Erna Stahl (* 15. Februar 1900 in Hamburg; † 13. Juni 1980 ebenda) war eine deutsche Reformpädagogin; sie gehörte zum Umfeld der Weißen Rose Hamburg.

Leben und Wirken Erna Stahl wuchs als Tochter einer Wiener Violinistin aus dem Arbeitermilieu und eines Lübecker Konzertagenten im Hamburger Stadtteil St. Pauli auf. Bereits in ihrer Kindheit zeigte sich ein lebhaftes Interesse an Literatur und am Theater. Nach dem Besuch einer privaten Mädchenschule (Anna Kraut) begann sie zunächst eine Ausbildung zur Lehrerin am Lehrerinnenseminar Hoheweide, später an der Freiligrathstraße, brach diese aber ab, um sich als Gasthörerin an der Hamburger Universität einzuschreiben. In ihren jüngeren Jahren hatte sie Kontakt zu dem Pastor Wilhelm Heydorn. Sie besuchte dessen künstlerisch gestaltete Gottesdienste und nahm an dessen Jugendkreis, dann auch an einem Kreis junger Mädchen teil, die dem Pastor bei sozialen Aufgaben halfen. Um die Voraussetzung für ein angestrebtes Vollstudium zu erfüllen, besuchte Erna Stahl für ein halbes Jahr, von Michaelis 1923 bis Ostern 1924, das Staatliche Lyzeum an der Hansastraße (heute: Helene-Lange-Gymnasium).

Nach dem dort erlangten Abitur setzte sie das Studium fort mit den Fächern: Deutsch, Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie. Als Werkstudentin verdiente Erna Stahl ihren Lebensunterhalt mit dem Erteilen von Deutsch- und Geschichtsunterricht (Lehranstalt Jessel) und mit Klavierspiel auf Gesellschaften. Während ihres Studiums entwickelte sie in gegenseitiger Anregung mit ihrer Freundin und späteren Kollegin der Lichtwarkschule, Hildegard Meyer[-Froebe], ein besonderes Interesse an Anthroposophie. Mit ihr verbrachte sie ein Semester an der Universität Wien. Der Bezug zu dieser Stadt, dem Herkunftsbereich ihrer Mutter, war für Erna Stahl zeitlebens bedeutsam. Nach dem im Sommer 1928 abgelegten ersten Examen für das Lehramt an höheren Schulen begann im Herbst an der Klosterschule und an der reformpädagogisch ausgerichteten Lichtwarkschule (heute: Heinrich-Hertz-Schule) in Hamburg-Winterhude ihre Vorbereitungszeit als „Kandidatin“, die sie mit der pädagogischen Prüfung am 8. März 1930 abschloss.

Lehrtätigkeit 1930–1943 Mit der Übernahme einer Sexta begann die eigentliche Lehrtätigkeit Erna Stahls an der Lichtwarkschule. Mit dieser Klasse blieb Erna Stahl zeitlebens in einer besonderen Verbindung. Eine Zeit lang war sie auch die Deutschlehrerin von Helmut und Loki Schmidt. Erna Stahl unterrichtete das Fach Kulturkunde – ein Zusammenschluss der Fächer Deutsch, Geschichte und Religion. Diese Kombination wurde nach 1933 abgeschafft. Innerhalb des Kreises überwiegend älterer, männlicher Kollegen erwarb Erna Stahl sich durch ihren gründlichen, anspruchsvollen Unterricht bald eine anerkannte Stellung. Durch Theateraufführungen und Beiträge in der Hamburger Lehrerzeitung gewann sie auch öffentliche Aufmerksamkeit. Den zeitbedingten Deformationen in der NS-Zeit auch an dieser modernen Schule – erkennbar u. a. durch die Absetzung des Schulleiters Heinrich Landahl im Sommer 1933 – hielt sie souverän stand, indem sie – wie auch einige andere Lehrer – den Hitlergruß vermied und noch eine relativ offene Gesprächsatmosphäre beibehielt. 1935 wurde Erna Stahl an die damalige Oberrealschule für Mädchen im Alstertal, Hamburg-Fuhlsbüttel, strafversetzt. Offizieller Grund dafür war die Teilnahme an einem privaten Treffen einiger Kollegen bei der bereits observierten Biologielehrerin Ida Eberhardt. Sie hielt danach den Kontakt mit ihrer alten Klasse der Lichtwarkschule aufrecht und unternahm in den Osterferien 1936 mit einigen dieser Schüler eine Studienfahrt nach Berlin, um ihnen Originale der modernen Maler zu zeigen und Theateraufführungen (Faust und Romeo und Julia) zu besuchen. Aus ihrem Unterricht war ein Lesekreis hervorgegangen. Private Treffen gab es schon vor 1935 und auch über 1936 hinaus. Allerdings war das Schuljahr 1935/36 prägnant, weil hier die Treffen regelmäßig wöchentlich stattfanden; fast die ganze Klasse nahm daran teil, auch die Schüler, die im Krieg die Widerstandsgruppe bildeten, die von den Historikern nach 1945 die Hamburger Weiße Rose genannt wurde. Dies waren Traute Lafrenz und Heinz Kucharski sowie später Margaretha Rothe, die seit Ende 1936, also nach Erna Stahls Strafversetzung, die Lichtwarkschule besuchte. Bei diesen bis 1938/39 in unterschiedlichen Abständen stattfindenden Leseabenden, an denen später gelegentlich auch ältere Lichtwarkschüler teilnahmen, wurden neben einigen Geschichtsthemen sowohl Werke der klassischen als auch der modernen Literatur und expressionistischen Malerei behandelt.

