mini|Rembrandt: Der Engel verhindert die Opferung Isaaks, Eremitage
Die Bindung Isaaks () ist eine Erzählung der Tora . Gott befiehlt darin Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern. An der Opferstätte hält ein Engel Abraham jedoch im letzten Moment davon ab, seinen Sohn zu töten. Daraufhin wird Abraham für seine Gottesfurcht belohnt, da er bereit war, dieses große Opfer zu bringen. Die in der christlichen Tradition von der Abraham-Christus-Typologie her inspirierte Bezeichnung Opferung Isaaks wird in der neueren Fachliteratur kaum noch verwendet. Da Abraham seinen Sohn letztlich zwar gebunden , aber eben nicht geopfert hat , beschreibt die in der jüdischen Tradition seit jeher übliche Bezeichnung Akeda(h) bzw. Aqeda(h) () die Erzählung präziser.Hanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel (= Schriften der Hochschule für Jüdische Studien. Band 8). Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-8253-6850-0, S. 36.
Die Geschichte hat zahlreiche Interpretationen in Judentum, Christentum und Islam erfahren. Sie spielt eine Rolle in der Liturgie und wurde in der Kunst häufig und auf verschiedenste Weise dargestellt.
Entstehung und Einordnung Die Erzählung von der Bindung Isaaks gehört zu den meistdiskutierten Texten der Hebräischen Bibel. In der historisch-kritischen Forschung gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, wann und in welchem Kontext sie entstanden ist.
Argumente für eine spätere Entstehung Ein Großteil der heutigen Bibelwissenschaft geht davon aus, dass die Erzählung frühestens in der Zeit des Babylonischen Exils (ab 587 v. Chr.) oder danach entstanden ist.Irmtraud Fischer: Möglichkeiten und Grenzen historisch-kritischer Exegese: Die Opferung der beiden Söhne Abrahams Gen 21 und Gen 22 im Kontext, Universität Graz, 1993, S. 17–19. online Dafür werden mehrere Gründe angeführt:
Theologische Konzepte: Die Erzählung setzt ein entwickeltes Gottesbild voraus, das typisch für die sogenannte deuteronomistische Theologie ist. Dazu gehören Themen wie Gehorsam, Prüfung und Rettung in letzter Sekunde. Katastrophenerfahrung als Hintergrund: Die Geschichte wird als Reaktion auf kollektive Traumata wie die Zerstörung Jerusalems interpretiert. Abraham erscheint als Vorbild eines Glaubens, der auch in der Krise standhält. Sprachliche und literarische Merkmale: Der Text verwendet überwiegend den Gottesnamen Elohim, was auf eine bestimmte Quellenschicht hinweist. Zudem wird die zweite Engelsrede (Bereschit 22,15–18) oft als späterer Einschub betrachtet. Einbindung in den Pentateuch: Die Erzählung greift zentrale Themen des gesamten Pentateuch auf und wird daher als „späte Erweiterung eines schon sehr weit entwickelten Pentateuch“ verstanden.Georg Steins: Die „Bindung Isaaks“ im Kanon (Gen 22). Grundlagen und Programm einer kanonisch-intertextuellen Lektüre. Freiburg: Herder, 1999, S. 223.
Argumente gegen eine späte Entstehung Andere Forscher betonen, dass die Akeda auch als eigenständige, möglicherweise ältere Erzählung verstanden werden kann:
Frühjüdische und rabbinische Rezeption: In der jüdischen Auslegungstradition wird die Akeda als integraler Bestandteil der Abraham-Erzählung verstanden, ohne Hinweise auf spätere Redaktion.Thomas Hieke: Abraham, Isaak und Jakob. Stammväter des Glaubens, in: Biblische Gestalten, Tübingen 2019, S. 16–18. online Literarische Geschlossenheit: Die Geschichte ist kunstvoll komponiert und in sich geschlossen. Das spricht für eine eigenständige, möglicherweise frühe Entstehung.Thomas Naumann: Die Preisgabe Isaaks. Genesis 22 im Kontext der biblischen Abraham-Sara-Erzählungen, Tübingen 2023, S. 45–47. online Fehlen expliziter Exil-Bezüge: Anders als viele eindeutig exilische Texte enthält Bereschit 22 keine direkten Hinweise auf das Exil, Babylon oder Jerusalem. Typologische Funktion: Die Erzählung bildet den Höhepunkt der Abraham-Geschichte und erfüllt eine zentrale theologische Funktion. Das spricht dafür, dass sie von Anfang an Teil des narrativen Bogens war.
