mini|hochkant=1.3|Die Ruinen des Qasr al-Azraq. Der römische Bestand ist heute weitgehend durch spätere Umbaumaßnahmen verändert

Qasr al Azraq, lateinisch möglicherweise Basianis, Basienis, Basienisa, Dasianis oder Amatha (, deutsch Blaue Festung), in der Literatur auch als Azraq Duruz bekannt, ist ein römisches und byzantinisches Militärlager am vorderen Limes Arabiae et Palaestinae, dessen heutige spätantike Bausubstanz sich im Wesentlichen auf den während der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305) errichteten Quadriburgus zurückführen lässt. Das Kastell entstand als Vorposten in einer unwirtlichen, ariden Klimazone am äußersten östlichen Rand des römischen Imperiums. Die in dieser Fortifikation stationierte, bisher unbekannte Einheit, war nicht nur für die Überwachung und Sicherung der immerwährenden lokalen Wasserquellen in der Oase Azraq zuständig,David L. Kennedy, Derrick N. Riley: Rome’s Desert Frontiers from the Air. University of Texas Press, Austin 1990, ISBN 0-292-77045-6, S. 83. sondern vor allem auch für die Kontrolle der wichtigen Verkehrswege durch das Wadi SirhanHenry Innes MacAdam: Geography, Urbanisation and Settlement Patterns in the Roman Near East (= Variorum collected studies series. Band 735). Routledge, New York 2018, ISBN 978-1-138-74056-3, S. 59 und 62. und die nach Norden, unter anderem in Richtung Damaskus führende römische Straße.Fergus Millar: The Roman Near East, 31 B.C.-A.D. 337 Harvard University, Cambridge, Massachusetts, 1993, ISBN 0-674-77886-3, S. 138. Das Kastell war im Zuge der diokletianischen Verwaltungsreformen der neugegründeten Dioecesis Orientis in der Provinz Arabia zugeschlagen worden. Die im Zuge der islamischen Eroberung der Levante erfolgten Nachnutzungen behielten im Wesentlichen den römischen Bestand. Das in der Wüste von Jordanien gelegene Kastell befindet sich heute in der Kleinstadt Al-Azraq rund 80 Kilometer östlich von Amman im Gouvernement Zarqa an der Fernstraße 5. Seit 2007 ist das Kastell ein Teil des auf der Tentativliste zur Aufnahme in das UNESCO-Welterbe stehenden Großraums Azraq. (Welterbe in Jordanien).

Lage Das permanent auftretende Wasser der Oase, das auch viele Wildtiere anzog, wurde von Alters her durch Menschen genutzt. Daher finden sich in und um Al-Azraq immer wieder Belege für eine Inanspruchnahme des Areals seit ältester Zeit.Dennis Becker: Azraq (JO). In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 133–135; hier: S. 133. So wurden beispielsweise auch am Qasr al-Azraq während der begrenzten Ausgrabungen 2008 Steinwerkzeuge aus der Zeit des Mittelpaläolithikums geborgen.Ahmad Lash: Restoration and Excavation at al-Azraq Castle During 2008. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan. Band 53, 2009, S. 423–432; hier: S. 424. Der Besitz oder die Kontrolle über diesen lebensspendenden Platz inmitten der Wüste führte im Laufe der Jahrhunderte zu mehrfachen Begehrlichkeiten und Eroberungen durch verschiedene Stämme, Völker und Staaten. Al-Azraq liegt am südlichen Rand großer Basaltströme,Samuel Thomas Parker, Paul M. McDermott: A Military Building Inscription from Roman Arabia. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 28 (1978), S. 61–66; hier: S. 61. die sich aus der durch prähistorischen Vulkanismus geprägte Basaltwüste des Jebel ed-Druze durch den südsyrischen Hauran hierher ergossen.Alison Betts: The prehistory of the basalt desert, Transjordan. An analysis. London University, Institute of Archaeology, London 1986, S. 15–16, Abb. 1.4. (Dissertation)

