mini|hochkant=1.5|Zuhörer des Theatrophons an Münzapparaten, 1892

Das Theatrophon (franz.: ) war ein von Clément Ader entwickeltes System zur stereofonen Übertragung von Opern- und Theateraufführungen über ein Telefon bzw. die Leitungen eines Fernsprechnetzes.

Es wurde 1881 in Paris erstmals vorgestellt. Kommerziell betrieben wurde das Theatrophon in Paris von 1890 bis 1932, wobei das Angebot um die Übertragung von Gottesdiensten und das Verlesen aktueller Nachrichten erweitert wurde. Somit stellt das Theatrophon sowohl inhaltlich als auch technisch einen direkten Vorläufer des Hörfunks dar.Robert Hawes: Radio Art. Green Wood Publishing, London 1991, ISBN 1-872532-29-2, S. 24. Andere Anbieter übernahmen Technik und Vermarktungsmodell des Theatrophons. So wurde das System in Großbritannien ab 1895 unter dem Namen Electrophone vertrieben und war dort vor allem in den 1910er Jahren sehr erfolgreich. Es gilt als frühestes Beispiel der um die Jahrhundertwende populären Telefonzeitungen.

Entwicklung des Theatrophons

Theater und Medientechnologie waren im 19. Jahrhundert eng verbunden. Zur Live-Berichterstattung über die Weltpremiere von Giacomo Meyerbeers Oper L’Africaine an der Pariser Oper wurde 1865 erstmals die Telegrafie eingesetzt: „Während der Aufführung gingen stündlich telegraphische Berichte über die Aufnahme des Werks in die europäischen Hauptstädte.“Carl Dahlhaus, Sieghart Döhring (Hrsg.): Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, Bd. 4, München: Piper 1991, ISBN 3-492-02414-9, S. 164 Im Jahr 1878 wurde im schweizerischen Bellinzona eine Aufführung der Oper Don Pasquale über ein Telefon in einen zur Oper benachbarten Saal übertragen.Anton A. Huurdeman: The Worldwide History of Telecommunications. Wiley-Interscience, Hoboken 2003, ISBN 0-471-20505-2, S. 182. Diese Art der Übertragung eignete sich nicht für längere Distanzen oder ein größeres Publikum.

Technische Ausführung mini|Zeichnung der in der Opéra Garnier installierten Mikrofone mini|Zeichnung der von Ader eingesetzten Kohlemikrofone

Der entscheidende Schritt zur Nutzung des Telefons als Übertragungsmedium für öffentliche Vorführungen gelang dem französischen Erfinder Clément Ader. Ader ist heute vor allem für seine Pionierarbeiten in der Luftfahrt bekannt, er hatte aber schon früh ein Interesse an der Technik des Telefons. Er verbesserte mit dem Aderschen Fernsprecher das 1876 von Alexander Graham Bell vorgestellte Telefon, entwickelte ein besseres Kohlemikrofon und installierte 1880 die erste Telefonlinie in Paris.

Zur Ersten Internationalen Elektrizitätsausstellung im Jahr 1881 entwickelte Ader ein neues telefonisches System für die Übertragung von Konzerten oder Theateraufführungen über längere Distanzen. Als Kopfhörer setzte er den selbstentwickelten Fernsprecher mit Hufeisenmagnet und Induktionsspule ein, der die Empfindlichkeit und Verständlichkeit wesentlich erhöhte. Als Mikrofon war das Gerät ungeeignet, weil sich die durch Bewegung der Membran induzierte elektrische Spannung noch nicht verstärken ließ. Daher griff Ader auf das Kohlemikrofon zurück, das durch Änderung seines Widerstands eine angelegte Batteriespannung variiert. Seine Weiterentwicklung dieses Geräts war stets noch ein Kohlestabmikrofon wie der Hughes Fernsprecher, aber ausgerüstet mit mehreren Stäben.

