mini|Erstausgabe 1961 mini|hochkant|KZ Auschwitz, Starkstrom-Stacheldraht (2002) Das Buch Die Vernichtung der europäischen Juden – im englischen Original The Destruction of the European Jews – ist die 1954 fertiggestellte und vorgelegte, 1961 erschienene Dissertation des amerikanischen Historikers Raul Hilberg. Hilberg wertete für das Buch zahlreiche bis dahin kaum verwendete Quellen der nationalsozialistischen Führung von 1933 bis in die unmittelbare Nachkriegszeit in Deutschland aus. Sein Ziel war es, die gesamte Geschichte der Judenvernichtung im Machtbereich des Deutschen Reichs zu analysieren, die heute als Schoah (in Israel, im Umfeld der Opfer, im französischsprachigen Raum) oder Holocaust (meist im angelsächsischen Raum) bezeichnet wird. Sein Werk ist ein wesentlicher Beitrag zur wissenschaftlichen Holocaustforschung. An eine derartige Gesamtsicht der NS-Judenverfolgung und -vernichtung hatte sich bis dahin kein Historiker gewagt. Diese Arbeit, die er mehrfach überarbeitete, blieb das wichtigste Werk Hilbergs.

Hilbergs österreichische Herkunft und Sprachkenntnis des Deutschen erleichterten ihm das Forschungsvorhaben. Er ergänzte und erweiterte sein Buch, das vielfach als Standardwerk bezeichnet wird,Siehe dazu insbesondere die diversen Nachrufe unter Weblinks. bis 2002. Sein Forschungsansatz war die Suche nach der Funktionsweise der Täter und ihrer Organisation des Massenmords in von ihnen selbst angelegten Akten und nicht eine Erklärung über die Geschichte der Juden in den europäischen Staaten. Seine Beschreibung der Rolle der von den Deutschen eingesetzten und dazu benutzten Judenräte in den Phasen vor dem Transport in die Vernichtungslager führte jedoch auch zwangsläufig zu diesem (kontroversen) Aspekt der NS-Judenverfolgung.

Aufbau Hilberg beschrieb als erster Zeithistoriker anhand der Akten umfassend, wie der Vernichtungsprozess in aufeinander aufbauenden Phasen ablief:

Ausgrenzung zuerst hatte der NS-Staat „die“ Juden als „Feinde“ definiert (vgl. Weltjudentum, Nürnberger Gesetze), um sie zu entrechten und zu enteignen (vgl. Berufsbeamtengesetz, Arisierung). 1933 – 1939.

Konzentration dann wurden sie in Judenhäusern, bzw. in neu errichtete Ghettos „in den Osten“ deportiert, konzentriert, um sie dort von der übrigen Bevölkerung zu trennen und verhungern zu lassen. 1939 – 1941. Und schließlich

Fabrikmäßiger Massenmord wurden sie in enorm großen Zahlen erschossen (z. B. in Kamenez-Podolski, Babyn Jar und Drobyzkyj Jar) oder in einem fast fabrikmäßigen Prozess in Gaskammern ermordet. 1941 – 1945.

Schlussfolgerungen Daraus zieht er in Band 3 die Schlussfolgerung, dass die beteiligten Täter (z. B. Einsatzgruppen, Polizei/Gestapo, RSHA, Totenkopf-SS etc.) jeweils nur ein kleines Rädchen in diesem nur schwer überschaubaren, zugleich aber von den Zielen her allen verständlichen Zerstörungsmechanismus waren.

Kernaussagen Hilbergs umfassende Darstellung der Judenvernichtung gilt seither als Standardwerk zum Thema und wurde vom Autor wiederholt aktualisiert. Hilberg wies darin auf die vielen mitwirkenden Personen und nationalsozialistischen Organisationen hin, die durch Forderungen und Initiativen zum Entschluss über die „Endlösung“ beitrugen.

Von Hilbergs Darstellung setzten sich spätere intentionalistische Historiker der NS-Forschung wie Eberhard Jäckel, Helmut Krausnick oder Klaus Hildebrand ab, die dann behaupteten, Hitler habe mit der Endlösung seine lange vorher gefassten Pläne konsequent umgesetzt. Ähnlich wie die später folgenden Funktionalisten unter den Historikern, wie Martin Broszat, Hans Mommsen und Christopher Browning, deutete Raul Hilberg den Entschluss zur Shoa/Holocaust als prozesshaften Vorgang einer Radikalisierung, die allerdings ohne die Person Hitlers und seinen ausgeprägten Judenhass (Antisemitismus) nicht denkbar wäre:

Hilberg vertrat die Meinung, dass es den Tätern durch die strikte Arbeitsteilung bei der „Endlösung“ ermöglicht worden sei, sich als „kleines Rädchen im Getriebe“ zu empfinden und sich selbst von einer persönlichen Verantwortung freizusprechen.Hilberg: Täter, Opfer, Zuschauer, S. 9. Diese Deutung ist teilweise umstritten. Der Kritik zufolge lasse sie außer Acht, dass ein gewichtiger Anteil als Augenzeuge oder Täter unmittelbar am Tötungsprozess beteiligt war.Michael Kißener: Das Dritte Reich. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-14726-X, S. 39.

