Das Deutsche Rechenzentrum (DRZ) in Darmstadt war in den Anfängen der elektronischen Datenverarbeitung (DV) eine zentrale Einrichtung, die als einzige für Wissenschaftler aus allen Teilen der Bundesrepublik einen Großrechner bereitstellte. Es zählte in den 1960er Jahren zu den modernsten Einrichtungen ihrer Art in EuropaWiegand, 1994, S. 48 und leistete Pionierarbeit, indem es Wissenschaftler nahezu aller Disziplinen an die neue Technik des elektronischen Rechnens heranführte, sie in Kursen und Seminaren unterrichtete und mit eigenem Fachpersonal bei der Lösung ihrer Problemstellungen begleitete.

Sein besonderes Verdienst bestand darin, dass es durch Benutzerservice, Benutzerberatung und Ausbildung wertvolle Anschubhilfe leistete und auf Grund seiner vielfältigen Arbeitskontakte zu DV-Entwicklern und -Nutzern eine wichtige Katalysatorfunktion für die Verbreitung der DV in Deutschland übernahm.

Geschichte Ende der 1950er Jahre reiften die Pläne zur Errichtung eines zentralen Deutschen Rechenzentrums aus der Überlegung heraus, dass es für die deutsche Forschung eminent wichtig sei, leistungsfähige Hilfseinrichtungen, insbesondere elektronische Rechenmaschinen, bereitzustellen. Das Deutsche Rechenzentrum wurde am 3. Oktober 1961 gegründet. Es war das erste Rechenzentrum in Deutschland, das unabhängig von einer Hochschule errichtet wurde und allen Hochschulen und hochschulfreien Forschungsinstituten die Bearbeitung wissenschaftlicher Probleme auf einem Großrechner ermöglichte.

Unter einem Großrechner verstand man eine Anlage, die deutlich leistungsfähiger war als das Gros der damals verfügbaren Rechner und die sich deshalb besonders zur Lösung „großer“, aufwendiger Aufgabenstellungen eignete. Gleichzeitig aber war eine solche Anlage zu jener Zeit auch physisch groß, und ihr Betrieb erforderte viel Raum und Personal.

Die Gründung des DRZ geht auf Planungen der „Kommission für elektronische Rechenanlagen“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) seit 1956 zurück. Danach sollte eine größere Zahl „lokaler“ und „regionaler“ Rechenzentren mit kleinen und mittleren Maschinen an den Hochschulen geschaffen werden. Ergänzend sollte ein „überregionales“ Großrechenzentrum eingerichtet werden, um diejenigen Aufgaben, die von den Rechenzentren einer Hochschule nicht bewältigt werden konnten, wahrzunehmen. Mit der Verwirklichung dieses Gedankens wurde 1958 begonnen. DRZ, Allgemeine Information, Juni 1963

Alwin Walther, Erbauer des Darmstädter Rechenautomaten DERA und Leiter des Instituts für Praktische Mathematik (IPM) an der Technischen Hochschule Darmstadt, war eine treibende Kraft in dieser Entwicklung. Er war Mitglied der Kommission für elektronische Rechenanlagen und warb seit 1956 für die Errichtung eines überregionalen Großrechenzentrums. Sein Konzept sah allerdings vor, im DRZ neben Dienstleistung auf jeden Fall auch Computerforschung anzusiedeln. Nach dem Willen der Stifter dagegen sollte das DRZ primär eine Dienstleistungseinrichtung für die deutsche Forschung werden.Wiegand, 1994, S. 48 ff

1958 bot die Firma IBM Deutschland der DFG an, eine Rechenanlage IBM 704 unentgeltlich zur Verfügung zu stellen und deren Wartung zu übernehmen. Als die Anlage im November 1960 nach Deutschland kam, war das Gebäude für das Deutsche Rechenzentrum in Darmstadt noch nicht fertig. Deshalb brachte man sie zunächst in das IBM-Rechenzentrum in Düsseldorf und ab August 1961 bis zur Fertigstellung des Baus nach Stuttgart-Vaihingen in das Institut für Physik der Strahlantriebe (später Teil des DLR-Forschungszentrums). Im April 1962, etwa 2 ½ Jahre nach Baubeginn, zog sie schließlich in den Neubau in der Rheinstraße in Darmstadt ein. Doch schon im folgenden Jahr wurde diese Anlage von der DFG mit Mitteln der Stiftung Volkswagenwerk durch eine (sechsmal leistungsfähigere) IBM 7090 mit einer peripheren Anlage IBM 1401 ersetzt.

