mini|Giuditta Pasta, Lithographie von Josef Kriehuber, 1829

Giuditta Pasta, geborene Negri (* 26. Oktober 1797Francesco Lora: „Negri (Pasta), Giuditta (Angiola Maria Costanza Giuditta)“, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 78, 2013. Online auf „Treccani“ (italienisch; abgerufen am 20. August 2019) in Saronno bei Mailand; † 1. April 1865 in Como) war eine italienische Opernsängerin (Mezzosopran/Sopran bzw. soprano sfogato).

Wegen der Besonderheiten ihrer Stimme und ihrer ungewöhnlich intensiven Ausdruckskraft konnte die Pasta das Publikum dauerhaft begeistern und blieb bis heute als legendäre primadonna assoluta und als eine der bedeutendsten Sängerinnen des 19. Jahrhunderts im Gedächtnis.

Leben Angiola Maria Costanza Giuditta Negri war die Tochter von Rachele Ferranti und dem Apotheker Carlo Antonio Negri, der vielleicht aus einer venezianischen Adelsfamilie stammte; auch über eine jüdische Herkunft wurde spekuliert.George T. Ferris: Giuditta Pasta. In: Great singers, Band I („Faustina Bordoni to Henrietta Sontag, First Series“), D. Appleton & Co, New York 1889, S. 171–196, hier: S. 172. Online auf: archive.org (abgerufen am 28. August 2019) Giuditta wuchs bei ihrer Großmutter mütterlicherseits, Rosalinda Luraghi, auf, die in Como zusammen mit ihrem Sohn Filippo lebte. Dieser entdeckte das musikalische Talent seiner Nichte und ließ sie vom Domkapellmeister Bartolomeo Scotti unterrichten. Mit 12 Jahren sang sie zum ersten Mal öffentlich in der Kirche Santa Cecilia in Como. 1811 zog sie zusammen mit ihrem Onkel Filippo nach Mailand um, wo sie eine fundierte musikalische Ausbildung am Konservatorium bei Bonifazio Asioli und Giuseppe Scappa erhielt. Unter den Gesangsschülern von Scappa lernte sie den Jurastudenten und Tenor Giuseppe Pasta kennen, den sie im Januar 1816 heiratete; in der Folge nannte sie sich Giuditta Pasta.

Ihr Debüt gab sie als Baronesse Isabella in Scappas Oper Lopez de Vega im Karneval 1816 am Mailänder Teatro degli Accademici Filodrammatici. Bereits im Sommer desselben Jahres war sie auf Empfehlung von Ferdinando Paër am Théâtre-Italien in Paris, wo sie in dessen Oper Il principe di Taranto die Rosina sang; außerdem trat sie als Elvira in Mozarts Don Giovanni und in Zingarellis Giulietta e Romeo auf. Von Januar bis Juli 1817 war sie in London, wo sie am Theatre at the Haymarket die Penelope in Domenico Cimarosas Telemaco sang; daneben hatte sie kleine Rollen in Opern von Paër (Lisetta in Agnese, Vespina in Griselda) und Mozart (Cherubino in Le nozze di Figaro, Despina in Così fan tutte, Servilia in La clemenza di Tito), und wieder in Paris auch in Rossinis Italiana in Algeri (Zulma).

Wieder zurück in Italien brachte sie am 27. März 1818 in Mailand ihre Tochter Clelia zur Welt.

In den folgenden zwei Jahren sang sie an diversen Theatern in Venedig, Padua, Rom, Brescia, Triest und Turin, wo sie mittlerweile Hauptrollen erhielt, u. a. als Angelina in Rossinis La Cenerentola, und in verschiedenen Opern von Mayr (Danao und I virtuosi), Paër (Sargino und Agnese) und Pacini (Adelaide e Comingio, Il Barone di Dolsheim, La sposa fedele). Der letztere komponierte für sie die Rolle der Zora in La schiava in Bagdad, die am 28. Oktober 1820 in Turin uraufgeführt wurde.

mini|hochkant=0.7|Giuditta Pasta als Rossinis Tancredi Die Pasta trat sehr häufig in heroischen Hosenrollen in Erscheinung, die teilweise ursprünglich noch für Kastraten komponiert worden waren – wie Arsace in Rossinis Aureliano in Palmyra oder Curiazio in Cimarosas Gli Orazi e i Curiazi –, andere wurden ihr auch direkt auf den Leib geschrieben, wie Clodomiro in Nicolinis Giulio Cesare nelle Gallie (1819, Rom) oder Ippolito in Ferdinando Orlandis Fedra (1820, Padua).