Spätere Autoren zu diesem komplexen Thema beschreiben vielfach seinen Einfluss auf ihre Arbeit: Götz Aly, Saul Friedländer,S. F. im Interview, 2007 Eberhard Jäckel, Wolfgang Benz,Tod eines Tiefberührbaren. Spiegel Online, 6. August 2007 Ian Kershaw, Leni Yahil. Hauptartikel zur deutschen Judenvernichtung bei Wikipedia: Holocaust, Vernichtungslager bzw. Konzentrationslager, die Aktion Reinhardt, Endlösung der Judenfrage. Zu den KZ-Standorten und jeweiligen Gefangenenzahlen siehe die Liste der deutschen Konzentrationslager (1933–1945).

Editionsgeschichte Es gestaltete sich schwierig, einen Verlag für das Buch zu finden. In den 1950er Jahren war eine Gesamtgeschichte der Judenvernichtung kein gefragtes Thema in den USA. Dazu kam eine kritische Beurteilung der Arbeit. So lehnte Yad Vashem eine Unterstützung der Veröffentlichung ab. Dazu war die Veröffentlichung solch eines Buches wegen der zu erwartenden niedrigen Absatzzahlen und des außerordentlich großen Umfangs eine schwierige editorische Aufgabe. Erst nach einer über sechs Jahre dauernden Verlagssuche durch die Lektorate von fünf Verlagen wurde Hilbergs Dissertation 1961 von dem kleinen Verlag Quadrangle Books (Chicago) verlegt. Ein wohlhabender Gönner, der vertriebene jüdische Unternehmer Frank Petschek,Zu Petschek siehe Schwere moralische Schuld. In: Die Zeit, Nr. 9/1995 finanzierte eine Startauflage von 5.500 Exemplaren indirekt durch eine garantierte Abnahme von mindestens 1.200 Exemplaren. Sie wurden Bibliotheken zur Verfügung gestellt.Geschichte reicht in die Gegenwart. In: NZZ, 10. Dezember 2002

Historiker von Yad Vashem beanstandeten Hilbergs kritische Einschätzung des aktiven und passiven jüdischen Widerstandes. Hans Mommsen führt für diese Abwehr folgenden Grund an: „Zu Beginn der 50er Jahre neigten fast alle Überlebenden, auch die jüdischen Verbände in den USA, sowie die internationale historische Forschung dazu, die Erinnerung an den Holocaust herunterzuspielen, ja zu verdrängen.“Hans Mommsen in der Auch bei Hannah Arendt, die 1959 ein Gutachten zu Hilbergs Dissertation verfasste, stieß seine akribische Untersuchung zunächst auf Ablehnung, während sie sie zwei Jahre später für ihr Buch Eichmann in Jerusalem über den Eichmann-Prozess durchaus nutzte.Götz Aly: Logik des Grauens. In: Die Zeit, Nr. 23/2006 Hilbergs Hauptwerk wurde in Israel nicht verlegt.

Der deutsche Verlag Droemer Knaur, der 1963 die Rechte an Hilbergs Werk erworben hatte, entschied sich 1965 nach einem negativen Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte der Cheflektor Fritz Bolle gegen eine Veröffentlichung des Buchs. Hilbergs „These von der jüdischen ‚Kollaboration‘“ könne Antisemiten zu böswilligen Fragen ermuntern.Walter H. Pehle: Raul Hilbergs 'Die Vernichtung der europäischen Juden' - Dokumente zur Publikationsgeschichte des Werkes in Deutschland. In: René Schlott (Hrsg.): Raul Hilberg und die Holocaust-Historiographie. Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3530-1, S. 230 und 236. Die Verlage Rowohlt und Beck und viele andere deutsche Verlage lehnten ebenfalls eine Publikation ab, andere schwiegen auf entsprechende Anfragen Hilbergs. Der Spiegel sprach 1979 von „Wortbruch“ und von einer „seit Jahren überfälligen Übersetzung“.

