mini|Südseite der Marienstiftskirche mini|Marienstiftskirche von Nordosten Die evangelisch-lutherische Marienstiftskirche ist eine dreischiffige Hallenkirche in der Stadt Lich in Mittelhessen. Sie wurde zwischen 1510 und 1537 als letzte spätgotische Hallenkirche HessensDehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 558. errichtet. Die Architektur fällt stilistisch in den Übergang von der Gotik zur Renaissance. Das hessische KulturdenkmalLandesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. Landkreis Gießen I. 2008, S. 404. beherbergt Ausstattungsgegenstände von überregionaler kunsthistorischer Bedeutung. Der benachbarte Stadtturm mit seinem historischen Dreiergeläut dient als Glockenturm der Marienstiftskirche.

Geschichte In Lich ist für das Jahr 1239 eine Pfarrei bezeugt, was eine Kirche voraussetzt.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. Landkreis Gießen I. 2008, S. 401. Im Jahre 1316 wurde von Philipp III. von Falkenstein das Marienstift gegründet, ein Kollegiatstift mit zehn Kanonikern, das der Ausbildung des Priesternachwuchses dienen sollte. Neben Lich waren noch drei benachbarte Kirchen inkorporiert.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 118. Zur Bezahlung der Geistlichen wurden zahlreiche Güter der umliegenden Kirchen und Gemeinden gestiftet. Im Jahr der Stiftsgründung wurde mit dem Bau einer neuen, steinernen Kirche begonnen, die etwa ein Drittel kleiner war als der heutige Bau. Die Hallenkirche mit Langchor und Lettner wurde am 7. Mai 1320 Maria geweiht. Sie stand nur knappe 200 Jahre. Zur Errichtung des Nachfolgebaus an gleicher Stelle wurde sie im Jahr 1510 fast vollständig abgebrochen. Erhalten sind nur einige Mauerteile in der aufgehenden Westwand.

mini|Innenansicht der Marienstiftskirche in Richtung Chorraum Philipp von Solms-Lich initiierte einen Neubau und wirkte an den Plänen mit.Küther: Das Marienstift Lich im Mittelalter. 1977, S. 185. Meister Michael aus Nürnberg erstellte 1509 im Auftrag des Grafen einen Entwurf für einen Neubau, der 1510 von Meister Nikolaus aus Wetzlar verändert wurde. 1510 wurde mit dem Bau der heutigen Marienstiftskirche begonnen, die 1537 fertiggestellt wurde. Vorbilder für den Neubau der Marienstiftskirche waren Heiliggeistkirche in Heidelberg, die Stadtkirche in Wittenberg und die im vorigen Jahrhundert abgebrochene Barfüßerkirche in Eisenach, alle dreischiffige Hallenkirchen ohne Querschiff mit nördlicher Sakristei.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. Landkreis Gießen I. 2008, S. 402. Die Pläne wurden nicht vollständig umgesetzt, sondern während der Bauzeit im Jahr 1515 im Sinne der aufkommenden Renaissance geändert. Der Einbau einer umlaufenden Empore im Chor wurde nicht realisiert. Nach Aushub der Fundamentgruben im Frühjahr 1511 wurden die Mauern der Langseiten bis Anfang Oktober des Jahres aufgeführt. Der Bau der Arkaden, der Seitenschiffgewölbe und des Dachwerks folgte im Jahr 1512. Philipp, der bis 1514 Pfleger des Amtes Coburg war, besorgte Bauholz aus dem weit entfernten Lichtenfels. Am 20. September 1512 trafen 88 Wagen aus Hanau in Lich ein.Küther: Das Marienstift Lich im Mittelalter. 1977, S. 189. Steine wurden 1514 und 1515 auf der Hardt und in Nieder-Albach gehauen. Entgegen der üblichen Reihenfolge wurde zuerst das ungewölbte Langhaus im Jahr 1514 und dann der Chor und die Sakristei im Jahr 1525 vollendet. Die Strebepfeiler im Norden, Osten und Süden wurden erst 1537 ergänzt.

