Der Buddhismus in Zentralasien hatte in seiner Blütezeit, im ersten christlichen Jahrtausend, eine wichtige Mittlerstellung zwischen den indischen Staaten und der Entwicklung in China, besonders nach dem Fall der späteren Han-Dynastie (220). Am intensivsten war der beidseitige kulturelle Austausch ab dem sechsten Jahrhundert. Seit den islamischen Eroberungsfeldzügen ist der Buddhismus in der Region praktisch bedeutungslos. mini|Übersicht der archäologischen Fundorte im nördlichen Baktrien.
Mit „Zentralasien“ sind hier die verschiedenen Staaten bzw. Reiche bezeichnet, die im Tarimbecken sowie benachbarten Gebieten wie Badachschan und der Oxus-Region bestanden – meist um die Oasen entlang der Seidenstraße – im Wesentlichen das Gebiet innerhalb 36–43° Nord und 73–92° Ost. Von Zentralasien gingen auch die Impulse aus, die zur Bekehrung der Tibeter, Mongolen, Kalmücken und Burjaten führten. Es handelt sich hierbei um das Gebiet, das in chinesischer Literatur als „die westlichen Regionen“ bezeichnet wird.
Entwicklung Vereinzelt wurden Theorien vorgebracht, dass die Region bereits v. Chr. vom Graeco-Buddhismus vollständig missioniert wurde. Dabei wäre anzunehmen, dass nicht nur König Menandros, wie in den „Fragen des Milindapanha“ überkommen, sondern auch sein Reich zum Buddhismus konvertiert war. Unklar bleibt auch die Zuverlässigkeit einer Stelle im MahāvaṃsaXXXIV, v 29; engl. Übs: W. Geiger, Colombo 1950 (Chronik von Sri Lanka), dass der „weise Mahādeva“ mit einer großen Zahl Mönche aus der Region die Insel 101-77 v.u.Z besucht habe.Absatz nach: Encyclopaedia of Buddhism (1979), S. 22f.
Teile des Parther-Reichs könnten seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. buddhistisch gewesen sein. Der 148 in China angekommene parthische Prinz An Shih-kao () wurde zu einem der wichtigsten frühen Missionare in China.
Westliche Region mini|links|Bilinguale Ashoka-Edikte (Griechisch u. Aramäisch), Kandahar Nationalmuseum
Die früheste archäologisch nachweisbare buddhistische Präsenz stammt aus der Zeit Ashokas, von dem Steininschriften in aramäischer und griechischer Sprache in Kandahar und Laghman gefunden wurden.Beschrieben in: G. Tucci et al.: Un editto bilingue greco-arameico di Asoka. Rom 1958
mini|Kanischka-Reliquie. Behälter aus einer Kupferlegierung, datiert 127, mit Buddha flankiert von Brahma und Indra. Kanischka steht mittig am unteren Teil (im British Museum).
Auf den Münzen einiger Indo-griechischer Könige befinden sich Aufschriften und Abbildungen, die buddhistisch interpretiert wurden. Auf einigen Münzen von Menandros erscheint das achtspeichige Rad, ein Symbol des Buddhismus. Auf den Münzen von Straton I. (ca. 125 bis etwa 110 v. Chr.) und anderer Könige, wie z. B. Peukolaos findet sich z. B. der Begriff Dharmika (des Dharma), der buddhistisch, allerdings auch hinduistisch gebraucht wurde.
Auf etwas sichererem Boden steht man mit den Indo-Skythen. Zusammen mit Münzen des Königs Azes II. (ca. 35–12 v. Chr.) fand man die Bimaranreliquie, auf der sich eine der ältesten Darstellungen Buddhas befindet.
Der Begründer der Kuschana-Dynastie Kujula Kadphises, aus dem skythischen Stamm der Yuezhi (Yueh-chi), eroberte den größten Teil des heutigen Afghanistans und etablierte seine Suzeränität über das gesamte Indus-Tal. Im ersten Jahrhundert erweiterte sein Enkel Kanischka (reg. nach 78 oder 100–125) den Machtbereich zum nordindischen Reich Gandhara, mit seiner Hauptstadt in Purushpura (heute: Peschawar), wo zu dieser Zeit eine großartige Tempelanlage (Kanischka-Mahāvihāra) und eine 400 Fuß hohe Stupa errichtet wurde.
mini|Buddhistische Relikte aus der Stupa in Peschawar
Dies war die Zeit, als der indische Buddhismus in höchster Blüte stand. Die Verbindungen innerhalb des Reiches förderten seine Verbreitung über Afghanistan hinaus, wo der Buddhismus schon Fuß gefasst hatte. Der Kaiser Kaniṣka war ein bedeutender Unterstützer der Verbreitung nach Norden. Er ist als Veranstalter des vierten buddhistischen Konzils bekannt, das der Lehrmeinung der Sarvāstivādin den Vorrang gab. In diese Zeit fällt der Übergang zum Sanskrit als der kanonischen Sprache.Trivedi, Vijaya R.; Philosophy of Buddhism; New Delhi 1997 (Mohit); ISBN 81-7445-031-9, S. 129f Chinesische Quellen überliefern noch die Namen einiger bedeutender Missionare, die meist auch als Übersetzer kanonischer Schriften auftraten.
