mini|Systematisierung dreier Kredittheorien durch IWF gegenüber der OECD (2019):1. Klassische Theorie, 2. Geldschöpfungsmultiplikator-Theorie (als obsolete „Hybrid-Theorie“) und3. Moderne Kredittheorie (als „accounting reality“ postuliert). Kredittheorie ist in der Volkswirtschaftslehre ein Sammelbegriff für mehrere, nebeneinander stehende, sich ganz oder teilweise gegenseitig widersprechende Theorien, die sich mit Entstehung, Funktionen, Wesen sowie Wirkungen von Krediten auf den Kreditmärkten befassen. Die Kredittheorie wird wie die Geldtheorie von dem Theorienstreit darüber tangiert, ob Geldguthaben oder Kreditgewährungen den Ausgangspunkt für eine Theorie bilden. Im Zentrum dieser Diskussion steht die Frage, ob das Geld aus dem Kredit oder der Kredit aus angesammeltem Geld(guthaben) abzuleiten ist.Hans-Georg Backhaus, Dialektik der Wertform, 2018, S. 185 Funktional erklärt die Geldtheorie unter anderem den Geldmarkt (mit Geldangebot und Geldnachfrage), die Kredittheorie insbesondere den Kreditmarkt (mit Kreditangebot und Kreditnachfrage).

Begriffsbestimmung mini|Das Modell Wirtschaftskreislauf innerhalb (veralteter) VWL-Lehrbücher geht entsprechend der klassischen Kredittheorie von Geschäftsbanken als reinen Finanzintermediären (Kapitalsammelstellen) aus. Unterschieden wird zwischen klassischer und moderner Kredittheorie.

Klassische Kredittheorie Erkenntnisobjekt der klassischen Kredittheorie ist das Kreditgeschäft der einzelnen Kreditinstitute.Hermann Feifel, Die Anwendbarkeit der modernen Kreditschöpfungslehre auf die besondere Art des Sparkassengeschäfts, 1959, S. 67. Die klassische Kredittheorie geht davon aus, dass eine Bank die im Einlagengeschäft unterhaltenen Bankeinlagen als Refinanzierung für Kredite nutzt. Ihr Standpunkt ist: „Am (logischen) Anfang steht das Geld“.Joseph Schumpeter, Geschichte der ökonomischen Analyse, Band 2, 1954, S. 1350 Die Höhe der Kreditgewährung werde durch den Bestand an Spareinlagen determiniert.Karl Ockel, Zur volkswirtschaftlichen Problematik des Teilzahlungskredites, 1962, S. 117. Das Bankwesen übt bei ihr eine vermittelnde Rolle des Finanzintermediärs aus. In der klassischen Kredittheorie brachte der Kreditzins die Kreditnachfrage mit dem Kreditangebot auf dem Kreditmarkt in Einklang.Rudolf Stucken, Geld und Kredit, 1957, S. 87.

Ein wesentlicher Übergang von den Paradigmen der klassischen zur modernen Kredittheorie wurde im deutschen Sprachraum durch Karl Knies (1879)Karl Knies, Geld und Kredit, 1879/1885 (Band 2)., ab 1918 (durch H. G. Moulton) als Shiftability-Theorie bezeichnet, ausgelöst. Fortan galten Wertpapiere (inkl. Kreditforderungen des jeweiligen Kreditinstitutes) mit hoher Bonität als in Primärliquidität tauschbare sekundärliquide MittelVgl. Gabler Banklexikon: Bankenliquidität: „Bankenliquidität bezeichnet alle jederzeit verfügbaren Mittel einer Bank, die eine kontinuierliche Zahlungsfähigkeit garantieren. Dazu zählen Aktiva, die permanent in Zahlungsmittel liquidiert werden können.“.

