Das KZ Neckargartach, auch SS-Arbeitslager Steinbock genannt, war ein Konzentrationslager der Schutzstaffel (SS) in Neckargartach, einem nördlichen Ortsteil von Heilbronn. Das Lager war von Anfang September 1944 bis zum 1. April 1945 in Betrieb. Es zählte zu den sogenannten „Neckarlagern“ und damit zu den Außenlagern des KZ Natzweiler-Struthof. mini|KZ Neckargartach oben rechts in einer Luftaufnahme vom 19. April 1945. Das ehemalige Massengrab in der Nähe des Lagers wurde im Jahr 1946 zum KZ-Friedhof Neckargartach umgestaltet. Vom eigentlichen Konzentrationslager ist seit 1986, als die letzte der ehemaligen Häftlingsbaracken abgerissen wurde, nichts mehr erhalten.
Zum weiteren Gedenken an das Konzentrationslager gründete sich 2023 die „Initiative Gedenkstätte KZ Heilbronn-Neckargartach“. Das Lager Ausgangslage Durch die immer weiter vorrückende Front wurden 1944 Konzentrationslager auf französischem Boden Richtung Osten, über die Rhein-Linie, nach Deutschland verlegt. Da die Rüstungsproduktion mittlerweile durch den Kriegsverlauf unter die Erde verlagert werden musste, wurden von der SS Stollen oder Bergwerke ausgesucht. Unter anderem sollten dort dann Flugzeugmotoren, schwere Waffen oder kriegswichtiges Material produziert werden. Um diese Vorhaben zu verwirklichen, benötigte man weitere Arbeitskräfte, und so wurden nicht nur Häftlinge aus bereits bestehenden Lagern abgezogen und verlegt, sondern auch deutschlandweit viele weitere Konzentrationslager aus dem Boden gestampft. So auch in Heilbronn.
Errichtung und Lage Für die Planung des Lagers war der Berliner Architekt Herbert Rimpl zuständig, der zuvor auch schon den Bauplan für das KZ Mittelbau-Dora entwarf. Die Errichtung an sich erfolgte ungefähr zwischen Juli und September 1944, wobei die materiellen Grundlagen von der Heilbronner Firma Paul Ensle erstellt und der Bau unter anderem von der Organisation Todt (OT) geleitet wurde.
Das „SS-Arbeitslager Steinbock“ befand sich wenige hundert Meter nördlich der damaligen Wohngebäude von Neckargartach an der östlichen Seite der Böllinger Straße. Südöstlich benachbart lag der bis heute erhaltene Sportplatz. Das ehemalige Lagergelände ist heute Teil eines Gewerbegebiets im Bereich Böllinger Straße/Mosbacher Straße.Ansicht des Geländes bei Google Maps. Rechts unten der Sportplatz. Nordwestlich benachbart war das Lager an der Böllinger Straße.
Aufbau und Aussehen mini|„Bauvorhaben Steinbock, Barackenlager Ochsenweide“. Architekturbüro Rimpl, Juni 1944.StadtA Heilbronn A033-158 Das eingezäunte Lagergelände hatte die Form eines Rechtecks mit einem angesetzten Dreieck am nordwestlichen Ende. Es war mehr als 150 Meter lang und weniger als 100 Meter breit. An jeder der vier Ecken stand ein Wachturm. Es befand sich auf dem Gelände der sogenannten „Ochsenweide“ und war zur heutigen Wimpfener Straße hin abgegrenzt.
Das Lager war für 800 Häftlinge konzipiert, die in fünf bis sieben Baracken untergebracht werden sollten. Diese Baracken waren etwa 20 Meter lang und 10 Meter breit. Auf dem Plan des Architekten vom Juni 1944 sind elf Baracken innerhalb des umzäunten Lagers eingezeichnet, darunter eine 40 Meter lange „Wirtschaftsbaracke“ und eine „Isolierbaracke“.
Der Lagereingang befand sich in Richtung der Böllinger Straße, einen Nebeneingang gab es wohl nicht. Die geplante „Isolierbaracke“, für Typhuskranke, soll laut späterem Zeitzeugenbericht von Stane Uršič als „Arbeitsstätte“ für den Lagerschreiber, den Lagerältesten und den Lagerkommandanten gedient haben. Baracke Nummer 2 diente als „Vorratskammer“ für Lebensmittel wie Brot und Konserven, wobei Baracke 3 als Krankenrevier diente. Die Baracken Nummer 4–10 waren die eigentlichen Häftlingsbaracken, wobei sich rechts neben Nummer 8 eine Latrine befand. Baracke Nummer 9 war ein Schuppen, wobei die Wirtschaftsbaracke als 11. links neben dem Eingang den Abschluss des Trapezes bildete. Die Abstände zwischen den Gebäuden betrugen etwa 15 Meter, in der Lagermitte befanden sich sowohl Waschtröge als auch der Appellplatz, der sich beinahe über die gesamte Freifläche erstreckte.
