Perfektionismus ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das in erster Linie durch sehr hohe Maßstäbe, eine Rigidität der Maßstäbe und einen leistungsabhängigen Selbstwert charakterisiert ist. Abzugrenzen ist Perfektionismus von hoher Gewissenhaftigkeit. Das Streben nach Perfektion bringt den Menschen zu guten Leistungen. Ist es aber vor allem durch Angst motiviert, kann es umschwenken in den pathologischen Perfektionismus. Dieser kann das Leben hemmen und die Person an der eigenen Entfaltung hindern.
Allgemeines Perfektionisten vermissen häufig ein klares, positives und sicheres Gefühl der eigenen, persönlichen Identität, wodurch sie das starke Bedürfnis entwickeln, es sich selbst und anderen Menschen zu beweisen. Dabei ist das Bedürfnis nach Anerkennung und anderen zu gefallen, gerade bei bestehenden sozialen Erwartungsstandards sehr hoch. Es besteht nicht immer das Bedürfnis, perfekt zu sein, sondern oft nur perfekt zu wirken. Allgemeine Selbstoptimierungsbestrebungen spielen häufig eine wichtige Rolle.
Perfektionismus beinhaltet den Anspruch, eigene Handlungen fehlerfrei und vollkommen auszuführen. Seine Motivation ist weniger die Freude an der Vollkommenheit, als die Hoffnung auf Unangreifbarkeit, Sicherheit und Zugehörigkeit. Zentral ist die Angst vor Ablehnung. Dadurch steht das Bemühen um optimale und angepasste Selbstdarstellung im Vordergrund. Kleine Fehler werden oft als Katastrophe wahrgenommen. Häufig werden Bereiche gemieden, die Unperfektheit befürchten lassen. Häufig wird dadurch das eigene Lebensziel verfehlt. Alfred Adler spricht auch vom „Lebensirrtum“.
Perfektionsstreben kann im Wesentlichen als ein Konstrukt mit Ausprägungen in zwei Dimensionen aufgefasst werden:
Streben nach Vollkommenheit (perfektionistisches Streben): fasst unter anderem die Eigenschaften hohe persönliche Standards und Organisiertheit zusammen. Übertriebene Fehlervermeidung (perfektionistische Besorgnis): umfasst u. a. die Eigenschaften Leistungszweifel und Fehlersensibilität, aber auch Angst vor Bewertung, besonders durch Eltern und Schule.
Das Streben nach Perfektion – wie in der ersten Dimension – stellt dabei den gesunden und funktionalen Anteil dar. Sind beide Dimensionen gleichzeitig gegeben, so ist es ein ungesundes oder dysfunktionales Perfektionsstreben und wird auch als Perfektionismus benannt, bei dem der Misserfolg als dominantes Vermeidungsziel bestehe. Hierbei ist es extrinsisch und nicht intrinsisch motiviert. Andere Autoren unterscheiden den negativen Perfektionismus mit der Angst vor dem Scheitern vom positiven Perfektionismus mit dem Wunsch nach Erfolg.
Die soziale Abwehrhaltung, die aus der Angst resultiert, aufgrund überhöhter perfektionistischer Selbstdarstellung durchschaut zu werden, kann Feindseligkeit und Abneigung beim Gegenüber hervorrufen (Hewitt und Flett, 1991; Hewitt et al., 2008). Roxborough et al. beschreiben, dass Perfektionisten ein sogenanntes neurotisches Paradoxon schaffen, bei dem das übermäßige Verlangen nach Zugehörigkeit und sozialer Verbundenheit das perfektionistische Bedürfnis verstärken. Hewitt schreibt, dass die ängstliche Vermeidung des Aufdeckens eigener Unvollkommenheiten darauf zielen kann, sich selbst und anderen gegenüber das Eingeständnis des Scheiterns des Lebens zu vermeiden. Studien weisen auf das prägende Schwarz-Weiß-Denken hin, das Betroffene nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip jeden Fehler als allumfassende persönliche Bedrohung wahrnehmen lässt (Blatt, 1995; Hewitt et al., 2006).
Die Rigidität des Perfektionisten behindert die Spontaneität, da im Vorhinein alles bis ins kleinste Detail durchdacht werden muss. Von der reinen Misserfolgsangst unterscheidet sich der Perfektionismus durch die Setzung von hohen und starren Maßstäben. So strebt der Perfektionist zum Maximum, während bei reiner Misserfolgsangst die Optimierungsabsicht keine Rolle spielt.