Erst der Kleinverlag Olle & Wolter aus Berlin brachte 1982 das Buch in einer Hardcover-Ausgabe in deutscher Übersetzung heraus. In Koproduktion wurde das Buch 1983 auch von der Büchergilde Gutenberg veröffentlicht. Die deutsche Ausgabe (die zweite Ausgabe) von Hilberg war eine überarbeitete und deutlich erweiterte Auflage der ersten Fassung von 1961. Der Verlag Olle & Wolter erwarb damals die Weltrechte außer für Ausgaben in englischer Sprache. Die erste französischsprachige Übersetzung erschien 1985 im Verlag Gallimard.

Hilberg, der zwanzig Jahre auf eine deutschsprachige Ausgabe – im Land der Täter – warten musste, schrieb am 14. Juli 1982 froh über das „joint venture“ an Ulf Wolter von Olle & Wolter; Der Absatz des Buches verlief wegen des hohen Ladenpreises von 128 DM sehr schleppend. So kam der Verlag in eine Schieflage und wurde kurz nach der Veröffentlichung des Buches geschlossen.siehe Wolfgang Wippermann: „Passt nicht ins Programm“, in Literaturkritik.de, 8. August 2007 Götz Aly ist jedoch der Ansicht, dass Olle seinen Verlag aus Krankheitsgründen schloss und nicht wegen des Vertriebs des Buches.siehe Götz Aly: perlentaucher.de 18. Oktober 2017 / entsprechend auch in: Raul Hilberg: Unerbetene Erinnerung - Der Weg eines Holocaust-Forschers. Frankfurt am Main 1994, ISBN 978-3-596-18004-2, S. 151.

1990 gelang es dann Walter Pehle, Lektor für Zeitgeschichte im Fischer Verlag, von Hilbergs dreibändigem Werk eine Taschenbuchauflage zu einem attraktiven Preis herauszubringen. Zuvor hatte der Verlag seit Ende 1985 mehrfach vergeblich versucht, von Ulf Wolter eine Lizenz für eine Taschenbuchausgabe zu erwerben. Erst im Dezember 1987 konnte mit den Vorbereitungen für eine überarbeitete Neuausgabe begonnen werden, die durch zahlreiche Korrekturen, Einschübe, Umstellungs- und Streichungswünsche Hilbergs die Kostenkalkulation ausufern ließ. Auch ein von Ignatz Bubis zugesagter Zuschuss für Übersetzungskosten reichte bei Weitem nicht aus. Der Privatgelehrte und Historiker Dieter Dirk Hartmann aus Süddeutschland ermöglichte mit einer Spende – einem hohen fünfstelligen Betrag – eine Herabsetzung des Ladenpreises.Walter H. Pehle: Raul Hilbergs 'Die Vernichtung der europäischen Juden' - Dokumente zur Publikationsgeschichte des Werkes in Deutschland. In: René Schlott (Hrsg.): Raul Hilberg und die Holocaust-Historiographie. Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3530-1, S. 232–233.

Die Resonanz auf das neue Buch war überwiegend positiv. Die FAZ sprach von einem „bedeutenden Buch“, der Spiegel von einem „unübertroffenen Standardwerk“. In der Öffentlichkeit war die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der Holocaustthematik zu der Zeit in Deutschland noch weitgehend tabuisiert. So hatte auch die Bundeszentrale für politische Bildung 1982 noch kein Buch zum Thema Holocaust im Programm. Die Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg hatte schon lange auf das Werk gewartet, um es in NS-Prozessen einsetzen zu können. Der NS-Historiker Hans Mommsen urteilte, dass nun ein „Stück skandalöser Einschränkung der Publikationsfreiheit in der Bundesrepublik beendet wurde“.Hans Mommsen:

Für 2009 wurde in Israel das Erscheinen einer Übersetzung vereinbart. 2007 im Nachruf der Frankfurter Rundschau wurde darauf hingewiesen, dass noch keine „Publikationsgeschichte für Raul Hilbergs Hauptwerk […] geschrieben“ worden sei.

2023 erschien dann eine deutsche, einbändige Ausgabe im Fischer-Verlag.

Ausgaben (Auswahl) Ausgaben von Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Englischsprachige Ausgaben: The Destruction of the European Jews. Chicago, Quadrangle, 1961, (First Edition); 2nd ed. 1967; 3rd ed. bei Holmes & Meier, New York 1973; 4th ed. 1985 Publisher Franklin Watts; 1st New Viewpoints ed edition, 1973, . Harpercollins College, 1979, ISBN 0-06-131959-7. Revised edition, 3 vols. continuously paginated. New York, Holmes and Meier, 1985. xii + 1274 Seiten, ISBN 0-06-131959-7 (und eine Student Edition 1986; 360 Seiten. ISBN 0-8419-0910-5). New Haven and London, Yale University Press, 2003. 3 Bände, xvi + 1388 Seiten, ISBN 0-300-09585-6.

Deutsche Ausgaben: