mini|Das Memelland 1923 bis 1939 unter litauischer Hoheit. mini|Flagge des Memellandes mini|Die Landesfarben des Memellandes Das Memelland oder Memelgebiet () war ein Gebiet im nördlichen Ostpreußen, das Deutschland 1920 nach Artikel 99 des Versailler Vertrags ohne Volksabstimmung an die alliierten Mächte abtreten musste. Es lag nördlich (rechts) der Memel bzw. ihres Deltaarms Skierwieth (Skirvytė) bis zur seit 1422 festgelegten Nordgrenze Ostpreußens und umfasste auch den entsprechenden Nordteil der Kurischen Nehrung. Bis Anfang 1923 verwaltete Frankreich das Gebiet in Vertretung des Völkerbundes. Am 10. Januar 1923 wurde es von Litauen annektiert. In ihrer Beratung und Entschließung vom 16. Februar 1923 anerkannte die Botschafterkonferenz diesen Schritt Litauens als Annexion an, übergab es aber in die Hoheit Litauens. Diese Entscheidung wurde nochmals im Mai 1924 durch die Memelkonferenz des Völkerbundes in der Form bestätigt.

Das 2656,7 km² große Territorium war etwa 140 km lang und bis zu 20 km breit. Von den über 140.000 Bewohnern bezeichneten sich im Jahr 1925 laut einer litauischen Volkszählung 72,5 % als Deutsche bzw. „Kulturdeutsche“ (Bewohner, die sich aufgrund seit 1872 fast ausschließlich deutschsprachigen SchulbildungArthur Hermann: Litauischsprachiger Unterricht in Ostpreußen und seine Darstellung in deutscher und litauischer Historiographie., die Germanisierungsgesetze 1871–1918 werden auch vom wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestags 2019 aufgeführt. und lutherischem Bekenntnis mit der deutschen Kultur identifizierten, aber oft nicht deutscher Herkunft oder Muttersprache waren) – darunter waren 16 % zweisprachig Litauisch und Deutsch – und 27,5 % als Litauer.„Memelgebiet“. In: Der Große Brockhaus, 15. Auflage, Band 12, 1932, S. 382. Größte Stadt war in jener Zeit Memel (Klaipėda) mit 40.000 Einwohnern (1931 11 % Litauer), gefolgt von Heydekrug (Šilutė) mit 5000 Einwohnern und Pogegen (Pagėgiai) mit 2800 Einwohnern.

Im März 1939 wurde Litauen vom NS-Staat unter Kriegsdrohung genötigt, das Memelland an ihn abzutreten. Es wurde am 22. März 1939 dem Regierungsbezirk Gumbinnen der Provinz Ostpreußen eingegliedert.Gesetz über die Wiedervereinigung des Memellandes mit dem Deutschen Reich vom 23. März 1939 (RGBl. I, S. 559–560) Digitalisat Da diese Gebietserweiterung nach dem 31. Dezember 1937 stattfand, zählte das Memelland völkerrechtlich nicht zu den Ostgebieten des Deutschen Reiches. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte das Gebiet zur Litauischen SSR, aus der 1990 das wieder unabhängige Litauen hervorging. Es stellt dort keine Verwaltungseinheit dar und umfasst etwa die Gebiete der Stadtgemeinde Klaipėda, die Selbstverwaltungsgemeinden Neringa und Pagėgiai sowie die Rajongemeinden Klaipėda und Šilutė, sowie Teile der Rajonsgemeinden Jurbarkas und Tauragė in Litauen.

Geschichte mini|hochkant=1.4|Physische Karte des Memellands im Jahr 1905 Vorgeschichte und Besiedlungsgeschichte Das Memelland entstand erst 1920 durch den Versailler Vertrag; es hatte davor keine eigenständige Geschichte innerhalb Ostpreußens.

Vor der Eroberung des Gebiets durch den Deutschen Orden im 13. Jahrhundert und der von ihm erzwungenen Christianisierung siedelte beidseits der Memel besonders der baltische Stammesverband der Schalauer. Im Norden, Nordwesten und an der Küste waren Kuren in dem Gebiet sesshaft. Die Kuren galten als versierte Seefahrer der Ostsee und werden in den Island-Sagas erwähnt. Dänische Überlieferungen bezeugen, dass sie als Piraten gefürchtet waren. Es gab jedoch auch Handels- und Heiratsbeziehungen der Schalauer mit Dänemark. Die Schalauerburg Ruß an der Memel galt als Ausgangspunkt dieser Beziehungen. Darüber hinaus gab es Beziehungen zu den übrigen Balten im Norden und Osten und zu den Slawen im Süden. Am nordöstlichen Rand begann das Siedlungsgebiet der Žemaiten (auch Schemaiten, Samaiten, Samogitier oder Samogiten genannt) mit ihrer Teillandschaft „Karschauen“ ().

