mini|hochkant|Wilhelm von Ketteler (Anfang 1934) Wilhelm-Emanuel Wilderich Maria Hubertus Vitus Aloysius Freiherr von Ketteler (* 15. Juni 1906 im Schloss Eringerfeld; † März 1938 in Wien) war ein deutscher Diplomat. Als enger Mitarbeiter von Hitlers Vizekanzler und Botschafter in Wien, Franz von Papen, und jungkonservativer Gegner des Nationalsozialismus im „Edgar-Jung-Kreis“ plante er bereits 1938 die Erschießung Hitlers beim Einmarsch in Wien. Daraufhin wurde er ermordet.

Leben Jugend und Studium (1906 bis 1932) Ketteler war ein Spross der westfälischen Adelsfamilie Ketteler. Er wurde als drittes von neun Kindern von Clemens Goswin Freiherrn von Ketteler (* 17. September 1870 in Schwarzenraben; † 7. Januar 1945 in Störmede) und seiner Ehefrau Maria Elisabeth Freiin von Fürstenberg (* 7. September 1875 in Schloss Körtlinghausen; † 21. Mai 1963 in Störmede) auf dem Schloss Eringerfeld geboren. Zu seinen weiteren Verwandten zählte der Diplomat Klemens von Ketteler, der im Juni 1900 in Peking ermordet wurde,Bei der Befragung Franz von Papens am 19. Juni 1946 in Nürnberg durch Sir David Maxwell Fyfe bestätigte dieser, dass Ketteler zu der Familie des China-Gesandten gehörte (M.F.: „That is the family the gentleman belonged to, is it not?“; P: „Yes“), meinte irrigerweise – oder aus Unachtsamkeit, Klemens von Ketteler sei der Vater Wilhelms gewesen. die Bischöfe Wilhelm Emmanuel von Ketteler und Clemens August Graf von Galen sowie der Offizier Philipp Freiherr von Boeselager.

Ketteler besuchte das Gymnasium Marianum Warburg. Während seines Studiums in München wurde er aktives Mitglied der katholischen Studentenverbindung Rheno-Bavaria , damals noch im KV.

In der Weimarer Republik gehörte Ketteler zur „Gruppe“ der sogenannten „Jungkonservativen“. Dieser etwas ungenaue Begriff subsumiert eine diffuse Menge rechtsstehender, häufig in keiner Beziehung zueinander stehender, jüngerer Intellektueller, die eine mehr oder weniger umfassende Restauration des „alten“ Deutschen Reiches anstrebten. Gemeinsam waren den Jungkonservativen die Ablehnung von Demokratie, Liberalismus und Parlamentarismus in der Weimarer Form sowie ein eher „elitäres“ Selbstverständnis. Insbesondere in letzterer Hinsicht grenzten sie sich in krasser Form von dem, als „plebejisch“ empfundenen, populistischen Massenkult der Nationalsozialisten ab.

Ketteler, der seinem Freund Fritz Günther von Tschirschky zufolge ein „ungewöhnlich starkes Interesse für die Politik“ besaß und ein „gläubiger Katholik ohne konfessionelle Engstirnigkeit“ war, stand bereits in den 1920er Jahren in freundschaftlicher Verbindung zu der westfälischen Gutsbesitzerfamilie von Papen. Während der Kanzlerschaft von Franz von Papen, dem Oberhaupt der Familie, vom Juni bis Dezember 1932 kam Ketteler erstmals in engeren Kontakt mit den Schaltstellen der Politik in Berlin.

Tätigkeit in der Reichsvizekanzlei (1933 bis 1934) Nach der Bildung des Kabinetts Hitler am 30. Januar 1933, in der sich beinahe alle rechts stehenden politischen Kräfte in Deutschland zu einer Koalitionsregierung mit Adolf Hitler als Reichskanzler zusammentaten, wurde Ketteler als Mitarbeiter in das Büro von Papens berufen, der in dieser Regierung als Vizekanzler amtierte.

Gemeinsam mit anderen jungkonservativen Mitarbeitern Papens wie Herbert von Bose, Edgar Jung, Friedrich Carl von Savigny, Kurt Josten, Walter Hummelsheim und Fritz Günther von Tschirschky arbeitete Ketteler von dieser Stelle aus an einem Umbau des Weimarer Staates im Sinne der jungkonservativen Ideen. Die als „Röhm-Putsch“ bekannt gewordene politische Säuberungsaktion der Nationalsozialisten Ende Juni und Anfang Juli 1934, in deren Zuge Jung und Bose ermordet wurden, überlebte Ketteler durch Glück: Gemeinsam mit Josten gelang es ihm, die Räumlichkeiten der Vizekanzlei nach deren Besetzung durch die SS zu verlassen, weil die SS-Leute die beiden irrtümlich für Besucher hielten.