Exegese Abraham wird von Gott angewiesen, seinen Sohn Isaak zu opfern, so die hebräische Bibel (Gen 22,2–8). Bevor das Opfer vollendet werden kann, unterbricht ein von Gott gesandter Bote Abraham, nachdem Isaak an einen Altar gefesselt worden ist, und erklärt: „Jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest.“ Anstelle von Isaak opfert Abraham einen Widder, nachdem er aufgeschaut und ihn entdeckt hat.
Übergreifende Gesichtspunkte mini|Bindung Isaaks (Mosaikfußboden der Synagoge von Bet Alpha, 6. Jahrhundert n. Chr.)
Der evangelische Theologe Matthias Köckert beschreibt, dass er eine „Anstößigkeit“ im Text wahrnimmt: „Was ist das für ein Gott, der ein derartiges Opfer fordert? Was ist das für ein Vater, der sich diesem Ansinnen nicht widersetzt?“ Er greift dabei die Überlegung Kants auf, dass Abraham sich der göttlichen Anordnung aus moralischen Gründen hätte widersetzen müssen, weil der Befehl die Göttlichkeit Gottes infrage stelle: Der Maßstab Kants ist das moralische Gesetz, das Gott zu garantieren und nicht zu gefährden habe. Köckert stuft diese Interpretation aber als problematisch ein, weil Gott dadurch zum Gefangenen unserer Moral wird.
Nach der Abtrennung Ismaels (Gen 21) aus dem Erzählstrang ist nun Isaak der „einzige“ (verbleibende) Sohn Abrahams. Was in Gen 12 als Verheißungsgeschichte begann, steht nun in Gen 22 auf dem Spiel: Durch die geforderte Opferung ist eine Zukunft der Nachkommenschaft quasi unmöglich.
Der Rahmen der Erzählung wird durch die lockere Verbindungen aus V. 1a („nach diesen Begebenheiten“ [in Beerscheba]) und V. 19b (Rückkehr nach Beerscheba) mit der vorhergehenden Erzählung geschaffen. Leitwörter tragen zur Geschlossenheit der äußerst verdichteten Erzählung bei:
Ort/Stätte (V. 2.3b.4b.9a.14) sehen/ersehen/sehen lassen/erscheinen (V. 4.8.13.14) V. 4: Abraham sieht den Ort von ferne. V. 8: Adonai wird für sich ein Schaf sehen. V. 13: Abraham sieht den Widder. V. 14: Morija wird als der Berg gedeutet, auf dem Adonai sieht bzw. erscheint/gesehen wird. lautliche Anklänge von „Gott ersieht“ (elohim jiräh V. 8.14), „gottesfürchtig“ (jere elohim V. 12) und „Morija“ (V. 2) 3× sagt Abraham „Hier bin ich“ (הִנֵּנִי) (V. 1.7.11) gegenüber Elohim, Isaak und Adonai 2× Isaak als „dein Sohn, dein einziger“ (V. 4.13) 2× der Verweis auf die Opferstätte, „die ihm Gott gesagt hatte“ (V. 3.9) 2× „So gingen die beiden miteinander“ (V. 6.8)
Der ökonomische Erzählstil teilt nur das Allernötigste mit, was Imaginationsräume eröffnet und Identifikation mit den Hauptpersonen ermöglicht.
V. 15–18 (die zweite Engelrede) fallen aus der Erzählung heraus, weil sie weit über die Situation hinausgehen. Auch V. 14b wechselt aus der erzählten Welt in die Welt des Erzählers und könnte daher nachgetragen sein.
Gen 22 kann als Erzählung gelesen werden, die die Theodizee-Fragen behandelt: Wozu und warum sind schreckliche Herausforderungen im Leben? Die Antwort der Erzählung auf die Wozu-Frage wäre, dass sie Prüfungen von Gott sind. Den Lesenden wird nahegelegt, ebenso auf Gott zu vertrauen wie Abraham. Die Warum-Frage wird weder explizit gestellt noch beantwortet, sondern Gott ist es, der prüft, was genug ist.
Das Leitwortfeld sehen kann wie folgt gedeutet werden: Abraham erhebt seine Augen und sieht den Ort von ferne, nachdem er wohl gedankenversunken in sich gekehrt war (V. 4). Er erhebt auch seine Augen und sieht den Widder, nachdem er wohl zu sehr mit den emotional herausfordernden Opfervorbereitungen beschäftigt war (V. 13). Dieses Sehen wird kontrastiert mit Gottes Sehen, das Abraham in seiner Antwort an Isaak erhofft und das sich später auch bestätigt und zur Namensgebung des Orts führt (V. 14a). Das Sehen Gottes ist aber nicht neutral, sondern es bedeutet Rettung (vgl. z. B. Ex 3,7: „Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen“). Das Sehen Adonais ist also rettendes Eingreifen.
