Die Von Roll Holding AG war ein weltweit tätiger Schweizer Industriekonzern mit Ursprung im Kanton Solothurn, der zuletzt auf Erzeugnisse zur Energiegewinnung, -übertragung und -verteilung spezialisiert war. Das Unternehmen war seit 1987 an der SIX Swiss Exchange unter dem Symbol ROL notiert. Historisch war die Von Roll vorrangig bedeutend für ihre Eisenwerke und Giessereien. Bekannt war Von Roll auch für den Bau von Seilbahnen und die Entwicklung des Seilbahnsystems VR101. Hauptsitz war lange Zeit Gerlafingen, ab 2008 Breitenbach.
Nachdem in den letzten Jahrzehnten verschiedene Bereiche ausgegliedert und verkauft wurden, die zum Teil heute noch mit dem Namensbestandteil von Roll firmieren – namentlich vonRoll infratec mit Geschäftsbereichen wie Druckguss und Wasserinfrastruktur und die Bank von Roll –, wurde das Unternehmen 2023/2024 von der Elantas GmbH, einem Tochterunternehmen des deutschen Konzerns Altana, übernommen. Die Von Roll Holding AG wurde im Juni 2024 im Handelsregister gelöscht. Die Aktiven und Passiven gingen an die in Elantas Europe AG umfirmierte Von Roll Schweiz AG über.
Geschichte 19. Jahrhundert mini|Ludwig von Roll (um 1825) mini|Altes Logo der Ludwig von Roll’schen Eisenwerke.
1803 plante Karl Dürholz als Vertreter der Solothurner Firma Felix Brunner und Cie. die Errichtung eines Schmelzofens in Matzendorf. Er machte sich kurz darauf mit seinem Bruder selbstständig und gründete die «Eisenwerke der Handelsgesellschaft der Gebrüder Dürholz & Co.» Der Ofen wurde aus unbekannten Gründen nicht in Matzendorf gebaut, obwohl eine Bewilligung des Kleinen Rats von Solothurn vorlag, jedoch später in Gänsbrunnen, wahrscheinlich 1805. Der Ratsherr aus dem Geschlecht von Roll, Ludwig von Roll (1771–1839) trat 1809 in die Firma ein, die er 1810 zusammen mit Peter von Glutz und den Eisenwerksbesitzern Viellard und Antonin aus Belfort übernahm. Die Firma nannte sich nun Ludwig von Roll & Cie.O. Hedinger: Die Geschichte der Eisenindustrie im Jura und die Gesellschaft der Ludwig von Roll’schen Eisenwerke. Verfasst für die schweizerische Landesausstellung 1914, nachgedruckt in der Festschrift: Die Gesellschaft der L. von Roll’schen Eisenwerke und die Entwicklung der jurassischen Eisenindustrie, 1923. S. 44
1810 erhielt die neue Firma die Bewilligung zum Betrieb von zwei Hochöfen in Gänsbrunnen und in der Klus bei Balsthal, einer Hammerschmiede in Matzendorf und zur Erzgewinnung. 1812 wurde eine weitere Hammerschmiede in Niedergerlafingen errichtet.
Nach finanziellen Schwierigkeiten in den frühen 1820er Jahren schieden Viellard und Antonin aus der Gesellschaft aus. Im Jahre 1823 gründeten die verbliebenen Gesellschafter von Roll und von Glutz die neue Aktiengesellschaft Gesellschaft der Ludwig von Roll’schen Eisenwerke mit Sitz in Solothurn. Es dürfte sich dabei um eine der ältesten Aktiengesellschaften der Schweiz gehandelt haben.Festschrift 1923, S. 91 Die Bezeichnung der Firma wurde fast 140 Jahre lang, bis 1962, beibehalten.Von Roll AG, Gerlafingen: Geschäftsbericht 1961/62. S. 11 Der erste Direktor war Joseph Lack aus Kappel. 1827 erwarb die neue Gesellschaft die Werke der alten Ludwig von Roll & Cie., die sie zuvor pachtweise übernommen hatte.Hedinger in Festschrift 1923, S. 46/47
Ab 1825 liefen die Geschäfte der von Roll’schen Eisenwerke dank starker Nachfrage nach Eisen in Grossbritannien und Frankreich sehr gut. Zunehmender Bedarf an Gusswaren führte 1828 zur Errichtung einer Giesserei in der Klus, in der direkt aus dem Hochofen gegossen wurde. 1836 folgte ein Walzwerk in Gerlafingen. Da die eigenen Hochöfen nicht mehr genügend Roheisen für den stetig steigenden Bedarf der von Roll’schen Eisenwerke liefern konnten, wurde für einige Zeit auch Roheisen aus dem Ausland bezogen. Nach Verbesserungen an den bestehenden Hochöfen und der Errichtung eines grösseren Hochofens in Choindez (Gemeinde Courrendlin) im Jahr 1846 konnten aber wieder genügend Roheisen für den Eigenbedarf produziert und sogar Überschüsse verkauft werden.Hedinger in Festschrift 1923, S. 49 Als schärfste Konkurrenten galten in dieser Zeit die badischen Eisenhütten. mini|Giesserei in Choindez Die Ludwig von Roll’schen Eisenwerke gewannen ihr Erz anfänglich ausschliesslich im Kanton Solothurn, hauptsächlich aus Gruben bei Balsthal, Matzendorf, Laupersdorf und Ramiswil, neben weniger ergiebigen Grabungen. Nach wenigen Jahren ging jedoch die Ergiebigkeit der solothurnischen Gruben stark zurück, und es wurde vermehrt Erz aus dem Berner Jura bezogen. Im Zusammenhang damit steht auch die Errichtung des Hochofens in Choindez, von dem Direktor Lack sagte: «Solange irgendwo im Jura Eisen produziert wird, wird dieses Werk seinen Rang beibehalten», was sich als zutreffend erwies: Als die Erzverhüttung in Choindez 1982 (dannzumal mit einem elektrischen Ofen) eingestellt wurde, handelte es sich dabei längst um die letzte Anlage in der Schweiz. Das Walzwerk in Gerlafingen wurde in den 1840er Jahren mehrfach vergrössert. 1845 gab von Roll den Hochofen in Gänsbrunnen auf.