Kirchlich gehörte Lich im ausgehenden Mittelalter zum Archidiakonat St. Maria ad Gradus in der Erzdiözese Mainz mit eigenem Sendbezirk und war um 1435 nicht der Sendgerichtsbarkeit des Archidiakons unterworfen.Gerhard Kleinfeldt, Hans Weirich: Die mittelalterliche Kirchenorganisation im oberhessisch-nassauischen Raum (= Schriften des Instituts für geschichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau. Band 16). N. G. Elwert, Marburg 1937, ND 1984, S. 24. Zur Stiftskirche gehörten die vier Altäre Unser Lieben Frauen, St. Trinitatis, St. Johannes und St. Anna.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1935, S. 201. Mit Einführung der Reformation ab 1555 erfolgte die Umwandlung in ein evangelisches Stift. Als erster evangelischer Pfarrer wirkte hier Heinrich Götz von 1564 bis 1567. Eine Kirchenwiederherstellung fand im Jahr 1594 statt, über die eine Inschrift in einem Medaillon über dem mittleren Chor berichtet: „Nach Christi geburt ein taußig fünfhundert vier und Neuntzig Dies kirch gebew Renovirt war Mit gots hilff zum End gebracht gar an welchem man Anno zehen Den Grundstein Anfing zulegen“. Emporen wurden eingebaut, der Boden gepflastert und die Kirche gestrichen.Görlich (Bearb.): Licher Heimatbuch. Die Kernstadt und ihre Stadtteile. 1989, S. 129. Im Jahr 1622 wurde für die neue Orgel eine Empore errichtet, in den 1690er und 1700er Jahren an einigen hölzernen Inventarstücken gearbeitet.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1935, S. 202.

Das gesamte Dachwerk wurde von den 1720er bis in die 1740er Jahre erneuert, die Sakristei im Jahr 1736 und das Kircheninnere 1740 renoviert. Im Jahr 1765 wurden Fürstenstuhl und Kanzel und 1780 die Orgel vom Licher Kirchenmaler Daniel Hisgen neu gefasst. In den Jahren 1859 bis 1861 wurde der Innenraum eingreifend umgestaltet. Die Orgel wurde vom Chor auf die Westempore umgesetzt. Hier stand der Fürstenstuhl, der nun seinen Platz an der Nordwand zwischen Schiff und Chor fand. Ebenfalls wurden Kanzel und Altar umgesetzt. Die heutige Kanzel stand ursprünglich im nahe gelegenen Kloster Arnsburg. Nach der Säkularisation wurde sie der Marienstiftskirche geschenkt und dort 1859/60 aufgestellt. Die alte Kanzel aus der Zeit um 1600 steht heute in Hausen-Oes.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 255. Bei der Renovierung 1879–1881 wurden die Glasscheiben der südlichen Fenster sowie das Schieferdach an der Südseite erneuert, zum Luther-Jubiläum 1883 ein Kirchenfenster östlich des Südportals gestiftet und 1930 das Kirchendach, Dachreiter und Orgel renoviert.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1935, S. 204.

mini|Marienstiftskirche und Stadtturm, davor Lutherlinde und Stadteiche Bei einer Innenrenovierung im Jahr 1952 wurden Malereien aus der Renaissance und aus dem Rokoko freigelegt und die Weihekreuze aufgefrischt. Die Kirche wurde zuletzt in den Jahren 2001 bis 2002 renoviert. Im Jahr 2011 feierte die Kirche 500-jähriges Bestehen. Seitdem ist der Eingangsbereich tagsüber immer offen. Seit 2015 ist die Kirche jeden Tag zu bestimmten Zeiten verlässlich geöffnet.

1883 wurde südlich der Kirche zum 400. Geburtstag Luthers eine Linde gepflanzt, die gemeinsam mit der 1913 gepflanzten Eiche zur Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig ein ausgewiesenes Naturdenkmal ist (Lutherlinde und Stadteiche, ND 12). Ebenfalls an der Südseite des Kirchenschiffs erinnert ein Denkmal an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Südöstlich des Chors wurde 1988 ein Mahnmal für die Licher Juden errichtet, die Opfer des Nationalsozialismus geworden waren.

Architektur mini|hochkant|links|Grundriss der Marienstiftskirche mini|hochkant|Netzgewölbe im Seitenschiff Die nicht exakt geostete, sondern aufgrund des Geländes und des Verlaufs der Stadtmauer leicht nach Ost-Nordost ausgerichtete Marienstiftskirche ist eine siebenjochige spätgotische Emporenhalle mit drei Schiffen. Es gibt kein Querhaus, alles ist auf den Chorraum hin ausgerichtet, der ursprünglich mit einer Chorschranke vom Gemeindeschiff abgetrennt war. Das Schiff hat ein steiles Satteldach, das auch die Seitenschiffe überdeckt und an der Westseite leicht abgewalmt ist. Das Satteldach ist mit zahlreichen kleinen Gauben bestückt und wird im Osten von einem kleinen, achtseitigen, verschieferten Dachreiter mit acht kleinen Dreiecksgiebeln bekrönt. Die Welsche Haube von 1520 gilt als die älteste in Hessen.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen. Landkreis Gießen I. 2008, S. 403. Der Chor nimmt die Breite des Schiffes ein und hat einen 5/8-Schluss. An der östlichen Langseite ist eine Sakristei unter einem abgeschleppten Dach angebaut, die heute als Kapelle dient. Als Baustoff diente Bruchsteinmauerwerk aus Basalt, das weiß verputzt wurde. Strebepfeiler, Maßwerk, Gesimse, Gewände, Pfeiler, Bögen und Rippen sind aus grauem Lungstein gefertigt. Für das Maßwerk der Chorfenster kam roter Sandstein zum Einsatz.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 251.