Wenige Stunden nach seiner geglückten Flucht aus der Vizekanzlei reiste Ketteler nach Gut Neudeck in Ostpreußen, dem Landsitz des Reichspräsidenten. Seine Absicht, Hindenburg über die Lage in Berlin zu informieren und ihn in seiner Eigenschaft als Oberkommandierenden der Reichswehr zu einem Eingreifen gegen das in der Hauptstadt ablaufende Mordgeschehen veranlassen zu können, zerschlug sich jedoch, da man ihn nicht in die Nähe des Reichspräsidenten vorließ. Auch der Versuch, mit Hilfe von Hindenburgs Gutsnachbarn Elard von Oldenburg-Januschau zu ihm zu kommen, war vergeblich.Fritz Günther von Tschirschky: Erinnerungen eines Hochverräters. S. 247. Rainer Orth zufolge gelang es ihm dennoch über Umwege, den Reichspräsidenten dazu zu bringen, die Einstellung der Erschießungen anzuordnen, was Hitler befolgte.Rainer Orth: »Der Amtssitz der Opposition«? Politik und Staatsumbaupläne im Büro des Stellvertreters des Reichskanzlers in den Jahren 1933–1934. Böhlau Verlag, Köln 2016; referiert von Daniel Koerfer: Vizekanzlei-Gruppe gegen Hitler. In: FAZ, 10. April 2017, abgerufen am 14. April 2017.

Attaché an der deutschen Gesandtschaft in Wien (1934 bis 1938) 360 px|mini|Wilhelm Freiherr von Ketteler (links) am 21. Februar 1938, drei Wochen vor seiner Ermordung. Das Bild zeigt ihn zusammen mit Franz von Papen (Mitte) und Hans Graf von Kageneck (rechts) auf dem Wiener Westbahnhof, auf dem Weg zu einem Treffen mit Hitler in Berchtesgaden. Im August 1934 ging Ketteler gemeinsam mit von Papen, der inzwischen das Amt des Vizekanzlers verloren hatte und mit Billigung Hitlers zum deutschen Sonderbotschafter in Österreich ernannt worden war, nach Wien. Vom Frühherbst 1934 bis zu seiner Ermordung im Frühling 1938 wirkte Ketteler dort als einer von Papens engsten Mitarbeitern. Über den offiziellen Rang, den er dort bekleidete, herrscht – zumindest terminologisch – eine gewisse Verwirrung: Einige Quellen bezeichnen ihn als „außerordentlichen Attaché“Bayerisches landwirtschaftliches Jahrbuch. Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, 1955, S. 69., andere als „persönlichen Sekretär“ oder „persönlichen Assistenten“Peter Hoffmann: The History of the German Resistance 1933–1945. 1996, S. 29. Papens. Im Februar verbrachten Ketteler und sein Kollege Hans von Kageneck im Auftrag Papens die Diplomatenakten, die dessen Tätigkeit in Wien dokumentierten, zur Aufbewahrung an einen sicheren Ort in der Schweiz.

Attentatsplanung gegen Hitler Nach seiner Rückkehr nach Wien begann Ketteler mit den Vorbereitungen für ein Attentat auf Adolf Hitler. Wie weit diese Vorbereitungen zum Zeitpunkt seines Todes gediehen waren, ist unklar.Detlef Graf von Schwerin: Dann sind’s die besten Köpfe, die man henkt. Piper, München 1991, S. 145. Allem Anschein nach plante Ketteler jedoch, Hitler bei seinem feierlichen Einzug in Wien von einem Fenster der deutschen Botschaft aus zu erschießen, während der Diktator im offenen Wagen stehend durch die Stadt fuhr.

Ermordung Am 13. März 1938, einen Tag nach dem Einmarsch in Österreich am 12. März 1938, verschwand Ketteler spurlos und galt zunächst als vermisst.Ernst Joseph Görlich: Handbuch des Österreichers. 1949, S. 329. Papen gab während der Nürnberger Prozesse zu Protokoll, er habe daraufhin sofort die Wiener Polizei verständigt und Reinhard Heydrich gebeten, aufklären zu lassen, „ob Herr von Ketteler nicht etwa versehentlich verhaftet wurde“.Sitzung vom 18. Juni 1946. Einem Vermerk vom 5. April 1938 ist zudem zu entnehmen, dass Papen auch Hitler kurz „über die Sache“ unterrichtete. Ferner verständigte er Heinrich Himmler, Hermann Göring und den Staatssekretär für das Sicherheitswesen in Österreich, Ernst Kaltenbrunner. Himmler gab am 25. März einen Erlass heraus, in dem es hieß: „Mit sofortiger Wirkung weise ich den Chef der Ordnungspolizei und den Chef der Sicherheitspolizei an, eine besonders sorgfältige und umfassende Fahndung nach dem seit Sonntag, den 13. März vermissten Wilhelm Emmanuel Freiherrn von Ketteler einzuleiten. Ich ersuche, dass die nachgeordneten Dienststellen mit besonderen Nachdruck auf das vorliegende Fahndungsersuchen hingewiesen werden …“Lutz Hachmeister: Der Gegnerforscher. Die Karriere des SS-Führers Franz Alfred Six. München 1998, S. 10 f.