Vom allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung der Schweiz in den 1850er Jahren profitierten auch die von Roll’schen Eisenwerke, insbesondere durch die aufkommende Eisenbahn und den zunehmenden Bedarf an Rohrleitungen für Gas- und Wasserwerke. 1858 wurden im Hochofen Choindez 2040 t, im Hochofen Klus 1530 t Roheisen produziert. An Schmiedeeisen wurden in Gerlafingen 1300 t, in Choindez 485 t erzeugt, hinzu kamen 410 t Gusswaren in der Klus.Hedinger in Festschrift 1923, S. 73 Ab 1859 liefen die Geschäfte jedoch wieder schlechter. Negative Auswirkungen hatten insbesondere der Sardinische Krieg und der vorübergehend abnehmende Eisenbahnbau. Seit den 1850er Jahren stellte man in Choindez Gussröhren her.
Ab 1867 wurde die Feuerung des Hochofens Choindez von Holzkohle auf Koks umgestellt. Der Ofen war dafür nicht gut geeignet, und wegen hoher Kokspreise wurde 1873 kurzfristig wieder auf Holzkohlefeuerung umgestellt. 1877 konnte jedoch ein neuer koksgefeuerter Hochofen mit wesentlich höherer Produktion (4200 t) in Betrieb genommen werden. 1873 verlegte die Gesellschaft ihren Sitz von Solothurn nach Gerlafingen.
1880 übernahm von Roll die Eisenwerke von Undervelier und brach den dortigen Hochofen ab. Hedinger schreibt in seinem Aufsatz in der Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Firma offen, dass sich die von Roll’sche Gesellschaft mit dem Kauf «nicht nur einen Konkurrenten beim Eisenverkauf und Holzeinkauf vom Halse» schaffte, sondern «was ihr namentlich wichtiger war, in den Besitz von weiteren 7/18 Anteilen an der gemeinsamen Delsberger Erzkonzession [kam], so dass sie nach dem Kauf 14/18 besass.»Hedinger in Festschrift 1923, S. 79 1883 erwarb von Roll das Werk in Rondez von der in Liquidation getretenen Société des Forges de Vallorbe et des Rondez. Dazu gehörte ein alter Hochofen in Delémont (Delsberg), den von Roll abbrach, und ein Holzkohlenofen in Rondez, der noch einige Jahre weiterbetrieben wurde. Von Roll kam durch den Kauf in den Besitz fast aller Erzkonzessionen im Delsbergertal und konnte die wenigen fehlenden später noch erwerben. So verblieben in den 1880er Jahren von den früher zahlreichen jurassischen Eisenhütten nur die Werke der Firma von Roll in Gerlafingen und Choindez.Die Gesellschaft der L. von Roll’schen Eisenwerke in den 40 Jahren von 1873 bis 1913. In: Die Gesellschaft der L. von Roll’schen Eisenwerke und die Entwicklung der jurassischen Eisenindustrie, 1923. S. 88. – Dieser Abschnitt ist nicht von einem Autor gezeichnet
Mit Eisen, Gussröhren und Armaturen beteiligten sich die Ludwig von Roll’schen Eisenwerke bereits an den Leistungsschauen in Bern 1848 und 1857 sowie 1873 an der Weltausstellung in Wien. In grösserem Umfang trat die Gesellschaft an den ersten Schweizerischen Landesausstellungen im Jahre 1883 in Zürich und 1896 in Genf auf.
