Die Freiwilligenarmee ( /Dobrowoltscheskaja Armija) war ein Großverband der Weißen Bewegung im Russischen Bürgerkrieg. Sie war die Keimzelle der Weißen Armee unter Denikin in Südrussland. 1919 schloss sie sich mit der Großen Armee des Dons zu den Streitkräften Süd-Russland zusammen. Nach dem erfolglosen Angriffsversuch auf Moskau wurde sie auf die Krim zurückgezogen und formal aufgelöst. Ein Teil ihrer Soldaten kämpfte bis 1920 in der Armee Pjotr Wrangels auf der Krim weiter gegen die Bolschewiki.

Gründung Nach der Oktoberrevolution im November 1917 erklärten sich die Donkosaken unter ihrem Ataman Alexei Kaledin für unabhängig. Infolgedessen flüchteten zahlreiche Offiziere und Politiker vor der Revolution ins Don-Gebiet. Unter ihnen war auch der ehemalige Stabschef der zaristischen Armee Michail Alexejew, der die Truppen auch unter der Regierung Kerenski weiter führte. Das Ziel Alexejews war der Aufbau einer Organisation zum Sturz der Bolschewiki.

Alexejew reiste mit weiteren vierzig Offizieren ins Dongebiet. Dort wurden die Offiziere anfangs sehr verhalten empfangen. Die Kosaken, die einen eignen Kosakenstaat anstrebten, sahen die nationalistisch gesinnten Militärs als eine Bedrohung ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen. Kaledin musste Alexejew und seine Männer sogar zeitweise versteckt halten, um nicht den Widerstand der eigenen Leute auf sich zu ziehen. Im Winter 1917 begann die Rote Garde, das Dongebiet Stück für Stück zu erobern. Die Kosaken waren kaum motiviert, ihr Gebiet gegen die Roten Truppen zu verteidigen, und Kaledins Regime stieß auf wenig Unterstützung. Insbesondere von der Front heimkehrende Kosaken wollten nicht mehr am Krieg teilnehmen. Um gegen die vorrückenden Bolschewiki vorzugehen, ließ Kaledin Alexejew gewähren. Dieser hatte seine Organisation mittlerweile auf 500 Offiziere erweitert. Auch der ehemalige Putschist gegen die Kerenski-Regierung Lawr Kornilow war hinzugestoßen. Beide kamen überein, das Kommando zu teilen. Alexejew war nominell Kornilows Vorgesetzter und war für politische und finanzielle Fragen zuständig. Kornilow selbst wurde der Befehl über die Truppen übertragen. Am 9. Dezember 1917 gelang es unter der Führung der Offiziere, die sich den Namen Freiwilligenarmee gaben, Rostow am Don eine wichtige Stadt im Dongebiet von den Roten zurückzuerobern.Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes, Berlin 1998, S. 588–592Evan Madsley: The Russian Civil War, Edinburgh 2005, S. 20ff. In Rostow selbst blieb die Stimmung gegenüber der Freiwilligenarmee unter dem Volk feindselig. Denikin berichtet, dass wiederholt Angehörige der Freiwilligenarmee, die sich zufällig in Arbeiterviertel verirrten, von dort nicht zurückkehrten.