In der Umgebung standen weitere Gebäude und Baracken,KZ Neckargartach stadtarchiv.heilbronn.de, siehe oberes Bild: Lagerplan vom Juni 1944. Auf dem Plan ist Norden rechts. Die Böllinger Straße verläuft vom linken zum oberen Bildrand. In der oberen Bildhälfte das Lager. Links unten ein Teil des Sportplatzes. Ein Ausschnitt aus dem Plan ist hier verfügbar (drittes Bild). dazu zählten die Unterkunftsgebäude für die OT und die der Wachmannschaften. Außerdem, laut Plan, eine „Abort- und Waschbaracke“ und ein „Kohlenschuppen“.
Ankunft, Belegung und Häftlinge Anfang September trafen 600 Häftlinge aus dem KZ-Außenlager Markirch ein, außerdem über Schwindratzheim rund 500 Häftlinge aus den Außenlagern Metz, Cochem und Wesserling. Aus den Lagern Longwy-Thil und Deutsch-Oth kamen zu dieser Zeit einige Funktionshäftlinge (Kapos). Die meisten der aus den Lothringer Lagern zum Lageraufbau nach Neckargartach gekommenen Häftlinge wurden wieder ins KZ Kochendorf zurückbeordert, mehrere Kapos blieben da. Bis Ende September 1944 stieg die Belegung auf knapp 1100 Häftlinge an. Danach nahm sie wieder ab. Im November waren es noch knapp 1000 Häftlinge.KZ Neckargartach stadtarchiv.heilbronn.de
Die Häftlinge waren größtenteils Ausländer. Die meisten stammten aus den Ländern Polen, Sowjetunion, Jugoslawien, Italien und Frankreich. Einige waren Reichsdeutsche, auch mehrere Griechen waren dabei. Die Altersspanne war relativ gering, vor allem junge Männer waren inhaftiert. Sie kamen vorwiegend aus einfachen Berufen und waren in der Landwirtschaft, als Gärtner, als Metzger oder als Handwerker tätig.
Lagerorganisation und Wachmannschaften Als Außenlager des KZ-Natzweiler unterstand Neckargartach der dortigen Kommandantur. Der Lagerkommandant war ab Juli 1944 der von der Luftwaffe übernommene Feldwebel und spätere SS-Oberscharführer Johannes Gillberg (* 1912). Die Wachmannschaft bestand aus 80 SS-Angehörigen und wurde im Winter 1944/1945 durch 20 weitere Luftwaffen-Angehörige ergänzt. Ihr „Spieß“ war der SS-Unterscharführer Otto Lind. Ein wesentlicher Teil der SS-Wachmannschaften waren sogenannte „Volksdeutsche“ aus Rumänien, die unter anderem zuvor schon ihren Dienst in Auschwitz, Lublin, Radom und Vaihingen/Enz taten.
Damit der Lagerbetrieb funktionieren konnte, gab es den Lagerältesten (Karl Geissler), den oder die Lagerschreiber, Blockälteste für die einzelnen Baracken, Stubenälteste (bspw. Vally Greska) für die Unterabteilungen der Baracken und die Kapos, die unter anderem zuständig für die Aufsicht bei Arbeitskommandos waren. Laut Augenzeugenberichten sollen letztere ziemlich brutal und vor allem der Häftlingsgruppe „Kriminelle“, erkennbar an dem grünen Winkel, angehört haben.
Für die medizinische Versorgung gab es einen polnischen Häftlingsarzt namens Górski, der aber aus Mangel an Medikamenten und weiteren fehlenden Ressourcen wenig erreichen konnte. Er war schon 64 Jahre alt und starb nur wenige Wochen nach der Befreiung am 24. Mai 1945. Für das Lagerpersonal übernahm der aus Neckargartach stammende Arzt Walter Eisele die Verantwortung, der auch oft die Leichenschau unterschrieb.
Für die Häftlinge gab es eine „Posterlaubniskarte“, auf der Ein- und Ausgänge eingetragen wurden. Spätere Überlebende sagten aus, dass die ankommenden Päckchen einmal den Überlebenswillen steigerten, da Kontakt mit den Angehörigen hergestellt werden konnte, und gleichzeitig Transportmittel für sonst nicht zu bekommende Lebensmittel waren. Diese Päckchen kamen jedoch sehr unregelmäßig oder bei den meisten gar nicht.
Der örtliche Bund Deutscher Mädel (BDM) musste für die SS Strümpfe flicken, und Neckargartacher Frauen arbeiteten in der Küche. Dabei ist unklar, ob es sich dabei um die Lager- oder die SS-Küche handelte.
