Das Verhältnis von Homosexualität und Religion ist in vielen Religionen ein Diskussionsfeld.
Abrahamitische Religionen In den abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam und Baha'i) war bis ins zwanzigste Jahrhundert die einzige anerkannte Sichtweise zur männlichen Homosexualität die Verurteilung als Sünde bzw. Abscheulichkeit. Neben Geboten in den heiligen Schriften spielt auch die traditionelle Auslegung des Untergangs von Sodom und Gomorra eine Rolle, einer Geschichte, die in den Schriften der drei großen monotheistischen Religionen erwähnt wird. Lesbische Sexualität wird hingegen im Tanach nicht erwähnt.Nicholas de Lange (Hrsg.): Penguin Dictionary of Judaism 2008, S. 587 (teilweise einsehbar bei Google Books)Rebecca T. Alpert: Lesbianism. Jewish Women: A Comprehensive Historical Encyclopedia. 1. März 2009. Jewish Women’s Archive. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sind einige christliche und jüdische Autoren aufgrund sexualwissenschaftlicher Erkenntnisse und unter dem Einfluss der Lesben- und Schwulenbewegung zu umstrittenen Neueinschätzungen gekommen.
Einflüsse in der Geschichte
mini|260px|Biblischer Prinz Jonatan und König David (ca. 1300 n. Chr.). Im Gegensatz zur allgemeinen Tradition in Judentum und Christentum werden die beiden in einigen historischen Texten als männliche Geliebte beschrieben. So heißt es in dem Buch Leben von Edward II. (ca. 1326 n. Chr.):„In der Tat erinnere ich mich, gehört zu haben, dass ein Mann so andere liebte. Jonatan schätzte David, Achilles liebte Patroklos.“
Religiöse Denkweisen fanden auch Einzug in Gesetzesvorschriften und beeinflussten die Strafbarkeit von Homosexualität und die Art der Strafe. Im Römischen Reich wurde männliche gleichgeschlechtliche Sexualität nicht immer gut geheißen, aber eine allgemeine und deutliche Strafbestimmung wurde erst 326 unter Konstantin den Großen eingeführt, der das Christentum förderte. Sie wurde 390 durch Valentinian II. mit genauer Todesstrafe konkretisiert, was 438 auch in den Codex Theodosianus aufgenommen wurde. Kaiser Justinian I. schrieb die schon vorher entstandene Verbindung von männlicher gleichgeschlechtlicher Sexualität mit Sodom und Gomorra und daraus erwachsenden göttlichen Strafen für die Allgemeinheit, als Begründung in seine Novellen 77 (538 n. Chr.) und 141 (559 n. Chr.) zum Corpus iuris civilis, wobei er in letzterer betont, er sei durch die heilige Schrift belehrt worden.
Auf dem Konzil von Nablus wurde 1120 der unkeusche Lebenswandel der Gläubigen für Naturkatastrophen und Sarazeneneinfälle verantwortlich gemacht und für homosexuelle Akte der Flammentod gefordert. Auch eines der ersten mittelalterlichen staatlichen Gesetzesbücher, die 1256 erlassenen und 1501 zum Landrecht gewordenen Las Siete Partidas („Sieben Gesetzbücher“) von Alfonso X. von Kastilien verweisen explizit auf Sodom und Gomorra. Die „Sünden wider die Natur“ seien nicht nur eine Gefahr für den Einzelnen, sondern eine Gefahr für das gesamte Land, da Gott als Strafe Hunger, Pest, Unwetter „und unzählbare andere Übel“ über das Land schicke.Alfonso X: Las Siete Partidas – Setena partida – Título XXI: ‘De los que facen pecado de luxuria contra natura’. In: Samuel Parsons Scott (Übers.), Robert Ignatius Burns (Hrsg.), Alfonso X.: Las Siete Partidas: Underworlds: The Dead, the Criminal, and the Marginalized (Partidas VI and VII). University of Pennsylvania Press, 2001, ISBN 0-8122-1742-X, S. 1427. In der Republik Venedig fürchteten die Herrschenden im 15. Jahrhundert das gleichgeschlechtliche Treiben der Matrosen, da dies von Gott mit dem Untergang der Schiffe oder Flutkatastrophen geahndet werde.Bernd-Ulrich Hergemöller: Vortrag vor den Schwullesbischen Studien Bremen, 12. Januar 1998.