mini|Einheit der Freiwilligenarmee Während ihres Aufenthalts am Don wuchs die Armee auf rund 4.000 Kämpfende an. Vor allem Offiziere und Studenten meldeten sich freiwillig. Eine interne Aufstellung über die Herkunft der Truppen besagte, dass mehr als 90 % der Soldaten ehemalige Offiziere waren und nur eine verschwindend geringe Zahl vorher als einfache Soldaten gedient hatten. Die Freiwilligen waren durch die Revolution ihrer Lebensperspektive in der alten Gesellschaft und meist auch ihres materiellen Besitzes beraubt worden. Daraus nährte sich ihr Wille, gegen die neuen Machthaber zu kämpfen. Häufig spielte auch Rache eine Rolle. Zahlreiche Freiwillige, die meist der Klasse der „Bourgeoisie“ entstammten, hatten ihre Familienmitglieder durch den Roten Terror der Bolschewiki verloren. Ein Freiwilliger fasste seine Gefühle gegenüber den Bauern, die sich das Land der Gutsbesitzer angeeignet hatten, und den Bolschewiki wie folgt zusammen: „Das sind die Leute, die unsere alten Mahagonistühle zertrümmert haben. Das sind die Leute, die meine Lieblingsbücher zerrissen haben, die ich als Student auf der Sucharewka kaufte. Das sind die Leute, die unseren Obstgarten abgeholzt und die Rosen ausgerissen haben, die Mama einst gepflanzt hat. Das sind die Leute, die unser Haus niedergebrannt haben.“Zitat des Offiziers Roman Gul nach Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes, Berlin 1998, S. 588.

Bei den Kämpfen um Rostow fanden die Weißen auch immer wieder bestialisch ermordete und verstümmelte Soldaten der Freiwilligenarmee oder ihrer Familienangehörigen. Häufig kam es infolge solcher Funde zu Vergeltungsmaßnahmen an gefangenen Rotarmisten. Denikin berichtet in seinen Memoiren über die ersten Erfahrungen mit solchen Funden: „Bald wurde bekannt, dass die Bolschewiki alle Freiwilligen töteten, die sie gefangen genommen hatten, daran gab es keinen Zweifel. Mehr als einmal fanden die Freiwilligen an den Orten, die von Hand zu Hand gingen, die entstellten Leichen ihrer Mitstreiter, hörten die erschreckende Geschichte von Zeugen dieser Morde, die wie durch ein Wunder aus den Händen der Bolschewiken gerettet worden waren. Ich erinnere mich daran, wie schrecklich es mir erging, als sie das erste Mal acht gefolterte Freiwillige aus Bataysk mitbrachten – zerhackt, verstümmelt, mit entstellten Gesichtern, in denen ihre Lieben vor Trauer deprimiert kaum noch ihre ursprünglichen Züge erkennen konnten.“ mini|Lawr Georgijewitsch Kornilow. Anführer der Freiwilligenarmee bis zu seinem Tod während des Eismarsches.

Der „Eismarsch“ oder auch der Erste Kuban-Feldzug

Trotz der anfänglichen militärischen Erfolge ließ sich das Dongebiet nicht gegen die Roten halten. Die kriegsmüden Kosaken weigerten sich zu kämpfen. Ebenso verweigerte die städtische Bevölkerung der Freiwilligenarmee ihre Unterstützung. In den Städten kam es auch zu Streiks der Arbeiter gegen die Präsenz der Offiziere. Diesen Streiks folgten Ausschreitungen gegen wohlhabende Bürger. Die Freiwilligenarmee reagierte darauf mit Terror in Form von Erschießungen und Verstümmelungen. Am 29. Januar beging Ataman Kaledin aufgrund der hoffnungslosen Lage Selbstmord. Am 24. Februar 1918 beschlossen Alexejew und Kornilow, sich mit ihrer Armee zum Kosakengebiet am Kuban durchzuschlagen. Sie hofften mit der Unterstützung der dortigen Bevölkerung eine neue Basis aufzubauen. Am 23. Februar hatten die Sowjets Rostow zurückerobert und zwei Tage später konnten sie mit der Eroberung von Nowotscherkassk das Dongebiet vollständig unter ihre Kontrolle bringen.Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes, Berlin 1998, S. 594ff.