In der Oberrealschule (seit 1937 „Oberschule“) für Mädchen im Alstertal (in einer Schulgemeinschaft mit der Jungenschule) setzte Erna Stahl einen kulturbewussten Unterricht fort, den sie nach Möglichkeit von nationalsozialistischen Infiltrationen freihielt. Im Rückblick (2008) stellte eine Schülerin aus der letzten Abiturklasse (1943) vor Erna Stahls Inhaftierung noch einmal deren nachwirkende Verdienste heraus:

Mit ihren Schülerinnen ergaben sich ebenfalls einige private Kontakte mit Literatur- und Kunstbetrachtungen und Theaterbesuchen. Im Kollegium entwickelte sich eine fachliche und persönliche Partnerschaft zwischen Erna Stahl und Hilde Ahlgrimm. Erna Stahl wurde erst 1941 – allerdings sogar ohne NSDAP-Zugehörigkeit – in ein Beamtenverhältnis übernommen und 1942 zur Studienrätin ernannt.

Inhaftierung Am 4. Dezember 1943 wurde Erna Stahl von der Gestapo verhaftet und in das Gestapogefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel (Kolafu) verbracht. Nachdem die polizeilichen Voruntersuchungen im Sommer 1944 weitgehend abgeschlossen waren, wurde das Verfahren dem Oberreichsanwalt und dem Volksgerichtshof übergeben. Damit erfolgte, nach einer elfmonatigen Einzelhaft mit zeitweiliger Dunkelhaft, die Überstellung Erna Stahls und weiterer 18 Angeklagten in das Untersuchungsgefängnis Hamburg-Stadt. Von Hamburg aus wurden die neun weiblichen Häftlinge kurzzeitig nach Berlin gebracht, wo der Prozess ursprünglich stattfinden sollte, dann weiter in das Frauenzuchthaus Cottbus transportiert,Ursel Hochmuth, Gertrud Meyer: Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand 1933–1945. Bericht und Dokumente, Zweite Auflage, Frankfurt 1980, ISBN 3-87682-036-7, S. 419 wo der Volksgerichtshof tagen sollte.Traute Lafrenz: Bericht. In: Inge Scholl: Die weiße Rose. Frankfurt a. M. 1993, S. 138 Vor der herannahenden Roten Armee wurde Erna Stahl Anfang 1945 zunächst nach Leipzig-Kleinmeusdorf und von dort aus weiter in das Zuchthaus St. Georgen in Bayreuth verlegt. Hier wurde ihr die Anklageschrift vom 23. Februar 1945 (in der „Hochverratssache“ gegen: Heinz Kucharski, Margaretha Rothe, Erna Stahl, Rudolf Degkwitz (junior), Hildegard Heinrichs) zugestellt; diese enthielt die Anklagepunkte: Vorbereitung zum Hochverrat, Feindbegünstigung, Wehrkraftzersetzung, Rundfunkverbrechen. Der Staatsanwalt stellte abschließend fest, dass ihre „Tätigkeit als planmäßige Verseuchung der Jugend gewertet werden muß“. Angesichts dessen musste Erna Stahl mit der Todesstrafe rechnen. Am 14. April 1945 wurde sie jedoch zusammen mit anderen Häftlingen von amerikanischen Truppen befreit, während am 17. April 1945 in dem noch nicht befreiten Hamburg der Prozess vor dem dort tagenden Volksgerichtshof stattfand, allerdings in Abwesenheit der drei weiblichen Angeklagten. (Die Mitangeklagte Margaretha Rothe, in der Haft schwer erkrankt, verstarb am 15. April in Leipzig.) Nach einem mehrwöchigen Rückweg, den Erna Stahl zusammen mit ihrer Mitgefangenen Ursula de Boor zum Teil zu Fuß zurücklegte, meldete sich Erna Stahl in der Hamburger Schulverwaltung zurück.