Die Wüstenoase Azraq befindet sich im südlichen Hauran, fast 80 Kilometer südöstlich von Bostra, der römischen Provinzhauptstadt, in der die Legio III Cyrenaica stationiert war sowie rund 80 Kilometer östlich von Amman,Fergus Millar: The Roman Near East, 31 B.C.-A.D. 337 Harvard University, Cambridge, Massachusetts, 1993, ISBN 0-674-77886-3, S. 138. der gleichfalls bedeutenden antiken Handelsstadt Philadelphia. Die immerwährende Quellen der Oase versorgten zwei große Wassersammler. Einer wurde neben dem Qasr el-Azraq errichtet und ein zweiter sechs Kilometer südlich bei Azraq Shishan. Dort bestand eventuell auch ein Kleinkastell, dessen mögliche Struktur sich auf einem Luftbild von 1927 abzeichneteDavid L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 63. und die ab 2016 ohne wissenschaftliche Untersuchung überbaut wurde.Möglicher Standort des Kleinkastells nach alten Luftaufnahmen bei Wie der schottische provinzialrömische Archäologe David L. Kennedy 1992 mutmaßte, könnte das Reservoir von Azraq Shishan vielleicht bereits in römischer Zeit angelegt worden sein.David L. Kennedy: Archaeological Explorations on the Roman Frontier in North-East Jordan. The Roman and Byzantine military installations and road network on the ground and from the air (= BAR International Series. Band 134). BAR, Oxford 1982, ISBN 0-86054-165-7, S. 96–107. Dem gegenüber äußerte er sich 2004, dass dieser Wasserspeicher wohl erst in frühislamischer Zeit entstanden ist.Wasserspeicher unbekannter Zeitstellung bei David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 62. Vom Qasr al-Azraq aus gab es Sichtverbindung zum rund 13,5 Kilometer nordöstlich gelegenen Tell Aseikhin, auf dem ein vorgeschobenes Kleinkastell, der Qasr Aseikhin, das Umland meilenweit überblicken konnte.David L. Kennedy: Archaeological Explorations on the Roman Frontier in North-east Jordan: The Roman and Byzantine Military Installations and Road Network on the Ground and from the Air (= BAR International Series. Band 134). British Archaeological Reports, Oxford 1982, ISBN 0-86054-165-7, S. 107.

Archäologische Forschungen konnten in der östlichen jordanischen Wüste anhand aufgefundener Meilensteine und Straßenabschnitte ein strategisches Engagement während der Regierungszeit des Kaisers Septimius Severus (146–211) für die Jahre 208/210 feststellen. Damals wurde eine Straße von Norden zur Oase Azraq errichtet. Knapp ein Jahrhundert später entstand ein ganzes Straßennetz durch die Wüste und die Basaltlandschaften des südlichen Hauran, das mit Meilensteinen aus der Tetrarchenzeit markiert war.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 40. Von der Oase Azraq führte in der Spätantike eine wichtige römische Straße nach Norden, die sich nach etwa 16 Kilometern teilte. Eine Abzweigung führt ins Hinterland nach Nordwesten und lief über den von Hilfstruppen besetzten Garnisonsort Umm el-Quttein, dessen Kastell ohne wissenschaftliche Untersuchung nach 1953 überbaut wurde,Kastell Umm el-Quttein bei nach Bostra. Die andere Abzweigung zog sich entlang der Reichsgrenze nach Norden über das Grenzkastell Deir el-KahfKastell Deir el-Kahf bei und den römischen Garnisonsort Mothana, heute Imtan,Kastell Mothana bei der bereits in Südsyrien liegt. Über diese Trasse war in ihrem weiteren Verlauf auch die bedeutende Metropole Damaskus zu erreichen. Aufgrund des starken Wachstums der modernen Stadt Al-Azraq haben sich die früher noch sichtbaren Spuren dieser Straße in der unmittelbaren Umgebung des Kastells verloren. Und auch im weiteren Umfeld ist ihr Verlauf unklar. Besonders wichtig war auch die Kontrolle des Wadi Sirhan, an dessen nordwestlichem Beginn sich die Oase Azraq befindet. Das Trockental, eine damalige Haupthandels- und Migrationsroute, verlässt den römischen Grenzbereich sehr schnell und verläuft rund 325 Kilometer in südöstliche Richtung nach Al-Jawf, dem antiken Dumata, wo es in der Nefud-Wüste mündet. Die Römer kontrollierten spätestens um 300 das gesamte Wadi, um Karawanen, die Al-Jawf in Richtung der römischen Reichsgrenze verließen, auf einer gut ausgebauten Route eine sichere Durchreise zu ermöglichen und Feinde abzuhalten. Ein kleiner Vorposten von Dromedar-Hilfstruppen wäre dabei in der Lage gewesen, die Durchfahrt durch das Wadi wirksam zu kontrollieren und die für Reisende wichtige Wasserstelle al-Nabk abu-Qasr zu bewachen.Henry Innes MacAdam: Geography, Urbanisation and Settlement Patterns in the Roman Near East (= Variorum collected studies series. Band 735). Routledge, New York 2018, ISBN 978-1-138-74056-3, S. 59 und 62. Wie stark die römische Militärpräsenz am Südostende des Wadi Sirhan schon kurz nach der römischen Annexion des Nabatäerreiches während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) im Jahre 106 n. Chr.Hans-Peter Kuhnen: Wüstengrenze des Imperium Rmanum – Die Schicksalsgrenze Roms im Orient von Augustus bis Heraclius. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Wüstengrenze des Imperium Romanum. Der römische Limes in Israel und Jordanien. Nünnerich-Asmus, Mainz 2018, ISBN 978-3-96176-010-7, S. 1–116; hier: S. 76. war, zeigen dort gefundene Inschriften von Kavalleristen und Offizieren.Laila Nehmé: New dated inscriptions (Nabataean and pre-Islamic Arabic) from a site near al-Jawf, ancient Dumah, Saudi Arabia. In: Arabian Epigraphic Notes 3 Leiden Center for the Study of Ancient Arabia, 2017, S. 121‒164. Eine als rechteckiger Wachturm interpretierte Struktur bei Al-JawfWachturm, Archaeological Project at Dûmat al-Jandal, Feld-Fundnr. L2018 bei stammte aus nabatäischer Zeit und wurde von der römischen Armee weitergenutzt. In dem kollabierten Bauwerk fanden die Archäologen während der Ausgrabung 2011 eine Schlussmünze aus der Regierungszeit des Kaisers Licinius (308–324).Guilaume Charloux, Abdulhadi K. al-Traad, Ahmad al-Qaeed, Quentin Morel: Structure L2018. In: Guillaume Charloux, Romolo Loreto (Hrsg.): Dûma 2. The 2011 Report of the Saudi-Italian-French Archaeological Project at Dûmat al-Jandal, Saudi Arabia. Saudi Commission for Tourism and National Heritage, Riyadh 2016, ISBN 978-603-8136-33-1, S. 210‒229.Laila Nehmé: New dated inscriptions (Nabataean and pre-Islamic Arabic) from a site near al-Jawf, ancient Dumah, Saudi Arabia. In: Arabian Epigraphic Notes 3 Leiden Center for the Study of Ancient Arabia, 2017, S. 121‒164; hier: S. 150.