Die Freiwilligenarmee zog sich derweil mit 4.000 Bewaffneten und einer unbekannten Anzahl von Angehörigen der Soldaten und Zivilisten durch die vereiste Steppe, oft in kilometerlangem Gänsemarsch, auf den Kuban zurück. Während des Marsches kam es zu zahlreichen Zusammenstößen mit den örtlichen Bauern. Diese waren der Freiwilligenarmee feindlich gesinnt und verfolgten ihre Soldaten, soweit sie sich gegen sie erwehren konnten. Die Freiwilligen reagierten wiederum mit Terror in Form von Folter, Verstümmelungen und Erschießungen. Ebenso plünderte die Armee Lebensmittel, um sich selbst zu ernähren.Zitat Wrangels nach Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes, Berlin 1998, S. 596ff. Wrangel fasste den Umgang mit den Dörflern wie folgt zusammen : „Wir brachten weder Verzeihung noch Frieden, sondern allein das grausame Schwert der Rache“.

mini|Karte des „Eismarsches“ der Freiwilligenarmee Im Kubangebiet angekommen, schlossen sich der Armee 3.000 Kosaken an. Mit einer Stärke von nun 7.000 Mann versuchte Kornilow, die Hauptstadt der neugegründeten Nordkaukasischen Sowjetrepublik Jekaterinodar zu erobern. Die Truppen konnten sich gegen die 18.000 roten Verteidiger der Stadt allerdings nicht durchsetzen. Kornilow wurde durch einen Artillerietreffer auf sein Hauptquartier getötet. Der neue Kommandeur der Armee wurde Denikin. Dieser gab den Befehl sich wieder an den Don zurückzuziehen. Infolge der Gefechte war die Armee wieder auf ihre Ausgangsstärke von rund 4.000 Mann zusammengeschmolzen. Die Armee musste in Ermangelung von Transport- und Versorgungsmöglichkeiten außerdem 200 Verwundete bei Jekaterinodar zurücklassen. Lenin verkündete nach dem Tod Kornilows dem Moskauer Sowjet: „Es kann mit Sicherheit gesagt werden, dass der Bürgerkrieg im Großen und Ganzen beendet ist“.Zitat Lenins nach Evan Mawdsley: The Russian Civil War, Edinburgh 2005, S. 22; Originaltext in englischer Sprache: „It can be said with certainity that, in the main, the civil war has endend.“

Bei Beginn des Feldzuges im Februar setzte sich die Armee aus folgenden Gruppen zusammen:

Kornilow-Kampfregiment (Oberstleutnant Neschentzjew) St. Georgs-Reserve-Regiment – aus einem kleinen Offizierskader, das aus Kiew eingetroffen war. (Oberst Kirienko). Erste, Zweite und Dritte Offiziersbataillon – aus Offizieren, die sich in Nowotscherkassk und Rostow eingefunden hatten (Oberst Alexander Kutepow, die Oberstleutnants Borissow und Lawrentjew, später Oberst Simanowski). ein Junker-Bataillon – hauptsächlich aus den Junkerschulen der Hauptstadt und Kadetten. (Stabskapitän Parfenow) Rostower Freiwilligenregiment – aus der studentischen Jugend von Rostow. (Generalmajor Borowskij). Zwei Kavalleriedivisionen. (Oberst Wassili Hoerschelmann und Peter Wladimir von Glasenapp). Zwei Artilleriebatterien – hauptsächlich aus Junkern und Offizieren der Artillerieschule. (Oberstleutnants Miontschinski und Erogin). Eine ganze Reihe kleiner Einheiten, wie die „Meereskompanie“ (Hauptmann 2. Ranges Potemkin), eine Ingenieurkompanie, ein tschechoslowakisches Ingenieurbataillon, die „Todesdivision“ der Kaukasischen Division (Oberst Schirjajew) und mehrere Freischärler Einheiten, die sich nach ihren Kommandeuren benannten.

Zweiter Kuban-Feldzug mini|Schütze (links) und Kavallerist (rechts) in der typischen Uniform der Drosdowzy. Die Drosdowzy-Truppen gehörten zu den privilegierten „Farbtragenden“ im Weißen Süden: Offiziere und untere Ränge trugen karmesinrote Mützen mit weißem Rand und karmesinrote Epauletten mit weißem Besatz und dem gelben Buchstaben „D“.