Angaben von Focus geschah dies, nachdem „dort Dutzende von Filmen über die Proteste in Tibet aufgetaucht waren“.Focus: China blockiert YouTube-Webseite, 16. März 2008. Die Süddeutsche Zeitung kommentierte: „was derzeit in Tibet vorgeht, soll in China niemand ungefiltert zu sehen bekommen.“Süddeutsche Zeitung: China blockiert YouTube wegen Tibet-Videos, 16. März 2008. YouTube war bereits Oktober 2007 blockiert worden.InfoWorld: , 18. Oktober 2007 (englisch). Ausländische Webseiten werden in China in der Regel umgehend blockiert, wenn sie regierungskritische Inhalte verbreiten.Spiegel Online: Tibet-Revolte: China blockiert YouTube, 16. März 2008. Focus: China blockiert YouTube-Webseite, 16. März 2008. Süddeutsche Zeitung: China blockiert YouTube wegen Tibet-Videos, 16. März 2008.
Reaktionen außerhalb Chinas mini|Proteste mit der Flagge Tibets vor dem chinesischen Konsulat in San Francisco
Am 10. März 2008 wurde auch in Städten außerhalb Chinas zum Gedenktag demonstriert. Proteste in Kathmandu von wahrscheinlich etwa 3.000 Demonstranten wurden von den nepalesischen Behörden gewaltsam aufgelöst, mehrere Dutzend Demonstranten wurden inhaftiert. In Indien sollte ein sechsmonatiger Marsch mit etwa 100 Exiltibetern von Dharamsala bis nach Tibet führen,Die Zeit: Protest: Dalai Lama beklagt Unterdrückung Tibets, 10. März 2008 dieser Marsch wurde jedoch nach wenigen Kilometern von der indischen Polizei gestoppt und mehrere Personen verhaftet.AFP: , 10. März 2008
Zu Protesten von Exil-Tibetern kam es weltweit vor diplomatischen Vertretungen der Volksrepublik China, so in Washington, D.C., Sydney und Kopenhagen. In Zürich kam es vereinzelt zu Steinwürfen auf das chinesische Konsulat.SF Tagesschau: Tibeter protestieren vor Konsulat, 18. März 2008 In Melbourne wurden die Proteste vor dem chinesischen Konsulat gewaltsam von der Polizei aufgelöst. In Paris wurde die Botschaft gestürmt. Die Polizei setzte Tränengas ein. In München attackierten etwa 30 Demonstranten das chinesische Generalkonsulat. Mehrere Mitarbeiter des Konsulats wurden dabei leicht verletzt. Die Demonstranten verbrannten die chinesische Nationalflagge und besprühten das Gebäude mit Parolen wie „Rettet Tibet“ oder „Stop Killing“ und „Stoppt das Morden“. Die Polizei nahm vorläufig 26 Personen fest, dabei kam es auch zu Angriffen auf die Polizisten. Die Demonstranten müssen mit Anklagen wegen Landfriedensbruch, Hausfriedensbruch und Körperverletzung rechnen. Die Tibet Initiative München rief darauf zu Gewaltlosigkeit auf: „Wir von der Tibet Initiative München haben Verständnis für die Gefühle der tibetischen Flüchtlinge, fordern aber von solchen Grenzüberschreitungen abzusehen und dem Aufruf des Dalai Lama zur Gewaltlosigkeit Folge zu leisten.“AP: Proteste vor chinesischer Botschaft in Paris, 16. März 2008 Stern: , 17. März 2008