Die offizielle Einweihung des DRZ fand am 12. Juni 1963 im Rahmen eines Offenen Hauses unter Beteiligung zahlreicher prominenter Ehrengäste und Besucher mit Vorführungen und großer Resonanz in der Presse statt. In der Frankfurter Rundschau war zu lesen:Frankfurter Rundschau, 19. Juni 1963 in: DRZ Pressespiegel 1963„Wahrscheinlich wird die Bedeutung der Kybernetik (heute würde man sagen: der Informatik) auf die Dauer nicht im Vorhandensein solcher großen Zentren liegen, sondern darin, dass viele kleine Rechenautomaten zu den verschiedensten Zwecken zur Verfügung stehen.“

Die IBM 7090 wurde Ende April 1966 von der Firma IBM Deutschland zur Förderung der deutschen Forschung – wiederum unentgeltlich – in eine IBM 7094 umgebaut. Damit erhöhte sich die Leistungsfähigkeit noch um 30 bis 40 %.

Spätestens 1966 zeigte sich, dass das Konzept eines überregionalen Dienstleistungsbetriebs voll aufgegangen war: Die Anlagen liefen unter Volllast, in drei Schichten. Die Zahl der benutzenden Institute war von etwa 20 im Jahr 1961 auf rund 340 im Jahr 1966 angestiegen. DRZ, Jahresberichte

Aufgrund der rapide wachsenden Inanspruchnahme seiner Rechenkapazität sah sich das DRZ ab 1966 gezwungen, zusätzlich freie Kapazitäten anderer Rechenzentren zu nutzen; dazu gehörten das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching, das Institut für Hochenergiephysik der Universität Heidelberg, das Europäische Raumflugkontrollzentrum (ESOC) in Darmstadt und die Kernforschungsanlage Jülich (KFA).

In Anbetracht der Überlastung seiner Anlagen stellte das DRZ 1965 den Antrag an die DFG auf Beschaffung einer leistungsfähigeren Anlage IBM System/360-75 sowie von Fernübertragungseinrichtungen.DRZ, Jahresbericht 1968 Diesem Antrag wurde nicht stattgegeben. Stattdessen bestellte die DFG als Sachbeihilfe für das DRZ die Rechenanlage TR 440 der Firma AEG-Telefunken. Ende 1968 wurde sie geliefert und im Februar 1969 offiziell in Betrieb genommen, konnte allerdings zunächst nur mit einem vorläufigen Betriebssystem betrieben werden. Ab Dezember 1970 stand die endgültige Version zur Verfügung.

In der zweiten Hälfte der 60er Jahre machte der Ausbau der örtlichen und regionalen Rechenzentren an den Hochschulen sehr schnelle Fortschritte. Bald fanden sich in beträchtlicher Zahl sehr leistungsfähige Rechner in Wissenschaft, Wirtschaft und im öffentlichen Bereich. Die technischen Voraussetzungen für den Zugriff auf entfernte Rechner (Datenfernverarbeitung) und den Verbund unabhängiger Rechner (Verbundsysteme) waren grundsätzlich geschaffen. Damit wurde zumindest eine der ursprünglichen Aufgaben des DRZ, nämlich das zentrale Angebot von Rechenkapazität, hinfällig.

Planungen und Überlegungen zur zukünftigen Entwicklung des DRZ konzentrierten sich Anfang der 1970er Jahre auf Grund seiner Arbeiten, seiner Erfahrungen und der absehbaren Erfordernisse auf die Thematik von Datenfernverarbeitung und Computerverbundnetzen sowie einen Anschluss an die 1968 gegründete Großforschungseinrichtung GMD-Forschungszentrum Informationstechnik.

Zum 1. Januar 1973 übernahm die Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung das DRZ als GMD-Institut für Datenfernverarbeitung.

Aufgaben Das DRZ hatte im Wesentlichen die folgenden Aufgaben:

Dienstleistung: Die Lösung wissenschaftlicher Probleme aus allen Disziplinen und aus Instituten ganz Deutschlands mit Hilfe seiner Datenverarbeitungssysteme; Forschung: Die eigene Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Computerwissenschaften und -anwendungen; Ausbildung: Die Ausbildung von Wissenschaftlern und technischen Fachkräften im Bereich der Informatik.

Dienstleistung Der Dienstleistungsbetrieb des DRZ stand allen gemeinnützigen wissenschaftlichen Forschungsinstituten, die überwiegend von der öffentlichen Hand getragen wurden, zur Verfügung. Dazu gehörten z. B. die wissenschaftlichen Hochschulen und Hochschulinstitute Deutschlands, Institute der Max-Planck-Gesellschaft und Anstalten des Bundes und der Länder mit Forschungsaufgaben. Für die gewerbliche Nutzung bestimmte Aufgaben (z. B. aus Industrie und Wirtschaft) durften im DRZ nicht durchgeführt werden.