Am 25. April 1938 barg der Oberstrommeister Karl Franz in der Donau bei Hainburg, fünfzig Kilometer stromabwärts von Wien, eine unbekannte männliche Leiche. Die Leiche konnte aufgrund eines goldenen Siegelrings mit Familienwappen und „eines goldenen Rings mit caluschonartig geschliffenem blauen Saphir mit zwei Brillanten, innen graviert: 30. VI. 1934“ binnen kurzer Zeit als der verschwundene Ketteler identifiziert werden. Am 17. Mai 1938 wurde in der Presse bekanntgegeben: „Die Polizei hat nach umfassenden Ermittlungen nunmehr einwandfrei festgestellt, daß es sich bei der vor kurzem in Hainburg von der Donau ans Land gespülten Leiche um die des als vermißt gemeldeten Wilhelm Freiherrn v. Ketteler aus Wien handelt.“

Als Todesursache wurde Ertrinken festgestellt. Da man im Leichnam des Toten Chloroform fand, das derart stark war, dass es aufgrund seiner schnellen Wirkungsweise einen „selbständigen“ Gang in die Donau unmöglich gemacht hätte, schied Suizid als Todesursache aus, so dass man auf „Mord“ erkennen musste. Am wahrscheinlichsten gilt die Variante, dass Ketteler erst betäubt und dann in seiner Badewanne ertränkt wurde. Die Leiche soll demnach dann in der Donau „abgeladen“ worden sein, um den Mord als Suizid zu tarnen. Die Täterschaft wurde von Zeitzeugen und ausländischen Journalisten sofort unbekannten Angehörigen der Gestapo (oder der SS bzw. des SD) zugeschrieben. Diesem Urteil hat sich auch die historische Forschung angeschlossen (siehe unten).

Papen erstattete, nach eigener Aussage, nach dem Fund von Kettelers Leiche Anzeige gegen Unbekannt.Aussage in Nürnberg am 18. Juni 1946. Außerdem protestierte er in einem Brief an Hitler – der ebenso wie die Bitte um Hilfe bei der Suche nach den Mördern unbeantwortet blieb – gegen Kettelers Ermordung und setzte eine Belohnung von 20.000 Reichsmark für die Ergreifung der Täter aus.Eugene Davidson: The Trial of the Germans, 1997, S. 214. Als Motiv für die Tat sah Papen „Rache der Gestapo gegen mich, meine Politik und meine Freunde“. Ein Hilfegesuch an Göring, das Papen gemacht haben will, habe dieser mit der Zusage beantwortet, sich bei Hitler für eine Bestrafung der Verantwortlichen einzusetzen. Zuvor habe Göring ihm jedoch mitgeteilt, dass die Gestapo Beweise gefunden habe, dass Ketteler einen Anschlag auf Hitlers Leben vorbereitet habe.

Unmittelbar nach der ersten Obduktion am 27. April 1938 wurde Kettelers Leichnam, ohne Benachrichtigung seiner Angehörigen auf dem städtischen Friedhof von Hainburg in der Grabstätte D 17, Nr. 14, beigesetzt. Einige Wochen später ordnete die Wiener Staatsanwaltschaft auf Anregung der Gestapo, die anscheinend befürchtete, dass die voreilige Beisetzung die Gerüchte um den Tod von Kettelers verstärken musste, die Exhumierung des Toten an, . Die Exhumierung erfolgte schließlich am 25. Mai 1938 in Anwesenheit von Kettelers Bruder Goswin Freiherr von Ketteler und des Wiener Zahnarztes Rudolf Friese. Nach einer erneuten Untersuchung der Leiche durch den Leichenbeschauer Werkgartner wurde der Tote auf den Familienbesitz derer von Ketteler nach Geseke überführt, wo man ihn am 31. Mai 1938 zum zweiten Mal beisetzte.

Der Mordfall Ketteler mini|Ehrenmal für Wilhelm Freiherr von Kettler und Josef Wirmer am Gymnasium Marianum in Warburg Über den Zeitpunkt und die genauen Umstände von Kettelers Tod besteht in der Forschung Uneinigkeit. Übereinstimmung herrscht in der relevanten Literatur lediglich darüber, dass die Täter in den Reihen des SD zu suchen seien.