Die Missionierungsgeschichte ist traditionell und durch Kharoṣṭ-Inschriftenvgl. 1) Burrow, T.; Translation of Kharoṣṭ Inscriptions from Chinese Turkestan; London 19402) Boyer, A. M.; Rapson, E. G.; Senart, E.; Kharoṣṭ Inscriptions discovered by Sir Aurel Stein in Chinese Turkestan transcribed and edited …; 3 parts überliefert.
In den ersten Jahrhunderten u. Z., entstanden in Zentralasien – obwohl größtenteils Wüste – an einigen Oasen buddhistische Klöster, in denen nicht nur einheimische Mönche, sondern auch viele aus Kaschmir und Gandhara residierten. Die kulturelle Kolonisation dieser Gebiete von Indien her erfolgte zur Zeit der Kuschana-Dynastie. Das Mönchtum in der Region entwickelte sich mehr in eine scholastische Richtung. Die anfangs dominante Sarvāstivādin-Schule wurde durch Mūlasarvāstivādinvgl.: Wille, Klaus; Die handschriftliche Überlieferung des Vinayavastu der Mulasarvastivadin; 1990, ISBN 978-3-515-05220-7 verdrängt.
Die Verbreitung des Buddhismus erfolgte hauptsächlich entlang der Handelsrouten zwischen Indien und China, deren bekannteste Beschreibung klassischer Zeit der Reisebericht des Xuanzang (, reiste: 629-45Ta-T'ang hsi-yü-chi (verschiedentlich übersetzt)) ist. Die beiden Zweige der Seidenstraße von Balch nach Dunhuang, das seit dem dritten Jahrhundert ein Zentrum buddhistischer Missionierung war, bildeten den Einfallsweg für die Verbreitung verschiedener buddhistischer Schulen nach Ostasien.
Im Osten des heutigen Turkmenistan und Usbekistan haben Ausgrabungen sowjetischer Wissenschaftler verschiedene Tempel-Komplexe zutage gebracht (auch späterer Zeit). Unter anderem in Airtamerstmals 1933, 1937, 1964-5; Pukachenkova, G. A.; Dve stupy na yuge Uszbekistana; in: Sovetskaya arkhelogia 1967, S. 262 (17 km von Termiz), Kara-Tepe (Höhlentempel in Termiz, mit Stupa, wohl während der sassanidischen Buddhistenverfolgung 275 zerstörtEncyclopaedia of Buddhism (1979), S. 31f), Fayaz-Tepe, Ak-Besshim (8 km von Tokmok, 1953-4) und Dalverzin-Tepe (entdeckt 1967), die die Bedeutung des Buddhismus in der Gegend, teilweise durch Inschriften ihrer Gründer noch während der Kuschana-Periode belegen.
Ein buddhistisches Zentrum des 3./4. Jahrhunderts war Margiana, d. h. das Gebiet um die Oase Merw (nahe dem heutigen Mary (Turkmenistan)). Im Bereich von Ferghana und Choresmien scheint der Buddhismus weniger Eingang gefunden zu haben, obwohl auch dort Artefakte gefunden wurden (Quvā, Balavaste, Ajina Tepe im 12 km von Kurgan-Tübe).
Nach der Invasion der Hunas (womit eine Gruppe der sogenannten iranischen Hunnen gemeint ist, wahrscheinlich die Alchon) kam es unter Mihirakula (gest. ca. 550; ch.: ), zu einer ersten Buddhistenverfolgung in der Region. Als direkte Folge stieg die Zahl indischer buddhistischer Flüchtlinge in der chinesischen Hauptstadt Luoyang auf etwa 3000, die für den chinesischen Buddhismus befruchtend wirkten. Jedoch beschreibt Xuanzang die Mahāsāṃghika-Schule als in Bamiyan florierend.
In der Region existierten, in späterer Zeit (6.–8. Jh.), neben dem Buddhismus auch östlicher Manichäismus sowie zu einem gewissen Grad Nestorianismus, nicht immer konfliktfrei, nebeneinander.Encyclopaedia of Buddhism (1979), S. 36
Sogdiana Aus Sogdien (mit der Hauptstadt Samarkand), das Kang der Chinesen, kamen mehrere bedeutende Missionare früh nach China.Nanjō Bun’yū; A Catalogue of the Chinese Translations of the Buddhist Tripitaka …; Oxford 1883, col. 388ff Der Buddhismus scheint dort vom wiedererstarkenden Manichäismus im 7. Jahrhundert großteils verdrängt worden sein.Encyclopaedia of Buddhism (1979), S. 33f
Ferghana Im Ferghanatal wurden in Quva bei Ausgrabungen Reste eines buddhistischen Tempels gefunden.