Der populärwissenschaftliche Autor Raphael M. Bonelli beschreibt den Perfektionist als einen Menschen, der die Spannung zwischen „Soll“ (Ideal, Anspruch) und „Ist“ (Realität) nicht erträgt und deshalb eine übergroße Angst vor Fehlern und Kritik entwickelt, die er zu vermeiden sucht.
Geschichte Bereits 1956 hat der bekannte Verhaltenstherapeut Albert Ellis den Perfektionismus in die Liste der zwölf irrationalen Überzeugungen aufgenommen. Ellis definierte den Perfektionismus als das absolute Streben nach Perfektion, als Selbstanspruch, vollkommen leistungsfähig und intelligent in möglichst allen Bereichen sein zu müssen.
Diagnostik Messmethoden Funktionale und dysfunktionale Facetten des Perfektionismus können mit der mehrdimensionalen Perfektionismus-Skala von Frost u. a. (MPS-F/FMPS) oder auch mit der „Self Oriented Perfectionism und Socially Prescribed Perfectionism“-Skala (HMPS) von Hewitt und Flett ermittelt werden. Der FMPS-Fragebogen besteht dabei aus 35 Fragen, mit denen die sechs von Frost postulierten Facetten erfasst werden, dieser wurde von Altstötter-Gleich & Bergemann (2006) ins Deutsche übersetzt und validiert.
Der MPS-F basiert zum Teil auf früheren eindimensionalen Ansätzen. In die Bewertung fließen dabei persönliche Standards, Zweifel an Handlungen, die Sorge um Fehler, elterliche Erwartungen und Kritik sowie Ordnung mit ein. Im Gegensatz dazu misst der HMPS selbstorientierten, gesellschaftlich vorgeschriebenen und von anderen orientierten Perfektionismus. Burns Perfectionism Scale von Burns, 1980. Eating Disorder Inventory (EDI), Perfektionismus Subskala von Garner u. a., 1991. Measure Obsession and Compulsions (MOCI) von Rachman und Hodgson, 1980.
Anwendung findet auch das „Perfectionism Cognitions Inventory (PCI)“. Dies stellt 25 Bewertungspunkte dar, die Aufschluss geben über die Häufigkeit perfektionistischer Grübeleien, wie das Verlangen perfekt zu sein und damit einhergehende Bedenken, eigentlich unvollkommen zu sein, widerspiegeln.
Laut Stoeber (2014) beschreibt das PCI drei wesentliche Faktoren, wie perfektionistische Bedenken, perfektionistische Bestrebungen und perfektionistische Anforderungen.
Zwei-Facetten-Modell Don E. Hamachek (1978) schlug die Differenzierung des Perfektionismus in einen normalen (funktionalen) und einen neurotischen (dysfunktionalen) Typus vor.Don E. Hamachek: Psychodynamics of normal and neurotic perfectionism. In: Psychology: A Journal of Human Behavior, Februar 1978, Vol 15(1), S. 27–33.
Sechs-Facetten-Modell Randy O. Frost und Kollegen haben 1990 ein Modell mit sechs Facetten des Perfektionismus herausgearbeitet: hohe persönliche Standards, Organisiertheit, Fehlersensibilität, leistungsbezogene Zweifel, Erwartung der Eltern und Kritik durch Eltern.R. O. Frost, P. Marten, C. Lahart, R. Rosenblate: The dimensions of perfectionism. In: Cognitive Therapy and Research. 14 (1990), S. 449–468. Dieses Modell impliziert, dass Perfektionisten sich hohe Standards setzen, über eine ausgeprägte Werteordnung und Organisiertheit verfügen, Fehler zu vermeiden versuchen, Unentschlossenheit zeigen und großen Wert auf die vergangene bzw. aktuelle Bewertung durch die Eltern legen. Drei-Facetten-Modell Die Psychologen Paul L. Hewitt und Gordon L. Flett stellten 1991 ein Drei-Facetten-Modell vor. Sie unterscheiden drei Arten des Perfektionismus in zwei Stufen: Die erste Stufe ist die Frage, von welcher Quelle die hohen Ansprüche ausgehen, und die zweite Stufe studiert, an welche Person sie sich richten. Daraus ergeben sich die drei Arten des Perfektionismus: selbstorientierter Perfektionismus (Perfektionismuserwartungen an sich selbst), sozial vorgeschriebener Perfektionismus (Überzeugung, dass der eigenen Person perfektionistische Anforderungen auferlegt worden sind) und fremdorientierter Perfektionismus (Perfektionserwartungen von anderen).