Der Westen, die Siedlungsgebiete der Kuren und die westliche Landschaft der Schalauer, Lamata/Lamotina rund um Šilutė (deutsch: Heydekrug), wurden ab Beginn des 13. Jahrhunderts vom nördlicheren Schwertbrüderorden erobert, der die Memelburg errichtete und die Stadt Memel (Klaipėda) gründete, bevor er 1237 als Livländischer Orden in den Deutschen Orden als nördliche Unterorganisation integriert wurde. Der Schwertbrüderorden, später Livländische Orden beherrschte den Westen gemeinsam mit dem Bistum Kurland. Östlichere Teile, die Herrschaftsbereiche der Ordensburg Tilsit und der Burg Ragnit nördlich des Flusses Memel, gehörten dagegen direkt zum Deutschen Orden. Erst im Zuge der langen Grenzkriege gegen das Großfürstentum Litauen, verbündet mit dem Schemaiten, wurde die nach Norden isolierte Region 1328 vollständig administrativ dem Ordensstaat des Deutschen Ordens im historischen Preußen direkt zugeteilt.

Seit der Zeit der Eroberung und Aufstände im 13. Jahrhundert verlor die Region Teile der Bevölkerung. Mit den parallel begonnenen, aber erst 1303–1422 ihren Höhepunkt erreichenden Grenzkriegen zwischen Litauen und dem Deutschordensstaat wurden die Randgebiete des damaligen historischen Preußens dann (zumeist schon bis Mitte des 14. Jahrhunderts) nahezu komplett entvölkert. Überlebende flüchteten teils nach Litauen, teilweise wurden sie vom Orden in besser kontrollierbare Zentralgebiete Preußens deportiert. In der Region, darunter auch im Memelland, breitete der über 100 bis über 300 km breite Gürtel der Großen Wildnis beidseits der noch nicht festgelegten Grenze aus. Selbst die schon errichteten Ordensburgen erhielten sich nur am Rand der Wildnis, darunter die Memelburg, viele im Inneren, darunter Tilsit und Ragnit, wurden Mitte des 14. Jahrhunderts zerstört und erst nach Ende der Kriege über 70 Jahre später meistens wieder aufgebaut.

Der Friede vom Melnosee 1422 beendete diese Kriege und legte die Grenze Preußens zum Königreich Polen und zum Großfürstentum Litauen, in das sich auch die Schemaiten integriert hatten, fest, nachdem Litauen als letzter wichtiger europäischer Staat 1386 und die Schemaiten als letzter großer europäischer Stammesverband 1415 das Christentum akzeptiert hatten. Danach ergab sich die Notwendigkeit, die Wildnis neu zu besiedeln. Die bis nach dem 13. Jahrhundert übliche Besiedlung aus Mittel- und Westeuropa, meist mit deutschen Siedlern, war nicht mehr möglich, mit den Bevölkerungsverlusten des 14. Jahrhunderts, besonders dem Schwarzen Tod ab 1348 bis zum Bevölkerungstiefststand um 1400 waren dort keine Siedler mehr anzuwerben. Zu den ersten Siedlern gehörten Fischer aus Kurland, die ab etwa 1400 an der Küste nach Süden zogen und nach 1422 auch als Fischer an die Küsten, landeinwärts als Bauern angeworben wurden. Diese „Kuren“ sind nicht mehr mit den alten heidnischen Kuren identisch, weil sie bereits eine lettisierte Sprachform verwendeten und heute deshalb Nehrungskuren genannt werden. Mitte bis Ende des 15. Jahrhunderts und im 16. Jahrhundert folgten sehr zahlreich bäuerliche Siedler aus Litauen ins nördliche und östliche Preußen, im Norden oft Schemaiten, inzwischen auch „Niederlitauer“ genannt, so auch in den Nordosten Preußens beidseits der Memel und nördlich des Kurischen Haffs. Im südlichen Preußen dominierten Siedler aus Polen („Masuren“). Die nunmehr zur großen Mehrheit litauisch geprägte Region des nördlichen und östlichen Preußens erhielt die Bezeichnung „Preußisch Litauen“ oder „Kleinlitauen“, litauisch als Diminutiv Lietuvinka ausgedrückt. Nur der Adel und wenige Städte, wie Memel, waren vorwiegend deutschsprachig, die Landbewohner als große Mehrheit der Bevölkerung waren Litauer und einige Kuren.