Moderne Kredittheorie mini|Versuch einer Synthese zwischen klassischer und moderner Kredittheorie (einzel- und gesamtwirtschaftliche Betrachtung durch die Bank of England, 2014). Die moderne Kredittheorie hat erreicht, den Unterschied zwischen kurzfristigen und langfristigen Krediten durch fristenlose Modelle der Kreditschöpfung verschwinden zu lassen.Heinrich Rittershausen, Bankpolitik: Eine Untersuchung des Grenzgebiets zwischen Kredittheorie, Preistheorie und Wirtschaftspolitik, 1956, S. 44. Sparen als freiwilliger Konsumverzicht ist nicht mehr die einzige Finanzierungsquelle für Investitionen, sondern hinzu kommt die Kreditschöpfung des Bankensystems (Giralgeldschöpfung).

Die moderne Kredittheorie wurde von Henry Dunning Macleod ab 1891 begründet. Für ihn war Geld die höchste und allgemeinste Form des Kredits.Henry Dunning Macleod, The Theory of Credit, 1891 (Band 1), 1894 (Band 2) Er gilt gleichzeitig als Begründer der Kreditschöpfungslehre, die ein zentraler Bestandteil der modernen Kredittheorie ist. Er war der Auffassung, dass die Geldschöpfung unterausgelastete Produktionsfaktoren (beispielsweise Unterbeschäftigung auf dem Arbeitsmarkt) deren Kapazitätsauslastung mobilisieren könne. Bereits 1882 hatte Macleod in Lectures on Credit and Banking erklärt, Henry Dunning Macleod, Lectures on Credit and Banking, London, 1882 dass Banken keinerlei Einlagen verleihen.Hans Christoph Binswanger, The Growth Spiral, Money, Energy and Imagination in the Dynamics of the Market Proces, Berlin und Heidelberg 2013, S. 38.

Weitere Vertreter sind u. a. John Law (1705) und Adolph Wagner (1862).„Gegen die Ansichten der Currencytheorie machten die Vertreter der Bankingtheorie wie Tooke , Fullarton und später Adolph Wagner geltend, die Vermehrung von ‚bankmäßig‘, d. h. gegen Diskontierung von Warenwechseln, ausgegebenen Noten können niemals inflationistisch wirken, da die Ausdehnung der Geschäftsumsätze und die Steigerung der Warenpreise die Ursachen eines größeren Zirkulationsbedarfes seien.“ (Gerhard Stavenhagen: Geschichte der Wirtschaftstheorie, Göttingen 1969, S. 431). Vgl. Manfred Borchert: Geld und Kredit. Einführung in die Geldtheorie und Geldpolitik, 8. Auflage, München 2003, S. 60. Die Einführung eines auf Grund und Boden basierenden Papiergeldes (Bodengeldtheorie) empfahl John Law im Jahre 1705 mit der Begründung, dass eine Vermehrung des Geldes „eine Beschäftigung der bislang Arbeitslosen“ ermögliche.John Law, Money and Trade Considered with a Proposal for Supplying the Nation with Money, 1705, S. 121 f.

Joseph Schumpeter und Ralph George Hawtrey haben die moderne Kredittheorie weiterentwickelt. Diese bestimmt den Kredit an den logischen Anfang: „Praktisch wie auch analytisch ist möglicherweise eine Kredittheorie des Geldes einer Geldtheorie des Kredites vorzuziehen“.Joseph Schumpeter: Geschichte der ökonomischen Analyse, Band 1, 1954, S. 876.