Das überputzte Tonnengewölbe mit flachen Gurten wurde möglicherweise um 1550 oder 1594Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 245, 249. statt eines massiven Steingewölbes eingebaut. Für einen Einbau der Tonne im Jahr 1740 spricht, dass die 1952 freigelegten Rollmalereien aus der Renaissance durch die marmoriert gefassten Holzgesimse abgeschnitten werden.marienstiftskirche.de: Baugeschichte (unter Bau), abgerufen am 18. April 2020. Das reich gestaltete Gesims ruht auf hölzernen Säulen mit korinthischen Kapitellen. Über der Holztonne besteht noch die ursprüngliche Balkendecke des Dachstuhls.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. 2008, S. 559. In den Seitenschiffen findet sich ein spätgotisches Netzgewölbe, das wahrscheinlich auch einmal für das Hauptschiff vorgesehen war, aber aus finanziellen Gründen nicht ausgeführt wurde. Die schmalen Seitenschiffe gehen in den Chorumgang über, der durch schmale, fast rundbogige Bögen gegliedert wird und auf diese Weise auf die aufkommende Renaissance hinweist. Die Seitenemporen, die am Chor enden und über drei steinerne Wendeltreppen an der Westwand zugänglich sind, ruhen auf mächtigen Rundpfeilern. Die Pfeiler gehen in große, profilierte Schildbögen über, die oberhalb der Empore eine zweite Arkadenreihe bilden. Am Bogenansatz des östlichen Pfeilers des südlichen Seitenschiffes ist die ursprüngliche Planung abzulesen. Auch die Chorsäulen weisen noch die Ansätze für das geplante Netzgewölbe auf.Weyrauch: Die Kirchen des Altkreises Gießen. 1979, S. 119. Die Pfeiler im Langschiff haben runde Dienste, denen an den Außenwänden Dreiviertelsäulen entsprechen, Kämpferprofile runde, sechs- oder achteckige Sockel, die besonders im Chor reich gestaltet sind und mit Maßwerk, netzwerkartigen oder schraubenförmigen Mustern belegt sind.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1933, S. 245–246. Ohne Kämpferprofile sind die vier östlichen Chorpfeiler. Unter dem Altar befindet sich eine Gruft, in der die sterblichen Überreste der gräflichen Familie beigesetzt wurden.Görlich (Bearb.): Licher Heimatbuch. Die Kernstadt und ihre Stadtteile. 1989, S. 131.

mini|Aus dem Vorgängerbau übernommene Glasmalerei mit Elisabeth von Thüringen (links), neueres Wappen der Anna Schenk zu Schweinsberg († 1564), Maria mit Kind im Strahlenkranz (rechts) Das langgestreckte Schiff wird entsprechend den Seitenemporen durch kleine Fenster in zwei Geschossen mit flachem Spitzbogen belichtet, die durch ein Gesims getrennt werden. Der Chor hat fünf große Fenster mit flachem Spitzbogen. Im nordöstlichen Chorfenster haben sich Reste alter Glasmalerei erhalten, darunter eine Madonna mit Kind im Strahlenkranz auf der Mondsichel aus dem Vorgängerbau und Elisabeth von Thüringen aus der Bauzeit der Kirche, dazwischen die Wappen der Wais von Fauerbach (oben) und derer von Büches (unten).Magistrat der Stadt Lich (Hrsg.): Licher Heimatbuch. 1979, S. 135. Die übrigen ornamental ausgemalten Fenster stammen aus dem 19. Jahrhundert. Im südlichen Seitenschiff finden sich als Glasmalerei die Darstellungen von Martin Luther und Philipp Melanchthon sowie vom auferstandenen Christus.marienstiftskirche.de: Fenster (unter Beschreibung), abgerufen am 18. April 2020. An der Westseite ist ein hochsitzendes Spitzbogenfenster eingelassen. Das Maßwerk hat Fischblasen und Passformen.