Auch bei ihrem Debüt im bedeutenden Teatro La Fenice in Venedig im Karneval 1820–21 sang sie mit großem Erfolg einige Hosenrollen in den Uraufführungen von Nicolinis La conquista di Granata (Gonzalvo) und besonders in Stefano Pavesis Arminio (Titelpartie).

1821/22 errang sie einen triumphalen Erfolg in Paris, wo sie (mit einem kurzen Zwischenaufenthalt in Italien) bis 1824 wirkte. Während dieser Zeit trat sie nun in Rollen auf, für die sie auch Jahrhunderte später noch bekannt ist, besonders als Desdemona in Rossinis Otello, in der Titelrolle seines Tancredi, als Romeo in Zingarellis Giulietta e Romeo und als Medea in Mayrs Medea in Corinto. In der letztgenannten Rolle lobte der Kritiker des Journal des Débats, Castil-Blaze, ihren „sublimen Übergang“ von mütterlicher Zärtlichkeit bis hin zum Furor der Kindsmörderin, „vorbereitet mit großer Kunst und ausgeführt mit der Kraft des Gefühls, einer erschreckenden Wahrheit in den Akzenten und im Gestus“.«préparée avec beaucoup d’art et exécutée avec une force de sentiment, une vérité effrayante dans les accents et le geste» (Castil-Blaze, S. 225 f.). Hier nach: Francesco Lora: „Negri (Pasta), Giuditta (Angiola Maria Costanza Giuditta)“, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 78, 2013. Online auf „Treccani“

Zu ihren bewunderten Glanzinterpretationen gehörte auch die Darstellung der geistig umnachteten Nina von Paisiello. Daneben sang sie in Paris auch andere Hauptrollen von Rossini (Elisabetta regina d’Inghilterra, Elcìa in Mosè in Egitto), Paër (Camilla), Mozart (Donna Anna in Don Giovanni, Sesto in La Clemenza di Tito), Mayr (Enrico in La rosa bianca e la rosa rossa) und Mercadante (Elisa e Claudio).

Im Frühjahr 1824 verkörperte sie in London zum ersten Mal Rossinis Semiramide, die ebenfalls eine ihrer berühmtesten Partien wurde.

Im Sommer 1825 in Paris gehörte sie zusammen mit Laure Cinti-Damoreau, Ester Mombelli, Domenico Donzelli und Nicholas-Prosper Levasseur zur Starbesetzung der Krönungsoper für Karl X., Il viaggio a Reims von Rossini, der für sie den Part der Corinna schrieb. Am Théâtre-Italien sang sie außerdem den Armando in Meyerbeers Il crociato in Egitto und Rossinis Zelmira. Im Frühling 1826 folgte wiederum ein Gastspiel in London, wo sie ihre Lieblingsrollen von Rossini, Paisiello, Zingarelli und Mayr aufführte.d. h. die obengenannten Opern Otello, Tancredi und Zelmira von Rossini; Giulietta e Romeo von Zingarelli; Nina von Paisiello; Medea in Corinto von Mayr. Francesco Lora: „Negri (Pasta), Giuditta (Angiola Maria Costanza Giuditta)“, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 78, 2013. Online auf „Treccani“

Es heißt, sie habe sich mit Rossini überworfen, und sei deshalb zurück nach Italien gegangen,François-Joseph Fétis: „PASTA (Judith)“, in: Biographie universelle des musiciens. Band 6, 2. Aufl., Paris 1860–1868, S. 463–464, hier 464. Online auf: gallica.bnf.fr / Bibliothèque nationale de France (französisch; abgerufen am 29. August 2019) wo sie von November 1826 bis März 1827 am Teatro San Carlo in Neapel auftrat. Außer in Mayrs Medea in Corinto sang sie in der extra für sie revidierten Gabriella di Vergy von Michele Carafa und in den Uraufführungen von Pacinis Niobe und Pietro Raimondis Giuditta; sie soll jedoch nicht den gewohnten Erfolg gehabt haben, weil man in Neapel mehr Wert auf reinen schönen Gesang legte als auf dramatisches Agieren. Später meinte Henry F. Chorley, niemand habe „jemals die große Arie aus Pacinis Niobe „Il soave e bel contento“ gesungen wie Madame Pasta, obwohl jeder versucht hat, sie zu singen.“„Nobody (the admirers of Rubini must forgive me) ever sang the great air from Pacini‘s „Niobe“, „Il soave e bel contento“, as Madame Pasta did, though everyone has tried to sing it.“ IN: Henry Fothergill Chorley: Kapitel Madame Pasta. In: Thirty Years' Musical Recollections, Band I, Hurst and Blackett, London 1862, S. 125–139; hier: S. 131 (Fußnote). Online auf: Google-Books (englisch; abgerufen am 19. August 2019)