Heutige Stellungnahmen Verantwortung für konkrete Katastrophen Verschiedentlich wurden über die Jahrhunderte Unzucht und insbesondere gleichgeschlechtliche männliche Sexualität für diverse Katastrophen verantwortlich gemacht. Das Seebeben im Indischen Ozean 2004 und der darauffolgende Tsunami (etwa 230.000 Todesopfer) wurden etwa vom saudischen Scheich Abd Al-Aziz Fawzan Al-Fawzan, Professor für islamisches Recht an der Imam Muhammad ibn Saud Islamic University, als Strafe für die Unmoral zu Weihnachten bewertet. In Patong Beach auf Phuket waren jedoch gerade einmal zwei Szeneadressen am Meer betroffen. Das Szenezentrum im Paradise-Komplex blieb verschont.Phuket: Die schwule Szene hilft, 8. Januar 2005 Gerhard Maria Wagner, römisch-katholischer Pfarrer in Windischgarsten, der 2009 fast Weihbischof im Bistum Linz wurde, stellte in seinem Pfarrbrief als Grund für den Hurrikan Katrina 2005 in New Orleans (etwa 1800 Todesopfer) „geistige Umweltverschmutzung“ in den Raum und verwies unter anderem darauf, dass zwei Tage später im French Quarter ein Gay Pride hätte stattfinden sollen., religion.orf.at, 1. Dezember 2005Papst ernennt Ultrakonservativen zum Bischof. In: Spiegel Online, 31. Januar 2009. Abgerufen am 29. Januar 2022. Schärfer äußerten sich der protestantische Prediger John Hagee,McCain verteidigt Ablehnung der Homo-Ehe, queer.de, 23. Mai 2008 Michael Marcavage von Repent America,Vorwurf: Homos schuld an Katrina, queer.de, 1. September 2005 der baptistische Fernsehprediger und adventistische Anhänger Pat Robertson. Als 2005 der World Pride in Jerusalem stattfinden sollte, kam es zu einer ungewöhnlichen Pressekonferenz von hohen Vertretern der drei Weltreligionen. In den Pressemeldungen wurde erwähnt, dass dort Torkom Manoogian, armenischer Patriarch von Jerusalem, und sein Pressesprecher, Bischof Aris Scherevian, auf das Schicksal Sodoms verwiesen; Scheich Abdel Aziz Bukhari und Scheich Abed es-Salem Menasra warnten direkt davor, dass Gott Jerusalem bestrafen werde, wenn die Parade stattfinden würde, und Rabbi Yehuda Levin aus New York City von der Rabbinical Alliance of America fragte, ob man wirklich so verrückt sei, Gott wieder provozieren zu wollen., religion.orf.at, 31. März 2005Laurie Goodstein and Greg Myre: Clerics Fighting a Gay Festival for Jerusalem, New York Times, 31. März 2005, israelheute.com, 10. Mai 2005, report-k.de, 2005, Abruf: 2. Oktober 2008
Der World Pride wurde aus organisatorischen Gründen auf das nächste Jahr verschoben. Kurz vor dem geplanten Termin brach der Libanonkrieg 2006 aus und Rabbi Mosche Sternbuch, Vorsitzender der Edah HaChareidis und Richter des dortigen Beth Din, machte den World Pride für den Waffengang verantwortlich, da er den Zorn der Muslime geweckt habe.Jerusalem: CSD-Parade abgesagt, queer.de, 22. Juli 2006 Einen Monat vor dem endgültigen Termin im November sagte er bei einer Demonstration gegen den Pride: „Wir haben im Libanon nicht unsere Ziele erreicht, weil im Heiligen Land Unzüchtigkeit und sexuelle Freizügigkeit um sich greift.“ Der ebenfalls anwesende Ovadja Josef, ehemaliger sephardischer Großrabbiner des Staates Israel und spirituelles Oberhaupt der Schas-Bewegung, bezeichnete die Pride-Teilnehmer als Amalekiter.Jerusalem: Wütender Protest gegen CSD, queer.de, 19. Oktober 2006 Nach der Flutkatastrophe in Großbritannien im Juni 2007 (mindestens drei Todesopfer) sagte Graham Dow, anglikanischer Bischof von Carlisle, dass es zukünftig mehr Naturkatastrophen geben werde, da jede Art von Lebensstil als legitim angesehen wird und Gott dies nicht gefalle. Explizit sprach er die Einführung von eingetragenen Partnerschaften und die Antidiskriminierungsgesetzgebung an.Bischof: Homos schuld an Hochwasser, queer.de, 2. Juli 2007 James Stuart Jones, anglikanischer Bischof von Liverpool, sprach mehrdeutiger davon, dass die Menschen Naturkatastrophen nicht mehr als Strafe Gottes ansehen und das verdorbene Leben der Menschen Konsequenzen haben wird. Ein dritter Bischof bezog sich dagegen eindeutiger auf die Natur.Floods are judgment on society, say bishops, telegraph.co.uk, 2. Juli 2007 Im Februar 2008 wurde Israel von zwei Erdbeben erschüttert (keine Todesopfer). Shlomo Benizri, Abgeordneter der Schas-Partei in der Knesset und ehemaliger Sozialminister, deutete sie als Warnung an das israelische Parlament, weil es mehr Rechte für Schwule und Lesben beschlossen hatte.Israeli MP blames quakes on gays, news.bbc.co.uk, 20. Februar 2008 Die einzige Möglichkeit weitere Erdbeben zu verhindern sei die Gesetze wieder rückgängig zu machen.Politiker: Homos schuld an Erdbeben, queer.de, 21. Februar 2008
Zeichen für allgemeine Dekadenz und Zivilisationsuntergang