Über die Umstände ihrer Inhaftierung geben einige deutliche Mitteilungen Aufschluss, zu denen Erna Stahl sich nach 1945 herausgefordert sah, während sie im Allgemeinen in diesem Bereich Verschlossenheit zeigte. Nach ihrer Darstellung wurde sie in der Untersuchungshaft bei der Gegenüberstellung mit ihrem ehemaligen Schüler Heinz Kucharski sehr stark belastet, indem dieser an Stelle des Vernehmungsbeamten das Verhör führte und dabei Inhalte aus vertraulichen Gesprächen preisgab.Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg, Nachlass Erna Stahl NL 11/34 Kucharski gab später an, hierbei eine bewusste Technik verfolgt zu haben, um die Ermittlungen in die Länge zu ziehen.Thomas Tielsch: Lügner par existence. Maurice Sachs, letzte Anmerkungen zur Weißen Rose. In: Transatlantik, 2, 1985, S. 59–68

Wirken 1945–1965 Zum Wiederbeginn des Unterrichts an den Hamburger Schulen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Erna Stahl im September 1945 zunächst vorläufig die Leitung der Oberschule für Mädchen im Alstertal übertragen; 1947 erfolgte die Überleitung zur Oberstudiendirektorin. Zwischenzeitliche Überlegungen seitens der Schulverwaltung und eines Arbeitskreises von ehemaligen Lichtwarkschülern und -lehrern, die nach 1937 abgeschaffte Lichtwarkschule wieder zu beleben, wurden aus unterschiedlichen Gründen, so auch von Erna Stahl, abgelehnt. Dagegen verwirklichte Erna Stahl gemeinsam mit Hilde Ahlgrimm ein mit Hildegard Meyer-Froebe geplantes, bereits 1946 beantragtes und Ende 1949 genehmigtes Schulprojekt, das vorsah, innerhalb der Oberschule einen „Schulversuch“ (mit der Möglichkeit eines Volks- bzw. Mittelschulabschlusses) einzurichten. Damit wurde zu Ostern 1950 in Hamburg die erste frühe Form einer kooperativen Gesamtschule geschaffen. Inhaltlich bestand eine „ganzheitliche“, musische und soziale Ausrichtung, die insbesondere im „Schulversuch“ eine eigenständige Anverwandlung von Elementen der Reformpädagogik in der Lichtwarkschule mit denen der Waldorfpädagogik – bei dezidiert christlicher Orientierung – erkennen ließ. Persönlich grenzte Erna Stahl sich von einer Zuordnung als Anthroposophin ab.

Abgesehen von dieser Schulgründung ergriff Erna Stahl in der unmittelbaren Nachkriegszeit zahlreiche Initiativen, mit denen sie zur Erneuerung des Schulwesens beitrug, insbesondere durch Berichte an die Schulbehörde, Schaffung eines Lesebuches (Im Kreislauf des Jahres) für die Oberschulen innerhalb der Britischen Besatzungszone, Einführung der Koedukation, Mitarbeit in der VVN, Herausgabe des Aufsatzbandes Jugend im Schatten von gestern, Mitarbeit im Goetheausschuss zu den Goethefeiern 1949 sowie durch ihre Stellungnahme im „Hamburger Schulprozess“ von 1950. 1953 führte Erna Stahl in ihrer Schule eine neue Form des Abiturs mit Gemeinschaftsprüfungen ein. 1954 wurde erstmals das Sozialpraktikum als eine Form der Klassenreise in einer 12. Klasse durchgeführt. Seit 1953 wurde in einem benachbarten Stadtteil ein Schulneubau errichtet (Struckholt, Hamburg-Kl.-Borstel), der am 8. Februar 1958 nach Albert Schweitzer benannt wurde (Albert-Schweitzer-[Ober]schule, später: Albert-Schweitzer-Gymnasium). Für diese Namensnennung hatte Erna Stahl eine Ausnahmegenehmigung erwirkt, da es in Hamburg nicht üblich ist, öffentliche Einrichtungen nach noch lebenden Personen zu benennen. Albert Schweitzer stattete dieser Schule am 3. Oktober 1959 einen Besuch ab.

Ruhestand 1965–1980 1965 wurde Erna Stahl in den Ruhestand versetzt. Im Verlauf von schulpolitischen Auseinandersetzungen wurde der „Schulversuch“ aus der damaligen Albert-Schweitzer-[Ober]schule herausgelöst und in ein anderes Gebäude (Schluchtweg) verlegt. Mit dieser neugeschaffenen Albert-Schweitzer-Schule (Gesamtschule besonderer pädagogischen Prägung und Grundschule), die sich noch in der Gegenwart (2026)Vorbilder unseres Schulkonzepts – Erna Stahl der Albert-Schweitzer-Schule Hamburg, Schule besonderer pädagogischer Prägung auf Erna Stahl beruft, hielt sie den Kontakt aufrecht, während sie sich von der von ihr aufgebauten Schule (Albert-Schweitzer-Gymnasium) distanzierte.

Eine Anerkennung ihres Wirkens nach 1945 spiegelt sich in einem liebenswürdigen Gedicht wider, das eine ehemalige Kollegin zu Erna Stahls 70. Geburtstag verfasste:

Zum 15. Februar 1970