Ader hatte 40 MikrofoneCharles Henry Cochrane: The Wonders of Modern Mechanism: A Résumé of Recent Progress in Mechanical, Physical, and Engineering Processes. J. B. Lippincott Company, Philadelphia 1896, S. 396–397. Andere Quellen nennen 10, 12, 14 oder 80 Mikrofone. am Bühnenrand der Opéra Garnier installiert, die das Geschehen zum zwei Kilometer entfernt gelegenen Industriepalast (Palais de l'Industrie) an der Avenue des Champs-Élysées übertrugen, wo es in speziellen mit Hörmuscheln ausgestatteten Räumen gehört werden konnte. Zur Stromversorgung der Mikrofone setzte man zwei umschaltbare Leclanché-Elemente ein, von denen die eine Batterie jeweils nach 15 Minuten ersetzt wurde. Transformatoren sorgten für eine galvanische Trennung dieser Gleichstromkreise von den Telefonleitungen und eine Anpassung an deren Impedanz. Analog übertrug man mit 10 Mikrofonen Aufführungen der Comédie-Française. Jedes Mikrofon wurde mit acht Hörern in Reihenschaltung verbunden.Théodore du Moncel: The Telephone at the Paris Opera. In: Scientific American, 31. Dezember 1881, S. 422–423; aufgerufen am 9. März 2008.

Für jeden Zuhörer standen zwei Hörmuscheln zur Verfügung, die mit zwei verschiedenen Mikrofonen verbunden waren. Weil das eine Mikrofon an der linken Bühnenhälfte und das andere an der rechten Bühnenhälfte stand, gelang eine Richtungslokalisation des Gehörten. Aders Demonstration war somit das erste Beispiel für eine binaurale Tonaufnahme. Technisch war die Installation der Mikrofone sehr anspruchsvoll. Die Aderschen Mikrofone drohten bei jedem lauten Auftreten auf der Bühne zu vibrieren, weshalb sie in Blei eingefasst waren und auf Gummibändern gelagert wurden. Bei der Platzierung der Orchester musste darauf geachtet werden, dass die Schlaginstrumente und Blechbläser nicht zu dicht bei den Mikrofonen standen. Die stets noch als Rampenlicht verwendeten Gasflammen störten die Mikrofone durch ihren Luftzug und die Schallbrechung aufgrund ihrer Hitze erheblich.Carl Friedrich Baumann: Licht im Theater. Von der Argand-Lampe bis zum Glühlampen-Scheinwerfer, Steiner, Stuttgart 1988, ISBN 3-515-05248-8, S. 98.

Präsentation mini|hochkant|Schemazeichnung des Theatrophon-Prototyps

Das später Théâtrophone genannte System weihte am 9. August 1881 der französische Staatspräsident Jules Grévy ein. Es entwickelte sich während der Ausstellung schnell zu einem Publikumsrenner.Marvin: When Old Technologies Were New, S. 209. Von August bis November 1881 wurde das Theatrophon an drei Abenden in der Woche der Öffentlichkeit präsentiert. Zeitgenössische Berichterstatter zeigten sich begeistert von der neuen Technik. Es galt als eine Sensation, dass man über das Theatrophon nicht nur das Orchester und die Schauspieler, sondern sogar die Reaktionen des Publikums und die Stimme des Souffleurs hören konnte. Zu den Benutzern der neuen Erfindung zählte der Schriftsteller Victor Hugo, der sich in einem Tagebucheintrag vom 11. November 1881 „verzückt“ von der Präsentation zeigte.Victor Hugo: Choses vues. Souvenirs, journaux, cahiers. 1849–1885. Auch der Science-Fiction-Autor Albert Robida dürfte die Erfindung ausprobiert haben; so beschrieb er 1883 in seinem utopischen Roman Le Vingtième Siècle (Das Zwanzigste Jahrhundert) ein dem Theatrophon ähnelndes Bildübertragungssystem namens „téléphonoscope“.

Trotz der hohen Kosten für die Installation und den Betrieb der Anlage, die sich während der Präsentation in Paris auf 160.000 Franc summierten, wurde Aders Erfindung ein Jahr später auf der Internationalen Elektrizitätsausstellung in München installiert, um sie dem bayerischen König Ludwig II. vorzustellen. Auch die Internationale Elektrische Ausstellung 1883 in Wien präsentierte die Übertragung von Klängen aus der Wiener Staatsoper. Im Mai 1883 wurde eine Demonstrationsanlage im Pariser Musée Grévin eingerichtet, mit der sich Aufführungen des Varietés Eldorado verfolgen ließen.Vanessa R. Schwartz: Spectacular Realities: Early Mass Culture in Fin-de-Siècle Paris. University of California Press, Berkeley 1998, ISBN 0-520-22168-0, S. 115. Darüber hinaus blieb die Nutzung des Theatrophons nur einem ausgewählten Personenkreis vorbehalten. Präsident Grévy ließ Leitungen von der Opéra, der Comédie-Française und dem Théâtre de l’Odéon zum Élysée-Palast legen. 1884 wurden Theatrophone versuchsweise in einem Münchner Theater sowie bei den Berliner Philharmonikern eingerichtet. Im selben Jahr installierte das Ministerium für Eisenbahn, Post und Telegrafie in Brüssel ein Theatrophon; dem belgischen Königspaar präsentierte man die neue Erfindung mit Übertragungen von Aufführungen der Rossini-Opern Wilhelm Tell und Der Barbier von Sevilla zu ihrer Sommerresidenz.