20. Jahrhundert 1914 produzierte der Hochofen von Choindez als bereits einziger verbliebener Hochofen der Schweiz 22'000 t Roheisen pro Jahr, womit er die Gesamtproduktion der neun schweizerischen Hochöfen im Jahre 1858 um mehr als 50 % übertraf. Die überbaute Fläche der von Roll’schen Werke betrug 161'393 Quadratmeter. Die Gesellschaft errichtete im Laufe der Zeit Wohnhäuser für das Personal, dies aufgrund der isolierten Lage der älteren Werke und der Erweiterung aller Werke. Zum Zeitpunkt der Landesausstellung 1914 in Bern waren es 815 Wohnungen sowie Logierhäuser für ledige Angestellte und Arbeiter mit 483 Betten.Festschrift 1923, S. 94/95 Das Unternehmen rühmte sich «geräumiger, modern eingerichteter Speiseanstalten», in denen die Arbeiter «zu bescheidenem Preise gute, nahrhafte Verpflegung (Mittagessen bestehend in Suppe, Fleisch, Gemüse und Brot)» erhielten.Festschrift 1923, S. 95
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde auch in der Schweiz die Generalmobilmachung angeordnet, und die von Roll’schen Eisenwerke konnten ihren Betrieb anfänglich nur in beschränktem Umfang fortführen. Das Werk Klus stand drei Wochen still, während die Werke Choindez, Rondez und Undervelier fast ständig mit Truppen belegt waren, da sie sehr nahe an der Grenze lagen. Nach einer Reduktion der für den Grenzschutz aufgebotenen Truppen konnten die Werke langsam wieder den vollen Betrieb aufnehmen, hatten aber mit der zunehmend schwieriger werdenden Rohmaterialbeschaffung aus dem Ausland zu kämpfen.Festschrift 1923, S. 162
Sofort zu Kriegsbeginn verhängte die deutsche Regierung ein Ausfuhrverbot für Kohle, und der Betrieb des Hochofens in Choindez musste eingestellt werden. Später konnte der Bundesrat die deutsche Regierung dazu bewegen, die Kohlenausfuhr nach der Schweiz zu erlauben. Dadurch war die Kohlenversorgung der Schweiz und der von Roll’schen Werke bis Ende 1916 gesichert. Von da an wurde jedoch wesentlich weniger Kohle aus Deutschland geliefert. Ab 1917 nahm man daher verstärkt die Ausbeutung von Torfvorräten in der Schweiz als Ersatzbrennstoff in Angriff. Von Roll beteiligte sich an einer Schweizerischen Torfgenossenschaft und beutete selbständig ein Torflager in Montfaucon aus. Die Kosten waren trotz guter Torfqualität jedoch unverhältnismässig hoch.Festschrift 1923, S. 165/166 Bei Buix in der Nähe von Porrentruy wurde durch Tiefbohrungen nach Kohle gesucht, man stellte diese jedoch wieder ein, nachdem auch in einer Tiefe von über 1000 m immer noch keine Kohle gefunden worden war. mini|Stahlwerk Gerlafingen Auch der Flussstahl aus Deutschland wurde teurer, 1917 kostete Halbzeug 420 Franken pro Tonne, 1918 schon 700. Dies führte dazu, dass in Gerlafingen ein eigenes Stahlwerk errichtet wurde.Werkzeitung der von Roll AG, Jg. 44 (1973), Nr. 2 (Sondernummer zum 150-Jahr-Jubiläum). S. 6 Man baute einen Siemens-Martin-Ofen und einen Elektroofen. 1922 ging ein weiterer Elektroofen in Betrieb, der Siemens-Martin-Ofen jedoch wurde aufgrund hoher Löhne und Kohlenpreise bereits 1921 stillgelegt.Festschrift 1923, S. 193 Von Roll entwickelte für seine Elektroöfen eine neue Beschickungsmethode, von oben mit Mulden statt durch die Tür. Dieses Verfahren setzte sich anschliessend weltweit durch.Werkzeitung der Von Roll AG, Jg. 44 (1973), Nr. 2. S. 6
Während des Zweiten Weltkriegs kehrte der Schweizer Metallurge Robert Durrer aus Berlin zurück und entwickelte in Gerlafingen ein neues Stahlherstellungsverfahren, bei dem mit reinem Sauerstoff gefrischt wird. Das Verfahren war jedoch in Gerlafingen nicht wirtschaftlich, da es grössere Mengen an Roheisen, als das Werk liefern konnte, benötigte. Es wurde später in Österreich weiterentwickelt und als Linz-Donawitz-Verfahren bekannt.Werkzeitung der Von Roll AG, Jg. 44 (1973), Nr. 2. S. 6–8 Von Roll war während des Krieges Unterlieferantin der Firma Oerlikon-Bührle, die als wichtigste Schweizer Rüstungs-Lieferantin von Hitler-Deutschland galt.G. Hafner: Walther Stampfli, 1986, S. 263
mini|Bis 1972 genutztes Logo, jetzt wieder genutzt von vonRoll infratec.