Das dreifache „Hier bin ich“ (הִנֵּנִי) (V. 1.7.11) verweist nicht nur auf die physische Anwesenheit, sondern auch auf die innere Handlungsbereitschaft. Im Normalfall wird ein asymmetrisches Personenverhältnis zum Ausdruck gebracht, bei dem der Untergeordnete mit „Hier bin ich“ (הִנֵּנִי) antwortet. Abraham und Gott stehen in einem wechselseitigen Vertrauensverhältnis, das überhaupt erst den Gehorsam ermöglicht. Auf beide göttlichen Interventionen reagiert Abraham mit dem „Hier bin ich“ (הִנֵּנִי) (in V. 1 und V. 11). In der Mitte dieses Spannungsbogens erfolgt die weitere „Hier bin ich“ (הִנֵּנִי)-Aussage, die er nun aber gegenüber seinem Sohn äußert, wobei es sich also auch um ein asymmetrisches Personenverhältnis handelt, hier aber nicht Gott befiehlt, sondern der Sohn redet. „In Abrahams Beziehung zu Isaak spiegelt sich die vorlaufende Beziehung Gottes zu Abraham wider.“
Gen 22 hat neben dem Hiobbuch dazu beigetragen, das Klischee vom Willkür-Gott besonders typisch herauszustellen. Vergessen wird dabei, dass die Opferung des Sohnes nicht die Intention des Textes ist, auch nicht in seinem ursprünglichen Kontext. Zu beachten ist auch der bewusste Einsatz unterschiedlicher Gottesnamen: Der determinierte Gebrauch von Elohim mit Artikel (ha 'elohim „der Gott/die Gottheit“) wird vom Erzähler nochmals in V. 3 und V. 9 aufgegriffen, wohingegen der indeterminierte Gebrauch ohne Artikel im Munde der Erzählfiguren Abraham und Gott in V. 8 und V. 12 vorkommt. Das Tetragramm wird erst in der Einleitung der erlösenden Gottesrede V. 11f verwendet. Diese Verwendung ist ebenso wenig zufällig wie die Verwendung in V. 14 und in den sekundären Versen 15 und 16. Elohim wird als Gottesname verwendet, solange die abgründige Forderung die Erzählung dominiert. Mit dem Wendepunkt in V. 11 ändert sich auch die Gottesbezeichnung (mit Ausnahme der Wendung „gottesfürchtig“ in V. 12). In der Erzählung werden zwei gegensätzliche Gotteswahrnehmungen verarbeitet: Elohim steht für den verborgenen Gott, der unerforschlich und ungeheuerlich ist. Adonai (JHWH) steht für den rettenden Gott, der sich durch seine bleibende Zuwendung auszeichnet. Es geht also theologisch zentral um die Kontrasterfahrung der Verborgenheit des rettenden Gottes. Das Paradox der Anwesenheit und der Abwesenheit Gottes drückt sich in dieser Erzählung aus. Abraham vertraut dem Gott, der sich zunächst unter seinem Gegenteil verbirgt, nicht weil dieser willkürlich wäre, sondern weil er Gott als frei und somit als Gott anerkennt. Abraham leistet nicht „Kadavergehorsam“, sondern sein Vertrauen besteht die Anfechtung, weil er nicht nur die Erfahrung des verborgenen, sondern auch die Erfahrung des rettenden Gottes macht. Die Verwendung der verschiedenen Gottesnamen sind also nicht zufällig, sondern bewusst gewählt, aber auch kein Anzeichen verschiedener literarischer Schichten. Solange sich Gott hinter seinem selbstwidersprüchlichen Befehl verbirgt, wird der Name Adonai (JHWH), der mit Israels Rettungserfahrung verknüpft ist (Ex 3,14), nicht gebraucht.
Die unterschiedliche Verwendung der Gottesnamen mit verschiedenen inhaltlichen Bedeutungen zu verknüpfen steht im Spannung zu den anderen Texten der Abrahamsüberlieferung: Auch Elohim kann erretten (Elohim heilt Abimelech, nachdem Abraham sich an Ha-Elohim im Gebet wendet – nicht an JHWH, vgl. Gen 20,17), und JHWH (und nicht Elohim) ist es, der Sodom zerstört (Gen 19,14). Für Exegeten, für die Gen 22 und Gen 19 auf einer literarischen Ebene liegen (z. B. Gese), wird die inhaltliche Aufteilung der Gottesnamen in „gut/rettend“ / „verborgen/zerstörend“ also hinfällig – ebenso für Exegeten, für die Gen 20 und Gen 22 auf derselben literarischen Ebene liegen (z. B. Blum).Abraham#Historische Einordnung