Der letzte Hochmeister Albrecht von Preußen trat 1525 in der Reformation zum evangelisch-lutherischen Glauben über und säkularisierte den Ordensstaat zum weltlichen Herzogtum Preußen. Auch durch sein Bestreben entwickelte sich die 1544 gegründete Albertus-Universität Königsberg zum Zentrum evangelisch-lutherischer theologischer Mission. Evangelische Theologen übersetzten lutherische Schriften ins Litauische, zuerst 1547 Martynas Mažvydas () Luthers Großen Katechismus, gefolgt von der Übersetzung des Kleinen Katechismus 1579 von Bartholomäus Willent () und der Bibelübersetzung von Johannes Bretke () 1579–1590. Den Übersetzern folgten litauische Dichter und Autoren. Litauisch entwickelte sich zu einer der drei Kirchen- und Gottendienstsprachen der evangelisch-lutherischen Kirche Preußens neben Deutsch und regionalem Polnisch (Masurisch) in der südlichen Region Masuren. „Kleinlitauen“ blühte als preußische Landschaft auf. Andere regionale Sprachen, wie Altpreußisch (Prußisch), Nehrungskurisch bzw. Lettisch (Nehrungskurisch entstand aus einem lettischen Dialekt, wird aber aufgrund seiner Entwicklung heute in der Fachwelt oft als eigene Sprache eingeordnet), oder auch Jatwingisch („Sudauisch“, noch im Sudauer Winkel) erreichten diesen Status etablierter Kirchensprachen Preußens nicht, blieben nur gesprochene Sprachen. Auch Prußisch, das im 16. Jahrhundert noch häufig in Kirchen gepredigt wurde, und in das Übersetzungen des Kleinen Katechismus vorlagen – zuletzt am besten durch Abel Will – verfehlte den Status wohl aufgrund rapiden Rückgangs der Muttersprachler seit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts knapp. Auch deshalb wurden andere Sprachen weiter von Deutsch, Litauisch und Polnisch zurückgedrängt, bis sie um 1700 ausstarben. Allein Nehrungskurisch blieb bis zum Zweiten Weltkrieg Soziolekt der Küstenfischer und auf der nördlichen Kurischen Nehrung auch Alltagssprache.

mini|Litauisch in Preußisch Litauen.grünes Grenzband: Gebiet der preußischen Kirchspiele mit litauischer Sprache 1719 (entspricht der Außengrenze Preußisch Litauens);hellgrün: Kirchspiele mit litauischer und deutscher Sprache 1897;dunkelgrün: Kirchspiele mit über 50 % Litauern 1897;schraffiert an der Küste: deutsche und litauische Kirchensprache und nehrungskurische („lettische“) Alltagssprache.Karte von Franz Tetzner.Franz Tetzner: Die Slawen in Deutschland. Beiträge zur Volkskunde der Preussen, Litauer und Letten, der Masuren und Philopponen, der Tschechen, Mähren und Sorben, Polaben und Slowinzen, Kaschuben und Polen. Vieweg, Braunschweig 1902 (Digitalisat), Abb. 8, S. 29. Erneute Veränderungen der Bevölkerungszusammensetzung folgten in den Nordischen Kriegen Schwedens gegen Polen und seinen lehnsabhängigen Staat Preußen im 17. und frühen 18. Jahrhundert, besonders während des Zweiten Nordischen Krieges 1655–1660 (die polnische Geschichtsschreibung nennt die Zerstörungen „Schwedische Sintflut“) und des Großen Nordischen Krieges 1700–1721. Allein während des letzten Krieges und der Großen Pest in Preußen 1709–1711 kam etwa ein Drittel der Bevölkerung Preußens um, in Preußisch Litauen, besonders seinen südlichen Teilen (östliches Ostpreußen) viel größere Anteile. Mit der Neubesiedlung (Rétablissement) durch protestantische Schweizer Kolonisten, französische Hugenotten, Salzburger Exulanten und andere wuchs auch in der Landbevölkerung der Anteil der Deutschsprachigen. Im südlichen Kleinlitauen wurde Litauisch bis zum 19. Jahrhundert teilweise verdrängt. In anderen Teilen blieb es als Minderheitensprache erhalten und vor allem nördlich der Memel, dem späteren Memelland, sprach über die Hälfte der Gläubigen in den Kirchspielen Litauisch.

Entstehung mini|links|hochkant=1.4|Muttersprachen des Memellandes, laut Volkszählung von 1905, rot: deutsche Mehrheiten, helleres grün: litauische Mehrheiten, hellblau: nehrungskurische Mehrheiten; daneben dunkelgrün: Wälder, braungrün: Heide-, Sumpf- und Moorlandschaften