1827–28 war sie wieder in London, wo sie u. a. in vier Konzerten ihre Paraderolle der Desdemona in Rossinis Otello ihrer beliebten Kollegin Henriette Sontag überließ und stattdessen die eigentlich für Tenor bestimmte Rolle des Protagonisten interpretierte. Der Kritiker der Times verglich diese Leistung der Pasta mit dem berühmten Schauspieler Edmund Kean. Danach gab sie Konzerte in Irland, Schottland und England. Im Februar–März 1829 trat sie am Kärntnertortheater in Wien auf und wurde von Kaiser Franz I. zur ersten Kammersängerin ernannt. Nach einem kurzen Zwischenspiel in Verona sang sie wieder in Wien neben dem großen Tenor Giovanni Battista Rubini die Imogene in Il pirata von Vincenzo Bellini, für den sie in den kommenden Jahren zu seiner wichtigsten Muse wurde. mini|links|hochkant|Giuditta Pasta als Anna Bolena, Gemälde von Karl Brullov

In der Karnevalssaison 1830–31 am Mailänder Teatro Carcano führte sie zwei der bedeutendsten und erfolgreichsten Opern auf, die für sie komponiert wurden: Anna Bolena von Gaetano Donizetti und Bellinis La sonnambula. Beide Opern sang sie noch im gleichen Jahr sowohl in London als auch in Paris. Man bewunderte besonders die rührende Einfachheit, mit der sie das schlafwandelnde, arme Waisenmädchen Amina in der Sonnambula darstellte, und die in starkem Kontrast zur Noblesse und Energie ihrer Anna Bolena und anderer dramatischer Seria-Rollen stand. Es folgte in der Karnevalssaison 1831–32 die Hauptrolle in Bellinis Norma, die in besonderer Weise mit dem Namen und der Kunst der Pasta verbunden blieb. Bellini schrieb der Sängerin in einem Brief, er habe diese Rolle „für Euren enzyklopädischen Charakter“ konzipiert«pel vostro carattere enciclopedico», in: Francesco Lora: „Negri (Pasta), Giuditta (Angiola Maria Costanza Giuditta)“, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 78, 2013. Online auf „Treccani“ – womit er ihre Fähigkeit, alle nur denkbaren menschlichen Gefühle auszudrücken, meinte. In der gleichen Spielzeit sang sie auch die Bianca in der Uraufführung von Donizettis Ugo, conte di Parigi.

Die letzte Rolle, die Bellini für sie schrieb, war die Titelrolle in Beatrice di Tenda, die im Karneval 1832–33 am La Fenice in Venedig uraufgeführt wurde.

Bereits im Frühling 1833 war sie wieder in London, wo sie in ihrer Lieblingsrolle als Semiramide neben Maria Malibran als Arsace auftrat – es war das einzige Mal, dass diese beiden Starsängerinnen zusammen auf die Bühne traten. Vergleiche der beiden Sängerinnen fielen im rein musikalisch-sängerischen Bereich zugunsten der Malibran aus, während die Pasta in der Gesamtkonzeption ihrer Rollen und in der Wahrheit des Ausdrucks die Überlegene gewesen sein soll. Zu den neueren Rollen der Pasta gehörte nun auch der Romeo in Bellinis I Capuleti e i Montecchi.

1833–34 war sie zurück in Venedig, wo sie in Fausta und Anna Bolena von Donizetti auftrat, und die letzte eigens für sie komponierte Titelrolle sang: Emma d’Antiochia von Mercadante. In derselben Oper und in Bellinis Norma trat sie Anfang 1835 ein letztes Mal in der Mailänder Scala auf.

Nachdem sich bereits in ihren letzten Auftritten – mindestens seit 1833 – ein fortschreitender Verfall ihrer stimmlichen Mittel bemerkbar gemacht hatte und ihr Lieblingskomponist Vincenzo Bellini 1835 völlig unerwartet und vorzeitig in Paris gestorben war, zog sie sich von der Opernbühne zurück.

Es folgte 1837 noch eine Tournee nach London, wo sie in Konzerten am Haymarket Theatre sowie in Covent Garden Ausschnitte ihrer bekannten Rollen in Giulietta e Romeo, Medea in Corinto, Tancredi und I Capuleti e i Montecchi sang. Der dabei anwesende Henry F. Chorley, der sie von früheren Auftritten kannte und ein großer Bewunderer ihrer Kunst war, schrieb darüber:

mini|hochkant|Giuditta Pasta am Comer See