Seit den 1960er Jahren war der Wasserverbrauch durch die schnell wachsende Hauptstadt Amman so stark gestiegen, dass die Regierung ab diesem Zeitpunkt deren Bedarf durch Abpumpen des natürlichen, rund 75 Quadratkilometer umfassenden Sumpfgebietes von Al-Aztaq deckte. Dieses wertvolle Ökosystem – einst Lebensgrundlage für die Oase – befindet sich südöstlich des Qasr al-Azraq und hat ein rund 12.710 Quadratkilometer großes Wassereinzugsgebiet, in das viele Wadis entwässern. Der uneingeschränkten Ausbeutung der Wasservorräte folgte eine Versteppung des saisonal überfluteten Feuchtgebietes und bedrohte nicht nur die Existenz des dort existierenden bedeutenden Vogelrast- und brutplatzes. Nachdem die Vereinten Nationen 1977 das Sumpfland als besonders schützenswert eingestuft hatten,Thomas Bonn: Wasserpolitik in Jordanien. Das Spannungsfeld zwischen Behörden und Geberorganisationen im jordanischen Wassersektor (= Forum Politische Geographie 9), Lit Verlag, Münster 2013, ISBN 978-3-643-12125-7, S. 128. entstand 1978 auf Veranlassung der Königlichen Gesellschaft für Naturschutz das Azraq-Feuchtgebietreservat. Die ausgetrockneten Zonen wurden wieder bewässert und verschwundene Wildtiere neu angesiedelt. Dennoch können die Folgen der ökologischen Ausbeutung nicht mehr vollständig rückgängig gemacht werden. Von den zahlreichen artesischen Quellen, die noch bis Anfang der 1990er Jahre hervortraten, versiegte als eine der Spätfolgen 1992 die letzte. Daher war das Feuchtgebiet bis 2013 auf ein Zehntel seiner ursprünglichen Größe geschrumpft.

Forschungsgeschichte