Leben und Sterben im KZ mini|Winkel-Kennzeichen für verschiedene Arten von "Schutzhäftlingen" in den Konzentrationslagern Die Neckargartacher Häftlinge waren hauptsächlich aus zwei Motiven ins NS-Lagersystem geraten: Die eine große Gruppe kam als Partisanen oder wegen sonstiger Widerstandshandlungen gegen die deutsche Besatzung in Haft. Dies waren oft Franzosen mit gewerkschaftlichem oder kommunistischem Hintergrund sowie Slowenen, Italiener und Polen. Die zweite große Gruppe wurde aufgrund von Konflikten mit der Zwangsarbeit, „Arbeitsflucht“ oder Arbeitsverweigerung in das Lager verbracht. Die wenigen als „kriminell“ eingestuften Häftlinge, ein Teil davon nach Gefängnisaufenthalten wegen Diebstahl, Betrug und ähnlichen Delikten so stigmatisiert, waren in der Regel Deutsche und fungierten zum Teil als Kapos. Es gibt keinen Nachweis für jüdische Häftlinge im Lager, wohl aber für homosexuelle. Auch ist ein Häftling aus dem Landkreis Heilbronn in der Kategorie „Zigeuner“ dokumentiert. Die Lebensbedingungen waren katastrophal, es fehlte an fast allem. Häftlinge konnten teilweise wegen fehlender Holzschuhe nicht zum Arbeitseinsatz gehen, selbst die einfache KZ-Häftlingskleidung war nur mangelhaft vorhanden. Als Verpflegung ist einfache Suppe und Ersatzkaffee belegt, wobei die Suppe laut Uršič „stinkendes Wasser“ war. Außerdem gab es noch 300 Gramm Brot und etwas Fett pro Tag. Der Hunger war so groß, dass Häftlinge beim Arbeitseinsatz im Salzbergwerk Salz aßen, was zu schweren Krankheiten führte. Die Baracken waren unbeheizt, einige Inhaftierten stopften sich deshalb verbotenerweise Zementsäcke unter die Kleidung. Anfang 1945 brach zusätzlich noch Typhus im Lager aus. Für den Lageralltag in Neckargartach gibt es folgende Beschreibung:
Verhalten der Wachmannschaften Zusätzlich zu den schlechten Lebensbedingungen kamen tägliche Schikanierungen der SS und weiterer Wachmannschaften dazu. Auch wenn es in Neckargartach nach Aussagen relativ „mild“ zuging, gehörten Schläge so wie andere körperliche Gewalt, aber auch psychische Erniedrigungen zum Alltag. Beispielsweise seien bei Luftalarm alle Lichter im Lager extra angelassen worden, während sich das Lagerpersonal in Luftschutzstollen zurückzog. Laut weiteren Überlebenden- und Zeitzeugenberichten waren die Luftwaffenangehörigen „die Besseren“, während die SS rücksichtsloser vorging. Einmal sollen Russen, die „Die Internationale“ gesungen hatten, „bis aufs Blut“ zusammengeschlagen worden sein und anschließend „wurden sie auf den glühenden Ofen geworfen.“ mini|Jean-Pierre Bretnacker 1946. Er sagte unter anderem im Raststatter Prozess aus.
Ein Beispiel für eine Hilfeleistung ist durch den seit im Dezember 1944 im „Lagerbüro“ eingesetzten lothringischen Häftling Jean-Pierre Bretnacker belegt. Der OT-Truppenführer Kleinknecht gab ihm zusätzliches Essen für Informationen. Diese beinhalteten das Bild der Wachmannschaften auf Kleinknecht, da dieser wohl bei den SS-Männern aufgrund einer möglichen kommunistischen Vergangenheit nicht beliebt gewesen sei.
Überliefert ist auch eine Erschießung, ausgeführt von dem Luftwaffen-Gefreiten Ernst Pöschke. Dabei soll er einen italienischen Häftling, der in einer Bauhütte vor nassem Wetter Schutz suchte und dort einschlief, getötet haben. Fluchtversuche Im Zeitraum der Lagerexistenz gab es mindestens vier Fluchtversuche. Die detaillierteste Beschreibung gab ein italienischer Häftling. Er sei mit einer gestohlenen Drahtzange in der Nacht des 7. Oktober 1944 durch den Stacheldraht-Zaun hindurchgekommen und durch einen an dieser Stelle befindlichen Entwässerungsgraben hindurchgerutscht. Nach mehrtägiger Flucht wurde er am 12. Oktober verhaftet, nach Karlsruhe in das Gefängnis gebracht und am 1. November wieder nach Neckargartach überstellt. Dort wurde er relativ mild mit 25 Stockhieben bestraft.