Nach Schumpeter (1911) entwickelte in Deutschland L. Albert Hahn (1920),„Hierbei ist noch einmal zu betonen, daß die Liquiditätstheorie des Zinses keine neue Entdeckung von Keynes ist. Ganz ausführlich und in aller Form hat sie in Deutschland A . H a h n , der auf Wicksells und Schumpeters Arbeiten fußt, schon in seiner 1920 erschienenen Volkswirtschaftlichen Theorie des Bankkredits entwickelt, wo er den Zins, in fast wortwörtlicher Übereinstimmung mit Keynes, als den ‚Preis des Liquiditätsverlustes‘ bezeichnet.“ (Wilhelm Lautenbach: Der Streit um J. M. Keynes´ Theorie [PDF, S. 7 f], erstveröffentlicht in: Die Bank 1937). inspiriert von Mcleod, Wicksell (1898),Knut Wicksell: Geldzins und Güterpreise, 1898. Schumpeter, seine Volkswirtschaftliche Theorie des Bankkredits und spricht darin von Banken als „Kreditmanufakturen“.C. Müller: Entstehung und Entwicklung der „Neuen Wirtschaftslehre“ in Deutschland, in: Der Keynesianismus, Band III, Die geld- und beschäftigungstheoretische Diskussion in Deutschland zur Zeit von Keynes, Dokumente und Analysen (Hrsg.: Bombach, Netzband, Ramser, Timmermann), Berlin 1981, S. 34; ISBN 978-3-540-10679-1Von Hahn (1920) wurde dann wiederum Schumpeter zu seiner 2. Auflage von Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung (1926) beeinflusst. In Deutschland war ab 1929/30 die mögliche Kreditausweitung durch das Bankensystem anerkannter Konsens, etwa bei Heinrich Rittershausen in: Arbeitslosigkeit und Kapitalbildung, zugleich ein bankpolitisches Programm zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise. Vgl. C. Müller: Entstehung und Entwicklung der „Neuen Wirtschaftslehre“ in Deutschland, in: Der Keynesianismus, Band III, Die geld- und beschäftigungstheoretische Diskussion in Deutschland zur Zeit von Keynes, Dokumente und Analysen (Hrsg.: Bombach, Netzband, Ramser, Timmermann), Berlin 1981, S. 34, 47. Siehe auch vier Beiträge im Handelsteil der Frankfurter Zeitung (August 1929) von Hahn, Neisser, Palyi, Lautenbach – wiedergegeben in: Die Reparationsbank – kritische Betrachtungen, Frankfurter Societäts-Verlag, Frankfurt am Main, 1929 und 1930.

John Maynard Keynes (1930) schreibt innerhalb seines Werkes A treatise on money (dt. Vom Gelde): „Eine solche Bank schafft Ansprüche gegen sich selbst auf Hergabe von Geld, oder, wie wir diesen Tatbestand späterhin nennen wollen, sie schafft Depositen. […] Aber es gibt noch einen zweiten Weg, auf dem die Bank einen Anspruch gegen sich selbst schaffen kann. Sie kann selbst Werte kaufen, das heißt ihre Anlagen erhöhen und diesen Kauf, wenigstens zunächst, dadurch begleichen, dass sie einen Anspruch gegen sich selbst einräumt. Oder die Bank kann einen Anspruch gegen sich selbst zugunsten eines Kreditnehmers schaffen, und zwar gegen sein Versprechen späterer Rückzahlung; das heißt, sie kann Darlehen oder Vorschüsse geben. In beiden Fällen schafft die Bank das Guthaben.“John Maynard Keynes, Vom Gelde, 1930/1932, 3. Auflage, Berlin, 1983, S. 18 f.

Der modernen Kredittheorie entsprechendDurch Michael Kumhof (BoE, WP 529) wurde ab 2015 die Begrifflichkeit Financing through money creation (FMC) etabliert, dies entspricht der (bankbilanz-)aggregierten Perspektive der Modernen Kredittheorie und stellt keine Neuerung dar. gibt die Europäische Zentralbank seit 2017 wie folgt an: „Geschäftsbanken können auch ‚Innengeld‘ schaffen, d. h. Bankeinlagen – dies geschieht bei jeder neuen Kreditvergabe.“EZB (2017): Was ist Geld? Eine differenziertere Darstellung findet sich bei der Bank of England (2014)BoE, McLeavy et al. (2014): Money creation in the modern economy. Kritik an der Darstellung der BoE 2014 ("partially true") findet sich bei Charles Goodhart (2017): The determination of the money supply, S. 10 f sowie bei Decker/Goodhart (2021), S. 31 ff. bzw. ab der dritten Phase der Kredittheorie innerhalb der Kreditmechanik.

Kreditmechanik miniatur|Modellfall: Kreditgewährung im Gleichschritt (Gestrich 1936). mini|Vier kreditmechanische Gegenabhängigkeiten hinsichtlich (Un-)Veränderungen der GeldmengeFrank Decker, Charles A.E. Goodhart (2021): Wilhelm Lautenbach’s credit mechanics – a precursor to the current money supply debate, S. 8