Dieses Modell wurde später von denselben Autoren durch die Dimension der perfektionistischen Selbstdarstellung ergänzt. Dies stellt das Verlangen dar, in der Öffentlichkeit als perfekt und fehlerlos zu erscheinen. Hewitt nennt dabei wesentliche Charakteristika wie die Vermeidung der Zurschaustellung sowie der Offenlegung der eigenen Unvollkommenheit und die perfektionistische Selbstinszenierung.
Perfektionismus und Persönlichkeit Stumpf und Parker stellen einen hohen Zusammenhang zwischen dem Perfektionismus und den Big Five heraus. So korrelieren funktionale Perfektionismus-Facetten wie hohe persönliche Standards und Organisiertheit mit Gewissenhaftigkeit. Dagegen korrelieren dysfunktionale Facetten wie leistungsbezogene Zweifel und Fehlersensibilität mit Neurotizismus.H. Stumpf, W. D. Parker: A hierarchical structural analysis of perfectionism and its relation to other personality characteristics. In: Personality and Individual Differences, 2000, 28, S. 837–852.
Perfektionismus und Zwangserkrankung Die Verwandtschaft zwischen Zwangserkrankungen und dem Perfektionismus ist im Hinblick auf das Handeln klar erkennbar. Zwangsstörungen sind gekennzeichnet durch einen inneren Drang, bestimmte Gedanken oder Handlungen immer wieder zu wiederholen. Gleich ist es beim Perfektionisten, bei dem ebenso ein inneres Muss zur Geltung kommt.
Im DSM-5 (2013, revidiert 2022) ist Perfektionismus das zweite von acht Diagnosekriterien für die zwanghafte Persönlichkeitsstörung.
Perfektionismus und Narzissmus Einzelstudien im Zusammenhang mit Schönheitsoperationen ließen eine Korrelation zwischen Narzissmus und Perfektionismus erkennen. So würde bei Personen mit steigendem Grad von Narzissmus und Perfektionismus gleichzeitig auch das Interesse an Schönheitsoperationen ansteigen, um gesellschaftlichen Druck nach einem perfekten Aussehen erfüllen können.
Ursachen Sowohl der psychologische Faktor »Neurotizismus« als auch die »Gewissenhaftigkeit«, die beide mit dem Perfektionismus zusammenhängen, werden zu etwa 50 Prozent genetisch determiniert. So kann eine gewisse Neigung zum Perfektionismus angeboren sein.R. M. Bonelli: Perfektionismus: Wenn das Soll zum Muss wird. Pattloch-Verlag, München 2014, S. 167 ff. Eine Zwillingsstudie von Tozzi stellt jedoch nur einen moderaten genetischen Effekt heraus.F. Tozzi, S. Aggen, B. Neale, C. Anderson, S. E. Mazzeo, M. C. Neale, C. M. Bulik. The structure of perfectionism: A twin study. In: Behavior Genetics, 2004, 34, S. 483–494.
Zweitens ist Perfektionismus durch Umwelteinflüsse (z. B. Erziehung, soziale Standards, Peer, Lebenserfahrungen) verstärkbar. So kann er durch ein Verhalten der Eltern, das zum einen hohe Standards setzt und zum anderen zu wenig Wärme und Akzeptanz schenkt, verstärkt werden.G. L. Flett, P. L. Hewitt, J. M. Oliver, S. MacDonald: Perfectionism in children and their parents: A developmental analysis. In: G. L. Flett, P. L. Hewitt (Hrsg.): Perfectionism: Theory, research, and treatment. APA, Washington 2002.
Verbreitung Eine Studie zeigte bei Frauen eine stärkere Korrelation zwischen Neurotizismus und perfektionistischen Strebungen als bei Männern. Der populärwissenschaftliche Autor Raphael M. Bonelli konstatiert, dass Leistungsfähigkeit und die äußere Erscheinung heutzutage einer allgegenwärtigen Optimierungspflicht unterlägen. Auch die innere Erscheinung solle ständig verbessert werden: Jeder habe auch an seiner Kreativität, der emotionalen Intelligenz oder anderen Erscheinungsformen des Mentalen zu arbeiten. Der Perfektionismus sei der derzeitige Zeitgeist. Eine Studie zeigte eine Korrelation zwischen dem Maß an sozial bzw. gesellschaftlich vorgeschriebener Perfektion und dem Niveau an Neurotizismus bei untersuchten Probanden.