Balch DortAbsatz nach: Encyclopaedia of Buddhism (1979), S. 24, 43 dominierte die den Sarvāstivādin nahestehende westliche Vaibhāṣika-Schule, die im gesamten westlichen Turkestan verbreitet war. Diese stellt ein Bindeglied im Übergang vom Hina- zum Mahayana dar. Balch war im 7. Jahrhundert die Hauptstadt von Tocharistan und soll viele (? hundert) Tempel gehabt haben. Ausgrabungen in Zang-Tepe (30 km von Termiz) haben die historischen Schilderungen bestätigt.vgl. Litvinsky, Recent … (1967)
Östliche Region Ab der Zeitenwende sind buddhistische Aktivitäten im Bereich der heutigen chinesischen Provinz Sikiang („chinesisch Turkestan“) nachgewiesen.
mini|Karaschahr (Karaxahr) im Tarimbecken des 3. Jahrhunderts n. Chr.
Hotan
Die am südlichen Rand des Tarimbeckens gelegene Oase Hotan ist auch als Kustana bekannt. Sie soll zur Zeit Aśokas von Indern kolonisiert worden sein und war wirtschaftlich wie kulturell der bedeutendste Ort für den Buddhismus. Zur Blütezeit erstreckte sich der Machtbereich bis Niya (Ni-jang).
Hotan war früh ein mahayanistisches Zentrum, wie auch das Book of Zambasta, eine Anthologie des 8. Jahrhunderts, belegt.
Die Könige unterhielten ein bedeutendes Kloster Gotami. Am Ort wurde besonders religiöse Musik gepflegt. Mahāyāna-Lehren herrschten vor.Fa-hsien in: ; ebenso Hsüan-Tsang, 250 Jahre später. Nach: Saha, S. 18. Das außerorts gelegene Kloster wurde zum Fundort von Birkenrindenmanuskripten, die auf Sanskrit abgefasst, jedoch in Kharoshthi-Schrift geschrieben sind.
Mit der islamischen Eroberung Hotans 1004 wurde der Buddhismus endgültig verdrängt, ein Prozess, der im westlichen Turkestan schon 200 Jahre früher eingesetzt hatte. Die heute dort wohnenden turkstämmigen Muslime haben praktisch keine Kenntnis der Vorgeschichte.ganzer (und folgender) Absatz: Encyclopedia of Buddhism (2004), S. 121f
Turkstämme Turkstämme, die ansatzweise ab dem 6. Jahrhundert mit dem Buddhismus bekannt waren, ohne ihn gleich zu übernehmen, begannen ab dem frühen 7. Jahrhundert sich dazu zu bekennen. Der chinesische Reisende Ou-k'ong (bereiste Kaschmir und Gandhara 759-64Reisebericht übs.: Levi, A; Chavennes, E.; L'itenéaire d'Ou-k'ong; in: Journal Asiatique, Sept.-Oct. 1895, S. 362) berichtet schon von unter Turkherrschaft gebauten Tempeln.
Die Uiguren, die sich 762–845 zum Manichäismus bekannt hatten, wurden in der Mongolei 842 besiegt. Daraufhin wichen sie nach Süden aus, dabei kam es zur Übernahme – und Wiedererstarken – der buddhistischen Kultur auch unter den nachdringenden Turkvölker.
siehe auch: Reich der Göktürken
Kucha
Die zwischen Kaschgar und Turpan gelegene Oase Kuqa (ch.: oder ) war in der Antike für ihren Wasserreichtum bekannt. Ab dem 4. Jahrhundert hatte sich dort eine Tocharer Dynastie etabliert. Die örtlichen Buddhisten hingen meist den Sarvāstivādin an. Sie waren die ersten, die damit begannen Sanskrit-Manuskripte in lokale Sprachen zu übersetzten. Maitreya war ein Objekt besonderer Verehrung. Es ist der Herkunftsort des Übersetzers Kumārajīva (, 344–413).
mini|Landkarte von Folke Bergman vom östlichen Xinjiang aus dem Jahr 1939 mit prähistorischen Fundstätten und den Routen der Seidenstraße. Bilderklärungen: . Prähistorische Fundstätte, … mittlere Route, — — — vermutete südliche Route, - - - vermutete nördliche Route.
Kaschgar Der westlich des Tarim-Beckens gelegene Ort Kaschgar ist in chinesischen Texten als Su-leh bezeichnet. Zur Zeit Hsüan-tangs war die Sarvāstivaādin-Lehre noch die dominante. Nach der rigorosen Verwüstung durch muslimische Eroberer sind heute kaum noch buddhistische Spuren auffindbar.
Yarkant Yarkant war zur Han-Dynastie als So-ku bekannt, später dann Che-ku-p'o bzw. Che-ku-ka. Mahāyānistische Lehren herrschten vor.
Karaschar