Ebenfalls 1884 wurde im Teatro Nacional de São Carlos in Lissabon ein Theatrophon installiert, damit König Ludwig eine Opernpremiere, bei der er nicht persönlich anwesend sein konnte, zumindest von seinem Palast aus hören konnte.Scientific American: Opera by Telephone vom 14. Juni 1884, S. 373; aufgerufen am 6. März 2008. Ein Jahr später bot das Teatro das Theatrophon erstmals auch Privatkunden an. In einem Abonnement wurden bis zu 90 Aufführungen übertragen.

Erste kommerzielle Nutzung

Paris

mini|hochkant|Théâtrophone, Werbeplakat von Jules Chéret von 1896 Nach dem erfolgreichen Betrieb der Demonstrationsanlage im Musée Grévin wurde das Theatrophon erneut einer breiteren Öffentlichkeit während einer internationalen Ausstellung präsentiert, diesmal bei der Pariser Weltausstellung von 1889. In deren Rahmen wurde das Theatrophon Thomas Alva Edison während eines Festbanketts vorgeführt, der selbst seinen verbesserten Phonographen auf der Weltausstellung vorgestellt hatte. Edison soll „entzückt“ über die neue Erfindung gewesen sein und empfohlen haben, sie sofort in New York einzuführen.K.V. Tahvanainen, Stereofonisk musik per telefon.

mini|Münzbetriebenes Theatrophon Zur weiteren Vermarktung des Theatrophons wurde 1890 die Compagnie du Théâtrophone gegründet. Die Unternehmer Marinovitch und Szarvady entwickelten münzbetriebene Empfangsgeräte, mit denen das Theatrophon kommerziell betrieben wurde. The Theatrophone. The Electrical Engineer vom 30. August 1889; aufgerufen am 5. März 2008. Bei Einwurf von 50 Centimes konnte das laufende Programm für 5 Minuten gehört werden, für 1 Franc war man 10 Minuten lang verbunden.M. Perron: Le théatrophone. In: Le Magasin pittoresque. Année 60, 1 Sér. 2, T. 10, Paris 1892, S. 180–181. Die ersten dieser Empfänger wurden am 26. Mai 1890 im Foyer des Pariser Théâtre des Nouveautés in Betrieb genommen. Weitere Geräte wurden in Hotels, Cafés und an anderen öffentlichen Plätzen installiert. Angeboten wurden Übertragungen aus mehreren Theatern und Opernhäusern, tagsüber konnte man die Darbietung eines elektrischen Klaviers hören.M. Testavin: L'Organisation actuelle du théâtrophone. In: Annales des postes, télégraphes et téléphones. Januar 1930, S. 27. Zwischen den Veranstaltungen wurden für 5 Minuten aktuelle Nachrichten verlesen, weshalb das Theatrophon als frühestes Beispiel der um die Jahrhundertwende populären Telefonzeitungen betrachtet wird.

Die münzbetriebenen Theatrophone entsprachen technisch einem normalen Telefon, allerdings erfolgte die Verbindung über drei Leitungen. Zwei davon wurden für den stereofonen Empfang der Darbietungen genutzt, eine dritte diente zur Kommunikation zwischen dem Benutzer und dem Veranstalter. Durch die Bedienung eines Schalters konnte der Kunde die gewünschte Spielstätte auswählen, der Anfang der Aufführung wurde dann durch eine Signallampe angezeigt. Die Geräte waren tragbar, die Verbindung mit dem Leitungsnetz der Compagnie du Théâtrophone erfolgte durch den Anschluss an speziellen Steckdosen.

mini|Vermittlungsstelle der Compagnie du Théâtrophone (um 1892)