Das Spektrum der Disziplinen, aus denen die Benutzer des DRZ kamen, war bereits in der Anfangszeit überaus breit. Neben den Hauptanwendungen aus Naturwissenschaften, Technik und Mathematik wurden wiederholt auch Aufgaben aus speziellen Bereichen an das DRZ herangetragen wie z. B. Untersuchungen zur Preisbildung bei Schlachtkühen, zum Kulturwandel in Nigeria oder zu Bundestagswahlen, Zytologische Analysen, Wettervorhersage, Blindenschriftübersetzung, Sanskrit-Wörterbuch bis hin zu Computerkunst. Auch die ZVS (Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen) rechnete viele Jahre in Darmstadt.

Für anreisende Benutzer standen im DRZ zahlreiche Benutzerräume und periphere Geräte zur Verfügung. Um auswärtigen Benutzern Zeit und Kosten der Reise zu ersparen, wurde im DRZ ein Auftragsdienst eingerichtet, der sich stellvertretend für die Benutzer um die Ausführung der Aufträge kümmerte. Häufig benutzte Programme waren bei diesem Auftragsdienst deponiert. Der Anteil der über den Auftragsdienst abgewickelten Aufgaben betrug bis zu 50 %.

Damit Benutzer die Möglichkeit hatten, ihre Aufgaben selbständig zu bearbeiten, wurden für sie Programmierkurse und Seminare abgehalten.

Ein allgemeiner Programmberatungsdienst stand ständig bereit, um den Benutzern bei Schwierigkeiten im Gebrauch der Systeme behilflich zu sein. In manchen Fällen haben Mitarbeiter und Benutzer ein Programm auch gemeinsam entwickelt. Außerdem stand eine große Programmbibliothek zur Verfügung. Sie enthielt am Schluss über 1000 eigene und fremde Programme, nicht zuletzt dank des regen Programmaustausches mit rund 20 Ländern aus aller Welt. DRZ, Jahresbericht 1970

Forschung und Entwicklung Die an das DRZ gestellten Aufgaben bedingten, dass sich die wissenschaftliche Tätigkeit der Mitarbeiter überwiegend auf Anwendungen bezog. Sie umfasste die Beratung von Wissenschaftlern anderer Institute bei der Lösung ihrer Probleme, aber auch eigene Forschung, Entwicklung und Erprobung neuer Methoden und Verfahren der DV. Beispiele aus der eigenen Forschung sind Arbeiten zur Ägyptologie, philologischen Texterschließung oder Stundenplanerstellung. Fachlich gliederte sich der wissenschaftliche Mitarbeiterstab in Numerik (mit Themen aus Mathematik, Physik, Chemie, Ingenieurwissenschaften), Statistik (mit Psychologie, Medizin, Biologie, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften) und Nichtnumerik (Linguistik, Philologie, Historische, Rechts- und Literaturwissenschaften, Bibliothekswesen). Diese Fachgebiete repräsentierten ziemlich genau das Interesse der Benutzer an Anwendungen.

Im DRZ trafen sich Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Disziplinen. Sie alle wollten den Großrechner zur Lösung ihrer Probleme nutzen, hatten darin aber zunächst noch kaum Erfahrung. So kam es zu einer interdisziplinären Zusammenarbeit. In deren Folge gingen DRZ-Mitarbeiter besonders der Frage nach, ob und welche Teilprobleme den unterschiedlichen DV-Anwendungen gemeinsam waren und wie man sie fachübergreifend mit allgemein nutzbaren („general purpose“) Bausteinen lösen könnte. Dazu wurden Algorithmen und Programme entwickelt, in einer Programmbibliothek hinterlegt, publiziert und Anwenderkreisen zur Verfügung gestellt.

Eine weitere, regelmäßige Tätigkeit des DRZ bestand darin, neu auf den Markt kommende Großrechner zu testen. Die Anlagen wurden mit Benchmarks und nach wissenschaftlichen Methoden entweder bei Herstellern oder bei Erstinstallationen in Europa und USA auf ihre Leistungsfähigkeit hin geprüft.

Die von Benutzern und den Mitarbeitern erzielten Ergebnisse wurden veröffentlicht.

Ausbildung Das Deutsche Rechenzentrum führte regelmäßig Kurse und Seminare zu Themen der DV durch und bildete Abiturienten zu mathematisch-technischen Assistenten aus. Ein Informatik-Studium gab es zu dieser Zeit noch nicht.